Freizeit

Damit der Funke überspringt

Es ist das Highlight von Rhein in Flammen und fasziniert uns jedes Jahr aufs Neue: das große Abschlussfeuerwerk. Was nötig ist, um es so richtig krachen zu lassen, haben uns die verantwortlichen Pyrotechnikerinnen verraten.


Wenn um 23.15 Uhr endlich die einleitenden Takte der Musik ertönen und gleichzeitig die ersten funkelnden Effekte am Bonner Nachthimmel explodieren, erreicht die Anspannung für Nicole Solbach und Brigitte Alef ihren Höhepunkt. Zwei Monate haben die leitenden Pyrotechnikerinnen am Rhein-in-Flammen-Feuerwerk gefeilt: von der Choreographie über die Vorbereitung im Betrieb bis hin zum Aufbau. Nun sehen sie das erste Mal live, was bisher nur in ihren Köpfen existierte. Gemeinsam mit über 100.000 Zuschauern, die das Spektakel in der Bonner Rheinaue Jahr für Jahr bestaunen.

Um herauszufinden, welche Logistik, Technik und Tüftelarbeit hinter dem musiksynchronen Großfeuerwerk steckt, haben wir uns auf den Weg nach Eitorf gemacht. Hier befindet sich die Zentrale der Weco, europäischer Marktführer im Feuerwerksbereich. Neben dem Hauptaugenmerk, der Produktion und dem Vertrieb hochwertiger Silvester-Feuerwerksmittel, betreuen die mehrfach ausgezeichneten Pyrotechnik-Experten des Unternehmens verschiedene Feuerwerksevents: Kölner Lichter, Kieler Woche und seit 2006 auch Rhein in Flammen.

Spürbar mehr Wumms

Mit der alljährlichen Silvesterknallerei haben die professionellen Shows nur wenig gemein; das zeigen schon die verwendeten Feuerwerkskörper. Statt Raketen mit Leitstab und Zündschnur kommen sogenannte Bomben zum Einsatz. Da wäre zum Beispiel „Popping Star“, deren Funkenschlag aussieht wie unzählige Blumenkohl- Röschen. Oder „Faszination“, eine äußerst imposante Mehrschlagbombe, die einmal explodiert und sich dann in 21 kleine Effekte zerteilt. „Besonders beliebt sind auch Motivbomben, die Herzen, Sterne oder Smileys an den Himmel zaubern“, sagt Nicole Solbach. Obendrein beinhaltet das Profi-Repertoire vorab kombinierte Batterien, wie wir sie aus der Silvesternacht kennen. Bloß mit spürbar mehr Wumms. Dasselbe gilt für das ergänzende Nahbereichsfeuerwerk. Dazu gehören zum Beispiel Feuertöpfe, die mit einem Schuss unzählige Funken in den buntesten Farben ausstoßen. Grundsätzlich haben Großfeuerwerkskörper eine beträchtlich höhere Explosivmasse als ihre Pendants für den Hausgebrauch. Außerdem werden sie direkter gezündet. Folglich ist ihr Handling deutlich gefährlicher, bedarf jeder Menge Know-how und spezieller Sicherheitsvorkehrungen. Die Durchführung eines Großfeuerwerks bleibt daher staatlich geprüften Pyrotechnikern vorbehalten.

Musik zum Schießen

Nicole Solbach und Brigitte Alef dürfen es nicht nur knallen lassen, sie bringen auch die nötige Phantasie mit, um eine Feuerwerks-Show zu komponieren. In einem ersten Schritt gilt es, den Musikschnitt zusammenzustellen. Für Rhein in Flammen geschieht dies in enger Kooperation mit der T&C, dem Veranstalter des Schiffskonvois, und Roland Nenzel, der auch die künstlerische Leitung der Klangwelle veratwortet. Die perfekte Musikauswahl sollte drei Kriterien erfüllen: Sie muss zum jährlich wechselnden Motto passen, möglichst abwechslungsreich sein „und sollte ein schlagkräftiges Finalstück enthalten, auf das wir heftig schießen können“, sagt Brigitte Alef.

 

Rhein in Flammen 2018 Samstag, 5. Mai

 

Um im Anschluss eine musiksynchrone Choreographie zu entwickeln, steht den Pyrotechnikerinnen ein Pool aus mehreren hundert Feuerwerkskörpern zur Verfügung – mit den unterschiedlichsten Effekten, Mustern und Farben. Einige eignen sich besser für schnelle Rhythmen, andere harmonieren mit langsamen Nummern. „Einmal gab es eine Passage mit Techno-Sound“, erinnert sich Nicole Solbach. „Dazu haben wir es mit hellen Blitzen so richtig knattern lassen. Ganz wie in einer Disco.“ Bei ruhigeren Abschnitten kommt gerne ein Favorit vieler Zuschauer zum Einsatz: Die „Steigende Krone“ schraubt sich langsam nach oben und zieht dabei einen schimmernden Schweif hinter sich her. Sogenannte „Falling Leaves“ gehen leise am Himmel auf und gleiten besinnlich nach unten.

20 Stunden für 20 Minuten

Ein ausgefeiltes Computerprogramm sorgt dafür, dass das Feuerwerk auch tatsächlich synchron zur Musik abläuft. Bis in die hundertstel Sekunde kann jeder Abschuss genauestens geplant werden. Insgesamt sind es rund 30.000 Stück. Dank einer umfangreichen Datenbank weiß die Software genau, wann eine Bombe gezündet werden muss, damit der Effekt im richtigen Moment den Nachthimmel erhellt. Immerhin brauchen die Feuerwerkskörper einen Moment, bis sie ihre individuelle Steighöhe erreicht haben. Durchschnittlich beträgt die Verzögerung etwa 3,5 Sekunden. „Um eine Minute Musik zu choreographieren, benötigen wir etwa eine Stunde“, schätzt Brigitte Alef. „Für das 20-minütige Rhein-in-Flammen-Feuerwerk sind wir also rund 20 Stunden beschäftigt.“

 

Hoch hinaus

Sobald die Choreographie steht, übernimmt ein anderer Teil des Weco-Teams. Es ordert die benötigten Feuerwerkskörper aus aller Welt, präpariert die Bomben, baut Lichtbilder… und, und, und. Die Vorbereitungszeit nimmt etwa einen Monat in Anspruch. Spätestens am Tag vor Rhein in Flammen muss alles stehen. Dann geht es an den Aufbau der Abschussrampen: unscheinbare Holzkästen, die großflächig auf dem gewissenhaft abgesperrten Abbrennplatz am Rheinauensee verteilt und mit Glasfaserrohren versehen werden. In diese kommt tags darauf das Gefahrgut, sprich die Bomben. Neben der Ausstoßladung bestimmen auch die Länge sowie der Durchmesser des Rohres die letztendliche Flughöhe. Bei Rhein in Flammen erreichen die Geschosse bis zu 200 Meter. So haben auch die Schiffsgäste beste Sicht auf das Feuerwerk.

 

 

Eingespieltes Team: Weco-Pyrotechnikerinnen Nicole Solbach und Brigitte Alef sind auch international unterwegs – wie hier auf einem Feuerwerks-Wettbewerb in Montreal.

Daumen drücken

Beim Aufbau verbindet das Weco-Team jeden einzelnen Feuerwerkskörper mit einem elektronischen Empfänger, der wiederrum per Funk Signale vom Schießpult erhält. Ein Druck auf den knallrot blinkenden Zündknopf genügt und das vorab programmierte Szenario wird automatisch abgespielt. Für Nicole Solbach und Brigitte Alef ist dieser Moment besonders spannend. Jetzt können sie bloß noch zuschauen und hoffen, dass alles wie geplant funktioniert. Es sei denn, es taucht ein Problem auf. Dann ist es den Pyrotechnikerinnen jederzeit möglich, einzugreifen und die Show zu stoppen.
„Wir können noch so viel planen“, sagt Nicole Solbach. „Letztendlich bleibt immer ein Funken Unsicherheit.“ So lässt sich zum Beispiel das Wetter nur schwer einkalkulieren. Regnet es während der Aufbauarbeiten, gilt es, Bomben und Co. penibel vor Nässe zu schützen. Bei starkem Sturm oder Gewitter müssen Großfeuerwerke häufig abgesagt werden. Bei extremer Trockenheit besteht wiederrum Brandgefahr. Mitunter kommt es vor, dass ein Feuerwerkskörper nicht richtig zündet. Dem Publikum fällt das in der Regel gar nicht auf, den Perfektionistinnen am Schießpult allerdings schon. Worst Case wäre jedoch, wenn ein Feuerwerkskörper zwar nach oben steigt, weil die Ausstoßladung gezündet hat, dann allerdings nicht explodiert und das Geschoss wieder zu Boden fällt. Im Fachjargon spricht man in solchen Fällen von einer schwarzen Bombe. Dank penibelster Qualitätssicherungen der verwendeten Feuerwerkskörper kommt ein Szenario wie dieses nur sehr selten vor. Dennoch wird es bei der Berechnung des Sicherheitsabstands berücksichtigt.

 

Bis in die hundertstel Sekunde kann jeder Abschuss genauestens geplant werden. Insgesamt sind es rund 30.000 Stück.

 

Beste Sicht

Zum Glück funktioniert in der Regel alles nach Plan und ohne Zwischenfälle. Ist auch der letzte Funke übergesprungen, fällt Nicole Solbach und Brigitte Alef ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. Dennoch werfen sie im Nachhinein einen kritischen Blick auf ihre Show: Was ist besonders gut angekommen? Was können wir im kommenden Jahr noch besser machen? Bei ihrer Manöverkritik behalten die Pyrotechnikerinnen stehts im Hinterkopf, dass ihre eigene Perspektive gar nicht so optimal ist. Dafür steht die Crew schlichtweg zu nah unterm Feuerwerk. Einen deutlich besseren Blick haben die Zuschauer auf den Rheinschiffen oder auf einem der Rheinauenhügel rund um den Abschussplatz. Von dort kommen die verschiedenen Höhen, die Dreidimensionalität, die phantasievoll komponierten Bilder besonders gut zur Geltung.

Artikel von www.top-magazin.de/bonn