
Wenn der erste Lichtstrahl des Tages die Nordseeinsel Juist berührt, beginnt für Kaja Danzer ein besonderer Moment. Die Stille der Natur, das Rascheln des Grases und das ferne Rufen der Möwen begleiten sie auf dem Weg in die Dünen. Für die junge Gastgeberin des Romantik Hotels Achterdiek ist die Jagd mehr als ein Hobby – sie ist gelebte Tradition und Ausdruck tiefer Verbundenheit zur Natur. Dass auf der autofreien Insel auch gejagt wird, überrascht viele. Für Kaja aber gehört die Jagd genauso zur Insel wie das Wattenmeer. Dabei geht es für sie nicht um Trophäen – sondern um Verantwortung, Handwerk und einen bewussten Umgang mit Ressourcen.
Bei der Jagd trifft für Kaja Familientradition auf moderne Verantwortung: Aufgewachsen im familiären Hotelbetrieb, wurde Kaja früh von der Leidenschaft ihres Vaters und Großvaters für die Jagd inspiriert, schon der Urgroßvater war Jäger. Auf der Insel Juist bedeutet die Jagd Notwendigkeit und Nachhaltigkeit. Juist, bekannt für seine unberührte Natur, beherbergt eine Rehpopulation, die ohne natürliche Feinde lebt. Um das ökologische Gleichgewicht zu wahren und die Vegetation zu schützen, ist eine regulierte Jagd unerlässlich. Heute führt Kaja diese Tradition fort, nicht nur als Jägerin, sondern auch als Gastgeberin, die ihren Gästen authentische Erlebnisse bietet. „Die Jagd ist für uns ein Vater-Tochter-Teamwork. Gemeinsam erleben wir die Natur, teilen Erfahrungen und pflegen Werte, die über Generationen weitergegeben wurden“, erzählt Kaja. „Wir tauschen uns aus, beobachten den Bestand und verarbeiten das Wild anschließend gemeinsam. Das verbindet – fachlich und persönlich.“ Denn, so betont die junge Frau: „Es geht nicht ums ‚Rumballern‘, sondern um Hege, Pflege und Verantwortung gegenüber der Natur.“
Und in einem Bereich, der lange Zeit männlich dominiert war, setzt Kaja als Frau in der Jagd mit neuem Selbstverständnis ein Zeichen. Als Teil einer neuen Generation weiblicher Jägerinnen bringt sie frischen Wind und eine andere Perspektive in die Jagdkultur. „Jagd ist heute keine Männerdomäne mehr. Vielfalt bereichert das Bild und führt zu einem bewussteren Umgang mit der Natur“, so Kaja. Die Verbindung von Jagd und Gas-tronomie wird im Romantik Hotel Achterdiek besonders deutlich. Unter dem Motto „Vom Ansitz auf den Teller: Kulinarik mit Herkunft“ findet das erlegte Wild, hauptsächlich Reh, direkt den Weg in die Hotelküche. Dabei wird das Tier vollständig verwertet – ein Ansatz, der Nachhaltigkeit und Respekt vor dem Tierleben demonstriert. „Unsere Gäste schätzen die Transparenz und Regionalität. Sie wissen, woher das Fleisch kommt und wie es verarbeitet wurde“, erklärt Kaja. Sie selbst ist keine Köchin, aber Gastgeberin mit Leidenschaft. Sie ist im Service, kennt ihre Gäste – und weiß, was sie bewegt. „Ich interessiere mich sehr für die Küche, besonders wenn es um Wild geht. Mich reizt der Gedanke, das Tier vollständig zu nutzen – nicht nur das Edle, sondern auch das, was sonst gern vergessen wird.“
Für Kaja ist die Jagd nicht nur ein Ausgleich zum Hotelalltag, sondern auch eine Lebensphilosophie. Sie steht für einen bewussten, nachhaltigen und respektvollen Umgang mit der Natur. „Die Jagd lehrt uns Geduld, Demut und Verantwortung. Diese Werte versuche ich auch in meiner Rolle als Gastgeberin zu vermitteln“, sagt sie. Jagd, Hotellerie, Regionalität sind für sie keine Gegensätze, sondern eine sinnvolle Verbindung. „Unsere Gäste kommen nach Juist, weil sie Echtheit suchen. Wir bieten ihnen nicht nur Erholung, sondern auch ehrliche Küche – mit nachvollziehbarer Herkunft und persönlicher Geschichte.“
Für Kaja gehören auch die Seehunde als fester Teil des Insellebens zum Naturschutz. Sie gehören zum Wattenmeer wie Ebbe und Flut. Sie liegen auf den Sandbänken, recken neugierig den Kopf aus dem Wasser – oder lassen sich bei den Fahrten zu den Seehundbänken beobachten. Für viele Gäste sind diese Momente ein Höhepunkt ihres Urlaubs, sind aber für die Einheimischen der Insel wie Kaja weit mehr als nur ein schönes Fotomotiv.
„Die Seehunde sind ein wichtiger Teil unseres Ökosystems“, sagt Kaja. Auch die Seehunde unterliegen dem Jagdrecht, daher gehören sie zu den jagdbaren Arten, allerdings mit ganzjähriger Schonzeit. Durch das Jagdrecht haben sie einen sehr guten Schutz, da es eine Straftat wäre, wenn sich jemand einfach einen Seehund aneignet. Der Begriff „Seehundjagd“ stammt aus einer Zeit, in der man die Bestände noch ganz anders kontrolliert hat. Heute geht es bei diesem Begriff längst nicht mehr um das Schießen, sondern um das Beobachten, Zählen und Einschätzen des Bestandes. Und auch darum, gefährdete Tiere zu erkennen. Findet jemand einen Heuler – also ein mutterloses, geschwächtes Jungtier – am Strand, wird die Seehundstation Norddeich informiert. Die Tiere werden dort aufgenommen, medizinisch versorgt und mit der nötigen Ruhe wieder aufgepäppelt, bevor sie zurück ins Wattenmeer entlassen werden.
„Viele auf der Insel haben einen wachsamen Blick – wir alle schauen hin, wenn ein Seehund sich ungewöhnlich verhält. Das gehört hier einfach dazu.“ Auch bei den Fahrten zu den Seehundbänken, die regelmäßig vom Hafen aus starten, steht nicht der Erlebnisfaktor allein im Mittelpunkt. Die Gäste erfahren viel über das Leben der Tiere, ihre Rolle im Ökosystem und die Herausforderungen, mit denen sie durch Umweltveränderungen und den Schiffsverkehr konfrontiert sind. „Ich finde es schön, dass wir hier auf Juist beides verbinden: Natur genießen – und gleichzeitig dafür sensibilisieren, was es heißt, sie zu schützen“, sagt Kaja.
So wird deutlich: Ob bei der Rehjagd in den Dünen oder beim Schutz der Seehunde im Wattenmeer – das Leben auf Juist ist geprägt von einem besonderen Verhältnis zur Natur. Und von dem Willen, mit ihr – nicht gegen sie – zu leben.
Kaja Danzer steht früh auf, wenn die Jagd ruft. Die junge Frau lebt damit auf der Insel Juist eine Familientradition im Sinne von Verantwortung und Nachhaltigkeit.