Freizeit

D‘r Zoch kütt

190 Johr Kamelle, Bützje und Bonn Alaaf!


Im Februar 1828 bahnte sich erstmals ein Rosenmontagszug seinen Weg durch Bonner Gassen. 190 Jahre später werfen wir einen Blick auf die jecke Tradition – wie alles begann, welch logistischer Aufwand dahintersteckt und was uns diese Session erwartet.

 

Mottowagen „100 Jahre Fahrrad“ kurz vor dem Rosenmontagszug am 28. Februar 1927

Es muss ein rauschendes Fest gewesen sein, das Bonner Bürger am 18. Februar 1828 veranstalteten. Immerhin wurde der Karneval anschließend – wie in fast allen rheinischen Städten – aus Sorge vor Unruhen und Umtrieben verboten. Trotz weiterer Unterbrechungen in den folgenden Jahrzehnten – sei es durch misstrauische Herrscher, Kriege oder Geldmangel – konnte sich die Tradition eines närrischen Umzugs an Rosenmontag immer wieder durchsetzen. So lockt sie noch heute unzählige Jecken auf die Straßen, um lauthals nach Kamelle zu verlangen. 2017 dirigierte Zugleiter Axel Wolf über 5.000 Teilnehmer durch Bonn, vorbei an rund 250.000 Zuschauern. Es war der bislang größte Rosenmontagszug der Stadtgeschichte.

Hofdame trifft Arlequin

Unter dem Motto „190 Johr de Zoch kütt 200 Johr Uni Bonn – Loss mer fiere un studiere“ hat der Jubiläumsumzug am 12. Februar 2018 große Chancen, diesen Rekord erneut zu brechen. Doch werfen wir zunächst einen Blick zurück. Und zwar weiter als die besagten 190 Jahre, in die Zeit von Kurfürst Clemens August. Dieser lud in seiner Bonner Residenz gerne zu aufwändig inszenierten Maskenbällen und organisierte für seine Hofgäste unterhaltsame Paraden. Eine solche ist für den 6. Februar 1731 überliefert. In Bauernkostüme gehüllt, fuhren die Teilnehmer in zwölf offenen Bauernwagen durch die Straßen der Residenzstadt. Am Wegesrand standen dicht gedrängt Bonner Bürger, um die Verkleideten zu bestaunen. Fast hundert Jahre später nahmen sich Bonner Karnevalisten Umzüge wie diese zum Vorbild. Dass sich der allererste bürgerliche Rosenmontagszug auf den ehemaligen Residenzcharakter der Stadt bezog, war unverkennbar: So tauchten zum Beispiel Masken eines Oberstallmeisters, eines Mundschenks, eines Leibarztes sowie von Hofdamen, Gesandten und Ministern auf. Arlequins und Pierrots huldigten zusätzlich der Commedia dell’arte und dem italienischen Karneval.

Amoralische Lustbarkeit

Als Höhepunkt des Zuges sorgte Hanswurst für Aufsehen. Der Urahne des heutigen Prinz Karneval hatte sich den Bonner Bürgern nur wenige Tage zuvor als zentrale Symbolfigur des Festes vorgestellt. Ihm zur Seite stand die antike Freudgöttin Laetitia, die später durch die Bonna ersetzt wurde. Ganz in der Tradition der hochherrschaftlichen Fürstinnen hielt sie Hof und erschien im Festgewand. Vor ihr schritten Fahnenträger, hinter ihr der Hofstaat. Doch die Regentschaft der beiden nahm ein jähes Ende. Knapp einen Monat nach ihrer ersten Parade wurde den Bonner Jecken das Feiern untersagt. Das preußische Königshaus störte sich an der „amoralischen und in polizeilicher Hinsicht nicht unbedenklichen Lustbarkeit“ des Festes. Erst 1843 lebte die Tradition wieder auf.

Humor, Witz und Satire

In den Jahren nach der Zwangspause hielt die Politik Einzug in den Bonner Karneval. So wurde auch der Rosenmontagszug vermehrt dazu genutzt, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen des vergangenen Jahres zu reflektieren. Mit Humor, Witz und Satire. Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 wandelten sich die Anspielungen. Fortan glorifizierten Lieder und Prachtwagen den ehemals ungeliebten preußischen König und deutschen Kaiser, statt ihn zu persiflieren. Gleichzeitig wurde die Organisation und Finanzierung des Festumzugs zu einer immer größeren Herausforderung. Zur Jahrhundertwende übernahm ein neu gebildetes Komitee aus Vertretern der verschiedenen Karnevalsvereine seine Planung und Durchführung. 1913 entwickelten verantwortliche Ausschüsse eine detailreiche Zugordnung, um den genauen Ablauf festzulegen und das Verhalten der Teilnehmer zu disziplinieren. 17 Vereine, acht Musikkapellen, 14 Prunkwagen und rund 200 Reiter wirkten in diesem Jahr an einem außergewöhnlich geordneten Festumzug mit.


D‘r Zoch kütt

Philipp Tenten von der Ehrengarde auf einem Rosenmontagszug Anfang der 1960er Jahre

Peter Gummersbach, ein berühmter Sitzungsleiter seiner Zeit, am 20. Februar 1950

Eine von mehreren Radfahrergruppen im Rosenmontagszug am 20. Februar 1928

Prinz Ferdinand I bei der Aufstellung auf dem Kaiserplatz am 6. März 1905

Kapelle im Clownskostüm am 21. Februar 1966

Rosenmontagszug auf dem Marktplatz Anfang der 1950er Jahre

Buchtipp:

D‘r Zoch kütt!

190 Jahre Rosenmontagszug in Bonn

von Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann und Dr. Marcus Leifeld
zu beziehen über den Festausschuss Bonner Karneval
www.karneval-in-bonn.de


Bonna wird weiblich

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs hatte es sich abermals ausgefeiert. Erst 1927 konnten Bonner Karnevalisten wieder einen Rosenmontagszug auf die Beine stellen. Das nationalsozialistische Regime, das 1933 an die Macht kam, betrachtete den Karneval als „urdeutsches, altüberliefertes Brauchtum“. Sie instrumentalisierten die Tradition, um die Wirtschaft zu beleben und ihre „Volksgemeinschaft“ zu propagieren. Die Figur der Bonna, zunächst ausschließlich von Männern dargestellt, sollte fortan von Frauen bekleidet werden. Eine „transvestitische Kostümierung“ passte schlichtweg nicht ins Weltbild der Nationalsozialisten. Genauso wenig wie Kritik, speziell am Führer. Büttenreden und Co. wurden einer strengen Vorzensur unterzogen. Die Durchführung des Rosenmontagszugs hatte auch weiterhin hohe Priorität. 1939 wurde er noch einmal mit großem Aufwand gefeiert. Dann kam der Zweite Weltkrieg und mit ihm die bis heute letzte große Unterbrechung. Nur 1962 musste der Festzug erneut abgesagt werden. Grund waren gleich drei Ereignisse: der Mauerbau in Berlin, ein Grubenunglück in Völklingen und eine Flutkatastrophe in Hamburg. Und auch Anfang der 1990er Jahre fand zwei Mal in Folge kein Umzug statt: 1990 wegen eines Sturms und 1991 wegen des Golfkrieges.

Brauchtumspflege statt Profit Der Fastelovend war in seiner Geschichte schon so mancher Gefahr ausgesetzt. „Das Misstrauen der preußischen Herren, die Zensur von Reden und Liedern, der Kampf um politische Mitbestimmung und Freiheiten, Kriege und wirtschaftliche Krisen, schließlich auch der Nationalsozialismus mussten bewältigt werden und sorgten gleichzeitig für manche Veränderungen des Bonner Karnevals“, rekapituliert Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann, Mit-Autor der Publikation „D‘r Zoch kütt! 190 Jahre Rosenmontagszug in Bonn“. Heute sind die Sorgen anderer Natur. So blickt man zum Beispiel kritisch auf Strömungen, die vor allem wirtschaftlichen Profit im Auge haben. Oder einen möglichst exzessiven Alkoholrausch.

Safety First

Auch Zugleiter Axel Wolf legt großen Wert darauf, dass er und sein Team einen dem karnevalistischen Brauch verpflichteten Umzug veranstalten „und keine Love Parade“. Ein großer Teil des Budgets fließt in die Verpflichtung traditioneller Musikkapellen, die den Umzug mit rheinischem Liedgut begleiten. Eigene Musikanlagen auf den Wagen sind nur in Einzelfällen erlaubt. Während früher noch vieles dem Zufall überlassen wurde, ist der Rosenmontagszug heute bis ins Detail durchgeplant. Aufgabenpläne, Kommunikationspläne, Aufstellpläne – sie alle machen deutlich, wie komplex die Logistik geworden ist. Selbst die maximale Geschwindigkeit wird im Vorfeld definiert. Sie beträgt 2 km/h. Unzählige Regulierungen haben vor allem eines im Blick: die Sicherheit aller Zuschauer und Zugteilnehmer – Mensch wie Tier.

Auf Bönnsch heisst der Rosenmontagszug übrigens Ruusemondachszoch. „Rosen“ bezieht sich dabei nicht auf die Blume, sondern kommt von „rasen“, „toben“ oder „sich ausgelassen benehmen“.

Lastwagen voller Kamelle

Entsprechend haben die ersten Vorbereitungen für den Rosenmontagszug 2018 bereits im Sommer begonnen. Die Organisation übernimmt ein achtköpfiges Team des Festausschuss Bonner Karneval. Axel Wolf und seine Mitstreiter arbeiten alle ehrenamtlich. Sie kümmern sich um die Koordination von Wagenbau, Anmeldeverfahren, Zugweg, Straßensperren, Baumrückschnitte, TÜV-Abnahmen und, und, und. Wer mag, kann auch die unerlässliche Ladung Kamelle über den Festausschuss beziehen. Im vergangenen Jahr fuhren insgesamt acht LKWs mit Wurfmaterial vor. Die Profis empfehlen, dieses im Vorfeld aus den Tüten und Kartons in die Schütten der Wagen zu räumen. Was nicht passt, kommt in faltbare Klappboxen. „So bleibt vorab mehr Ruhe für eine ordnungsgemäße Mülltrennung“, sagt Axel Wolf. „Und auf dem Wagen stapeln sich später nicht die leeren Kartons.“ Es sind Details wie diese, die am Tag der Tage für einen reibungslosen Ablauf sorgen.

Die Spannung steigt

Unmittelbar bevor sich der Zug in Bewegung setzt, wird es noch einmal besonders knifflig. Ab 10 Uhr sammeln sich die Teilnehmer auf dem Aufstellgelände hinterm Alten Friedhof. Um ein Verkehrschaos zu verhindern, haben die Organisatoren im Vorfeld genau ausgetüftelt, wer mit welchem Wagen über welche Straße anreist. Am Startpunkt steht jeder Gruppe ein präzise definierter Platz zu, der vorab auf den Zentimeter genau auf dem Asphalt markiert wurde. Allerdings reicht keine der Straßen aus, um alle Teilnehmer wie an einer Perlenkette aufzureihen. Dicht an dicht gestellt, hatte der Zug im vergangenen Jahr eine Länge von circa 3,5 Kilometern. Also werden die einzelnen Zugteile auf mehrere Straßen verteilt und von einem Dirigenten zusammengeführt. Anschließend zieht der komplette Zug an den strengen Augen des Zugleiters und seines Stellvertreters vorbei. „Es ist schon vorgekommen, dass wir Wagen kurzfristig aus dem Verkehr ziehen mussten“, erinnert sich Axel Wolf. Für Notfälle hält der Festausschuss Bonner Karneval drei Reservetraktoren bereit.

Wie wird das Wetter?

Was sich bei all den Vorbereitungen nur bedingt kalkulieren lässt, sind eventuelle Überraschungen am Tag des Umzugs. „Das Notfallmanagement vor Ort ist die wahrscheinlich größte Herausforderung meines Jobs“, sagt der Zugleiter. Um auf möglichst viele Szenarien vorbereitet zu sein, gibt es Notfallpläne, die genau festlegen, wie in welcher Situation reagiert werden muss. Haus-und-Hof-Meteorologe Karsten Brandt versorgt das Team mit regelmäßigen Updates zum regionalen Wetter. 2015 hatte es an Rosenmontag so sehr gestürmt, dass eine Absage des Zuges im Raum stand. Erst kurz vor knapp gab Axel Wolf dann doch das „Go“.

Hanswurst lässt grüssen

Natürlich wäre es schön, wenn sich der Wettergott in dieser Session von seiner besten Seite zeigt. Immerhin soll zum Jubiläum ein ganz besonderer Rosenmontagszug durch die Bonner Innenstadt ziehen. „Mit verschiedenen Gruppierungen und Wagen möchten wir die historischen Aspekte des närrischen Brauchs aufleben lassen“, verrät Präsidentin Marlies Stockhorst die Ideen des Festausschuss Bonner Karneval, der heute die Durchführung des Rosenmontagszuges verantwortet. So werden zum Beispiel Hanswurst und die Freudgöttin Laetitia mit einem Mottowagen vertreten sein. Außerdem in Planung: eine biedermeierlich kostümierte Fußgruppe, eine Darstellung um Neunzehnhundert sowie „Et Zöchele“, eine Reminiszenz an die Rosenmontage nach schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren. Auch zahlreiche ehemalige Prinzen und Bonnas werden sich in den „Zoch im Zoch“ einreihen, gefolgt von den Standarten der Gesellschaften im Festausschuss und verschiedenen Musikgruppen. „Einen Blick in die Zukunft soll eine Segway-Gruppe bieten und natürlich unsere Pänz“, sagt Marlies Stockhorst. „Denn unsere Tradition hatte und hat zu jeder Zeit eine fröhliche Zukunft.“

Dem Motto entsprechend, richtet der Festausschuss eine herzliche Einladung an alle Studierenden. „Wir wissen aber auch, dass den Karneval nicht jeder mag“, so Marlies Stockhorst. „Wer sich aber einmal dazu entschlossen hat, sich ihm zuzuwenden, den lässt er nicht mehr los. Karneval ist und bleibt ein Lebensgefühl. Besonders stark spüren wir dies beim Rosenmontagszug. Hier begegnen wir vielen Ritualen. Gerade diese brauchen wir in unserer schnelllebigen Zeit. Sie geben uns Halt. Doch unsere Rituale stellen sich dem Zeitgeist – das macht sie so spannend.“

Artikel von www.top-magazin.de/bonn