Freizeit

650 Jahre Pützchens Markt

Vom Ort des Betens zum Zentrum des Vergnügens – Bonn feiert den stolzen Geburtstag seines traditionsreichen Volksfestes. Pützchens Markt findet vom 8. bis 12. September 2017 statt.


 

Vilich im Mittelalter: Um die erste Jahrtausendwende setzt eine furchtbare Dürre den Menschen zu. Adelheid von Vilich, Äbtissin der örtlichen Benediktinerinnenabtei, kommt den Hungernden zu Hilfe. Um die Verzweifelten von ihrem Unglück zu befreien, schickt sie ein Stoßgebet zum Himmel und stößt mit ihrem Äbtissinnen-Stab in die Erde. Prompt sprudelt an der getroffenen Stelle Wasser aus dem Boden… so will es zumindest die Legende. Der entstandene Brunnen – rheinisch auch Pütz genannt – ist nicht nur Namensgeber des Dorfes, sondern auch Anlass für die Entstehung eines Volksfestes, das wir heute als Pützchens Markt kennen.

Die Wallfahrt zu Ehren der heiligen Adelheid von Vilich, Äbtissin der örtlichen Benediktinerinnenabtei, gilt als Ursprung des heutigen Pützchens Markt.

Die Wallfahrt zu Ehren der heiligen Adelheid von
Vilich, Äbtissin der örtlichen Benediktinerinnenabtei, gilt als Ursprung des heutigen
Pützchens Markt.

Es war einmal

Nach ihrem Tod führte die Verehrung der heiligen Adelheid zu einer Wallfahrt nach Vilich und später auch nach Pützchen. Clevere Zeitgenossen witterten ein Geschäft und errichteten Zelte, um die Pilger mit Waren zu versorgen. Bald gesellten sich Gaukler, Tierbändiger und Artisten hinzu und aus dem Warenmarkt wurde mit der Zeit ein Jahrmarkt. Über die Jahrhunderte entwickelte sich dieser zu einer modernen Kirmes mit Fahrgeschäften, die dank des technischen Fortschritts immer größer, höher und schneller wurden. Heute – genau 650 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1367 – pilgern jährlich über eine Million Besucher auf die Marktwiesen am ehemaligen Dorfrand. Damit ist das traditionsreiche Volksfest zwar nicht das größte im Rheinland, gilt aber als umsatzstärkster 5-Tage-Markt Deutschlands.

 

Höher, schneller, weiter

An die ursprüngliche Bedeutung als Warenmesse erinnert bis heute der Pluutenmarkt (vom rheinischen Pluute für Kleidung), der im Mittelalter rund um die Pützchener Dorfkirche St. Adelheid stattfand. Der Großteil der Besucher kommt mittlerweile jedoch, um sich durch die vielen Jahrmarkt-Leckereien zu schlemmen, im legendären Bayernzelt zu feiern oder sich auf einem der vielen Attraktionen einmal so richtig durchschleudern zu lassen. Auf 80.000 Quadratmetern bauen etwa 550 Schausteller ihre Fahrgeschäfte und Vergnügungsbuden auf: von A wie Action bis Z wie Zuckerwatte ist hier für jeden etwas dabei.

 

Im Wandel der Zeit

Was Karussells und Attraktionen betrifft, war Pützchens Markt stets auf dem neuesten Stand. „Über die Jahre sind immer neue Fahrgeschäfte hinzugekommen“, erinnert sich Schausteller Hubert Markmann, dessen Familie sich seit Generationen auf dem Bonner Jahrmarkt heimisch fühlt. „Andere Angebote sind hingegen verschwunden. Losbuden zum Beispiel. Zu meiner Kindheit gab es noch acht. Heute ist es nur noch eine.“ Auch am Autoscooter sähe man, wie sich die Vorlieben der Besucher gewandelt haben. Der Fahrstil sei heute deutlich aggressiver. „Der Kick muss größer sein.“ Im Gegenzug habe sich aber auch das Sicherheitsbedürfnis verschärft. „Mal schauen, wie spannend der Klassiker für Kinder und Jugendliche bleibt, wenn es bald zusätzliche Sicherheitsbügel gibt“, spekuliert Hubert Markmann.

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Rückblick in Bildern

In den 1960er Jahren erfreuten sich Groß und Klein an Attraktionen wie dem „Lustigen Weinberg“, in dem Besucher über Rollen laufen mussten oder von Luftstößen aus dem Boden überrascht wurden. „Den Herren, die damals noch mit Hut auf die Kirmes kamen, gingen dabei regelmäßig ihre Kopfbedeckungen fliegen“, erinnert sich Karl-Heinz Erdmann, Mitherausgeber einer Monografie zur Geschichte des Marktes. Gemeinsam mit Michael H. Faber und anderen Autoren hat er unzählige Bilder sowie die dazugehörigen Anekdoten zusammengetragen. Darunter auch zahlreiche Kuriositäten: Auf Kirmesbildern der Nachkriegszeit taucht zum Beispiel wiederholt ein Eisbär auf – kein Tier, sondern ein kostümierter Mensch, der als „Foto-Eisbär“ über den Markt schlenderte und sich für Schnappschüsse bereitstellte. Aufnahmen aus den 1980er Jahren zeigen unter anderem die legendäre Box-Bude, die damals zu den Publikumsmagneten zählte. Einige Fotografien stammen von Anwohnern, die auf Pützchens Markt sogenannte Haus- oder Straußwirtschaften betrieben. Eine Tradition, die auch heute noch – wenn auch immer seltener – weiterlebt und auf die Ursprünge des Marktes zurückgeht. Denn schon vor Jahrhunderten öffneten Pützchener Bürger Haus und Hof, um den Wallfahrern Unterkunft und Verpflegung in Form von Hausmannskost zu bieten.

 

Artisten und Freak-Shows

Während in den vergangenen Jahrzehnten auch unzählige Privatleute das Marktgeschehen festhielten, wird die Fotoausbeute aus der Zeit vor den Weltkriegen dünner. Einen Fotoapparat besaß damals kaum jemand. Welche Attraktionen das Volksfest zu jener Zeit bereithielt, zeigen erhaltene Postkarten oder auch Zeichnungen. Anfang des 20. Jahrhunderts begeisterten zum Beispiel Tierschauen, Hochseilartisten und Varietés das Publikum, aber auch die skrupellose Zurschaustellung von Menschen mit Fehlbildungen oder Anomalitäten.

 

Trends und Traditionen

Groteske Trends wie die sogenannten „Freak-Shows“ gingen zum Glück vorüber. Andere Rituale sind mit der Zeit zur Tradition geworden. Dazu gehört zum Beispiel der Fassanstich im Bayernzelt zur Eröffnung der Kirmes. Diesen übernimmt für gewöhnlich das aktuelle Stadtoberhaupt. Seit sieben Jahren organisiert der Freundeskreis Pützchens Markt zudem einen historischen Festumzug über das Marktgelände. Am Sonntagmorgen findet traditionell ein katholischer Festgottesdienst für die Schausteller statt. Am Montagmorgen sind wiederum die Kinder aus den Waisenhäusern der Region zu Freifahrten eingeladen. Am Dienstag zieht die Musikkapelle der Schausteller über den Platz, bevor am Abend der Jahrmarkt mit einem Feuerwerk endet. Für so manchen Besucher gehört übrigens auch eine Stippvisite am Adelheidis-Brunnen zum perfekten Kirmes-Ausflug. Einfach, um den Anfängen des Marktes zu huldigen, oder auch, um sich dort die Augen auszuwaschen. Dem Wasser des Quells sprechen Gläubige bis heute Heilkräfte zu, besonders bei Augenerkrankungen.

 

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Pützchens Markt
650 Jahre in Bonn am Rhein

Herausgegeben von Prof. Dr. Karl-Heinz Erdmann
und Dr. Michael H. Faber

Zu beziehen über den Bouvier-Verlag:
info@bouvier-verlag.de

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn