Kultur

(Familien)Geschichte zum Mitlesen

Als Christian Mack die Feldpostkarten seines Großvaters aus dem Ersten Weltkrieg in die Hände fallen, entwickelt er die Idee für einen Blog: Auf „opaskrieg.de“ veröffentlicht er die Korrespondenz des Infanteristen Franz Mack; genau hundert Jahre nachdem sie verschickt wurde. Für diesen ziemlich persönlichen Blick auf die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ war der Bonner Blogger sogar für den Grimme Online Award nominiert. Uns hat er verraten, was hinter dem etwas anderen Geschichtsprojekt steckt.


 

Top-Magazin-Bonn_Familiengeschichte-zum-Mitlesen-5Als ich „opaskrieg.de“ Ende 2014 online brachte, hatte ich noch nicht die leiseste Ahnung, worauf ich mich da einlassen würde. Die Grundidee war es, die Feldpostkarten meines Großvaters Franz Mack, die er aus seiner Soldatenzeit während des Ersten Weltkrieges nach Hause geschickt hatte, ins Netz zu stellen. So weit, so simpel: Jede einzelne seiner Feldpostkarten sollte auf den Tag genau 100 Jahre nachdem er sie geschrieben hatte, auf einem Blog online gehen. Jeder, der sich dafür interessierte, sollte lesen können, womit sich ein einfacher Soldat vor 100 Jahren in seinem (Kriegs-)Alltag beschäftigte. Was er seinen Eltern vom Krieg erzählte – oder eben nicht. Welche Postkartenmotive er auswählte, um seinen Lieben daheim einen Eindruck vom Leben und Sterben in dem fernen Frankreich zu geben, in dessen Erde er während des Stellungskrieges an der Westfront eingegraben war. Und außerdem wollte ich zeigen, wie sich die Welt oder zumindest Europa in den letzten 100 Jahren zum Besseren entwickelt hat – zum friedlichen Zusammenleben mit offenen Grenzen und gemeinsamer Währung.

Franz Mack (1917)

Franz Mack (1917)

All das hätten die Postkarten für sich genommen leisten können und ich hätte es dabei belassen können. Aber da war es bereits zu spät: Der Journalist und Historiker in mir war nicht nur geweckt, sondern schwer angefixt und ließ gleich noch eine weitere Persönlichkeit entstehen: den Familienforscher. Über meinen Opa Franz wusste ich nämlich weniger als ich zugeben mochte. Kein Wunder: Er starb drei Jahre vor meiner Geburt und ich „kannte“ ihn nur aus Erzählungen und von alten Fotos. Wer war dieser Franz Mack? Was hat er im „Großen Krieg“, wie der Erste Weltkrieg anfangs noch genannt wurde, getrieben? Und wie ging es danach weiter? Mit der Neugierde wuchs schließlich auch der Arbeitsaufwand für „opaskrieg.de“: Ich durchforstete alte Heeresberichte, Militärakten, Erinnerungsschriften, Zeitungen, Gefallenenlisten und auch den Wust an Aufzeichnungen, die mein Opa selbst über sein Leben gesammelt und hinterlassen hatte. Das alles warf weitere Fragen auf, die sich nur durch weiteres Studium der damaligen Zeit beantworten ließen.

Kurz gesagt: Aus der Idee, „mal eben“ Opas alte Feldpost online zu stellen, wurde ein langwieriges Familienforschungsprojekt. Aus einem Blog, auf dem ursprünglich nur ein paar Worte und Fotos stehen sollten, eine Art Mikrogeschichte des Ersten Weltkrieges.

„opaskrieg.de“ ist also ziemlich speziell. Denkt man nämlich an Blogs, dann denkt man vermutlich eher an Travel-, Beauty-, Koch-, Fashion-, Mama- oder Technik-Blogs. Nicht unbedingt an Geschichte oder gar an den Ersten Weltkrieg. Umso mehr habe ich mich über das positive Feedback, die vielen Medienberichte und nicht zuletzt die Nominierung für den Grimme Online Award gefreut. Außerdem hat die Bayerische Staatsbibliothek (Opa Franz kam aus Nürnberg und kämpfte deshalb in einem bayerischen Regiment) mittlerweile begonnen, „opaskrieg.de“ auf Grund seiner „wissenschaftlichen Relevanz“ in ihrem Online-Archiv für die Nachwelt zu speichern. Ganz schön cool, für ein paar olle Postkarten, oder?

Ganz nebenbei bin ich über die Arbeit am Blog und der Geschichte meines Großvaters auch noch auf mir bisher unbekannte Familienmitglieder gestoßen, zu denen ich sonst vermutlich nie Kontakt aufgenommen hätte. Über die Beschäftigung mit dem Vergangenen ist meine Familie also auch im Jetzt gewachsen. Ein ungeplanter, aber schöner „Nebeneffekt“!

Und wo wir schon bei Familienzuwachs sind: Auch wenn ich aktuell nach der Geburt meiner Tochter etwas weniger am Blog arbeiten kann, werde ich mit dem Projekt noch mindestens bis 2018, dem 100. Jahrestag des Kriegsendes, beschäftigt sein – danach kann ich ja immer noch einen Papa-Beauty-Fashion-Koch-Blog nachlegen.

www.opaskrieg.de

Artikel von www.top-magazin.de/bonn