Freizeit

Medaillengrüße aus Tokio

Max Rendschmidt gewinnt olympisches Gold und die Herzen der Bonner


 

Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Für Max Rendschmidt ist das seit diesem Sommer in vielfacher Hinsicht eine goldene Regel. Bereits 2016 hatte der gebürtige Bonner Kanute olympisches Edelmetall in zweifacher Ausfertigung aus Rio mit in die Heimat gebracht (im Zweier und im Vierer). Fünf Jahre später legt er jetzt nach. Zusammen mit seinen Teamkollegen Max Lemke, Tom Liebscher und Ronald Rauhe gelang dem 27-Jährigen in Tokio ein Herzschlagsieg. Erst kurz vor dem Ziel war es dem deutschen Kanu-Vierer gelungen, sich von der Konkurrenz aus Spanien abzusetzen – nicht zuletzt Rendschmidts Verdienst, der seine drei Mitstreiter als Schlagmann optimal vorantrieb.

 

Dabei stand der Weg zum erneuten olympischen Gold nicht gerade unter einem guten Stern. Die für 2020 angesetzten Sommerspielen hatten pandemiebedingt verschoben werden müssen. Eigentlich wäre es bereits am 24. Juli vergangenen Jahres nach Tokio gegangen, doch das IOC, das nationale Olympische Komitee und die japanische Regierung hatte sich auf Initiative von Ministerpräsident Shinzo Abe bereits vier Monate zuvor auf eine Verschiebung geeinigt. Ausfälle hatte es während des Zweiten Weltkriegs bereits 1940 und 1944 gegeben, doch dass die Spiele in Friedenszeiten nicht stattfinden konnten, war ein Novum. Eine gänzliche Absage kam für alle Beteiligten allerdings nicht in Frage. Auch das Olympische Feuer verblieb im Land.

 

 

Fast auf den Tag genau ein Jahr später als ursprünglich geplant ging es für den K4 um Rendschmidt schließlich doch noch Richtung Japan. Erste Station: Tokushima, wo die Athleten ihre letzten Trainingstage absolvieren. Die Ausnahmesituation ist hier bereits spürbar: Die Sportler werden vollständig abgeschirmt, dürfen keinen Kontakt zur Bevölkerung haben. Zwischen Trainingsgelände und Hotel liegen knapp anderthalb Kilometer. Man wird mit Bussen hin und her gefahren. Vom Olympischern Spirit, wie in Rendschmidt aus Rio kennt, ist hier noch nicht viel spürbar. Am 31. Juli dann Weiterreise ins Olympische Dorf und zu den eigentlichen Wettkampfstätten in Tokio. Sechs Tage später bereits soll es für das Team der vier Topfavoriten dann um Gold gehen.

 

Von einem reibungslosen Ablauf konnte jedoch keine Rede sein. Kurz vor der Abreise schien das Schicksal den Olympioniken erneut Steine in den Weg legen zu wollen. Was Rendschmidts Teamkollege Ronald Rauhe in einem Instagram-Post als „Supergau“ bezeichnete, sorgte bei Fans und Sportpresse kurzfristig für Entsetzen: Beim Verladen in Luxemburg war das eigens angefertigte Olympia-Boot von einem Gabelstapler gerammt worden. Übrig blieb ein Totalschaden, den der Deutsche Kanuverband mit satten 50.000 Euro beziffert. „Das war natürlich erstmal eine Hiobsbotschaft“, erinnert ich Rendschmidt. Aus der Traum vom Olympischen Gold? Zum Glück nicht. Denn das aus Carbon gefertigte Boot hat tatsächlich einen baugleichen Zwilling, den der Männer-Vierer zuvor in Duisburg zum Training genutzt hatte. Dieses musste nun schnellstmöglich nach Tokio. Rasch war ein Flugzeug gefunden, dass in der Lage war, den Transport vorzunehmen – angesichts einer Länge von 12 Metern keine Selbstverständlichkeit. Um sicherzugehen, dass weitere unangenehme Überraschungen ausblieben, packte man das Ersatzboot behutsam in eine Holzkiste und hielt es diesmal vermutlich mit Argusaugen von Stapelgabeln fern.

 

Endlich lief alles nach Plan. Für die Kanuten besonders erfreulich: der Zwilling war sogar in der Traditionsfarbe Pink gestaltet, die seit 1992, den ersten Olympischen Spielen nach der Wiedervereinigung, den deutschen Booten zeitweise eine besondere Wirkung auf den Zielfotos verschafft hatte. Hilfreich waren dabei leichte Unschärfen der damaligen Fernsehtechnik, die feine leuchtende Umrisse erzeugten – ein Effekt, der sich bei modernen HD-Bildern aber längst nicht mehr einstellt. Viel mehr wiegt aber auch heute noch die Erinnerung an das erste deutsch-deutsche Team, das dank der auffälligen Farbgebung auf gewisse Weise immer dabei ist und den Zusammenhalt der Sportler symbolisiert.

 

Vor Ort im Olympischen Dorf ist die Situation ähnlich ungewöhnlich wie im Trainingslager wenige Tage zuvor. Wieder ist man abgeschottet, darf nicht in die Stadt. „Es war einfach ruhiger“, stellt Rendschmidt fest. „Es gab da eine Regel, dass jeder Sportler spätestens 48 Stunden nach seinem letzten Wettkampf abgereist sein musste. Wir hatten unsere Wettkämpfe an den letzten beiden Tagen und da merkte man schon, dass es im Olympischen Dorf leerer wurde, vor allem wenn man morgens früh in der Mensa war.“ Überhaupt, die Mensa, der zentrale Ort, an dem sich die Sportler untereinander noch am ehesten zu sehen bekamen. „Mit der Kommunikation war es da allerdings ein bisschen schwierig, da zwischen den Tischen Plexiglaswände aufgebaut waren. Wenn wir also dem Tischnachbarn etwas mitteilen wollten, müssten wir in Richtung Decke sprechen, damit er überhaupt etwas verstehen konnte.“

 

Der direkte Vergleich zu Rio macht vieles noch deutlicher. Größter Unterschied: keine Fans an der Strecke. „Die Tribunen in Tokio sind drei- bis viermal so groß gewesen wie die in Rio. Das vermittelt einem dann schon ein Gefühl, was für ein Raunen, was für Emotionen da hätten sein können. Auf der anderen Seite sind wir als Sportler unheimlich froh gewesen, unsere Leistung dort zeigen zu können.“ Und: „Den Olympic Spirit haben wir trotzdem erlebt.“

 

Dann der große Tag, der mit Edelmetall und dem zehnten Olympiasieg für Deutschland enden sollte. Rendschmidt beschreibt das Rennen so: „Wir sind am Start sehr gut rausgekommen, konnten da bei den Spaniern mithalten. Im Mittelteil sind sie uns dann ein bisschen weggefahren. Im Endspurt war ich dafür zuständig, die Schlagzahl hochzureißen. Dann hieß es: All in und hoffen, dass man nochmal vorbeikommt.“ Den Gegner sehe man zwar beständig aus dem Augenwinkel, aber so richtig abzuschätzen, wie die Chancen stehen, sei eher schwierig. „Im Ziel habe ich dann gesehen, die Spanier sind hinter uns und wir haben gewonnen.“ Einziger Wermutstropfen: Für den 39-jährigen Ronald Rauhe, Deutschlands erfolgreichsten Kanuten und 16-fachen Weltmeister, war dieses Rennen nach über zwei Jahrzehnten sein letztes. Er sprang als erster aus dem Siegerboot, umarmte zunächst Rendschmidt und dann die beiden anderen Kollegen.

 

 

In Frankfurt betrat das Team wieder heimischen Boden. Auf den Bonner Kanuten warteten Eltern und Freundin – ein langersehntes Wiedersehen. Der größere Empfang überraschte ihn dann allerdings zuhause in Ramersdorf, wo Familie, Freunde und das ganze Dorf „ihren“ – jetzt dreifachen – Goldjungen ausgiebig bejubelten und feierten. „Die ganze Straße war voll“, erinnert sich Rendschmidt mit immer noch spürbarer Rührung. „Ich war wirklich überwältigt, dass so viele Leute da hingekommen sind, um mich willkommen zu heißen.“

 

Rückblickend fällt sein Fazit insgesamt positiv aus: „Es waren durch Corona natürlich spezielle Spiele, aber wir waren unheimlich glücklich, vor Ort dabei zu sein. Und dass ich mit Gold nach Hause kommen konnte, ist natürlich die Sahne auf dem Kuchen.“ 700 Gramm wiegt die glitzernde Medaille, die der hauptberufliche Bundespolizist sicher noch so manches Mal anlegen wird. „Die hat schon ein bisschen Gewicht“, muss er zugeben. „Wenn man sie länger trägt, bekommt man schon mal Nackenstarre.“ – Ein Nebeneffekt, den Rendschmidt ganz sicher gerne in Kauf nimmt.

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn