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Nachgefragt: Klimaforscherin und Astronautin Insa Thiele-Eich

Insa Thiele-Eich möchte als erste deutsche Frau ins All fliegen. Ihre Mission: Medizinische Forschung in der Schwerelosigkeit. Dafür trainiert sie gemeinsam mit ihrer Kollegin seit fünf Jahren, geht auf Parabelflüge, taucht und kriecht durch Höhlen. Doch damit nicht genug. Zu Hause wuppt sie ihren Hauptjob und eine Familie mit vier Kindern. Welche Erkenntnisse sie aus der Astronautenausbildung zieht, erzählt Insa Thiele-Eich im Top-Magazin-Interview:


 

„MAN MUSS NICHT IN EINER HÖHLEGEWESEN SEIN, UM INS ALL ZU KOMMEN,ABER MAN LERNT DORT SELBSTVERANTWORTUNGUND SICH SELBST BESSER WAHRZUNEHMEN.“

 

Top: Die meisten kennen Sie als Astronautin aus dem Fernsehen, aus Zeitschriften oder dem Internet. Aber fangen wir mal vorne an: Sie arbeiten als Klimaforscherin an der Universität Bonn. Was genau erforschen Sie?

Insa Thiele-Eich: An der Uni bin ich gerade in einer Wissenschaftsmanagement- Position und baue dort mit meinen Kollegen und Kolleginnen ein Netzwerk von Meteorologie Standorten in Deutschland auf, um die universitäre Meteorologie besser zu vernetzen und auf das tolle Studium der Meteorologie aufmerksam zu machen. Nebenher lehre und forsche ich zum Thema Klimawandel und Gesundheit. Da geht es zum Beispiel um die Frage, wie sich Krankheitsbilder durch Änderung der zukünftigen klimatischen Bedingungen verschieben können.

Top: Entwickelte sich durch Ihre Arbeit die Idee, ins All zu fliegen oder wurde Ihnen das vom Vater – der ebenfalls Astronaut ist – in die Wiege gelegt?

Insa Thiele-Eich: Witzigerweise ist es umgekehrt: Schon mit 16/17 Jahren war Astronautin ein konkreter Berufswunsch von mir, bevor ich Klimaforscherin werden wollte. Man sollte diesen Wunsch allerdings nicht allzu verbissen verfolgen. Auch wenn ich jetzt schon das Astronauten-Training absolviere, ist es nicht selbstverständlich, dass ich überhaupt jemals ins All fliege. Bisher waren immerhin erst weltweit knapp 600 Leute im All.

Top: 2016 gründete Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler die Stiftung „Die Astronautin“ mit dem Ziel, die erste deutsche Frau ins All zu schicken. Aus ursprünglich 400 Bewerberinnen haben Sie und ihre Kollegin Suzanna Randall das Rennen gemacht. Wie fühlt sich das an?

Insa Thiele-Eich: Es ist wunderbar! Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, seit 2017 für die Stiftung „Erste deutsche Astronautin GmbH“ zu trainieren. Für das Training taucht man in eine ganz andere Welt ab, zu der ich sonst wenig Zugang hätte, auch wenn mein Vater ebenfalls Astronaut ist (Vater Gerhard Thiele flog im Jahr 2000 ins All, Anm. d.Red.) und ich einiges über ihn mitbekommen habe. Natürlich hätte ich all die Dinge, die wir während der Ausbildung machen auch als Hobby machen können, aber mit vier Kindern habe ich momentan sehr wenig Zeit für Hobbies! Aktuell ist mein Job für mich „Me-Time“.

Top: Ich fasse kurz zusammen: Sie haben vier Kinder, arbeiten an der Bonner Uni mit 70 Prozent und lassen sich nebenher zur Astronautin ausbilden. Wie geht das?

Insa Thiele-Eich: Zu unserem Interview bin ich zu spät gekommen, oder (lacht)? Die meiste Zeit klappt es gut, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es sei nicht anstrengend. Ein ganz wichtiger Punkt, den mich die Astronautenausbildung lehrt, ist auf mich zu achten. Als ich z.B. meinen Flugschein gemacht habe, war ich mit dem dritten Kind schwanger und hatte manchmal schlechte Nächte und war entsprechend hundemüde. So müde, dass alleine fliegen unverantwortlich gewesen wäre. Also musste ich die Entscheidung treffen, meinen ersten größeren Alleinflug, der an diesem Tag anstand, abzusagen, auch wenn sich das dem Fluglehrer und dem eigenen Ehrgeiz gegenüber blöd angefühlt hat.
Ich lerne aber, wie wichtig es ist, in dieser Hinsicht auf sich zu hören. In der Raumstation bin ich auch alleine und trage die alleinige Verantwortung für mich. Gerade diese Selbstverantwortung hilft mir definitiv auch im Alltag mit kleinen Kindern.

Top: Das Training zur Astronautin erfordert körperliche Höchstleistungen, sowohl psychisch als auch physisch. Haben Sie früher Hochleistungssport betrieben, um das alles auszuhalten?

Insa Thiele-Eich: Nein, eigentlich ist das gar nicht so wild. Man muss eine gesunde Grundfitness haben, die ja aber auch ohne Astronauten-Training von Vorteil ist. Ansonsten braucht es keine spezielle Vorbereitung oder Hochleistungssport.

Top: Im Internet kann man Sie bei einer Höhlenmission, in der Höhendruckkabine, der Humanzentrifuge oder im Cockpit sehen. Zählt das gewissermaßen zur Grundausbildung?

Insa Thiele-Eich: Das Training besteht aus drei Teilen, der erste ist das Basistraining, welches wir im November 2020 abgeschlossen haben. Das beinhaltete neben Parabelflügen, Tauchtraining und Flugschein auch die Zentrifuge sowie die Höhendruckkammer. Anfang letzten Jahres haben wir, als Teil des erweiterten Basistrainings ein Höhlentraining durchlaufen. Im zweiten Halbjahr hatte ich dann Mutterschutz. Der dritte und letzte Teil beginnt, sobald wir wissen, wann die Mission startet.

Top: Sie waren also auch schwanger in der Höhle?

Insa Thiele-Eich: Ja, das war ungefähr zur Mitte meiner vierten Schwangerschaft und ging ganz gut. Der Bauch hat gerade noch in den Schlatz gepasst, und ich in die engen Höhlengänge.

Top: Fünf Tage lang in einer Höhle, permanente Dunkelheit und Kälte, manche Gänge konnten über Stunden nur kriechend passiert werden. Was machen solche Trainings mit einem?

Insa Thiele-Eich: Die Höhle ist eine nicht risikofreie Umgebung, ein bisschen wie auf einer Raumstation. Mein Körper ist da fehl am Platz, es ist dunkel, kalt und nass, und das heißt, dass ich sehr vorausschauend packen muss. Ich kann nicht einfach umdrehen, um etwas Vergessenes zu holen, das simuliert gewisse Situationen im All ganz gut. Auf der Raumstation ist es zwar warm und trocken, aber vielleicht ist mir beispielsweise die erste Woche jeden Tag übel, weil die Schwerkraft fehlt. Und selbst wenn das so ist, muss ich ja trotzdem arbeiten. Und dann habe ich in der Höhle schon die Erfahrung gemacht, was ich brauche, um mir durch körperliche Strapazen zu helfen und trotz allem noch funktionieren zu können – vielleicht sogar, um trotz allem Spaß dabei zu haben. Man muss nicht in einer Höhle gewesen sein, um ins All zu kommen, aber abgesehen davon, dass es eine wunderschöne eigene Welt für sich ist, lernt man dort vieles, was einem auch im All helfen kann.

Top: Was passiert mit dem Körper in der Höhendruckkammer ?

Insa Thiele-Eich: Hier ging es darum zu erkennen, was die eigenen Symptome bei geringer Sauerstoffversorgung sind. Die Kammer simuliert die Sauerstoffverhältnisse auf einem 6000 Meter hohen Berg. Alle Menschen zeigen hier unterschiedliche Symptome und manche spüren gar keine, was super gefährlich ist. Denn man merkt nicht, dass etwas nicht stimmt und hat nicht viel Zeit, bevor eine Ohnmacht eintritt. Das ist besonders für Kampfpilotinnen und -piloten wichtig, die sehr schnell aufsteigen. Ich fühlte mich ein bisschen light-headed, wie leicht angeschwipst, die Farben haben sich verändert und interessanterweise wurden mir die Dinge ein wenig egal.

Top: Gibt es etwas, wovor Sie sich fürchten?

Insa Thiele-Eich: Nein.

Top: Wenn das Basistraining absolviert ist, sind Sie jetzt doch eigentlich startbereit. Wie geht es weiter?

Insa Thiele-Eich: Der aktuell anvisierte Starttermin ist im Herbst 2023, vorausgesetzt, alles läuft optimal nach Plan. Das heißt, die Finanzierung steht, die Technik spielt mit und niemand wird krank. Dann wäre unsere Mission die AX-II. Der Platz dort ist bereits für uns reserviert!
Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir unser Basistraining nur noch erhalten und auf das missionsspezifische Training warten. Das steht dann an, wenn wir die Mission finanziert haben.

Top: Ein Flug zur Raumstation kostet circa 40 Millionen Euro, Ihr Training wurde bisher komplett selbst erarbeitet und aus Zuwendungen finanziert. Woher kommt der Rest?

Insa Thiele-Eich: Die Finanzierung für den Start sehen wir aktuell in der Richtung Public-Private-Partnership mit Unterstützung der Bundesregierung. Hier sind wir mit der neuen Regierung in Gesprächen. Ob wir das dann zusammen mit der ESA oder einem öffentlichen Unternehmen oder einem anderen Modell finanzieren, klären wir gerade.

Top: Ihre Mission im All ist es, neue Erkenntnisse über den weiblichen Körper zu erfahren. Mit welchem Hintergrund?

Insa Thiele-Eich: Bei der Mission steht schon fest, dass wir medizinisch forschen werden. Der weibliche Körper in der Schwerelosigkeit ist bisher schlecht untersucht. Daher werden auf jeden Fall Hormone, diverse Körperflüssigkeiten und die Augen untersucht. Hier gibt es aktuell die größten Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Bei Astronauten hat man festgestellt, dass sich die Sehkraft im All sehr auffällig verringert. Das passiert zwar auch bei Astronautinnen, aber deutlich weniger als bei Männern. Hierzu gibt es Forschungsprojekte, für die wir eingeplant sind.

Top: Lässt sich das – salopp formuliert – einfach erforschen, auch ohne medizinischen Hintergrund?

Insa Thiele-Eich: Ich muss dafür keine Medizinerin sein. Mein wissenschaftlicher Hintergrund reicht, da ich weiß, wie Experimente aufgebaut sind. Ich weiß, worauf ich achten muss und in allem anderen werde ich trainiert. Wir hatten schon Trainings, in denen wir gelernt haben, uns selber Blut abzunehmen und die Messungen zu machen.

Top: Beschreiben Sie einen typischen Tag von sich.

Insa Thiele-Eich: Den gibt es im Grunde nicht. Mein Alltag ist sehr variabel, anders ginge es auch gar nicht. Mal steht das Training im Vordergrund, dann ein Projekt bei der Universität. Zu Hause übernimmt mein Mann genauso viel Verantwortung für die Kinder und den Haushalt wie ich, sonst wäre es unmöglich.

Top: Wenn es 2023 klappen sollte, wer darf dann fliegen, Sie oder Suzanna Randall?

Insa Thiele-Eich: Beide! Nur eine von uns als erstes, die andere danach. Wer zuerst fliegt, wird circa neun Monate vor dem Start durch ein internationales Gremium entschieden.

Top: Vielen Dank für das Gespräch, wir drücken die Daumen!

 

 

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn