Gesundheit

Wie Düfte uns beeinflussen

Kennen Sie das? Am Abend noch mal den Kopf aus dem Fenster halten und plötzlich sagen können: „Jetzt riecht es nach Winter.“ Für den einen ist es die eiskalte Luft, die in der Nase sticht, für den anderen ein Duft nach Tannen oder das rauchige Aroma, was aus den Schornsteinen der Häuser steigt. Der typische Wintergeruch. Aber gibt es so etwas überhaupt? Und was machen Düfte mit uns? Kann man nur mit der Nase riechen oder ist der ganze Körper involviert?


 

Wenn die Mama oder Oma im Advent immer Plätzchen gebacken haben und wir als Kind danebenstehen durften, den kleinen Finger in der Teigschüssel, dann riecht für uns der Advent nach Plätzchen. Oder denken Sie an den Klassiker: die Sonnencreme. Da läuft eine frisch eingeschmierte Person an Ihnen vorbei und in Ihrem Kopf erscheinen Bilder vergangener Strand- oder Schwimmbadtage.

 

Klassische Konditionierung

Jeder Mensch lernt Düfte in dem Zusammenhang kennen, in dem er sie zum ersten Mal riecht. So gibt es beispielsweise für die Jahreszeiten typische Düfte, im Winter Kaminrauch, Tannenduft oder die Plätzchen, im Sommer entsprechend unterschiedliche Pflanzen, der typische Geruch, wenn Regen auf warmen Asphalt fällt oder – je nach Region – frische Meeres- oder Landluft. Diese Gerüche sind für jeden Menschen individuell. Es gibt keinen allgemeinen Geruch, den jeder Mensch so empfindet, sondern jeder hat sein spezifisches Geruchsempfinden für manche Dinge wie Jahreszeiten, Orte, etc., erklärt Professor Hanns Hatt, Biologe an der Ruhr-Universität in Bochum und Deutschlands wohl bekanntester Geruchsforscher. „Und wenn ich fünf Mal hintereinander immer denselben Duft wahrnehme, wird der in meinem Kopf zum Beispiel mit Sommer abgespeichert. Und immer, wenn ich den wieder rieche, dann ist das für mich der Sommer.“ Typisch Winter, typisch alt, typisch frisch gibt es also nicht. Duftempfindungen sind stark vom Umfeld abhängig, in dem man aufwächst. Städte haben völlig andere Duftstoffe als ländliche Regionen oder Bauernhöfe, Meeresregionen andere als Wälder. Eines bleibt jedoch gemein – der Geruchssinn prägt uns in Kinderjahren.

 

Duftempfinden schon im Mutterleib

Erstaunlich: Duftforscher Hatt fand gemeinsam mit Kollegen heraus, dass Gerüche den Menschen bereits ab einem noch früheren Zeitpunkt begleiten. Schon im Mutterleib findet eine erste Prägung von Düften durch die Mutter statt. So ist mittlerweile bekannt, dass diejenigen Duftstoffe, die die Mutter riecht, über die Nahrung zu sich nimmt oder sich auf ihre Haut cremt, über die Haut in das mütterliche Blut und dadurch bis zum Embryo gelangen. „Ab der 26. Schwangerschaftswoche kann ein Kind pränatal riechen und Duftstoffe wahrnehmen. Und je nachdem, welche Emotion die Mutter dabei hatte, wenn sie extrem erregt war oder etwas Unangenehmes erlebt hat, dann spiegelt sich das auch in bestimmten Hormonen wieder“, so Hatt. Das wiederum merkt auch das Kind schon und speichert den Duft als angenehm oder auch unangenehm ab.

 

Verbindung von Geruch, Emotion und Erinnerung

Tatsächlich sind die Regionen im Gehirn, die für das Riechen, für Erinnerung und Emotionen verantwortlich sind, sehr eng miteinander verknüpft. Die Art und Weise, wie Geruchssinn und Gehirn verbunden sind, ist einzigartig unter den Sinnen.

Wenn wir erstmalig einen Duft riechen, speichern wir ihn in diesem ersten Zusammenhang ab, und zwar über unsere Riechzellen. 20 bis 30 Millionen davon befinden sich in der menschlichen Nase und von jeder Riechzelle zieht ein dünner Nervenfaden in das Gehirn, direkt zum Emotions- und Gedächtniszentrum. Düfte nehmen als einzige Sinneseindrücke diesen direkten Weg zu dem Gefühls- und Gedächtniszentrum des Hirns. Während alle anderen Sinneseindrücke zuerst in die Gehirnregion „Thalamus“ wandern und dort verschaltet werden, umgehen Gerüche den Thalamus und landen über Synapsen direkt in der Amygdala und dem Hippocampus. „Wenn ich einen Duft rieche, wird dieser automatisch im Gedächtnis als bestimmter Duft abgespeichert und gleichzeitig auch die Emotion, die ich in dem Moment habe“, resümiert Professor Hatt. Dadurch entsteht diese sehr enge Verbindung zwischen dem Riechen und den alten Gehirnarealen Erinnerung und Emotion. Ein Duft kann daher vergessen geglaubte Erinnerungen wecken, Kindheitsmomente erscheinen urplötzlich. Ein Duft kann kann aber auch sehr emotional sein oder sogar zu Tränen rühren.

 

Nicht nur die Nase kann riechen

„Der olfaktorische Sinn zählt zu den ältesten des Menschen, wurde jedoch lange unterschätzt und sogar abgewertet. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse haben diese Sichtweise komplett verändert“, schreibt Joachim Mensing, Duftforscher und Autor des Buches „Schöner Riechen“. So weiß man mittlerweile, dass nicht nur die Nase riechen kann, sondern der ganze Körper. Schon vor über 10 Jahren zeigten Hanns Hatt und sein Team, dass Duftsensoren, die überwiegend in den Riechzellen der Nase vorkommen, auch über den ganzen Körper verteilt sind. So befinden sich einige Duftsensoren in der menschlichen Haut, im Darm sowie im Herzen. Diese Haut- oder Darmzellen können nicht riechen, aber sie reagieren mit Hilfe der Sensoren auf Düfte. „Bei der Haut wissen wir, dass es einen Sandeholzrezeptor gibt. Wird dieser stimuliert, dann wachsen und vermehren sich die Hautzellen schneller. Sie bewegen sich auch schneller, wodurch man Wunden um fast 50 Prozent schneller heilen lassen kann. Im Darm werden die Duftsensoren beispielsweise durch Gewürze wie Anis oder Nelken stimuliert, was die Darmtätigkeit anregt. Damit kann man viele Phänomene, die wir schon kennen, erklären. Die Duftsensoren beeinflussen in diesen Haut- oder Darmzellen die Körperzellen.“

Einen sogenannten Duft­sensor kann man sich in etwa vorstellen, wie den Buchstaben eines Alphabetes. Um es mit Hanns Hatt Worten zu sagen: Das Alphabet der Düfte hat 350 Buchstaben. Damit lassen sich Gerüche entschlüsseln, die 50 bis 100 verschiedene Komponenten erhalten. Eine ziemliche Leistung, wenn man bedenkt, dass unser normales Alphabet lediglich 26 Buchstaben hat. Der Mensch kann mit den Sensoren drei Milliarden Düfte unterscheiden.

 

 

Einfluss durch Düfte

Die Parfumindustrie kennt keine Grenzen. Fortlaufend erscheinen neue Düfte, die Dinge wie Erotik, Verführung, Männlichkeit, Eleganz, Ausdauer, Verliebtheit oder Fitness versprechen. In der Vielzahl und Häufung wirkt das wenig glaubwürdig und ähnlich, wie bei den Waschmitteln, die seit 50 Jahren die Wäsche immer weißer erscheinen lassen, fragt man sich, ob es immer noch frischer oder noch verführerischer geht. Vermutlich nicht. Dennoch wirken Düfte auf uns, in zweierlei Hinsicht: Einmal gibt es Wirkparfums, die nicht nur gut riechen, sondern auch eine pharmakologische Wirkung haben, und zwar bei jedem Menschen gleich. Darin enthalten sind Duftstoffe, die den Menschen beruhigen, stresslösend oder schlaffördernd wirken, indem sie Sensoren z.B. im Gehirn aktivieren, die für Schlaf zuständig sind. Wichtig hierbei, rät Professor Hatt: „Wenn ich Düfte einatme, auf die Haut auftrage oder Düfte esse, muss ich darauf achten, dass die Duftstoffe aus den Produkten über die Zellen in mein Blut gelangen und durch den ganzen Körper transportiert werden und dann in unterschiedlichen Stellen wirken können.“ In diesem Fall nimmt also der ganze Körper einen Duftstoff auf.

Ein andere Aspekt ist – salopp formuliert – die Selbstkonditionierung. Man kann sich ein Stück weit selber austricksen, indem man einen gewissen Duft in immer gleicher Situation anwendet. Sprüht man beispielsweise ein Parfum immer dann, wenn man konzentriert arbeiten muss, gewöhnt sich das Gehirn daran. Und jedesmal, wenn dieser Duft gerochen wird, dann schaltet das Gehirn in den Konzentriert-Arbeiten-Modus.

Duft ist also nicht gleich Duft. Es gibt Düfte, die Assoziationen wecken, und solche, die im Körper wirken. Parfumindustrie hin oder her, Düfte beeinflussen den Menschen unbestritten. Schließlich kommt das Sprichwort „Ich kann Dich nicht riechen“ nicht von ungefähr.

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn