
Hunderttausende lachen über seine Videos. Doch RYKO will mehr als unterhalten: Mit Humor, klaren Worten und Ruhrpott-Herz spricht er über Themen, die viele bewegen und kaum jemand so direkt anspricht.
Dann wird es höchste Zeit. Sie gehören vermutlich zu den wenigen Menschen im Ruhrgebiet, die noch nicht über seine Videos gestolpert sind. Seine gesamte Social-Media-Reichweite nähert sich mit großen Schritten der 500.000er Marke. Mit Millionen von Aufrufen, Auftritten auf den großen Comedy-Bühnen des Landes, Präsenz bei WDR und 1LIVE sowie der Auszeichnung mit dem Essener Comedypreis „Jupps Pott“, hat sich der Essener innerhalb kürzester Zeit vom Socal-Media-Phänomen zu einem der bekanntesten Comedy-Newcomer Deutschlands entwickelt.
Doch wer ihn nur als unterhaltsamen Social-Media-Star wahrnimmt, greift zu kurz. Hinter seinen humorvollen Videos stecken oft überraschend klare Botschaften über Zusammenhalt, Alltagssorgen, gesellschaftliche Entwicklungen und das Leben im Ruhrgebiet. Mit seiner direkten, ehrlichen und unverwechselbar Ruhrpott-geprägten Art hat er sich in den vergangenen Jahren eine beachtliche Reichweite aufgebaut. Viele kennen ihn als den selbst ernannten, augenzwinkernden „Bürgermeister vom Ruhrpott“. Andere schätzen ihn dafür, dass er Themen anspricht, die viele Menschen bewegen, dabei aber nie den Humor verliert.
Persönlich kennengelernt habe ich RYKO beim Netzwerktreffen von I DO Essen. Zwischen Unternehmern, Kreativen und Entscheidern fiel schnell auf, warum ihm so viele Menschen gerne zuhören: Er wirkt nahbar, bodenständig und authentisch. Kein künstlich aufgebautes Social-Media-Image, sondern jemand, der seinen eigenen Weg gegangen ist und dabei vielen Menschen aus der Seele spricht. Zeit also für ein Gespräch mit einem Mann, der längst mehr ist als ein Comedian. Wir sprechen über seinen Weg von den ersten Schritten bis zur heutigen Erfolgsstory, über Rückschläge und Schlüsselmomente, über die Themen, die ihn wirklich bewegen, und darüber, warum gerade das Ruhrgebiet für ihn weit mehr ist als nur eine Kulisse. Ein Interview über Mut, Beharrlichkeit, Humor und die Frage, wie aus einem ganz normalen Jungen aus dem Revier eine der markantesten Stimmen des Ruhrpotts geworden ist.
RYKO, was hat Dich zu I DO Essen geführt, und warum unterstützt Du genau diese Plattform?
Der Kontakt entstand über Jörg Schürholz von Brille Schürholz aus Essen-Steele, der für mich auch die Brillen macht. Über ihn kam die Einladung von I DO Essen. Beim ersten Netzwerktreffen habe ich mich länger mit Birke Benzke, der Geschäftsführerin von I DO unterhalten. Dabei entstand die Idee, gemeinsam einen Ruhrpott-Kalender für einen guten Zweck zu entwickeln. Mir gefällt, dass man bei I DO, nicht nur redet, sondern viele konkrete Projekte unterstützen und unmittelbar etwas bewegen kann.
Gibt es auf I DO einen Zweck, der Dich besonders berührt hat?
Mich hat besonders die Situation der Frauenhäuser bewegt. Natürlich gibt es viele wichtige Projekte, und sobald man sich für eines entscheidet, entscheidet man sich zwangsläufig zunächst gegen andere. Aber die Vorstellung, dass eine Frau mit ihrem Kind aus einer gewalttätigen Beziehung flüchtet, vielleicht nur das Nötigste bei sich hat und dann wegen fehlender Räume abgewiesen werden muss, finde ich unerträglich. Ich habe mich ausführlicher mit der Arbeit eines Frauenhauses beschäftigt. Dadurch wurde mir bewusst, wie dringend zusätzliche geschützte Räume benötigt werden. Deshalb möchte ich mit unserer Aktion möglichst viel Geld für das Frauenhaus in Essen sammeln.
In dem Zusammenhang hast Du einen Kalender für den guten Zweck angekündigt. Was hat es damit auf sich?
Wir produzieren einen Ruhrpott-Kalender mit 13 Motiven. Dafür sind wir durch das Ruhrgebiet gefahren und haben einige der ikonischsten Orte der Region als Kulissen ausgewählt. Ich bin auf jedem Motiv zu sehen, teilweise humorvoll inszeniert und gelegentlich auch mit etwas nackter Haut (schmunzelt). Es soll schließlich ein Comedy-Kalender werden, bei dem die Menschen etwas zu lachen haben. Zu viel möchte ich noch nicht verraten, denn die Bilder sollen bis zur Veröffentlichung eine Überraschung bleiben. Die Einnahmen aus dem Kalender-Verkauf sollen u.a. dem Frauenhaus in Essen zugutekommen.
Welche Stationen Deines Lebensweges haben Dich geprägt, und wann wusstest Du, dass Deine Zukunft in der Unterhaltung liegt?
Das hat sich nicht an einem bestimmten Tag entschieden, sondern während meines gesamten Lebens entwickelt. Schon in der Schule habe ich gemerkt, dass ich dort nicht richtig hineinpasse. Ich konnte mich schlecht konzentrieren, mich nicht anpassen und hatte das Gefühl, dass meine Talente nicht gefördert wurden. Meine Mutter hat mir früh beigebracht, dass man arbeiten muss, wenn man etwas erreichen möchte. Deshalb habe ich bereits mit zwölf Jahren Zeitungen ausgetragen und weitere unterschiedliche Jobs gemacht. Mit 16 habe ich zu meiner Mutter gesagt: „Mach Dir keine Sorgen, Dein Sohn wird ein Superstar.“ Sie bestand trotzdem darauf, dass ich eine Ausbildung absolviere und einen vernünftigen Beruf lerne. Immer wieder habe ich gemerkt, dass das traditionelle Arbeitsleben nicht zu mir passt. Ich hatte selten das Gefühl, dass meine Arbeit wirklich anerkannt wurde. Lange bevor ich Comedy gemacht habe, war ich musikalisch aktiv, unter anderem im Battle-Rap. Zur Comedy bin ich erst später gekommen. Meine Mutter hat mir immer gesagt, ich dürfe niemals meinen Humor verlieren und müsse weiterhin Witze machen, auch über sie. Heute denke ich, dass sie schon damals gespürt hat, wohin mein Weg einmal führen könnte. Der Humor, mit dem ich heute arbeite, ist deshalb auch ein Teil von ihr.
Wie bleibst Du Du selbst, wenn jede Aussage bewertet wird?
Im Grunde gehe ich weiterhin mit derselben Haltung an meine Inhalte heran. Der entscheidende Unterschied ist, dass inzwischen andere Menschen mitbetroffen sind. Ich trage nicht mehr nur Verantwortung für mich selbst, sondern auch für mein Team und mein Management. Ich bin sehr impulsiv. Viele Videos sind spontan entstanden, ohne dass ich vorher lange darüber nachgedacht habe. Genau diese Spontanität ist ein wichtiger Teil meines Erfolgs und darf nicht verloren gehen. Gleichzeitig musste ich lernen, vor einer Veröffentlichung einige Sekunden länger nachzudenken. Mein Management hat mir deutlich gemacht, dass ich weiterhin alles sagen und machen kann, wie ich es für richtig halte, aber die möglichen Folgen stärker berücksichtigen muss. Ich werde trotzdem nicht anfangen, meine Meinung zu verstecken. Die Menschen erwarten von mir klare Worte, die sie auch in Zukunft immer bekommen.
Ist der Ruhrpott-Zusammenhalt Realität oder Nostalgie?
Der historische Zusammenhalt ist vor allem unter Tage entstanden. Die Bergleute mussten sich aufeinander verlassen können, weil ihre Sicherheit und mitunter ihr Leben davon abhingen. Diese konkrete Situation gibt es heute kaum noch. Deshalb ist unser heutiges Bild vom Ruhrpott-Zusammenhalt sicherlich teilweise romantisiert. Trotzdem tragen wir dieses Gefühl weiter. Innerhalb des Ruhrgebiets streiten wir uns etwa über Fußballvereine und ziehen uns gegenseitig auf. Sobald aber jemand von außen gegen das Ruhrgebiet schießt, stehen wir plötzlich zusammen. Das ist ein bisschen wie in einer Familie: Untereinander darf man sich streiten, aber von außen lässt man nichts aufeinander kommen. Ich habe außerdem das Gefühl, dass der Ruhrpott gerade wieder interessanter wird und die Menschen enger zusammenrücken. Ob ich mit meinen Beiträgen einen Teil dazu beitrage, kann ich heute noch nicht selbst beurteilen. Wichtig ist mir, dass wir wieder stärker erkennen, was für eine besondere Region wir sind.
Sollte das Ruhrgebiet langfristig stärker zu einer gemeinsamen Metropole zusammenwachsen?
Die Vorstellung gefällt mir grundsätzlich. Wir leben hier mit zahlreichen Städten auf sehr engem Raum. Viele Orte liegen nur 20 oder 30 Minuten voneinander entfernt. Deshalb könnte es reizvoll sein, das Ruhrgebiet stärker als eine gemeinsame Metropole zu denken und auch geschlossen nach außen zu vertreten. In der Praxis wäre das allerdings schwierig umzusetzen. Schon der öffentliche Nahverkehr funktioniert innerhalb der einzelnen Städte nicht immer reibungslos. Bei einer gemeinsamen Organisation würde die Fläche noch größer und die Abstimmung komplexer. Auch die unterschiedlichen Identitäten der Städte und ihrer Vereine spielen eine wichtige Rolle. Vielleicht ist die heutige Struktur also gar nicht grundsätzlich falsch. Aber die gemeinsame Vorstellung, dass wir als Ruhrgebiet zusammengehören, ist wertvoll. Diese Vision kann dazu führen, häufiger gemeinsam zu handeln und die Region insgesamt stärker zu machen.
Was sollten Politik, Wirtschaft und Bürger tun, damit der Ruhrpott eine bessere Zukunft hat?
Mein wichtigster Wunsch an die Politik ist eine klarere und einfachere Sprache. Im Ruhrgebiet hat nicht jeder studiert, und nicht jeder versteht komplizierte Fachbegriffe. Viele Politiker überladen ihre Reden so sehr, dass die Menschen schon nach dem dritten Fremdwort abschalten. Dabei meinen viele wahrscheinlich das Richtige. Ihre Botschaft erreicht die Menschen aber nicht, wenn sie in einer Sprache formuliert ist, die kaum jemand versteht. Deshalb lautet mein Rat: Sprecht so, dass die Menschen Euch verstehen können.
Spürst Du, dass Dein Humor Menschen erreicht und etwas an ihren Einstellungen verändert?
Ich glaube schon, dass Menschen bestimmte Themen leichter annehmen und besser verstehen, wenn ich sie in meiner Sprache und mit Humor vermittle. Ich versuche, den Blickwinkel zu verändern und Dinge so auszudrücken, dass man sich manchmal selbst darin erkennt oder sogar ein wenig ertappt fühlt. Gerade diejenigen, die sehr negativ reagieren, fühlen sich gelegentlich persönlich angesprochen. Aber wenn ein Beitrag dazu führt, dass jemand über seine Haltung nachdenkt, ist bereits etwas erreicht. Mit einfacher Sprache und Humor kann man viel verändern. Ich glaube deshalb, dass ich zumindest den einen oder anderen Menschen zum Nachdenken gebracht habe.
Wie hast Du den Wandel von Kohle und Stahl erlebt, und wofür sollte das Ruhrgebiet in zehn Jahren stehen?
Eine eindeutige Antwort darauf fällt mir schwer, weil niemand weiß, was in den nächsten zehn Jahren passiert. Ich hoffe zunächst, dass das Ruhrgebiet weiterhin fest und selbstbewusst dasteht und wir gedanklich schon ein Stück weiter sind. Außerdem wünsche ich mir, dass die Region grüner wird. Ich mag die heruntergerockten und rauen Seiten des Ruhrgebiets, weil ich damit aufgewachsen bin und da-rin eine eigene Form von Schönheit sehe. Gleichzeitig schätze ich die grünen Ecken sehr. Diese sollten erhalten bleiben und möglichst weiter ausgebaut werden.
Bekommst Du wegen Deiner klaren Haltung auch Anfeindungen, und wie gehst Du damit um?
Ja, es gab bereits einzelne aggressive Nachrichten und sogar Drohungen. Im Verhältnis zu meiner Reichweite hält sich das aber in Grenzen. Andere Menschen, die im Internet aktiv sind, sagen mir häufig, dass meine Kommentarspalten erstaunlich positiv und respektvoll seien. Ich glaube, das liegt auch daran, dass ich komplizierte Themen in einer direkten und einfachen Sprache anspreche. Menschen, die dieselbe Botschaft bei jemand anderem vielleicht nicht verstehen, können meinen Gedankengängen häufig besser folgen. Deutlichere Gegenreaktionen bekomme ich vor allem, wenn ich mich politisch äußere oder zu stark polarisierenden öffentlichen Debatten Stellung beziehe. Trotzdem werde ich weiterhin meine Haltung vertreten. Entscheidend ist, klar zu bleiben, ohne leichtfertig die Verantwortung gegenüber meinem Team und meiner Community zu vergessen.
Warum sollten junge Menschen nach Schule, Ausbildung oder Studium im Ruhrgebiet bleiben?
Ich bekomme viele Nachrichten von Menschen, die weggezogen sind und trotzdem dauerhaft Heimweh haben. Manche kehren irgendwann zurück, weil sie feststellen, dass sie sich woanders doch nicht vollständig zu Hause fühlen. Natürlich gibt es berufliche oder persönliche Möglichkeiten, die man nur in einer anderen Stadt findet. Gerade junge Menschen wollen außerdem feiern, neue Erfahrungen sammeln und das Leben kennenlernen. In der Nacht- und Clubkultur kann das Ruhrgebiet derzeit nicht mit Städten wie Köln, Berlin oder Hamburg mithalten. Genau deshalb bräuchten wir eigentlich die jungen Menschen, damit sich hier wieder neue Angebote und eine lebendigere Kultur entwickeln. Gleichzeitig bietet das Ruhrgebiet viele Hochschulen auf engem Raum. Man kann z.B. in Essen oder Bochum studieren und bleibt trotzdem in der Nähe von Familie und Freunden. In anderen Großstädten fühlen sich manche Menschen irgendwann verloren. Hier kannst Du häufig stärker der-jenige bleiben, der Du bist. Dazu kommt die besondere Mentalität des Ruhrgebiets: direkt, ehrlich und mit dem Herzen auf der Zunge.
Welchen Rat würdest Du heute dem 16-jährigen Ryko geben?
Ich würde ihm sagen: Mach alles genauso, wie Du es gemacht hast. Es ist alles gut gelaufen. Die schwierigen Dinge konnte ich ohnehin nicht ändern, und ohne sie wäre wahrscheinlich auch das, was gerade passiert, nicht möglich gewesen. Im Nachhinein darüber nachzudenken, was man hätte anders machen können, bringt nichts. „Hätte, hätte, Fahrradkette.“ Wenn man gesund ist, Menschen um sich hat, die einem wichtig sind, und seinen eigenen Weg gefunden hat, darf man vor allem dankbar sein.