Gesundheit

Gibt es das auch in laktosefrei?

Der eine hat Probleme mit Milchprodukten oder Obst, der andere verträgt kein „normales“ Brot. Die Troisdorfer Ernährungs- und Gesundheitspädagogin Doris Paas erklärt, was hinter Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten steckt und warum manche Menschen bestimmte Produkte meiden sollten.


Dass das Problem mit Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten kein neues ist, beweist Ötzi, der vor mehr als 5.000 Jahren gelebt hat. Aus seinen Erbanlagen konnte man ablesen, dass er unter anderem unter einer Milchzucker-Unverträglichkeit, also einer Laktose-Intoleranz, litt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch Fruchtzucker aus Obst und Gemüse sowie Getreide nicht so gut vertragen hat – zumindest nicht in der Menge, wie wir es heute essen.

Und damit war und ist Ötzi in absolut guter Gesellschaft: Rund 85 Prozent der erwachsenen Menschen auf der Welt bekommen auch heute noch Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfälle, wenn sie Milch trinken. Allerdings nicht unbedingt bei uns in Deutschland oder in den nördlichen Gegenden in Europa und Amerika. Hier können die meisten Menschen Milch noch bis ins hohe Alter problemlos verdauen.

Milchzucker-Unverträglichkeit

Für den Säugling ist es lebenswichtig, Milchzucker aus der Muttermilch verdauen zu können, denn dieses Kohlenhydrat liefert ihm die nötige Energie zum Wachsen und Gedeihen. Das ist übrigens bei allen Kindern von Säugetieren gleich, und so enthält jede tierische Milch genauso wie die Muttermilch Laktose. Damit die Laktose verdaut werden kann, muss sie mit einem Enzym namens Laktase verarbeitet werden, das in den Zellen des Dünndarms gebildet wird. Die Laktase zerschneidet den Milchzucker, der aus zwei festverbundenen Bausteinen besteht, in seine kleineren Bestandteile – etwa so, wie eine Schere. Diese kleinen Bausteine können nun zwischen den Zellen der Darmschleimhaut hindurchschlüpfen, um von dort ins Blut und dann weiter zu den Körperzellen zu gelangen, wo sie als Energie benötigt und verbraucht werden.

Wenn Babys abgestillt sind, trinken sie eigentlich keine Milch mehr – zumindest hat dies die Natur so vorgesehen. Und weil die Natur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktioniert, wird die Laktase-Produktion im Dünndarm im Laufe des Kleinkindalters nach und nach eingestellt – sie wird ja nicht mehr benötigt. Und so waren ursprünglich alle Menschen auf der Erde laktoseintolerant, weil es in ihren Genen so angelegt war.

Wird jetzt doch noch Milch getrunken, so, wie dies heute bei uns üblich ist, wird der enthaltene Milchzucker mangels Laktase nicht mehr aufgespalten und in den Dickdarm weiterbefördert. Dort wartet ein Heer von Darmbakterien darauf, diesen Milchzucker zu „fressen“. Diese Bakterien sind gesunde Mitbewohner unserer Darmflora, die helfen, auch noch letzte Nährstoffreste für uns nutzbar zu machen. Bei diesem Vorgang entstehen Säuren und Gase als Abfallstoffe, die zum Teil über die Dickdarmschleimhaut aufgenommen und von unserem Organismus verwertet werden können. Je mehr Milchzucker in den Dickdarm gelangt und je mehr die Bakterien verstoffwechseln, desto mehr Gase und Säuren entstehen, die uns ab einer gewissen Menge durchaus quälen können – als Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall.

»Ötzi hätte auf jeden Fall Bauchschmerzen bekommen, wenn er sich so ernährt hätte, wie viele von uns es heute tun.«

Dass wir heute in der Mehrzahl doch Milchzucker ohne Probleme verdauen können, liegt an einer Mutation. Vor etwa 7.000 bis 4.000 Jahren kam es zu einer kleinen, spontanen Änderung in den Erbanlagen einiger Menschen in Nordeuropa. Diese produzierten dann bis ins hohe Alter Laktase in ihrem Dünndarm und konnten so Milch verdauen, ohne Beschwerden zu bekommen. Und weil dies für sie günstig war, weil sie ihre Weidetiere nun nicht mehr schlachten mussten, sondern sich auch von deren Milch ernähren konnten, waren sie besser genährt und konnten mehr Nachkommen zeugen. Dadurch hatten sie gegenüber den laktoseintoleranten Menschen ohne diese Genmutation einen Vorteil und konnten ihre Gene vermehrt weitergeben. Deshalb tragen in Nordeuropa und in Nordamerika, wo viele ausgewanderte Nordeuropäer leben, mehr Menschen die Genveränderung. Nur etwa jeder Fünfte ist noch mit den „originalen“ Genen ausgestattet – so wie Ötzi. In Afrika und Asien hingegen haben die meisten Menschen die ursprüngliche Gen-Ausstattung.

Fruchtzucker-Unverträglichkeit

Ähnlich ist es mit dem Fruchtzucker, der Fruktose. Diese benötigt zwar kein Enzym, dafür aber bestimmte Transportproteine, die wie das Laktase-Enzym im Dünndarm gebildet werden. Fehlen diese Transportproteine, gelangt der Fruchtzucker wie auch unaufgespaltener Milchzucker in den Dickdarm und wird dort von den Darmbakterien mit denselben Folgen verstoffwechselt. Menschen, die zu wenig Transportproteine produzieren, leiden an einer Furchtzucker-Unverträglichkeit (Fruktose-Intoleranz).

Übrigens ist bei jedem Menschen die Menge der Transportproteine begrenzt. Das merkt man zwar bei normalen Obst- und Gemüsemengen nicht, wenn man dazu aber noch größere Mengen an Fruchtsäften und vor allem Limonaden- und Cola-Getränken zu sich nimmt, die mit Fruktose-Sirup gesüßt sind, dann übersteigt dies schnell die natürlichen Kapazitäten. Ötzi hätte also auf jeden Fall Bauchschmerzen bekommen, wenn er sich so ernährt hätte, wie viele von uns es heute tun.

Gluten-Unverträglichkeit

Beim Gluten sieht es ein wenig anders aus: Gluten ist ein Stoff, der von den Getreidesorten Weizen, Roggen und Gerste als Schutzstoff vor Fressfeinden gebildet wird. Mäuse sollen Bauchschmerzen bekommen, wenn sie die Samen der Pflanzen fressen und deshalb die Pfötchen davon lassen. Auch wir sind – zumindest nach Meinung der Getreidepflanzen – Fress-feinde. Wenn wir größere Getreidemengen verzehren, kann es sein, dass einige von uns ebenfalls mit Bauchschmerzen, Blähungen oder auch Durchfällen reagieren. Manche Menschen merken gar nichts. Andere, die an einer Gluten-Unverträglichkeit leiden, reagieren sensibler.

Nicht die Rede ist hier übrigens von Menschen, die an einer Zöliakie erkrankt sind. Diese Autoimmunerkrankung zwingt zu dauerhaftem und hundertprozentig konsequentem Glutenverzicht. Bei einer Gluten-Unverträglichkeit jedoch werden genauso wie bei einer Milchzucker- oder auch Fruchtzucker-Unverträglichkeit in den meisten Fällen kleinere Mengen der unverträglichen Stoffe vertragen, und die Intensität der Beschwerden hängt von der Verzehrmenge ab.
Trotzdem schadet es nicht, wenn wir ein wenig auf Gluten und hier vor allem auf Weizen achten. Der hochgezüchtete Weizen, den wir heute kaufen, enthält nämlich wesentlich mehr Gluten als früher. Ötzi hat also deutlich weniger Gluten gegessen. Sich in Bezug auf die Menge von Brot, Brötchen, Plätzchen und Knabbergebäck ein wenig einzuschränken, tut jedem gut. Denn unser Verdauungssystem sieht noch ganz genauso aus wie das von Ötzi.

Was tun?

Für Menschen mit einer Laktose-Unverträglichkeit gibt es laktosefreie Milch und Milchprodukte, bei denen die Laktose bereits in der Molkerei aufgespalten wurde. Für Menschen mit einer Gluten-Unverträglichkeit gibt es glutenfreies Brot und Brötchen, die aus Mais- oder Reismehl gebacken werden, das kein Gluten enthält. Aber auch bei Obst und Gemüse gibt es eine Lösung: Manche Sorten enthalten weniger Fruktose. Wenn diese in kleinen Mengen verzehrt werden, reichen die vorhandenen Transportproteine oftmals gerade noch aus. Vor allem aber sollte man hier strikt auf Limonaden und Cola-Getränke verzichten.

Wichtig zu wissen ist es jedoch, dass laktose- und glutenfreie Lebensmittel zwar für die Betroffenen ein Segen sind, dass Menschen, die keine Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten haben, diese Produkte aber nicht benötigen. Sie sind keinesfalls gesünder als die normalen Lebensmittel. Sie schaden zwar auch nicht – abgesehen vom Geldbeutel, denn sie sind in der Regel teurer als normale Produkte – aber sie haben keinen gesundheitlichen Mehrwert.

Wenn man eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit hat, ist das zwar etwas lästig, weil man aufpassen muss, was man isst. Mit dem konsequenten Einschränken der entsprechenden Lebensmittel wird es einem jedoch sehr gut gehen. Auch der eine oder andere kleine Ausrutscher ist meist nicht weiter dramatisch. Da muss man dann vielleicht ein paar Stunden lang pupsen, aber sobald wieder eine angepasste Nahrung verzehrt wird, sind die Beschwerden auch rasch vorbei. Ein ganz anderes Problem sind Nahrungsmittel-Allergien wie zum Beispiel eine Erdnuss- oder Fisch-Allergie, die richtig gefährlich werden können. Hier dürfen wirklich noch nicht einmal Spuren der entsprechenden Nahrungsmittel gegessen werden.

Grundsätzlich möchte ich dazu aufrufen, Menschen mit Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten verständnisvoll und mit Rücksicht zu begegnen. Es handelt sich nicht um eine Krankheit und Betroffene wollen nicht bemitleidet werden!


Zur Autorin:

Doris Paas ist ausgebildete Lehrerin und Ernährungs- und Gesundheitspädagogin. Sie ist Autorin verschiedener Fachbücher und zahlreicher Veröffentlichungen in medizinischen Fachzeitschriften. In ihrer Praxis in Troisdorf berät Doris Paas Klienten u.a. mit den Schwerpunkten Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten und Darmgesundheit.

www.dorispaas.de

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn