Gesundheit

Bester Freund oder alter Bekannter – Über den Wert alter Freundschaften und wie wichtig sie für die Gesundheit sind

Eine Freundschaften aus Kindertagen oder die oft so simpel dahergesagte Sandkastenbeziehung, hat die überhaupt noch jemand? Oder rekrutiert sich der Freundeskreis eher aus dem Umfeld, was uns grade umgibt, also je nach Lebensphase, Studien- oder Arbeitskollegen, Kindegarteneltern, Bekannte aus dem Sportverein oder Kirchenchor? Wenn man dann jemanden von früher wiedertrifft, ist oft noch gegenseitig Sympathie vorhanden. Oder bestenfalls Vertrauen. Aber reicht das noch für eine Freundschaft?


 

Eine Frau aus Hamburg, Anfang vierzig, durchblättert abends auf dem Sofa ihre WhatsApp-Kontakte. Ein Bild sticht ihr ins Auge, nämlich das einer alten und damals sehr engen Studienfreundin, die ihren Babybauch auf dem Profilfoto präsentiert. Sie zögert nicht lange und schreibt ihrer Freundin. Mehrere Jahre hatten die beiden keinen Kontakt. Da die Hamburgerin selbst grade Mama geworden war, empfand sie den Anlass als passend, um Kontakt aufzunehmen.

Eine alte Freundschaft aufrecht zu erhalten, ist nicht immer leicht. Die Freundin oder der Freund aus der Grundschulzeit, der einen das Leben lang begleitet, ist lange kein Standard mehr. Das hat in hohem Maße mit einem unsteten Leben und der Mobilität der Gesellschaft zu tun. Viele Jugendliche und junge Erwachsene wechseln nach der Schule, für die Ausbildung und später den Beruf ihren Wohnort, die wenigsten bleiben wirklich in ihrem Geburtsort wohnen. Das gängige Freundschaftsmodell sind mittlerweile sogenannte „lebensphasenspezifische Freundschaften“, sagt Prof. Dr. Heinz Reinders vom Institut für Empirische Bildungsforschung in Würzburg. Das bedeutet, dass Freundschaften sich nach jeweiliger Lebensphase verändern können. Endet irgendwann die Ausbildung oder das Studium, ergeben sich neue Lebensabschnitte. Diese gehen oftmals auch mit einem Wechsel im Freundeskreis einher.

Dennoch kann eine ‚alte’ Freundschaft aus dem Kindergarten oder der Grundschulzeit ein hohes Maß an Intimität aufweisen, selbst, wenn man sich über Jahre hinweg kaum gesehen hat. Das grundsätzliche Gefühl einer tiefen Vertrautheit ist vorhanden, man kennt sich von früher, ist eine gewisse Zeit zusammen aufgewachsen. Das schafft eine Verbindung zwischen zwei Freunden.

 

Einmal Freund, immer Freund?

Auch wenn gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist, heißt das noch nicht, dass es uns gelingt, diese einstige Verbindung wieder in gegenseitige Freundschaft zu überführen. Dafür braucht es noch mehr, weiß der Psychologe und Freundschaftsforscher Dr. Horst Heidbrink: „Wenn ich feststelle, ich treffe nach 20 Jahren ‘ne Freundin oder einen Freund wieder und wir können uns über alte Zeiten gut austauschen, aber ich stelle fest, dass die Interessen, die jemand entwickelt hat, mit den meinen überhaupt nicht übereinstimmen: Also ich geh‘ gern zum Fußball und der geht ins Theater, der interessiert sich für ‘ne ganz andere Art von Musik als ich oder für Literatur und ich überhaupt nicht, dann wird es auch nicht gelingen so eine Freundschaft wieder in eine dauerhafte Freundschaft zu aktivieren.“

Denn neben den gemeinsamen Interessen gehört auch ein gewisser Mehrwert dazu, der sich ergibt, wenn das Gegenüber von seinen Hobbys, Beruf oder Familie erzählt oder, wenn man gemeinsam etwas unternimmt. Gute Freundschaften zeichnen sich auch immer dadurch aus, dass sie eine Beziehung zwischen Gleichgestellten sind, in der eine ausgewogene Balance zwischen Geben und Nehmen herrscht (siehe auch Infokasten)

 

Enge Freunde und lose Bekannte

Wer viele Freunde hat, kann sich glücklich schätzen. Eine Freundin oder ein Freund, der einen über Jahre begleitet und trotz Orts-, Arbeits- oder Ehepartnerwechsel ein Freund bleibt, kann wie ein Anker wirken. Das tut gut.

Aber muss es immer ein ‚bester‘ Freund sein oder sind Bekannte nicht auch ähnlichen wertvoll für das eigene Wohlbefinden? Die Unterscheidung ist schwierig, denn erstens ist es Definitionssache, ab wann ein Freund ‚eng‘ ist oder weniger eng. Zusätzlich hängt es stark von der Persönlichkeit jedes Einzelnen ab, welchen Typ von Sozialkontakten man um sich schart. Manche tendieren dazu mehrere enge Freunde zu haben, vielleicht sogar konstant über viele Jahre. Für andere ist das weniger wichtig und sie treffen sich eher mit Bekannten. Laut einem deutschen Umfrageinstitut haben 66% der Frauen und Männer in Deutschland drei bis vier enge Freunde und weitere 10, die zum erweiterten Freundeskreis zählen.

 

 

Laut einem deutschen Umfrageinstitut haben 66% der Frauen und Männer in Deutschland drei bis vier enge Freunde und weitere 10, die zum erweiterten Freundeskreis zählen.

 

Lose Bekanntschaften wurden für die Persönlichkeitsentwicklung lange Zeit unterschätzt. Jetzt wies der Alternsforscher Oliver Huxhold vom Deutschen Zentrum für Altersfragen nach, dass sich Personen mit vielen losen Beziehungen als zuversichtlicher erwiesen und ein geringeres Risiko hatten depressiv zu werden, im Vergleich zu Personen ohne Bekannte oder enge Freunde. Außerdem rät Huxhold dazu besser freundlich zum Nachbarn zu sein, denn ein Bekannter könnte in ein paar Jahren „ein guter enger Freund werden“.

 

Sozialkontakte fördern die Gesundheit

Grade in krisenhaften Zeiten versuchen viele Menschen Kontakte aufzufrischen, Die Corona-Pandemie hat es vor Augen geführt. Denn der Austausch mit Freunden und Bekannten hilft Stress abzubauen, sei es bedingt durch die Arbeit, innerhalb der Familie oder in anderen Bereichen. „Wir unterschätzen das vermutlich wie stark soziale Beziehungen auch auf unsere Gesundheit Einfluss nehmen“, so Heidbrink. Man wisse, dass das Empfinden von Einsamkeit nicht nur psychisch, sondern auch physisch schädlich sei. „Es gibt da große Studien, die zeigen, dass Einsamkeit ähnlich schädlich ist, wie 15 Zigaretten am Tag zu rauchen.“

Der Mensch ist eben ein Rudeltier. Und damit er sich nicht einsam fühlt, müssen es nicht unbedingt viele enge Freunde sein, sondern auch gerne lockere Bekannte.

 

Lange nicht gesehen

Doch ob bester Freund oder lose Bekanntschaft, eine Kontakt-Aufnahme nach langer Zeit ist manchmal schwierig. Häufig kommen Gedanken in den Sinn, ob der andere sich darüber freut nach 10 Jahren plötzlich einen Anruf zu erhalten. Außerdem stellen sich viele die Frage, was aus dem Anderen geworden ist, was er erreicht hat. Vielleicht mehr als man selbst? „Das ist vielleicht auch der Vorbehalt, den Leute bei Klassentreffen haben“, meint Freundschaftsforscher Heidbrink, „das ist immer so ’ne Gelegenheit sich mit anderen zu vergleichen, mit denen man mal gleich gestartet ist und dann guckt natürlich jeder, wo steht der andere im Leben, wie ist das beruflich, familiär.“ In vielen Fällen schätzen wir das jedoch falsch ein und meistens freuen sich die Leute von damals von ‚alten Freunden‘ zu hören oder lesen. Und außerdem gibt es ja noch Facebook, WhatsApp, Xing und Co. Sie machen es heute so leicht wie nie eine alte Schulfreundin oder Schulfreund wiederzufinden.

 

So erging es auch der Hamburgerin. Mit ihrer ehemaligen Studienfreundin hatte sie sehr viel Zeit verbracht, viel gefeiert und durchgemacht. Jetzt treffen sie sich in größeren Abständen, aber regelmäßig. Die alte Freundschaft ist aufgefrischt, zwar nicht so eng wie damals, aber noch immer sehr offen und sehr persönlich.

 

 

Gehe nicht hinter mir, vielleicht führe ich nicht. Geh nicht vor mir, vielleicht folge ich nicht. Geh einfach neben mir und sei mein Freund.

Albert Camus (1913 – 1960)

 


 

Freundschaften streicheln die Seele

Freundschaften in jedem Lebensalter sind für die Entwicklung und das persönliche Wohlempfinden enorm wichtig. Sie schenken Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Mit seinem Freund fühlt man sich wohl und weiß, dass man einfach so sein kann, wie man eben ist. Freundschaften haben je nach Alter eine unterschiedliche Tiefe und Grad an Vertrautheit, dennoch sind sie in jedem Abschnitt unersetzlich. Während Freundschaften im Kindesalter ebenso schnell enden können, wie sie geschlossen wurden, z.B. auf Grund eines Streits, versuchen Erwachsene eher Konflikte zu lösen, um die Freundschaft am Leben zu halten. Je älter man wird, umso wichtiger werden enge Freunde, denn es bieten sich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr so viele Möglichkeiten, um neue Freundschaften zu knüpfen.

Komm, spiel mit mir

Nach welchen Kriterien wählen wir unsere Freunde eigentlich aus? Unter Kindern spielt die gemeinsame Aktivität und das Gut-Miteinander-Spielen-Können die größte Rolle. Selten fällt es so leicht Freundschaften zu knüpfen wie in der Kindheit. Die Ansprüche an den Freund sind noch nicht sonderlich hoch, eine temporäre Gemeinsamkeit (gleiche Sandburg bauen, verstecken, kann ausreichen, damit zwei Kinder sich als Freunde bezeichnen. Das heißt nicht, dass Kinder wahllos jedes Kind zum Freund ‚nehmen‘, natürlich wählen auch Kindern aus, wen sie sympathisch finden.

Peer-Groups

Unter Jugendlich finden sich häufig größere Freundes-Gruppen, sogenannte Cliquen oder auch Peer-Groups. Als Peer-Group werden Gruppen von Gleichaltrigen bezeichnet, die freundschaftlich miteinander verbunden sind. Die Mitglieder einer Peer-Group begegnen sich auf gleicher Augenhöhe, neben dem Alter gibt es weitere Gemeinsamkeiten: man hört die gleiche Musik, trägt die gleiche Frisur und hat die gleiche Gesinnung. Jeder ist in seinen Entscheidungen, Können und Wissen gleichberechtigt zu den Anderen. Spätestens beim Einstieg in das Berufsleben lösen sich die großen Cliquen auf. Es werden unterschiedliche Wege eingeschlagen und so stellt sich schnell heraus, wer ein ‚wahrer‘ Freund ist (der erhalten bleibt trotz unterschiedlicher Berufswege) und wer eher nur ein ‚Gelegenheitsfreund‘ war.

Gleich und Gleich gesellt sich gern

Entstehen neue Freundschaften im Erwachsenenalter, spielen selbstverständlich Sympathie sowie gemeinsame Interessen nach wie vor die entscheidende Rolle. Dennoch kommt ein Faktor hinzu, der unter Kindern noch nicht verbreitet ist: die Instrumentalität. Das bedeutet nicht, dass Freundschaften dann geschlossen werden, wenn der eine dem anderen ständig von Nutzen ist, aber es gibt eine gewisse Überlegung des ‚Sich-Gegenseitig-Hilfreich-Sein-Könnens‘. Hierdurch erklärt sich zum Beispiel, weshalb sich in der Regel Gleich zu Gleich gesellt: Der Arzt zu anderen Medizinern, der Tänzer zu anderen Künstlern, „in seltenen Fällen aber freunden sich Personen über eine hohe soziale Grenze hin an“, so Heinz Reinders.

 


 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn