
Ob in Vorstadtkrokodile (1977), Das Boot (1981), Bang Boom Bang (1999) oder dem One-Shot-Thriller Limbo (2019) – Martin Semmelrogge hat der deutschen Film- und Fernsehlandschaft seinen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Seit seinem frühen Durchbruch begleitet er Generationen; seine prägnante Stimme, seine kantigen Charaktere und sein rauer Charme sind für viele untrennbar mit ihrer eigenen Kindheit, Jugend und Filmsozialisation verbunden.
Semmelrogges Figuren waren nie glatt, nie angepasst. Sie hatten Haltung, Widerstand und Reibung in sich – und das spiegelte die eigene Lebenslinie: Er war ein Revoluzzer, einer, der Grenzen auslotete, Konventionen infrage stellte und genau daraus seine Authentizität bezog. Diesen Spirit hat er bis heute nicht verloren. Seit fast 25 Jahren lebt er auf Mallorca, seit 2019 gemeinsam mit seiner Frau Regine, und hat dort Ruhe, Klarheit und neue Kraft gefunden. Und doch ist er alles andere als im Ruhestand: Mit seinen 70 Jahren ist er noch immer auf Bühnen, vor Kameras und in Studios aktiv. Für dieses Gespräch traf ich ihn nicht in seiner Wahlheimat auf Mallorca – sondern in Portugal, wo er gerade für einen neuen Film dreht. An seiner Seite seine Frau Regine.
Viele Menschen – mich eingeschlossen – verbinden deine Filme eng mit ihren Erinnerungen von der Kindheit an bis heute. Du bist ein Stück deutscher Film- und Kulturgeschichte. Siehst du dich selbst als Kultschauspieler?
Nein, ich sehe mich selbst nicht bewusst als Kultschauspieler. Ich hatte das Glück, das Talent meiner Eltern zu erben – und zur richtigen Zeit die richtigen Filme zu bekommen. Vieles liegt am Film selbst und am Regisseur. Wenn ein Film stark ist, bleibt er im Gedächtnis – und dadurch entsteht so etwas wie „Kult“.
Das ist sehr bescheiden von dir, aber trotzdem bist du als Schauspieler aus vielen anderen heraus herausgestochen. Warum, meinst du, war das so?
Damals war eine besondere Zeit. Es gab gesellschaftliche Umbrüche: Baader-Meinhof, alte autoritäre Strukturen, die beginnende Rebellion der Jugend, die 1968er halt. Im Englischen Garten hast du die sogenannten „Hippies“ gesehen – Menschen, die sich bewusst gegen den Kapitalismus stellten und nonkonform eingestellt waren. Ich war auch so jemand, der sich nicht anpassen wollte. Deshalb habe ich oft rebellische Rollen gespielt – und die haben zu mir gepasst.
Wer oder was hat dich am Anfang deines Weges am stärksten geprägt?
Ich wollte immer das Beste geben. Bei uns zu Hause hieß es: „Das Beste ist des Guten Feind.“ Mein Vater war mein Vorbild. Vorbild heißt nicht, dass ich ihn nachgeahmt hätte, aber seine Art zu sprechen, Ironie in Rollen zu legen, Nuancen zu setzen, hat mir gezeigt, wie detailliert und konzentriert gearbeitet werden muss. Das hat mich geprägt. Er war beim Rundfunk. Dort habe ich gesehen, wie Regie funktioniert, wie Sprecher arbeiten und wie ein Tonstudio läuft. Er hat mich einmal mit ins Studio genommen und gesagt: „Wir gehen kurz raus. Nicht an die Knöpfe fassen – vor allem nicht an den großen roten.“ Natürlich wusste er genau, dass ich an den großen roten Knopf gehen werde. Ich habe draufgedrückt und wir haben irgendeinen kreativen Unsinn aufgenommen. Das war ein spielerischer Moment – aber rückblickend war das der Anfang.
Wie war deine Schulzeit in dieser frühen Phase, und wie kam es zu deinem ersten Schritt ins Schauspiel?
Die Schule war nicht leicht für mich. Ich habe mich in den meisten Schulen nicht wohlgefühlt. Ich war oft unterwegs, manchmal auch einfach weg. Mein Vater hat irgendwann gemerkt, wie sehr mich seine Arbeit interessiert. Er hat mir Texte gegeben und mich weiter mit ins Studio genommen. Ich war dann an einer Waldorfschule und dort kam meine erste Fernsehrolle. Die Lehrer waren dagegen, fanden, Fernsehen sei ein schlechter Einfluss. Und da hat mein Vater gesagt: „Dann stimmt darüber ab.“ Irgendwann kam er nach Hause und sagte: „Martin, die haben entschieden: Du bekommst keinen Urlaub von der Schule.“ Ich dachte: „Okay, dann war’s das wohl.“ Und dann sagte er: „Moment – es gibt auch eine gute Nachricht: Du brauchst überhaupt nicht mehr in diese Schule zu gehen.“ Das war mein Start. Ab da ging es los.
Wann hast du angefangen professionell mit Schauspielern zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln?
Eine wichtige Station war, dass ich im Alter von 13 Jahren beim Bayerischen Rundfunk angefangen habe, Hörspiele aufzunehmen. Da habe ich mit Schauspielern gearbeitet, die am Theater oder den Kammerspielen aufgeführt haben. Das war eine große Schule für mich. Mit 15 habe ich schon Theaterangebote bekommen. In dieser Zeit habe ich einen Kinofilm und drei Fernsehspiele gemacht. Ich war ein Talent, aber kein fertiger Schauspieler. Eigentlich hätte ich dann noch eine Schauspielschule machen sollen, aber die meinten, ich sei zu jung. Das war natürlich quatsch und so habe ich weiter Theater und verschiedene Fernsehrollen übernommen, also learning bei doing praktiziert.
Um mit der Tür ins Haus zu fallen, die Frage, ob „Das Boot“ eine Rolle war, die du aktiv gesucht hast – oder kam sie zu dir?
Bei „Das Boot“, hieß es zuerst: „Die wollen dich nicht, die wollen Unbekannte.“ Ich hatte damals ja schon meinen Ruf. Ich war aus Sicht mancher Redaktionen zu bekannt, hatte Skandale hinter mir und war zu präsent. Ich renne Rollen aber nicht hinterher. Trotzdem hieß es irgendwann plötzlich: „Wolfgang Petersen will dich sehen.“ Das war eine große Sache. Ich bekam die Rolle des 2. Wachoffiziers, im Film nur genannt „2WO“ – und die Geschichte nahm ihren Lauf. Man wird für die Charaktere gefunden, die zu einem passen. Das hängt natürlich auch mit vorherigen Engagements und einem unverwechselbaren Typus zusammen.
Du hast schon mit vielen bekannten Schauspielern gespielt und es sind, auch durch deine verkörperten Rollen, Kultfilme entstanden. Ein Beispiel ist „Bang Boom Bang“. Hast du damals geahnt, dass der Film ein so großer Erfolg wird?
Ich habe nicht direkt daran gedacht, dass der Film so durch die Decke geht. Aber mir war klar, mit dieser Besetzung – Diether Krebs, Ralf Richter, Oliver Korittke – wird das etwas Besonderes. Nicht jeder besondere Film wird zum Kassenschlager. Aber auch das Drehbuch von Peter Thorwarth war wirklich top. Und so wurde „Bang Boom Bang“ beides.
In dem Film spielst du „Schlucke“, den Handlanger des halbseidenen Schrottplatzchef Kampmann, den Diether Krebs gespielt hat. Eine eher außergewöhnliche Rolle für dich, oder?
Schnucke war eine der Rollen, die am wenigsten mit meiner tatsächlichen Persönlichkeit korrelieren. Schnucke ist ein willenloser Erfüllungsgehilfe mit geringer Intelligenz, der alles tut, nur um seinem Chef zu gefallen. Genau solche Rollen machen die Schauspielerei herausfordernd und so interessant. Sich in völlig fremde Charaktere hineinzuversetzen und diese glaubhaft zu spielen.
Nicht als Büttel, sondern als Lebemann hast du den Hasso von Schützendorf in „Der König von Palma“ gespielt. Was hat dich an dieser Rolle gereizt?
Die Figur ist an eine wahre Geschichte angelehnt. Nach dem Mauerfall Ende der 80er hatte Hasso eine Autovermietung auf Mallorca, fuhr dort im Rolls Royce herum und war der echte „König von Palma“. Er war es, der Matti (Henning Baum) das Geld für die Eröffnung seiner Diskothek vorgestreckt hat und ihm damit erst ermöglicht hat, aufzusteigen. Da kommen viele Faktoren zusammen. Eine Zeit, ein Ort und ein Milieu, das nicht fremd war und mir eine große Freude bereitet hat, Teil der Serie zu sein und diese Schlüsselfigur zu verkörpern.
Wie war es für dich, mit Henning Baum zu drehen?
Ich schätze Henning sehr. Er ist sehr konzentriert und professionell bei der Arbeit und ein sehr ernsthafter Schauspieler. Ich denke, das eint uns, und auch, dass wir beide beide grundsätzlich eher Einzelgänger sind. Vielleicht fahren wir aber mal zusammen Harley auf Mallorca.
Apropos Serien, in denen du mitgespielt hast. Welche wird deiner Meinung nach unterschätzt?
Ich glaube, Die Straßen von Berlin hätte stärker laufen können. Die Serie war sehr gut, aber sie hat darunter gelitten, dass zwischen den Staffeln zu große zeitliche Pausen lagen.
Dort hast du den Jockel gespielt. Passt die Rolle zu deinem tatsächlichen Charakter?
Wenn du eine Rolle über viele Folgen und über lange Zeit spielst, dann gibst du der Figur automatisch viel von dir. Da fließt eine große Menge von deiner eigenen Persönlichkeit ein. Selbst wenn es beruflich keine Parallelen gab, so war Jockel unkonventionell, menschlich, loyal, raffiniert und hatte seinen Humor und Charme. Da färbt man gegenseitig aufeinander ab. Aber grundsätzlich gehört es zu meiner Profession, zu viel von der Abfärbung zu vermeiden oder schnell wieder abzuschütteln zu können. In den Vorbereitungszeiten auf Rollen nimmt man sich der zu verkörpernden Charaktere sehr stark an – und da kann es passieren, dass bestimmte Verhaltensweisen oder Haltungen vorübergehend im eigenen Privatleben auftauchen.
Wenn man von deiner Leidenschaft zu Hörspielen absieht, bist du in vielen Bereichen unterwegs, in denen du wirklich du selbst sein kannst. Ist das ein Grund, warum du bei einigen Realityformaten mitmachst?
So viele gibt es ja gar nicht, bei denen ich überhaupt mitmachen kann und möchte. Aber mir macht es bei den ausgewählten Formaten Spaß, mit jungen Leuten zusammenzukommen, da mir meine innere Jugend erhalten geblieben ist. Darüber hinaus, dass ich in meinem Alter, ich werde bald 70, dort noch meinen Mann stehen kann.
Noch mehr du selbst kannst du auf deiner aktuellen Tour „Rock and Read“ sein. Was hat es damit auf sich?
Ich liebe dieses Konzept. Ich kann bei dieser Eventreihe meine Talente als Schauspieler, Sprecher und Entertainer mit der von mir geliebten musikalischen Begleitung ombinieren und voll ausleben. Dabei berichte ich von meinem bewegten Leben und den vielen Geschichten, die es schrieb.
Ich war in Essen in der Bar FACES dabei und du verfängst natürlich mit deinem Dialekt, der eine Mischung zwischen Ruhrpott und Berliner Mundart zu sein scheint. Aber du kommst weder aus dem Ruhrpott noch aus Berlin, korrekt?
Mein Geburtsort in Baden-Württemberg hat zumindest nichts mit meiner Art zu sprechen zu tun. Egal, wo ich gelebt habe, ob in Düsseldorf, Berlin, USA oder München, man nimmt immer etwas mit und durch meine künstlerischen Engagements setzt sich mein Akzent aus vielen Einflüssen zusammen. Meine Sprache ist zu meinem Markenzeichen geworden. Das ist sicherlich auch der Grund, warum ich in so viele Hörspiele und Synchronrollen spiele.
Welche deiner aktuellen Projekte machen dir am meisten Spaß?
Neben den „Rock and Read“ Events machen mir eben die Hörbücher sehr viel Spaß. Zwei werden gerade produziert. Eines davon thematisiert Demokratie. Ich bin an Politik interessiert und verfolge besorgt die derzeitige Entwicklung. Die Menschen lesen und bilden sich zu wenig. Das Vertrauen in die Politiker sinkt verständlicherweise immer weiter, weil sie für viele Fehler – wenn beispielsweise Steuergelder in Millionenhöhe verschwendet werden – nicht selbst einstehen müssen.
Anders als du selbst. Du hast Fehler gemacht, für die du hart einstehen musstest, oder?
Eigentlich ist das Thema abgenudelt und ich habe schon oft darüber gesprochen. Aber ja, im Verhältnis zu meinen Fehlern war die Strafe heftig und gehört zu meinem Leben.
Wie waren deine Erfahrungen hinter Gittern? Was hat das mit dir gemacht?
Man kommt unweigerlich zur Ruhe und beschäftigt sich mit sich selbst – wie im Kloster. Ich habe viel gelesen und das Direktorium war fair. Ich möchte diese Zeit nicht missen. Es war eine wichtige Phase der Selbstfindung, die – wie viele in meinem Leben – dazu beigetragen hat, mich zu dem zu machen, was ich bin, und die Erkenntnis gebracht hat, dass die wahre Freiheit die innere und nicht die äußere ist.
Du wirkst auch glücklich, entspannt und hast deine innere Freiheit offensichtlich gefunden. Wie hast du deinen 70sten Geburtstag mit dieser inneren Freiheit gefeiert?
Die Freiheit ist, dass ich meinen Geburtstag nicht geplant habe, obwohl es andere vielleicht von mir erwartet hätten. Ich ließ das Jubiläum einfach auf mich zukommen.
Für deine 70 Jahre bist du sehr fit. Wie machst du das?
Regine Semmelrogge: „Martin macht jeden Tag Sport und hat seine festen Rituale. Er ist jeden Tag am Strand und er ernährt sich gesund. Seit ich ihn kenne, hat er nie Alkohol getrunken. Ich denke, er hat dagegen eine richtige Antipathie entwickelt.“ Martin ergänzt “und gute Gene gehören dazu. Mein Vater ist schon mit 61 gestorben, weil er zu viel Stress hatte und sich ungesund ernährt hat. Stress vermeide ich komplett. Regine: „Genau. Martin lässt sich nie stressen – lässt sich durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen.“
Da wir bei innerer Ruhe und Freiheit angekommen sind, habe noch die Frage, ob du religiös bist und welcher Religion du am meisten zugeneigt bist?
Ich bin nicht religiös, aber eine Religion, deren Grundgedanken mir sehr gut gefällt und die meine Werte am ehesten widerspiegelt, ist der Buddhismus. Aber am liebsten lebe ich im Hier und Jetzt, nicht gestern und nicht morgen.
Um zu erfahren, welches Selbstbild er hinsichtlich seines Kultstatus hat, und zu verstehen, was ihn noch heute antreibt, so aktiv zu sein, hat das Top Ruhr ihn zwischen Dreharbeiten in Portugal besucht.