
Sie ist die neue Frau im Leitungsstand der Essener Universitätsmedizin, und kehrt damit nach wegweisenden Jahren in Medizin und Forschung zu ihren Wurzeln zurück. Prof. Dr. Angelika Eggert hält als Ärztliche Direktorin und Vorstandsvorsitzende die Fäden für die 11.000 Beschäftigten in der Hand und baut dabei die Brücken zwischen den Berufsgruppen und Disziplinen des Hauses, in dem für sie alles bereits mit ihrer Ausbildung begonnen hat. Vor allen Dingen aber die Brücke zwischen der Erkenntnis aus der Wissenschaft und der daraus erwachsenden Medizin direkt für die Menschen ist ihr elementar wichtig.
„Ja, es ist ein nach Hause kommen“, lächelt die 58-Jährige und meint damit nach Stationen zwischen Philadelphia/USA und Berlin „ihr“ Uniklinikum einerseits, aber auch das Ruhrgebiet insgesamt. Bis 2013 hat die gebürtige Bergkamenerin immer wieder in verschiedenen Funktionen in Essen gelernt, geforscht und gearbeitet, bevor sie mit viel Forschungserfahrung aus den USA an die renommierte Charité in Berlin berufen wurde. „Nach den 12 Jahren habe ich festgestellt, wie sehr mir die Ruhrgebietsmentalität gefehlt hat“, sagt Prof. Eggert und ist dabei weit davon entfernt, in Heimattümelei oder Provinzialität zu verfallen.
Im Gegenteil – die Bereitschaft, die Welt der Medizin zu erobern und für sich auch gründlichst zu durchdringen, hat sie weit in der Welt herumgeführt. Ihre medizinische Laufbahn beginnt an der Universität Duisburg-Essen, bereits das erste Praktikum absolviert Angelika Eggert 1988 in der Essener Universitätsmedizin. Ab 1993 schließt sich hier ihre praktische Ausbildung als Ärztin an. Wofür ihr Herz besonders schlägt, ist ihr schon im Studium klar: die Arbeit mit Kindern, dabei dann vor allem die Kinderonkologie. „Das erdet, wenn man da echte Probleme des Lebens kennenlernt und plötzlich manches im Alltag nicht mehr so tragisch findet“, hat sie in dieser Arbeit erfahren. Die aber hat auch viele positive Seiten: „Bei Kindern haben wir Heilungschancen von über 80 Prozent“. In dem Feld hat sie ihre Leidenschaften verbunden: Die Arbeit mit Kindern und die Onkologie, die Forschung und die Umsetzung der Innovationen in die Praxis. „Kinder sind toll, so offen, und sie leben im Jetzt“, lächelt Angelika Eggert, die als Professorin mit ihrer Verbindung von Pädiatrie und Onkologie immer noch eine Exotin ist. Ihr Antrieb: „Wenn etwas in der Praxis nicht funktioniert, dann setzt das die Energie frei, im Labor noch energischer nach neuen Erkenntnissen zu suchen“.
Und das bestimmt schließlich die Schritte ihrer Laufbahn: Nach dem Medizinstudium mit Promotion in Molekularbiologie und den ersten vier Jahren als Assistenzärztin in Essen ergreift sie 1997 die Chance für einen Forschungsaufenthalt am Children's Hospital in Philadelphia. Ein Stipendium der Mildred-Scheel-Stiftung macht es möglich Eggerts Spezialthema dort, wird schließlich auch zu ihrem Spezialfach: das Neuroblastom, eine ganz besondere Krebsform in der Onkologie. Neugierig und immer offen für neue Herausforderungen, wird sie im Rahmen ihrer pädiatrischen Facharztausbildung darauf aufmerksam, glaubt erst kaum, dass ihr das Stipendium zugesprochen wird, nutzt dann aber konsequent die Chance. Sie sieht das zunächst nicht als Karrieresprung, folgt vielmehr ihrem Bauchgefühl und der Frage „Wozu habe ich Lust?“. Eine Entscheidung, die die Medizinerin nie bereut hat: „Dort gab es in der Forschung alle Möglichkeiten, und die Amerikaner beziehen auch Newcomer viel früher wirklich ein“. So wird aus der damals eher noch schüchternen und zurückhaltenden jungen Frau eine selbstbewusste Medizinerin mit ganz neuem Auftreten, die heute sagt: „Ohne Amerika hätte ich das so nie geschafft“. Und die Amerikaner hätten sie auch gerne dortbehalten, doch der Ärztin fehlt in der reinen Forschung die praktische Versorgung der Patienten mit all den neuen Erkenntnissen. Also kehrt sie 2000 nach Deutschland zurück, wieder nach Essen, erst als Assistenzärztin, ab 2003 dann als Oberärztin mit Forschungsprofessur im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin. Nach ihrer Habilitation folgt wieder der Brückenschlag zwischen Patientenversorgung und Forschung mit einer Professur für pädiatrisch-onkologische Forschung, gleichzeitig wird sie stellv. Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde III (Hämatologie/Onkologie, Pneumologie, Kardiologie).
Der nächste Schritt lässt auch nicht lange auf sich warten: 2007 wird Prof. Angelika Eggert zur Direktorin des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ) Essen berufen. Und sie sattelt noch eine Qualifikation drauf, absolviert parallel ein Masterstudium im Gesundheitsmanagement in Frankfurt. Dabei ist sie in der Funktion absolut zufrieden: „Ich dachte, ich hätte hier meinen Platz auf ewig gefunden“. Doch längst hat sie sich einen bundesweiten Ruf erworben, so klopft 2013 die Charité an und will sie als Direktorin der Klinik für Pädiatrie nach Berlin holen. Die neue Aufgabe reizt, also zieht Prof. Angelika Eggert mit 12 Leuten aus ihrem Team nach Berlin. Ihr Schwerpunkt dort ist die Onkologie/Hämatologie, im selben Jahr wird sie „Einstein-Professorin“ für pädiatrisch-onkologische Forschung.
Wieder denkt sie, sie hat ihren Platz gefunden, da melden sich die „alten“ Kollegen aus Essen – die Leitung der Universitätsmedizin ist zu vergeben. Sie überlegt, schlägt schließlich ein, kehrt in die (medizinische) Heimat zurück und ist hier nun endgültig angekommen. Als Ärztliche Direktorin und Vorstandsvorsitzende kennt sie die Abläufe und Bedürfnisse von der Pike auf und bringt noch mehr mit als den reinen Blick aus dem weißen Kittel, hat sich als Studentin ein Zubrot an der Pforte und nachts im Pflegedienst der Kinderklinik verdient. „Da erfährt man die absoluten Basics. Und das kann ich nur jedem empfehlen – das verstärkt auch das Verständnis für die Pflege, die Anforderungen und Belastungen dort. Man lernt: Eine erfahrene Pflegekraft weiß manches definitiv besser als ein blutjunger Arzt. Da kann man lernen zuzuhören und das auch umzusetzen“, lächelt die Chefin.
Heute ist ihre Hauptaufgabe dagegen das Management des großen Apparates mit seinen 11.000 Mitarbeitenden, der die höchstklassige medizinische Versorgung der Menschen in der Fläche sicherstellt. Für Prof. Dr. Angelika Eggert ist dabei elementar: Sie kennt den Klinikbetrieb von innen eben aus dem Effeff, ist keine Quereinsteigerin. Und sie blickt aus der tiefen Kenntnis heraus mit Stolz auf die Essener Universitätsmedizin. „Ich habe hier vor allen Dingen die herausragende Qualität der medizinischen Leistungen nach meiner Zeit in Berlin wiedergefunden. Das müssen wir noch viel selbstbewusster vertreten. Auch international“, beschreibt sie die Grundlagen und steckt die Ziele: „Noch mehr Innovation im Sinne von Technologietransfer. Was hier geleistet und erfunden wird, müssen wir noch besser an den Markt bringen. Den Einsatz von KI, von Prof. Werner schon angestoßen, werden wir systematisch weiter ausrollen“. Und es gibt aus Sicht von Prof. Eggert noch großen Bedarf bei der Krankheitsprävention, bei Umweltmedizin und One Health. Viele Disziplinen, viele Perspektiven von der kaufmännischen über die klinische bis zur wissenschaftlichen. Viele Aufgaben zum Brückenbauen für die Frau im Leitungsstand.
Mit einem Strahlen nimmt Prof. Dr. Angelika Eggert ihre Aufgabe als Ärztliche Direktorin und Vorstandsvorsitzende der Essener Universitätsmedizin in die Hand.