
Die Frau, die das sagt, weiß, wovon sie spricht: Julia Becker, Verlegerin und Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe, gehört zu den mächtigsten Medienpersönlichkeiten in Deutschland. Am Jakob-Funke-Platz in Essen, wie der Verlag selber benannt nach ihrem Großvater, steht die markante Firmenzentrale des Medienimperiums. Im Revier mit der ursprünglichen WAZ tief verwurzelt, ist es mit seinen Zeitungen an Standorten in Berlin und Hamburg, Braunschweig und Thüringen sowie mit seinen Zeitschriften in München längst einer der größten Player in Deutschland.
Sie sind im Ruhrgebiet verwurzelt. Was hat diese Region mit Ihrer Haltung zu Medien und Öffentlichkeit zu tun?
Hier bei uns im Ruhrgebiet schätzt man Offenheit und geht direkt miteinander um. Das hat mich geprägt. Hier geht es den Menschen vor allem um ihre Probleme und Wünsche im Alltag, nicht um abgehobene Debatten. Wer im Ruhrgebiet arrogant und von oben herab auftritt, hat schon verloren. Und das prägt auch die Arbeit unserer Journalistinnen und Journalisten: Sie erklären, ordnen ein, geben den Menschen Orientierung. Sie begegnen den Leserinnen und Lesern auf Augenhöhe, spielen sich nicht als ihre Lehrer auf.
Wird der Lokaljournalismus überleben, und wenn ja, eher ein wirtschaftliches Produkt oder eine demokratische Infrastruktur sein?
Die freie, vom Staat unabhängige Presse ist immer beides: ein wichtiger Teil der demokratischen Infrastruktur und ein wirtschaftliches Produkt, das so gut gemacht werden muss, dass es die Leser erreicht und am Markt besteht. Ohne guten Lokaljournalismus würden die Bürgerinnen und Bürger nicht erfahren, was die Politik im Rathaus macht, und viele zivilgesellschaftliche Initiativen hätten kaum eine Chance, ihre Anliegen bekannt zu machen.
Was kann eine regionale Zeitung leisten, was Social-Media-Plattformen grundsätzlich nicht leisten können?
Niemand hinterfragt, ob das, was auf den Plattformen gepostet wird, der Wahrheit entspricht, Hetze ist, und schon gar nicht, warum eine Information zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlicht wird. Die Nutzerinnen und Nutzer werden berieselt, was viel geklickt wird, wird vom Algorithmus gepusht, vollkommen egal, ob es stimmt oder eine Lüge ist. Es geht nur darum, die Nutzer möglichst lange auf ihren Seiten oder Apps zu halten und Werbung zu verkaufen.
Für journalistische Medien wie unsere gibt es dagegen klare Regelungen, wie sie zum Beispiel im Pressekodex festgelegt sind, in Bezug auf ethische journalistische Standards bei Opferschutz, Sorgfaltspflicht oder Diskriminierung. Jeder Mensch kann sich beim Deutschen Presserat beschweren, wenn er Hinweise auf mögliche Verstöße sieht – und die Verlage werden dann auch verpflichtet, zum Beispiel Gegendarstellungen abzudrucken.
Der Kernpunkt ist: Unsere Zeitungen und digitalen Angebote wollen die Leserinnen und Leser seriös informieren und unterhalten. Wir verbiegen die Wirklichkeit nicht für ein paar Klicks, und unsere Leser und Nutzer würdigen das auch, sonst wären wir nicht so erfolgreich.
Sehen Sie die Social-Media-Plattformen und die großen KI-Systeme als Gefahr?
Die Plattformen sind wie auch die KI-Systeme für uns wirtschaftlich eine Bedrohung, denn sie sind kein fairer Wettbewerber. Ein großer Teil der Inhalte, die dazu beitragen, dass sie attraktiv sind, stammt von den klassischen Medien weltweit. Und obwohl das so ist, werden wir dafür nicht bezahlt. Ich bin daher für eine Digitalabgabe, die Plattformen sollen für die Leistungen, die sie nutzen, auch zahlen. Sehr gut ist aus meiner Sicht, dass diese Forderung auch in der Politik immer mehr Unterstützer findet.
Welche Rolle spielt die Entwicklung der künstlichen Intelligenz für Ihre Mediengruppe?
Ein Medienunternehmen unserer Größe ist heute immer auch ein Tech-Unternehmen. Künstliche Intelligenz ist für uns ein Werkzeug, mit dem wir zum Beispiel Bilder erstellen können, wie Bauprojekte in einer Stadt am Ende aussehen könnten – und das dann aber für die Leser auch klar kennzeichnen als KI-unterstützten Inhalt. Unsere Journalistinnen und Journalisten nutzen KI zur Recherche, überprüfen jedoch alle Ergebnisse noch einmal. Ein Ersatz für Journalismus, auch für Fotojournalismus, ist KI allerdings für uns nicht. Authentizität und Glaubwürdigkeit sind die Grundlage unserer Arbeit. Die wichtigste Leitlinie bei uns ist: Die letzte Entscheidung über die Art und Weise des Einsatzes von KI trifft bei FUNKE immer der Mensch.
Sie engagieren sich für die „Initiative 18“ und sponsern auch Schulvorführungen des Films „Führer und Verführer“. Jüngst haben Sie in Essen beide Initiativen in einer gemeinsamen Veranstaltung präsentiert. Gab es Begegnungen mit jungen Menschen im Rahmen dieser Initiative, die Sie besonders bewegt haben?
Die „Initiative 18“ von Manfred Kluge und weiteren Unterstützern – darunter wir als FUNKE – fordert die Anerkennung einer vielfältigen Medienlandschaft mit validen Inhalten als Eckpfeiler der Demokratie. Gemeinsam möchten wir erreichen, dass freie, sichere und nachhaltige Medien als das 18. Nachhaltigkeitsziel der Vereinten Nationen aufgenommen werden.
Ich mache mir große Sorgen wegen rechtsradikalem Populismus und Fake News. Beides gehört für mich eng zusammen. Der Film „Führer und Verführer“ von Produzent Michael Souvignier und Regisseur Joachim Lang zeigt das sehr deutlich, indem er einen Blick in den innersten Kreis der Nazis wirft und das Verhältnis von Goebbels und Hitler erklärt. Wir haben als FUNKE Mediengruppe in der Lichtburg Essen diese gemeinsame Veranstaltung organisiert, und nach der Filmvorführung mit den Menschen diskutiert. Dort habe ich eine für mich bis heute prägende Begegnung gehabt: Ich lernte Leon Weintraub kennen. Er gehört zu den wenigen Zeitzeugen, die heute noch leben, und ist als Jude der Ermordung entgangen. Ihn kennenlernen zu dürfen, hat mich sehr bewegt, und ich werde nie vergessen, was er uns Jüngeren in der Lichtburg mit auf den Weg gab: „Es ist für mich unbegreiflich“, sagte er, „wie der Holocaust, ein Ereignis, das wie kein anderes zuvor in der Geschichte der Menschheit in Worten, Bildern und Filmen dokumentiert wurde, derart in Vergessenheit geraten und von einigen Extremisten sogar geleugnet werden kann.“
Julia Becker führt die FUNKE Mediengruppe in dritter Generation als Familien-Verlegerin.