Bochum denkt Zukunft
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Bochum denkt Zukunft

Bochum denkt Zukunft

Bochum gilt für viele als die heimliche Erfolgsgeschichte des Ruhrgebiets. Die Arbeitslosigkeit liegt unter der vieler Nachbarstädte, neue Technologie­unternehmen siedeln sich an, Hochschulen und Forschung prägen das Stadtbild, und Großprojekte wie MARK 51°7 stehen exemplarisch für den Wandel von der Industrie- zur Wissens- und Technologiestadt. Gleichzeitig stehen auch in Bochum Haushaltsdruck, Wohnraum­mangel und soziale Herausforderungen auf der politischen Agenda. Mitten in dieser Entwicklung steht Oberbürger­meister Jörg Lukat. Seit seinem Amtsantritt verantwortet er die Geschicke einer Stadt, die selbstbewusst nach vorne blickt und zugleich Teil einer Region ist, die noch immer nach ihrer gemeinsamen Identität sucht. Im Interview spricht er über seine persönliche Bilanz des ersten Amtsjahres und die Zukunft Bochums.

Herr Lukat, was hat Sie in Ihrem ersten Amtsjahr als Oberbürgermeister persönlich am meisten überrascht?
Ich würde eher sagen: beeindruckt, denn ich bin beeindruckt von dem enormen ehrenamtlichen Engagement in Bochum. Solidarität ist Teil der DNA der Stadt. Das spüre und erlebe ich jeden Tag. Dieses gelebte Füreinander prägt die Stadt. 
Wenn Sie auf Ihre bisherige Amtszeit zurückblicken: Welche drei konkreten Verbesserungen können die Bochumer:innen heute erkennen?
Ich glaube, dass sehr wohl wahrgenommen wird, wie viel ich in der Stadt unterwegs bin – an Schulen, bei Vereinen und in sozialen Einrichtungen. Mir ist wichtig, nah bei den Menschen zu sein und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, gerade auch für diejenigen, die oft weniger Aufmerksamkeit bekommen und schlechtere Startbedingungen haben. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Quartiers­entwicklung. Menschen sollen sich mit ihrem Umfeld identifizieren und Verantwortung übernehmen. Wo Achtsamkeit und Miteinander gelebt werden, lassen sich viele Heraus­forderungen besser bewältigen – insbesondere Einsamkeit. Außerdem setze ich mich für die Stärkung unserer Demokratie ein. Gemeinsam mit 23 Partnern aus Wirtschaft, Kirchen, Sozialverbänden, Gewerkschaften, Kultur, Politik und weiteren Bereichen der Stadtgesellschaft haben wir mit dem „Bochumer Versprechen“ ein klares Zeichen für Demokratie, Vielfalt und gegen Extremismus gesetzt.
Was ist bei der Stadt Bochum anders als bei der Polizei?
Die „Stadt Bochum“ und das Polizeipräsidium sind beides Behörden und sind doch sehr unterschiedlich. Als Polizeipräsident konnte man eher sagen: „Wir haben jetzt echt gut geredet und uns ausgetauscht. Ihr habt auch tolle Ideen unterbreitet. Am Ende machen wir das aber doch so, wie ich das gerne möchte." Als Polizeipräsident hat man mehr individuelle Entscheidungs­möglich­keiten. Die hat man als Oberbürger­meister nicht so, und das ist auch richtig. Kommunalpolitik kennt diese Hierarchie nicht in dem Maße. Politische Entscheidungen werden im Rat getroffen, und dazu müssen im gemeinsamen Austausch Mehrheiten gefunden werden.
Bochum steht bei Verschuldung, Arbeitslosigkeit und privater Überschuldung teilweise besser da als andere große Ruhrgebietsstädte. Was macht Bochum aus Ihrer Sicht anders?
Zunächst müssen wir feststellen, dass fast alle Städte, nicht nur im Ruhrgebiet, finanziell in einer dramatischen Lage sind. Das ist ein systemisches Problem: Bund und Länder übertragen den Kommunen immer mehr Aufgaben, ohne die notwendigen Mittel bereitzustellen. Deshalb brauchen wir dringend mehr Unterstützung von Bund und Ländern. Das Prinzip der Konnexität muss durchgängig beachtet werden. Mit der Bochum Strategie haben wir bereits 2016 formuliert, wohin sich unsere Stadt entwickeln soll. Sie ist der gesamtstädtische Handlungs­rahmen und Kompass für eine positive soziale, wirtschaftliche, demografische und ökologische Entwicklung Bochums. Ziel ist es, die Lebensqualität der Bürger:innen zu sichern und weiter zu verbessern.
Ist Bochum innerhalb des Ruhrgebiets bereits ein Vorreiter, oder wird die Stadt außerhalb ihrer Grenzen noch immer unterschätzt?
Bochum ist in vielen Bereichen weit vorn – und das spricht sich rum. Einen Riesenerfolg haben gerade die Ruhr-Universität und die TU Dortmund geschafft: Sie werden zukünftig als Exzellenzverbund gefördert. Wir setzen uns intensiv für ein klimaresilientes Bochum ein und bauen unsere großen Straßen nach dem Schwammstadt-Prinzip um. Dafür gibt es aktuell allein sechs Millionen Euro Förderung vom Land und der Emscher­genossenschaft. Mark 51°7 und das „Haus des Wissens“ sind sicher Beispiele für erfolgreiche Stadtentwicklungsprojekte.  Wir sind wieder unter den Top10 der smartesten Städte Deutschlands gelistet, sind Spitzenstandort in der IT-Sicherheit und der Gesundheitswirtschaft. Das Schauspielhaus gehört zu den besten Spielstätten Europas, und der neue Generalmusikdirektor Aurel Dawidiuk hat vor wenigen Wochen mit den Bochumer Symphonikern ein spektakuläres Einstiegskonzert gegeben. Das Spannende an Bochum ist: Diese Auflistung ließe sich beliebig fortsetzen. 
Welche Branchen sollen künftig die Arbeitsplätze und den wirtschaftlichen Wohlstand Bochums sichern? 
In Bochum fokussieren wir uns auf vier Innovationsfelder, die wir mit besonderem Augenmerk fördern: Smart Health, Cybersecurity, Mobility und Materials. Smart Health und Cybersecurity sind heute die wichtigsten Branchen in Bochum und gehören zur europäischen Spitze. Das Innovationsfeld Materials entwickeln wir aktuell als neuen Fokus und möchten Bochum damit einen nächsten Branchenimpuls geben. Dabei vergessen wir aber nicht unser produzierendes Gewerbe und den Mittelstand. Das sind Motoren der Arbeitsplatz­sicherheit und der wirtschaftlichen Entwicklung einer Kommune. 
Welche Rolle spielt MARK 51°7 dabei, und woran lässt sich sein Erfolg für die gesamte Stadt konkret messen? 
MARK 51°7 steht für den Mut zur Veränderung, für Zusammenarbeit und für neue Wege in der Stadtentwicklung. Alles ist möglich, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen­arbeiten. Es beweist auch die Resilienz unserer Stadt und ihrer Bürgerinnen und Bürger. Und das seit Jahrzehnten. Innerhalb von 70 Jahren veränderte sich die Nutzung genau dieser Fläche vom Steinkohle­bergbau zum Automobilbau, dann hin zu innovativen und nachhaltigen Projekten. Das zeigt: Wir verstehen Strukturwandel als Chance. Heute haben sich auf über 70 Hektar mit der Deutschen Post DHL, Bosch, dem Max-Planck-Institut, VW-Infotainment, der Ruhr-Universität und der Landmarken AG große Impulsgeber aus Wissenschaft und Wirtschaft angesiedelt. Die Flächen sind vermarktet, aus ehemals 3000 Arbeitsplätzen werden perspektivisch 13.000. Was hier in den letzten Jahren entstanden ist, ist außergewöhnlich – nicht nur für Bochum, sondern für die ganze Region. Und die Gewerbesteuererträge haben sich, auch wegen der Neuansiedlungen seit dem Opel-Aus, fast verdreifacht.  
Viele Menschen erleben steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot oder private Überschuldung. Welche Entwicklung berührt oder beunruhigt Sie persönlich am meisten?
Mich berührt am meisten das schwindende Vertrauen in unsere Demokratie. Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen, dass vor allem die antidemokratischen Kräfte Zulauf bekommen. Das macht mir Sorgen, und dem müssen wir uns entgegenstellen. Eine feste, wehrhafte und standfeste Demokratie kann auch wirtschaftliche Belastungen aushalten.   
Woran erkennen Sie, ob der soziale Zusammenhalt in Bochum noch funktioniert oder bereits brüchig wird?
Am ehrenamtlichen Engagement! In Bochum sind rund 180.000 Menschen ehrenamtlich tätig – ein unfassbar starkes Zeichen für eine solidarische Gesellschaft. Auf Einladung von Vereint Bochum e. V. haben 30 Institutionen der Bochumer Stadtgesellschaft die „Bochumer Verabredung“ erarbeitet, bei der sie sich dazu verpflichtet haben, Einsamkeit als gemeinsame Aufgabe anzugehen und sich dort konkret einzubringen. Entstanden ist ein zivilgesell­schaftlich getragener Zusammenschluss für ein Bochum, in dem auffällt, wenn jemand fehlt. Zudem haben wir unter Federführung der Sparkasse Bochum die „Gemeinsam für Bochum Stiftung“ gegründet und auf den Weg gebracht. Das alles macht deutlich: Der soziale Zusammenhalt funktioniert. Dennoch müssen wir uns jeden Tag aufs Neue dafür einsetzen!

Jörg Lukat und Daniel Boden nach dem Interview im Rathaus.

Braucht das Ruhrgebiet künftig weniger Kirchturmdenken und mehr zentrale Steuerung, damit die Region wirtschaftlich und politisch als echte Metropole auftreten kann?
Die Ruhrgebietsstädte sind in einem ständigen Dialog und Austausch. Da ist von Kirchturmdenken nichts zu spüren. Wichtig ist, die Qualität der Metropole Ruhr zu bündeln und nach außen sichtbar zu machen. Dafür gibt es den Regionalverband Ruhr. Er ist der zentrale Motor für die 53 Städte und Gemeinden der Region. Als Netzwerker, Koordinator, Impulsgeber, Dienstleister und Projektträger. 

top magazin Ruhr Herbst 2026
Daniel Boden
Fotograf: Ralf Schultheiß

Vom Polizeipräsidenten zum Oberbürgermeister: Jörg Lukat setzt auf Verantwortungsbewusstsein, Zusammenhalt und einen klaren Wertekompass,
der mit wirtschaftlichen Perspektiven vereinbar ist.