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Mein Doping ist Nutella

Mehrfacher Weltmeister, zwei Mal Olympia-Gold: Max Rendschmidt aus Bonn-Ramersdorf faehrt im internationalen Kanu-Rennsport ganz vorne mit. Top Bonn traf den Spitzensportler samt Kajak und Paddel am Rhein.


Die Sonne scheint, das Wasser glitzert: Es ist einer dieser perfekten Frühsommertage, als Max Rendschmidt mit seinem Kajak auf der Schulter in Richtung Rhein spaziert. Heute paddelt der Spitzenkanute ausnahmsweise mal nicht auf Zeit, sondern alleine für die Linse der Top-Fotografin. Anschließend setzen wir uns zum Interview in den Schatten.

Top: Sag mal Max, gibt es eigentlich einen Tag, an dem Du nicht auf dem Wasser bist?
Max Rendschmidt: Selten. In der Regel paddle ich selbst bei Regen, Schnee oder Minusgraden. Bis das Wasser zufriert. Von montags bis freitags trainiere ich in Essen, am Olympiastützpunkt auf dem Baldeneysee. Samstags geht’s dann in Bonn weiter, zum Beispiel auf dem Rhein. Das Wochenende verbringe ich nämlich bei meiner Familie in Ramersdorf. Samstagnachmittag und Sonntag lege ich in der Regel eine Pause ein, um Dinge zu erledigen, die sonst noch erledigt werden müssen. Oder um einfach mal auszuspannen. Aber selbst in meiner Freizeit bin ich am liebsten sportlich unterwegs, zum Beispiel mit dem Mountainbike. Und manchmal auch mit dem Kajak. Einfach zum Rumplantschen, weil mir das Paddeln so viel Spaß macht.

Top: Der Sport ist also Dein Full-Time-Job?
Max Rendschmidt: Absolut. Zum Training und den Wettkämpfen kommen immerhin noch Physiotherapie, Meetings mit Sponsoren und und und… Außerdem stehen regelmäßig Trainingslager an – nicht zwangsläufig auf dem Wasser. Anfang des Jahres ging es zum Beispiel nach St. Moritz in den Schnee: Skifahren als Ausdauertraining. In Florida und Sevilla hieß es dann wieder: paddeln, paddeln, paddeln. Das ist harte Arbeit und kein entspannter Urlaub, auch wenn es die Facebook-Fotos manchmal so aussehen lassen.

Top: Kennen auch Spitzensportler einen inneren Schweinehund?
Max Rendschmidt: Natürlich muss ich mich bei schlechtem Wetter, nach einer harten Woche oder mit ordentlich Muskelkater manchmal überwinden, weiter dranzubleiben. Das macht nicht immer Spaß. Disziplin und Ehrgeiz gehören einfach dazu, um ganz vorne mitzufahren.

Top: Dein Leben scheint zu 100 Prozent auf den Sport ausgerichtet. Hast Du gelegentlich das Gefühl, etwas zu verpassen?
Max Rendschmidt: Manchmal ärgert es mich schon, dass ich aufgrund meines straffen Terminplans nicht einfach mit meinen Freunden aufs Maifest gehen kann. Auf der anderen Seite ermöglicht mir der Sport unheimlich tolle Erlebnisse. Ich komme zum Beispiel viel in der Welt rum. Zwischen Training und Wettkampf bleibt in der Regel immer etwas Zeit, um sich umzuschauen. Ich habe mich für diesen Weg entschieden und es nie bereut. Meine Freundin ist übrigens auch Sportlerin, eine Judoka, und versteht daher, was mich antreibt.

Top: Die harte Arbeit scheint sich auszuzahlen. Mit Deinen 24 Jahren hast Du bereits unzählige Auszeichnungen, Titel und Medaillen eingeheimst. Auf welche Siege bist Du besonders stolz?
Max Rendschmidt: 2016 habe ich das erste Mal an den Olympischen Spielen teilgenommen und gleich zwei Goldmedaillen nach Hause gebracht. Das war schon etwas ganz Besonderes, oben auf dem Podest zu stehen, mit Blick auf die riesige Tribüne. Ich denke, es ist der Traum eines jeden Sportlers, einmal bei Olympia dabei zu sein. Ich habe mir die Wettkämpfe bereits als kleiner Junge im Fernsehen angeschaut und immer gewusst: Da möchte ich auch mal hin.

Top: Du hast schon früh angefangen, auf diesen Traum hinzuarbeiten.
Max Rendschmidt: Mit sechs Jahren bin ich das erste Rennen gefahren. Die Leidenschaft für den Kanusport wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Meine Mutter war 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul Fünfte im deutschen Vierer. Mein Vater Ralf und mein Stiefvater Willy sind begeisterte Wildwasserkanuten. Auch ich habe zunächst mit Wildwasser angefangen, im Oberkasseler Wassersport-Verein. Später bin ich dann nach Rheidt zum Rennsport gewechselt – eine olympische Disziplin. Das war letztendlich ausschlaggebend.

 

Max Rendschmidt im Gespräch mit Top-Bonn-Chefredakteurin Hannah Scosceria.

 

Top: Wann hat sich abgezeichnet, dass der Kanusport für Dich mehr als nur ein Hobby ist?
Max Rendschmidt: Das war ein fließender Übergang. In der Grundschule habe ich etwa zwei Mal die Woche trainiert. Die ersten Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Mein Stiefvater und Heimtrainer Willy sagt, dass ich meinen Konkurrenten schon früh davongefahren bin, selbst den größeren Jungs. Außerdem hatte ich unheimlich Spaß bei der Sache. Also wurden aus zwei, irgendwann drei und dann vier Trainingseinheiten pro Woche. So richtig ernst wurde es mit 13 Jahren, als ich aufs Sportinternat nach Essen gekommen bin.

Top: Ein ganz schön mutiger Schritt für einen 13-Jährigen.
Max Rendschmidt: Für mich war das eine tolle Chance und eigentlich nie ein Problem. Essen ist ja nicht aus der Welt und am Wochenende war ich immer bei meiner Familie in Bonn. Meine Mutter hat wahrscheinlich am meisten darunter gelitten.

Top: Der Spagat zwischen Schule und Training ist Dir gut gelungen… bis es dann in Richtung Oberstufe ging.
Max Rendschmidt: Eigentlich wollte ich nach der Mittleren Reife noch Abitur machen. Der Stundenplan hat sich allerdings nicht so gut mit meinem Training in Einklang bringen lassen. Also habe ich mich nach Alternativen umgeschaut und den Tipp bekommen, mich bei der Bundespolizei zu bewerben – die bieten ein duales Ausbildungsprogramm für Spitzensportler an. Für mich war das ideal: Ich konnte mich auf das Paddeln konzentrieren und trotzdem für eine Zukunft nach der Sportkarriere vorsorgen. Jetzt bin ich ausgebildeter Polizeivollzugsbeamter im Mittleren Dienst, zurzeit aber für den Sport freigestellt.

Top: Worauf arbeitest Du aktuell hin?
Max Rendschmidt: Auf die zweite Qualifikation für das deutsche Nationalteam. Die erste Runde ist für mich bereits sehr gut gelaufen und es sieht danach aus, dass ich auch in dieser Saison wieder dabei bin. Im August stehen dann die Kanu-Rennsport-Weltmeisterschaften in Portugal an. Ich werde wahrscheinlich im Vierer-Kajak über 500 Meter mitfahren. Nach meinen Erfolgen im Zweier-Kajak mit Marcus Groß, saß ich schon im vergangenen Jahr als Schlagmann im Vierer. Zusätzlich bin ich auf den Weltcups noch den Einer gefahren… mit mäßigem Erfolg. Da fehlte mir ein wenig die Erfahrung. Aber auch in dieser Disziplin möchte ich 2018 noch mal angreifen.

 


In der Regel paddle ich selbst Bei Regen, Schnee oder Minusgraden. Bis das Wasser zufriert.


Max Rendschmidt

 

Top: Muss man im Vierer-Kajak ein ausgezeichneter Teamplayer sein?
Max Rendschmidt: Ich denke schon. Man muss sich auf jeden Fall auf die anderen einstellen können. Aber auch die individuelle Leistung zählt. Ein Team ist immer nur so stark wie sein schwächstes Glied. Das heißt: Jeder muss sein Bestes geben, genau wie in einer Fußballmannschaft. Wir alle haben unsere Rolle: Als Schlagmann gebe ich die Schlagzahl vor und bin für das Boot verantwortlich. Mein Kollege „auf zwei“ gibt die Kommandos: zum Beispiel, wann wir aus der Start- in die Streckenphase übergehen und wann der Endspurt beginnt. Die hinteren beiden müssen schieben ohne Ende und gleichzeitig Schlag halten. Um richtig schnell zu sein, muss die gesamte Mischung stimmen. Letztendlich geht es um Zehntelsekunden. Ich habe schon Weltcups verloren, weil ich eine Zehntelsekunde langsamer war.

Top: Ist Doping ein Thema im Kanusport?
Max Rendschmidt: Nicht in Deutschland. Allerdings kommt es durchaus vor, dass Konkurrenten aus anderen Ländern plötzlich nicht mehr antreten, weil sie wegen unerlaubter Leistungssteigerung rausgezogen wurden. Mein Doping ist Nutella! Ein großes 500-Gramm-Glas hält bei mir maximal eineinhalb Wochen. Bei Schokolade werde ich grundsätzlich schwach. Und bei Eis: Da schaffe ich locker zehn Kugeln. Wenn es allerdings auf die Wettkämpfe zugeht, versuche ich, ein wenig auf meine Ernährung zu achten.

Top: Anders als beim Fußball, verdienen sich Spitzenkanuten in der Regel keine goldene Nase.
Max Rendschmidt: Das stimmt. Ich freue mich sehr darüber, dass mich regionale Unternehmen wie die Auto Thomas Firmengruppe oder die VR-Bank Rhein-Sieg bei der ein oder anderen Anschaffung unterstützen. Weitere Sponsoren sind natürlich willkommen!

Top: Bisher ging es für Dich stetig bergauf. Bist Du auf Rückschläge vorbereitet?
Max Rendschmidt: Natürlich ist es toll, zu gewinnen. Der Sport gibt mir aber noch so viel mehr. Mit meinen Kollegen zu trainieren, bei herrlichem Wetter auf dem Rhein zu paddeln… – das steht bei mir im Vordergrund. Der Rest ist Zugabe.

Artikel von www.top-magazin.de/bonn