Wirtschaft

Konkurrenzfähig bleiben

So rüstet sich die Bonner Innenstadt für die Zukunft


Die Tendenz lässt sich nicht verleugnen: Immer mehr Kunden shoppen lieber von der heimischen Couch aus, als sich auf den Weg in die Fußgängerzone zu machen. Jetzt sollen gleich mehrere Projekte, Aktionen und Ideen zeigen, wie attraktiv der Einkauf beim regionalen Anbieter weiterhin ist – vor Ort oder bequem im Netz.

Vom Sterben der Innenstädte ist vielerorts die Rede. Online-Handel, Outlet-Center, Verkehrskollaps – sie alle machen dem stationären Handel das Leben schwer. „Warum so pessimistisch?“, fragt Patricia Richarz vom City-Marketing Bonn. Sie möchte von der Schwarzmalerei nichts hören und betont stattdessen, dass wir uns in Bonn über einen äußerst lebendigen und gesunden Stadtkern freuen können, „mit einer der größten zusammenhängenden Fußgängerzonen Deutschlands, so gut wie keinem Leerstand sowie einer schönen Mischung aus inhabergeführten Geschäften und überregionalen Ketten“.
Doch das Kaufverhalten der Kunden hat sich verändert, Frequenzen gehen zurück. Entsprechend müssen neue Geschäftsmodelle her, damit der stationäre Handel auf Dauer konkurrenzfähig bleibt. Viele der großen Player arbeiten schon seit Jahren an entsprechenden Strategien. Unter den Inhabern kleiner Geschäfte sieht das mitunter anders aus. „Die allermeisten wissen jedoch, dass etwas passieren muss“, sagt Patricia Richarz und spricht von einer Aufbruchstimmung in der Bonner Innenstadt. „Auch wenn das Sprichwort ‚Handel ist Wandel‘ für den einen abgedroschen klingen mag, so ist es in unserer heutigen Zeit der schnelllebigen Innovation doch aktueller denn je“, betont Tanja Kröber, Vizepräsidentin der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Nichtstun ist an dieser Stelle der falsche Schritt.“

Lokal goes digital

Experten empfehlen, dass sich auch der stationäre Handel im World Wide Web positioniert. So gilt eine zeitgemäße Webpräsenz mittlerweile auch für kleine Geschäfte als Pflicht. „Ein Kunde, der nicht weiß, dass es mich gibt, wird mich auch nicht gezielt aufsuchen“, sagt Tanja Kröber. Laut IHK-ibi-Handelsstudie 2017 ist bereits ein Großteil der befragten deutschen Händler im Internet auffindbar. Mehr als ein Drittel haben ihren Web-Auftritt zudem mobil optimiert. Die Einrichtung eines eigenen Online-Shops kann Sichtbarkeit und Reichweite weiter erhöhen, ist jedoch mit zusätzlichem Aufwand verbunden. „Gerade für kleine Händler stellt es eine große Herausforderung dar, einen Online-Shop professionell und profitabel zu betreiben“, sagt Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH Institut für Handelsforschung Köln. „Der Wettbewerb im Netz ist hart.“ Da ist es gar nicht so einfach, vom Konsumenten wahr- und ernstgenommen zu werden.

Eine Lösung möchte ein Pilotprojekt der DHL bieten: AllyouneedCity Bonn. Auf dem Online-Marktplatz präsentieren Einzel-händler aus Bonn ihre Geschäfte und Sortimente. Er bietet Usern die Möglichkeit, rund um die Uhr und von der heimischen Couch durch die lokale Produktvielfalt zu stöbern. Die Angebotskategorien reichen von Haus und Garten, über Technik und Unterhaltung bis hin zu Schmuck und Mode. Wer sich für ein Produkt entschieden hat, kann dieses direkt online bestellen, bezahlen und nach Hause liefern lassen – auf Wunsch sogar innerhalb von 120 Minuten. Immerhin muss die Ware nicht erst durch die gesamte Bundesrepublik transportiert werden.

 

Vertriebskanäle verknüpfen

Multi-Chanelling lautet das Zauberwort. Der intelligenten Verknüpfung mehrerer Vertriebskanäle gehört laut Experten die Zukunft. Speziell junge Konsumenten wollen nicht zwischen offline und online unterscheiden und nutzen ganz selbstverständlich alle zur Verfügung stehenden Optionen. Ein Blick auf die IHK-ibi-Handelsstudie 2017 zeigt, dass bereits mehr als ein Drittel der befragten Händler sowohl online als auch stationär verkaufen – Tendenz steigend. Unter den Großen sind es sogar schon über die Hälfte. Besonders deutlich wird die Verschmelzung auch in der Banken-Branche. „Viele unserer Kunden wollen zwar persönlich beraten werden, ihre alltäglichen Bankgeschäfte dann aber online durchführen“, beobachtet Marc Ernesti, Niederlassungsleiter der Commerzbank in Bonn. Entsprechend wird beiden Bereichen der gleiche Stellenwert eingeräumt.

Gut beraten

Das Filialgeschäft auf ein Minimum zu reduzieren, käme für die Commerzbank nicht in Frage. „Besonders in beratungsintensiven Branchen ist persönlicher Kontakt nach wie vor gefragt“, sagt Marc Ernesti und verweist auf das Ergebnis einer Befragung: „Rund 2/3 unserer Kunden wollen eine Kontoeröffnung lieber in der Filiale vornehmen. Obwohl sich auch dieser Vorgang mittlerweile mühelos von der heimischen Couch abwickeln lässt.“

Beratung schlägt Bequemlichkeit. Nicht nur in der Bankenbranche, sondern auch im stationären Handel gilt es, sich auf Kernkompetenzen wie diese zu besinnen.
„Wer versucht, einfach nur bei Produkten, Sortiment und Preis 1:1 mit dem Online-Handel mitzuziehen und die online nicht vorhandene Beratung durch eine schlechte zu ersetzen, wird im Preisvergleich sehr oft verlieren, manchmal alles“, warnt Unternehmer und Keynote-Speaker Roman Kmenta. Differenzierung lautet seine Empfehlung. Neben einem Fokus auf kompetenten Service rät er, den Einkauf zu einem Erlebnis werden zu lassen, alle Sinne zu bespielen und individuelle Schwerpunkte zu setzen: „Nachdem die Fläche ein kostspieliges Thema ist, kann man im stationären Handel nicht mit dem riesigen Online-Angebot großer Online-Händler mithalten. Eine erfolgreiche Strategie kann daher sein, weniger Breite und sehr viel mehr Tiefe im Produktsortiment zu bieten. Es erhöht die Kompetenz enorm, sich auf bestimmte Produktbereiche zu fokussieren und alles andere rauszuschmeißen. Dadurch wird man in den Augen der Kunden verstärkt als Experte wahrgenommen und einem Experten wird mehr Kompetenz zugemutet und oft mehr Vertrauen entgegengebracht.“

 

Multi-Chanelling lautet das Zauberwort. Der intelligenten Verknüpfung mehrerer Vertriebskanäle gehört laut Experten die Zukunft.

 

Emotionalität und Identifikation

In einer Zeit, in der viele bereits alles haben, geht es schon lange nicht mehr um Bedarfsdeckung. „Emotionalität und Identifikation sind aus meiner Sicht entscheidende Hebel für zukünftig erfolgreichen Handel“, sagt Boris Hedde. Gerade in diesem Punkt können und wollen die Innenstädte punkten. Entscheidend sind dabei allerdings nicht nur die Geschäfte selbst, sondern auch das Drumherum. „Die Kommune kann wertvolle Unterstützung liefern, indem sie wichtige Voraussetzungen schafft“, sagt Tanja Kröber. Dazu zählt eine gute und uneingeschränkte Erreichbarkeit der Innenstadt mit allen Verkehrsmitteln. Aber auch die Attraktivität der heimischen Einkaufsstraßen, was Themen wie Sauberkeit, Gastronomie und Veranstaltungsvielfalt einschließt.

In Bonn soll aktuell eine neue, öffentlichkeitsstarke Kampagne wieder mehr Menschen in die Fußgängerzone locken. Einprägsamer Slogan: „Bonn City – hier finden wir STADT“. Initiatorin Maike Reinhardt und ihr Team rufen alle ansässigen Einzelhändler dazu auf, ein regelmäßig wechselndes Überthema mit Leben zu füllen – sei es durch lustige Aktionen, verlockende Rabatte oder eine kreative Schaufensterge staltung. Zum Auftakt im Mai hieß es „Verliebt in Bonn – Frühlingserwachen in der City“. 32 Händler haben sich dem ersten Aktionsmonat angeschlossen. An einem Aktionsstand auf dem Münsterplatz konnten Besucher attraktive Preise gewinnen, darunter Einkaufsgutscheine in Form von BonnTalern oder Tickets für kostenloses Parken. Zudem waren Promo-Teams unterwegs, um Besucher zu begrüßen und Free Hugs zu verteilen.

„In Bonn ist immer etwas los“, sagt Maike Reinhardt. „Der Besuch in der City ist ein Erlebnis für alle Sinne, das Onlineshops oder Mega-Malls nicht bieten können.“ Pünktlich zur WM bricht zum Beispiel Fußballfieber aus: „Jubeln in Bonn“ lautet das Kampagnen-Motto für Juni/Juli. Im September wird es dann klassisch: Anlässlich des Beethovenfestes sind Aktionen zum Thema „So klingt nur Bonn“ geplant.
Kurzum: Im Bonner Zentrum tut sich was. Einen Abgesang muss also noch niemand anstimmen!

Artikel von www.top-magazin.de/bonn