
Ralf Richter ist einer dieser Kultdarsteller, die man zu kennen glaubt – und doch immer wieder neu lesen muss. Einer, der deutsche Filmgeschichte mitgeschrieben hat, ohne sich je selbst in den Vordergrund zu stellen. Der als junger Schauspieler mit „Das Boot“ Teil eines internationalen Kinoereignisses wurde und später mit Arbeiten wie „Rote Erde“ oder „Bang Boom Bang“ ganze Milieus geprägt hat. Kein Schauspieler der glatten Linien, sondern einer, der Reibung provoziert.
Wir treffen Ralf Richter zum Fotoshooting und Interview im Excelsior Hotel Ernst in Köln. Ein Schauspieler, der sich über Jahrzehnte hinweg durchaus auch über Lautstärke und einen rauen Ton bemerkbar gemacht hat. Im Gespräch wirkt er dagegen fast zurückhaltend, ist dennoch sehr präsent und konzentriert bei jeder seiner Schilderungen. Keine Show, kein Gestus, sondern Aufmerksamkeit und Präzision.
Richter ist 68 Jahre alt, geboren in Essen, aufgewachsen in Bochum. Das Ruhrgebiet ist für ihn kein biografisches Etikett, sondern ein innerer Maßstab. „Ich stehe dazu, dass ich aus dem Ruhrgebiet komme“, sagt er. Gemeint ist damit keine Folklore, sondern Direktheit: „Sich nicht jeden Scheiß erzählen lassen. Bodenständig bleiben.“ Diese Art, Dinge klar zu benennen – oft laut, manchmal unbequem – hat ihn geprägt und begleitet ihn bis heute.
Dass er Essen nur aus den ersten Lebensjahren kennt, ist schnell erklärt. „Ich war da nur ganz kurz. Mein Vater war Architekt und hat unser Bochumer Haus selbst gebaut. Solange es noch nicht fertig war, haben wir in Essen gewohnt.“ Danach geht es in die Nachbarstadt – dort wächst Ralf als Zweitältester von acht Kindern auf. „Wir hatten viel Platz und viel Freiheit – aber die meisten Abenteuer haben wir draußen erlebt.“ Ein Umfeld, das Eigenständigkeit fördert.
Das gilt auch für die Berufswahl – sein Vater habe nie versucht, Wege vorzugeben. So absolviert Richter zunächst eine Schreinerlehre, besucht danach für zwei Jahre die Westfälische Schauspielschule in Bochum, wird dort als „nicht ausbildungsfähig“ nach zwei Jahren entlassen. Und trotzdem geht der Bochumer unbeirrt seinen Weg: „Als ich angefangen habe, habe ich einfach weitergemacht“, sagt Richter. Über Claude Oliver Rudolph kommt er früh mit Theaterarbeit in Kontakt. Eine prägende Station wird die Zusammenarbeit mit dem früheren Bochumer Schauspielintendanten Peter Zadek zu seiner Zeit in Hamburg. In dessen Inszenierung „Andi“ spielt Richter die Rolle des Bodo – einen Milieutyp, Teil einer Clique, in der Gewalt und Grenzüberschreitung Normalität sind. Keine psychologische Ausdeutung, sondern Präsenz. Eine Erfahrung, die seine Arbeitsweise nachhaltig bestimmt. Richter bekommt zudem erste kurze TV-Rollen zunächst im Essener Tatort Herzjagd (1980), dann in Duisburg-Ruhrort (1981). Danach führt der Weg gemeinsam mit Claude Oliver Rudolph nach München, beide ohne Geld, beide dafür umso entschlossener. Sie schlafen sogar außerhalb der Stadt im Auto, bewerben sich Tag für Tag bei so vielen Agenturen wie möglich. Bis sie Willy Schlenter begegnen, der eng mit der Bavaria verbunden ist und das Casting für „Das Boot“ verantwortet. „Er hatte was an uns gefressen“, erinnert sich Richter. „Das Boot“ wird für ihn zum Durchbruch. Nicht als Ziel, sondern als Ergebnis eines Weges, der längst begonnen hatte. Entscheidend sei gewesen, dass danach weitere Arbeiten kamen – und dass er den Willen hatte dranzubleiben.
Eines seiner persönlich wichtigsten Projekte bleibt der Film „Rote Erde“. „Das war wie ein Western.“ Klare Konflikte, starke Figuren, echtes Milieu. „Das hat richtig Spaß gemacht und hat geschichtlichen Tiefgang.“ Wenn ihn eine Rolle nicht überzeugt und er keine Leidenschaft zur Verkörperung aufbringen kann, lässt er sie trotz guter Gagen lieber liegen. „Wenn mir was angeboten wurde, was keine Substanz hatte, war’s eher nicht meins”.
Oft spielt er harte Typen oder verkörpert Ruhrpott-Charaktere, erreicht Kult-Status als „Kalle Grabowski“ in „Bang Boom Bang – Ein totsicheres Ding“. Und in „Superstau“ gibt er den gestressten Gelsenkirchener Bergmann auf dem Weg in den Urlaub – für Richter genau die Rollen, die zu seiner Kindheits-Erfahrung passen. Gar nicht im Stau steht er bei einem Besuch der V8-Star-Rennserie der Essener Hopf-Holding mit den zwei Halbbrüdern Stephan Holthoff-Pförtner und Dicki Holthoff, begegnet dort auch Altfrid Heger, Gewinner des 1000 km ADAC Cups. Heger nimmt Richter mit auf die Strecke – und Richter sitzt nicht still, nicht zögernd, sondern will weiterfahren. Wo andere genug hätten, reicht ihm eine Runde nicht.
Bis heute ist Ralf Richter deutlich präsent. Er dreht, spricht Rollen, tritt live auf. Immer wieder ist er bei Kinoabenden rund um „Bang Boom Bang“ zu Gast, spricht mit dem Publikum über den Film. Dazu kommen Lesungsformate. „Du merkst sofort, ob’s ankommt.“ Der direkte Austausch ist ihm wichtig – auch als Korrektiv.
Seit vielen Jahren lebt Richter in Köln. Warum Köln? „Das hat sich ergeben“, sagt er. Kein bewusster Abschied vom Ruhrgebiet, sondern eine Verschiebung des Alltags. „Ich mag mein Viertel. Zentral, groß genug für Arbeit – und nah genug für echte Begegnungen.“ Hier engagiert er sich seit vielen Jahren aktiv für Obdachlose. Sein Fokus liegt dabei auf der Verbesserung der Lebensbedingungen und die Schaffung von Unterkünften. Verantwortung sei nichts, worüber man reden müsse, sondern: „man muss einfach machen“.
Auf: „Was ist geblieben?“ fällt seine Antwort klar aus: „Der innere Kompass. Laut sein zu können und trotzdem reflektiert zu handeln, ist kein Widerspruch“. Herkunft sei kein Kostüm, sondern Orientierung, ergänzt er, „Ruhrgebiet bleibt Ruhrgebiet – auch in Köln.“ Und genau darin liegt die Konstanz von Ralf Richter.
Den roten Teppich hat Ralf Richter zum Fotoshooting mit dem roten Sofa im Kölner Excelsior Hotel Ernst getauscht. Hier erzählt der Schauspieler auch über seine Wurzeln im Revier und wie sie seine Arbeit prägen.