
Es gibt Frauen, die ihr Leben sortieren. Und es gibt Frauen, die es orchestrieren. Yara Reichert ist Letztere. 56 Jahre alt, vier Kinder, vier Examina mit Prädikat, mehrere erfolgreiche Unternehmens-Exits, ein Stall voller Pferde, internationale Turniere – und neuerdings wieder: Kamera, Licht, Fashion. Früher Laufsteg, heute Louisdor-Preis. Früher Editorial-Shootings, heute Grand Prix. Dazwischen ein Leben, das jedem „Entweder-oder“ leise den Mittelfinger zeigt. Yara Reichert ist eben genau das: die Unangepasste. Die Abenteurerin. Die Auffällige. Ralf Schultheiß hat die Powerfrau im Essener Schlosshotel Hugenpoet abgelichtet.
Auf dem Papier passt das alles nicht zusammen: Mutter, Unternehmerin, Ex-Model, Amateurin im Profizirkus Dressur, dazu jemand, der morgens um sieben im Sattel sitzt und nachmittags bei Hausaufgaben über Englisch und Französisch diskutiert. Und doch wirkt es bei Yara Reichert fast selbstverständlich. Sie ist nicht entweder Stil oder Substanz, nicht entweder Familie oder Erfolg, nicht entweder Ästhetin oder Athletin. Sie ist all das gleichzeitig – und genau daraus zieht sie ihre Kraft.
Radikaler Schnitt
Ihre Geschichte beginnt im Stall, nicht im Studio. Yara wächst mit Pferden auf, ihre Eltern reiten Vielseitigkeit, sie und ihre Schwester jagen querfeldein durchs Gelände. Schnell, wild, kompromisslos. Reiten bedeutet damals Freiheit, Risiko, Adrenalin. Dann kommt der Schnitt. Studium. Examen. Karriere. Businesspläne statt Busch, Konferenzräume statt Geländestrecke. Das Reiten rutscht nach hinten, während sie Unternehmen aufbaut, Verantwortung übernimmt, funktioniert.
Der Wendepunkt ist unspektakulär und gleichzeitig alles: die Geburt ihres ersten Sohnes. Am Tag seiner Entbindung kauft sie mit ihrem Mann ein Fohlen – Schwarze Perle. Ausgerechnet ein Dressurpferd. Ausgerechnet die Disziplin, in der jeder Hufschlag zählt, jedes Detail sichtbar wird, jedes „Pi mal Daumen“ gnadenlos auffliegt. Für die ehemalige Gelände-Amazone ein Kulturschock in Weiß.
Zu wenig oder zu viel?
Mit Schwarzer Perle beginnt Yara ihr zweites Kapitel im Sattel. Und nein, es liest sich nicht wie ein Märchen. Ihre ersten Jahre in der Dressur sind – in ihren eigenen Worten – „wirklich schlecht“. Zu große Blazer, fragwürdige Chaps, Halt ungefähr bei X. Zu früh, zu spät, zu wenig vorwärts, zu viel. Während andere geschmeidig durch die Prüfung gleiten, arbeitet sie sich von Nicht-Erfolg zu Nicht-Erfolg. Nur: Sie bleibt. Sie lernt. Sie lacht über sich selbst. Und sie macht weiter.
Parallel läuft das Leben im Überholmodus: In kurzen Abständen kommen Zwillinge und ein weiteres Kind dazu, ihre Unternehmen wachsen, werden verkauft, das Familienkonstrukt verschiebt sich immer wieder neu. Irgendwann zieht sie sich aus dem Tagesgeschäft zurück, um Platz zu schaffen – für ihre Kinder und für den Sport, den sie nicht mehr nur nebenbei machen will. Ab 7 Uhr sitzt sie im Sattel, reitet bis zu zehn Pferde, danach: Kinder, Hof, Mails, Entscheidungen. Auf die Frage nach Balance lacht sie nur: „Absolute Utopie. Irgendwas kommt immer zu kurz.“
Bloß kein Hengst!
Der vielleicht radikalste Moment ihrer Karriere beginnt mit einem Satz ihres Mann Canceles: Ob sie es in der Dressur nicht einmal international mit einem richtig guten Pferd versuchen wolle. Es war wie ein Raketeneinschlag. Dieser Satz sollte alles verändern und war der Startschuss für ihre bisher größte Zumutung an sich selbst. Bei einem der renommiertesten Pferdehändler Europas sagt sie noch: „Bloß kein Hengst.“ Am Ende fährt sie mit zwei Hengsten vom Hof: Valverde, der sensible Muskelberg mit bereits beeindruckender Titelliste, und Springbank, ein goldenes Kraftpaket, das sie beim Proberitt gefühlt mit 300 km/h durch die Halle zieht. Zwei Formel-1-Wagen, während sie sich noch wie die Fahrschülerin auf Probe fühlt.
Der Shitstorm lässt nicht lange auf sich warten. Eine Amateurin, die sich zwei Toppferde kauft – klar, das Narrativ schreibt sich von selbst. Nur ist es falsch. Denn Besitz ersetzt keine Arbeit. Und genau da beginnt das, was Yara wirklich ausmacht: Sie stellt sich der Lücke zwischen ihrem Können und dem Potenzial ihrer Pferde. Unterricht, Training, Umdenken. Weniger Ego, mehr Präzision. Weniger „wird schon“, mehr „nochmal“.
Mode, Management, Mutterschaft
Heute startet Yara Reichert in Prüfungen, in denen sie als Amateurin zwischen Berufs- und Kaderreitern reitet – Menschen, deren gesamtes Leben auf diesen Sport zugespitzt ist. Sie kommt aus einer anderen Richtung. Aus Mode, Management, Mutterschaft. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – behauptet sie sich. Sie trägt das Goldene Reitabzeichen, reitet in der höchsten Leistungsklasse, gehört zu den zehn besten Dressurreiterinnen Deutschlands und den 70 besten der Welt. Mit 56. Ohne klassischen Profiweg. Mit vollem Alltag.
Ihre Geschichte wäre unvollständig ohne die Momente, in denen alles auf der Kippe stand. Ein schwerer Unfall, beinahe lebensbedrohlich, reißt sie aus dem Sattel – im wahrsten Sinne. Mehrere Brüche, acht Stunden OP, Rollstuhl – und Wochen, in denen Reiten weit weg schien. Viele hätten an dieser Stelle einen Punkt gesetzt. Yara setzt ein Komma. Sie kehrt zurück. Nicht, weil es heroisch aussieht, sondern weil Aufgeben für sie schlicht kein vertrautes Konzept ist.
Stallgeruch statt Filterblase
Zwischen all dem steht dieser Hof in der Nähe von Landshut. Eine ehemalige Tierarztpraxis, die nach und nach zum funktionierenden Pferdebetrieb wird. Paddockboxen, Weiden, Stuten, Wallache, Hengste, die trotzdem jeden Tag auf die Koppel kommen, weil sie an Ausgeglichenheit durch Bewegung glaubt. Stallgeruch statt Filterblase. Es gibt Tage, an denen es so kalt ist auf der Baustelle, dass sie selbst ihre Beine nicht mehr spürt. Was macht Yara? Sie lacht, bis selbst der Humor nur noch Galgen kennt.
Autorin ihrer eigenen Geschichte
Und dann ist da die andere Bühne. Die, auf der sie einst als Model international für alle großen Marken und Designer unterwegs war. Heute kehrt sie dorthin zurück – aber als andere. Für ein Shooting mit einem der großen Namen der Mode- und Porträtfotografie steht sie wieder im Licht. Ralf Schultheiß. Der Unterschied: Sie ist nicht mehr nur Motiv, sie ist Autorin ihrer Geschichte. Fashion ist für sie kein hübsches Add-on, sondern Ausdruck ihrer Haltung. Mode, Pferde, Leistung, Familie – es sind keine getrennten Kapitel, sondern Facetten derselben Biografie. Im Grunde ist es das, was Yara immer schon gemacht hat: scheinbare Gegensätze nebeneinanderstellen, bis sie anfangen, miteinander zu sprechen. Vielleicht ist das am Ende ihr größter Bruch mit Erwartungen: dass sie sich nicht entscheiden will, welche Version von ihr „die richtige“ ist. Die Unternehmerin mit vier Examina. Die Mutter, die morgens Brotdosen packt. Die Amateurreiterin, die gegen Profis antritt. Die Frau, die Mode liebt und dennoch lieber im Matsch steht als im Backstage-Bereich eines Runways. Yara Reichert ist all das. Und sie weigert sich konsequent, sich auf eine Rolle reduzieren zu lassen.
Die Unangepasste – das ist bei ihr kein Etikett, sondern ein Lebensentwurf. Einer, in dem 56 kein Schlusspunkt ist, sondern eine Zahl mitten im Text. Einer, in dem Erfolg nicht wie ein Höhepunkt aussieht, sondern wie ein Prozess. Und einer, in dem das Spannendste nicht das ist, was war, sondern das, was als Nächstes kommt.
Die Location: Das Schlosshotel Hugenpoet
Das Schlosshotel Hugenpoet im Essener Stadtteil Kettwig ist ein barockes Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert, umgeben von einem malerischen Wassergraben und weitläufigem Schlosspark. Seit 1985 steht die Anlage unter dem Schutz des Denkmalrechts und wird heute als 5-Sterne-Superior-Hotel der Familie Freiherr von Fürstenberg geführt. 36 individuell gestaltete Zimmer und Suiten verbinden historische Pracht mit modernem Komfort — eine außergewöhnliche Kulisse für außergewöhnliche Aufnahmen und unvergessliche Aufenthalte.
Yara Reichert ist eine Frau mit vielen Facetten. Oldtimer-Rallyes gehören auch dazu.