Dinge, die sich nie ändern
Suche

Dinge, die sich nie ändern

 

Dinge, die sich nie ändern

Sie schreibt Romane und schaut dabei in die Geschichte ihrer eigenen Familie. Katharina Fuchs legt den Grundstein für ihr Leben als Autorin schon als Kind, da liest sie wie eine Besessene, was ihr in die Finger kommt. In den Bücherregalen ihrer Familie. Heute schreibt sie selbst Bücher. Und für TOP RUHR diesen kleinen Kurz-Roman. Katharina Fuchs über Katharina Fuchs.

Jeder Morgen beginnt mit Ilvy, meiner Golden-Retriever-Hündin. Sie sitzt bereits erwartungsvoll an der Tür, während ich noch nach den Schlüsseln suche. Wenige Minuten später laufen wir durch den Park und den Wald vor unserem Haus im Taunus. Die Luft riecht nach feuchter Erde, nach Laub und manchmal nach Regen. Ilvy interessiert sich vor allem für die Gegenwart: für die nächste Spur auf dem Weg, für einen Bach, für einen Stock.

Ich dagegen denke oft an die Vergangenheit. Vielleicht war das schon immer so. Geboren wurde ich in Wiesbaden, einen Teil meiner Kindheit verbrachte ich in der französischen Schweiz, später ging ich in Hofheim am Taunus zur Schule. Meine eigentliche Heimat aber bestand lange Zeit aus Büchern. Ich las alles, was mir in die Hände fiel: die Bücher meiner Eltern, von Verwandten und Freundinnen, die Regale der Stadt- und Schul­biblio­theken. Irgendwann genügte es mir nicht mehr, nur zu lesen. Ich wollte selbst Geschichten erzählen.

Was wird man, wenn man ständig liest und schreibt? Mein Vater hatte darauf eine klare Antwort. „Journalistin.“ Ich war anderer Meinung. „Juristin.“ Diesmal setzte ich mich durch. Es folgten Studienjahre in Frankfurt und Paris. Ich wurde Rechtsanwältin und später Justiziarin für Arbeitsrecht bei der Telekom. Von außen betrachtet verlief mein Leben in geordneten Bahnen. Und doch warteten die Geschichten geduldig auf ihren Augenblick.

Die Autorin und ihr neuestes Buch Schwesternland

Nach der Geburt meiner drei Kinder begann ich während einer Elternzeit wieder zu schreiben. Nicht mit dem Plan, Schriftstellerin zu werden. Eher mit dem Gefühl, zu etwas zurückzukehren, das immer schon zu mir gehört hatte. Mein erster Roman erschien im Weissbooks.W-Verlag und trug den Titel „Westendladies”.

Lebensverändernd wurde „Zwei Handvoll Leben“. Die Geschichte meiner beiden Großmütter hatte mich lange begleitet. Vielleicht, weil ich schon immer wissen wollte, wie die Menschen vor uns gelebt haben. Welche Entscheidungen sie treffen mussten. Welche Hoffnungen sie hatten. Welches Leid sie erfuhren. Welche Spuren sie hinterließen.

Als das Buch bei Droemer Knaur erschien, rechnete ich mit vielem. Nicht jedoch damit, dass es eine Million Leserinnen und Leser finden, monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste stehen und in viele Sprachen übersetzt würde. Menschen schrieben mir und erzählten von ihren eigenen Familien­geschichten, von Erinnerungen und auch von Fragen, die sie über Generationen beschäftigt hatten, ohne sie rechtzeitig zu stellen. 

Es folgte „Neuleben“, dann weitere Romane. Inzwischen sind es elf. Mit jedem Buch schien sich die Reise weiter zurück in die Zeit fortzusetzen. Zunächst waren es die Lebens­geschichten meiner Großmütter und ihrer Generation. Doch die Fragen hörten dort nicht auf. Woher kamen die Menschen, die vor ihnen gelebt hatten? Welche Wege hatten sie genommen? Welche Träume bewahrt?

In diesem Jahr ist „Schwesternland“ erschienen. Mit diesem Roman bin ich noch weiter in meine eigene Familiengeschichte vorgedrungen, bis ins 17. Jahrhundert. Dort begegnete ich meinen Vorfahren, Hugenotten und Tuchhändlern aus Lyon, die ihre Heimat verlassen mussten und in der Fremde ein neues Leben begannen. Je tiefer ich in ihre Geschichte eintauchte, desto deutlicher wurde mir, dass sich manche Fragen über die Jahrhunderte kaum verändert haben. Wo gehöre ich hin? Was bin ich bereit aufzugeben? Und was nehme ich mit, wenn ich alles andere zurücklassen muss?

Vielleicht schreibe ich deshalb Familienromane. Weil kein Leben für sich alleine steht. Hinter jedem Menschen liegen Generationen von Hoffnungen, Entscheidungen, Irrtümern und Neuanfängen. Die Vergangenheit ist nie wirklich vergangen. Sie lebt in Erinnerungen weiter, in Familien­geschichten und manchmal sogar in bestimmten Sätzen, die von einer Generation zur nächsten wandern.

2019 habe ich meinen Beruf als Justiziarin endgültig an den Nagel gehängt und mich ganz dem Schreiben gewidmet. Wenn ich heute nach dem Spaziergang mit Ilvy an meinen Schreibtisch zurückkehre, denke ich manchmal an das Mädchen, das sich durch die Bücherregale seiner Familie las. An die junge Frau, die Juristin werden wollte. An die Mutter von drei Kindern, die während der Elternzeit einen Roman schrieb, ohne zu ahnen, was daraus entstehen würde.

Wahrscheinlich hätte keine von ihnen vorhergesehen, wohin der Weg führen würde. Aber vielleicht ist das Schönste an jeder Geschichte: Man kennt den Anfang. Wie es weitergeht, erfährt man erst auf der nächsten Seite.

top magazin Ruhr Sommer 2026

Katharina Fuchs liebt Bücher seit ihrer Kindheit. Heute schreibt sie Romane.