Gefangen im Paradies
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Gefangen im Paradies

Ein traumhaftes Panorama über den Gardasee lässt sich von der säulengefassten Terrasse der „Villa Cortine Palace“ in Sirmione genießen.

Gefangen im Paradies

Das klingt vielleicht verrückt, aber es ist durchaus möglich. Denn wir kennen die Zukunft bereits. Davon ist Prof. Dr. Thomas Druyen fest überzeugt. „Aus der Zukunft lernen“ ist darum sein Lebensmotto, das hat er zum Titel seines jüngsten Buches gemacht. Und als Präsident und Geschäftsführer bringt er seine große Erfahrung und sein wissenschaftliches Know-how als Zukunftspsychologe in die Arbeit der opta data Zukunfts-Stiftung in Essen ein.

Maria Callas (hier 2025 im Film „Maria“ gespielt von Angelina Jolie) wählte Sirmione als Rückzugsort genau zwischen den Bühnen von Verona und der Mailänder Scala.

Lang streckt sich der Gardasee vom Fuße der Alpen in Richtung Süden – seit jeher Anziehungspunkt für zahlreiche Touristen, die an seinen Ufern flanieren oder sich im und auf dem Wasser tummeln. Im Hintergrund prangt zum Greifen nah das mächtige Bergpanorama. An der Südseite des Sees, dort, wo der Blick direkt auf die Berge fällt, ragt eine kleine Landzunge ins Wasser hinein. Darauf liegt Sirmione. Wenn hier die Sonne untergeht und die letzten Lichtstrahlen die Zypressen und Olivenbäume am Seeufer erstrahlen lassen, scheint die Zeit still zu stehen. Genau an diesen Ort zogen sich Maria Callas und ihr Ehemann Giovanni Battista Meneghini in den 1950er Jahren zurück, um dem Trubel der Opernwelt zwischen Mailand und Verona zu entfliehen.

Eine Plakette an der Mauer erinnert bis heute an die berühmteste Einwohnerin von Sirmione.


Sirmione liegt auf den drei Hügeln „Cortine“, „San Pietro in Mavino“ und den „Grotten des Catull“. Neben dem Castello Scaligero, den Grotten und einigen Kirchen fällt besonders eine gelb verputzte Villa im Stadtbild der rund 8.000-Seelen-Gemeinde auf: die Villa Callas. Heute ist die Villa im Privatbesitz und nur zu besonderen Anlässen wie Konzerten für Besucher geöffnet. Ihr Pool auf dem großzügigen Außengelände hat bis heute die Form des Gardasees. Außen zeugt nur noch eine Plakette davon, dass hier einst Maria Callas ihre besten Jahre verbrachte, die Zeit ihrer großen Karriere, bis Aristoteles Onassis in ihr Leben trat und sich alles änderte. Eine Wendung, die der Hausherr dieser Villa, Giovanni Battista Meneghini, bis zu seinem Tod nicht zu verstehen vermochte.

Es war in diesem Haus, wo Maria Callas unter dem Management ihres Ehemannes ihre Stimme und ihre großen Partien übte und sich auf ihre Rollen vorbereitete, was sie schließlich zum Weltstar machte. Es war in diesem Haus, wo alles zerbrach, Aristoteles Onassis sie und ihre Sachen abholte und Giovanni Battista Meneghini allein zurückblieb, in einer Villa mit traumhaftem Ausblick auf den Lago di Garda. Und es war in diesem Haus, wo Giovanni Battista Meneghini sich nach ihrem mysteriösen Tod 1977 hinsetzte und ihre Memoiren „Maria Callas mia moglie“ (Meine Frau Maria Callas) verfasste.

Ähnlich wie Maria Callas in ihrer Villa schätzen die Gäste der „Villa Cortine Palace“ in Sirmione den großzügigen Pool im Außenbereich.
Umrahmt von Zypressen, Palmen und Skulpturen genießen Gäste der „Villa Cortine Palace“ die Ruhe und das mediterrane Klima in Sirmione.

 

1947 ist der erfolgreiche Unternehmer Giovanni Battista Meneghini 51 Jahre alt und als Mogul in der Zementbranche der Hauptrepräsentant der Industriellen von Verona. Da die Deutschen seinen Wohnsitz okkupiert haben, lebt er zwischenzeitlich bei einem Freund, der ihm ein Zimmer über seinem Restaurant vermietet. In den beiden Zimmern nebenan findet die komplette Organisation der nächsten Opernsaison für die Arena von Verona statt. Da er eh all ihre Konversationen mit-anhört, scherzt er eines Tages, dass auch er einen Posten im Projekt braucht. Und so wird er „Supervisor für die Primadonnen“, insbesondere soll er der „Guide“ für eine weitgehend unbekannte, in New York geborene Griechin namens Maria Callas werden. Diese trifft er am nächsten Tag, fährt mit ihr nach Venedig und verliebt sich in sie. Er wird nicht nur ihr Guide, sondern auch gleich der Manager der damals 24-Jährigen. Sie ist griechisch-orthodox, er katholisch, daher dauert es drei Jahre, bis die nötigen Papiere zur Hochzeit vorhanden sind.

Unter seiner Anleitung werden die Bühnen ihr Zuhause, von Verona geht es zur Mailänder Scala und an die großen Opernhäuser der Welt. Dazwischen leben sie in der Villa in Sirmione. Meneghini legt fest, dass Maria Auszeiten braucht, Ruhe, sie muss ihre Stimme trainieren und auf ihre Gesundheit achten, um der vorgesehenen Karriere körperlich und emotional gewachsen zu sein. Und wo wäre ein besserer Ort dafür gewesen, als in Sirmione, der schmalen, vier Kilometer langen Halbinsel inmitten des Gardasees, genau zwischen Mailand und Verona? Sie wird ihn später dafür als ihren „Gefängniswärter“ bezeichnen und er wird sich sicher sein, dass ihre Stimme und ihre Gesundheit versagten, weil Onassis nicht richtig auf sie aufgepasst hat.

Hat den aristokratischen Charme nie verloren, die neoklassizistische Villa Cortine ist heute ein Luxushotel am Gardasee.
Hier scheint die Zeit stillzustehen, auf der Terrasse der Villa Cortine am Gardasee. Bereits die alten Römer genossen in Sirmione den Ausblick auf See und Berge.

Knapp zehn traumhafte Jahre verbringen Maria Callas und ihr Mann in dessen Erinnerung in der Villa am Gardasee. Regisseure, wie Franco Zeffirelli oder Luchino Visconti gehen hier ein und aus. Bis das Paar eines Tages von Reederei-Mogul Aristoteles Onassis auf die „Christina O.“ eingeladen wird. In illustrer Gesellschaft der Familie Churchill und anderer hochrangiger Prominenterder Zeit verlassen sie den Hafen von Monte Carlo in Richtung Portofino, Capri und schließlich durch die Ägäis in den Golf von Korinth. Irgendwo auf dieser Strecke kann Meneghini seine Frau nicht mehr finden. Stattdessen liegt eine weinende Athina Onassis auf seinem Bett, als er in seine Kabine kommt. Genau wie Giovanni Battista Meneghini wird auch Athina Onassis die Yacht als Single verlassen.

Doch Meneghini glaubt an das Gute und ist sich sicher, dass Maria nach der Kreuzfahrt zu ihm zurückkehren wird. Erst als er eines Abends allein in der Villa in Sirmione sitzt und plötzlich der schwarze Mercedes von Aristoteles Onassis mit ihm und Maria darin vorfährt, wird ihm langsam klar, was passiert. Maria bringt Onassis mit ins Haus, zeigt ihm den wunderbaren Garten mit dem Gardasee-förmigen Swimming Pool, nimmt ihn mit ins Turmzimmer, von wo aus man den schönsten Blick über den See hat. Onassis fragt Meneghini schließlich, ob er wirklich geglaubt habe, er könne eine Frau wie Maria Callas neben einer solchen Pfütze halten? Dieser verflucht ihn, während der Reeder mit seiner Frau verschwindet. Genauso soll es sich in der Erinnerung von Giovanni Battista Meneghini, Zementfabrikant und Opernmäzen aus Verona, zugetragen haben.

Ungleiches, aber erfolgreiches Paar: Opernsängerin Maria Callas und ihr Ehemann und Manager Giovanni Battista Meneghini, Zementfabrikant und Opernmäzen in Venedig 1957.


Meneghini bleibt in der Villa zurück und wird bis zu seinem Tod nicht verstehen, was passiert ist. Marias Gesundheit und Stimme beginnen nach der Trennung zu versagen, ihre Karriere ist zu Ende. Aristoteles Onassis heiratet neun Jahre nach dem „Raub“ der Callas, wie Meneghini es nennt, Jackie Kennedy. Weitere neun Jahre danach stirbt Maria Callas unter ungeklärten Umständen in Paris im Alter von nur 53 Jahren. Meneghini darf sie nicht in der gemeinsam erworbenen Gruft auf dem Friedhof von Sirmione begraben. Weil er die „Fake News“ um seine Ex-Frau auch nach deren Tod nicht länger erträgt, sagt er, schreibt er schließlich ihre Memoiren. Im selben Jahr stirbt er an einem Herzinfarkt.

Das Buch über sein Leben mit Maria Callas wird erst nach seinem Tod veröffentlicht.
Auch wenn Touristen, die heute nach Sirmione kommen, nicht direkt in die Villa Callas hineinkönnen, so gibt es doch gleich gegenüber eine Villa, die die glanzvollen Zeiten der Diva bis ins Heute weiterleben lässt und ihre Gäste mit eben der Ruhe und Szenerie verwöhnt, die Maria Callas trotz der Höhen und Tiefen in ihrem Leben in Sirmione gefunden hat. Das Hotel „Villa Cortine Palace“ hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, als der preußische Staatsmann Kurt von Koseritz 1890 eine neoklassizistische Villa hier auf den Hügeln von Sirmione errichten ließ, umrahmt von einem weitläufigen Park mit Zypressen, Palmen und Statuen. Bereits zu Zeiten von Callas und Meneghini als Nachbarn 1953 wandelte sich die Villa Cortine vom Privatbesitz zum Luxushotel, das bis heute den aristokratischen Charme nicht verloren hat.

Seit Oktober 2024 gehört das Haus zur renommierten Vereinigung „Relais und Châteaux“, was den Status als „Haus mit besonderem kulturellen, kulinarischen und natürlichen Erbe“ offiziell anerkennt. Außerdem wurde der Villa ein „Chiave Michelin“ für ihre Hotelqualität verliehen. Von hier aus braucht man wenig Fantasie, um sich in die Geschichte der Callas zu versetzen, und nur wenige Schritte, bis man tatsächlich auf ihren Spuren wandelt. Neben ihrer Villa mit der Plakette wurde ihr ein ganzer Park gewidmet. Oft finden Konzerte und Kulturveranstaltungen ihr zu Ehren statt. Zum 100. Geburtstag der Callas gab es Festivitäten, die sich über den Zeitraum von drei Jahren erstreckten.

Der chilenische Filmregisseur Pablo Larraìn widmete Anfang 2025 den dritten Teil seiner Reihe über große Frauen des 20. Jahrhunderts Maria Callas. Nach Natalie Portman als Jackie Kennedy und Kristen Stewart als Lady Di verkörpert Angelina Jolie in „Maria“ die griechische Operndiva und singt Partien darin sogar selbst, abgemischt mit der Originalstimme der Callas. Die Handlung von „Maria“ setzt mit ihrem mysteriösen Tod 1977 ein und erzählt rückblickend sowohl Teile ihrer Jugend, wie auch ihrer letzten Tage vor dem Tod.

Bis heute ist die Halbinsel Sirmione im Gardasee auch ein Ort der High Society, genau wie in den 1950er-Jahren, als Maria Callas und ihr Mann hier ihren Rückzugsort hatten.

 

top magazin Ruhr Winter 2025-2026
Redakteurin: Nicola Schwedt
Fotograf: Ralf Schultheiß

Titelbild: Ein traumhaftes Panorama über den Gardasee lässt sich von der säulengefassten Terrasse der „Villa Cortine Palace“ in Sirmione genießen.