Wirtschaft

ALL EYES ON BONN

Sowas hat es in Bonn noch nicht gegeben. Selbst zu Hauptstadtzeiten nicht. Der Weltklimagipfel (COP23) war die größte zwischenstaatliche Konferenz, die Deutschland je ausrichten durfte. Und die umweltfreundlichste noch dazu! Ein Rückblick auf zwei ereignisreiche Wochen, die Bonn ins Zentrum des Weltgeschehens rückten.


Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch auf der Weltklimakonferenz in Bonn

Nach einer langen Verhandlungsnacht ging am Samstag, dem 18. November, die Weltklimakonferenz in Bonn zu Ende. Mit leichter Verzögerung, da sich die Dele-gierten am Freitag noch nicht auf zentrale Finanzfragen einigen konnten. Doch Aufgeben stand nicht zur Debatte. Also wurde weiter um Konsens gerungen. Am Samstagmittag verkündete Bundesumweltministerin Barbara Hendricks dann einen erfolgreichen Abschluss: „Wir haben große Fortschritte gemacht, und zwar beim Verhandeln und beim Handeln”, verkündete sie. So wurden in Bonn zum Beispiel wichtige Zwischenschritte auf dem Weg zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens erzielt. Rund 22.000 Teilnehmer aus aller Welt waren Mitte November zur Weltklimakonferenz zusammengekommen. Neben Repräsentanten der 197 Vertragsparteien waren Vertreter von rund 500 Nichtregierungsorganisationen und mehr als 1.000 Journalisten zu uns an den Rhein gereist. Die Delegierten konferierten in der sogenannten „Bula Zone“ – Fidschianisch für Willkommen – rund um das World Conference Centre Bonn und den UN-Campus, die im Vorfeld mit temporären Bauten im Umfang von 20.000 Quadratmetern ergänzt wurden. In der Rheinaue – der „Bonn Zone“ – entstand eine 35.000 Quadratmeter große Zeltstadt, um das umfangreiche Rahmenprogramm zu beherbergen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, COP23-Präsident Frank Bainimarama und UNO-Generalsekretär António Guterres bei der Eröffnung des High-Level Segments.

Fidschi trifft Bonn

Während Bonn beziehungsweise Deutschland als technischer Gastgeber fungierte, hatte die Republik Fidschi die Präsidentschaft inne. So rückte einer der verwundbarsten Staaten in den Mittelpunkt der Klimadiplomatie. Immerhin ist die kleine Inselgruppe im Süd-Pazifik bereits heute akut vom Klimawandel bedroht. Wer die Präsidentschaft verantwortet, entscheidet ein Rotationsmodus. Turnusmäßig war sie für die Konferenz 2017 an ein Land aus der asiatischen Gruppe gefallen. Die Republik Fidschi hatte sich bereit erklärt, die leitende Rolle zu übernehmen, konnte die Konferenz allerdings nicht, wie eigentlich üblich, im eigenen Land ausrichten. Dass der Klimagipfel daher in Bonn stattfand, war eine logische Konsequenz. Immerhin hat das Klimasekretariat der Vereinten Nationen hier in der Bundesstadt seinen Sitz.

Fidschianische Zeremonie zur Eröffnung: Die Inselgruppe im Süd-Pazifik hatte die Präsidentschaft der COP23 inne.

Weichen stellen

Die diesjährige Klimakonferenz war die erste nach der Ankündigung des US-Präsidenten Donald Trump, aus dem Pariser Abkommen aussteigen zu wollen. Deutschland und vielen anderen Ländern war es daher ein zentrales Anliegen, ein klares Signal zu senden, dass an der Übereinkunft nicht gerüttelt werden darf. Außerdem ging es darum, die Weichen für ein konkretes Regelwerk zu stellen. Dieses soll im kommenden Herbst auf der Klimakonferenz in Kattowitz in Polen (COP24) verabschiedet werden und gewährleisten, dass die Werkzeuge des Pariser Abkommens richtig wirken können.

Der fidschianische Premierminister und diesjähriger COP-Präsident Frank Bainimarama hob weitere Resultate hervor: „Wir verlassen Bonn mit einigen bemerkenswerten Erfolgen, zu denen unser ‚Ocean Pathway‘ gehört, ein historischer Konsens über Landwirtschaft, sowie der Aktionsplan über Geschlechtergerechtigkeit und die Plattform für Indigene Völker. Wir haben auch mehr finanzielle Mittel für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel sichergestellt und darüber hinaus eine globale Partnerschaft gestartet, die Millionen dem Klimawandel besonders ausgesetzten Menschen auf der ganzen Welt bezahlbaren Versicherungsschutz ermöglicht.”

Arnold Schwarzenegger übernahm die Schlussworte beim Gipfel der Städte und Regionen.

Gemeinsame Lösungen

Als wesentliches Ergebnis des Gipfels gilt zudem der sogenannte Talanoa-Dialog – ein fidschianischer Begriff für einen Austausch mit allen Beteiligten. Da die aktuellen Klimaziele in der Summe noch nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, wurde bereits in Paris vereinbart, dass die Staatengemeinschaft mit der Zeit immer ehrgeiziger werden muss. Der Probelauf für diesen Ambitionsmechanismus ist der Talanoa Dialog. Unter Führung von Fidschi und Polen soll er im Laufe des kommenden Jahres Beiträge aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenfassen. Ergebnis wird eine Bestandsaufnahme sein, die die Vertragsstaaten zu ehrgeizigerem Handeln motivieren soll, um die globale Klimaschutzlücke zu schließen.

Ans Eingemachte

Zu Beginn der Konferenz gehörten die Verhandlungssäle den Fachverhandlern – in der Regel Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Ministerien. Am 15. November eröffneten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Frank Bainimarama und UNO-Generalsekretär António Guterres das sogenannte „High-Level Segment“. Ab dann waren die politischen Verhandlungsführer gefordert. Sie waren angehalten, dort Einigungen zu finden, wo es zuvor noch gehakt hatte. Sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron betonten in ihren Reden, dass den Worten des Pariser Klima-Abkommens nun auch Taten folgen müssten, um die vereinbarten Klimaziele zu erreichen.

Vom Verhandeln zum Handeln

Während die Delegierten in der „Bula Zone“ konferierten, fanden in der „Bonn Zone“ unzählige Veranstaltungen, Ausstellungen und Diskussionsformate zu klimapolitischen Themen statt. Hier konnten sich Teilnehmer über Aktivitäten informieren oder sich über Fortschritte beim Klimaschutz austauschen. Im Fokus standen positive Beispiele, Initiativen und Ideen, die heute mitunter noch utopisch klingen, morgen aber vielleicht einen Beitrag leisten können. „Es geht nicht mehr nur darum, dass Klimadiplomaten miteinander um Formulierungen ringen, sondern darum, dass wir gemeinsam Ideen für das klimaverträgliche Leben von morgen entwickeln, austauschen und verbreiten“, so Barbara Hendricks. „Wir haben hier in Bonn Standards setzen können. Ich bin sicher, dass dieser Zweiklang aus Verhandeln und Handeln bei künftigen Klima-konferenzen Schule machen wird.“

Klimafreundlicher Klimagipfel

Erstaunlich aber wahr: Die Weltklimakonferenz in Bonn war die erste, die nachweislich umweltfreundlich organisiert wurde und sich dies auch zertifizieren ließ – über EMAS, das weltweit anspruchsvollste System für nachhaltiges Umweltmanagement. So verpflichteten sich die Veranstalter zum Beispiel, weitestgehend mit digitalen statt gedruckten Dokumenten zu arbeiten. Bei der Errichtung der temporären Bauten achteten sie darauf, die Auswirkungen auf die Natur auf das unbedingt erforderliche Maß zu beschränken. Im gesamten Prozess wurde daher kein einziger Baum gefällt. Das Catering bestand überwiegend aus vegetarischem Essen, zubereitet mit vielen Bio-Zutaten aus der Region. Lebensmittelabfälle und auch Müll im Allgemeinen sollten so weit wie möglich vermieden werden. Jeder Teilnehmer bekam eine Trinkflasche aus recyceltem Material, um sich während der Konferenz an den Wasserspendern mit Bonner Wasser zu versorgen. CO2-neutrale Elektrobusse und -Autos shuttelten die Teilnehmer von A nach B. Zudem standen den Delegierten 600 kostenfreie Fahrräder zur Verfügung.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (links) im Gespräch mit COP23-Teilnehmern.

Dort wo sich Klimasünden nicht vollständig vermeiden ließen, sorgten die Organisatoren für Ausgleichsmaßnahmen. So wurden etwa die Treibhausgase, die vor allem durch die An- und Abreise der Delegierten entstanden, entsprechend kompensiert – durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten, die dafür sorgen, dass die verursachten Emissionen anderswo eingespart werden.

Chance für Bonn

Oberbürgermeister Ashok Sridharan freut sich, dass es der Bundesstadt und ihren Bewohnern erneut gelungen ist, sich als weltoffene Gastgeber zu präsentieren. Ein mustergültiges Beispiel liefert die Plattform „Private Host COP23“, über die Anwohner rund 800 unentgeltliche Übernachtungsmöglichkeiten bereitgestellt hatten. Das Angebot richtete sich speziell an Besucher aus finanzschwachen Ländern sowie Teilnehmer der internationalen Zivilgesellschaften, Nichtregierungsorganisationen, von kleineren Klimaschutz-Initiativen und -Organisationen. „Der Bürgermeister der Stadt Kattowitz (Polen), in der 2018 die nächste Klimakonferenz stattfindet, hat bereits sein Interesse bekundet, diese Idee aufzugreifen“, berichtet Ashok Sridharan. Er blickt zufrieden auf die zwei Gipfel-Wochen zurück und hebt die positiven Auswirkungen auf das Image der Stadt hervor.

„Ich bin stolz darauf, dass Bonn sich als Konferenzstandort einen derart guten Namen gemacht hat.“

Oberbürgermeister Ashok Sridharan

Auch COP-Präsident Frank Bainimarama fand zum Abschluss des Gipfels anerkennende Worte: „Ich möchte mich herzlich bei unseren Gastgebern bedanken, der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und dem UN-Klimasekretariat sowie den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesstadt Bonn. Wir haben unseren fidschianischen Bula-Geist zu dieser COP gebracht und es war wundervoll zu sehen, wie die Menschen darauf reagiert haben. Vinaka vakalevu.“ Das ist Fidschi und bedeutet vielen herzlichen Dank!

Artikel von www.top-magazin.de/bonn