Gesundheit

Du isst, wie du bist – Frédéric Letzner

Sind wir mal ehrlich: Die meisten Menschen wissen, wie eine gesunde Ernährung auszusehen hat. Viel interessanter ist die Frage, warum sich viele nicht dran halten. „Essen ist ein emotionales Thema“, sagt Ernährungscoach Frédéric Letzner und geht die Thematik aus einer etwas anderen Perspektive an. Im Top Magazin Bonn erklärt er, warum Genuss ein absolutes Muss ist.


 

Wer eine Ernährungsberatung wahrnimmt, weiß meist sehr genau, was er falsch macht. Häufig begegnen mir Aussagen wie: „Ich müsste mehr Wasser trinken, weniger Süßes und Fettes essen, mich mehr bewegen, länger schlafen und so weiter.“ Auch Kinder haben meist eine sehr gute Vorstellung davon, was sie im Idealfall essen und was sie meiden sollten. Sprich: dass ein Apfel deutlich besser für sie ist als eine Tafel Schokolade. Und dennoch greifen nicht nur die Kleinen, sondern auch wir Erwachsenen immer wieder zu genau den Dingen, die wir eigentlich als „ungesund“ betiteln. Wir essen zu viel, zu schnell und zu einseitig. Die Entschuldigungen variieren je nach Anlass: „Das habe ich mir verdient. Neinsagen ist unhöflich. Es liegen zu lassen, wäre Verschwendung. Ich habe es eilig.“ Oder mein Favorit: „Wenn der Teller leer ist, scheint morgen die Sonne.“ Es scheint also gar nicht so leicht, das vorhandene Wissen auch tatsächlich umzusetzen. Genau hier sollte eine moderne Ernährungsberatung ansetzen, statt auf den bereits bekannten Grundlagen „herumzukauen“.

 

Iss deinen Brokkoli

Die Gesundheit ist nicht das ausschlaggebende Argument, wenn es um das eigene Verhalten geht. Ich würde sogar behaupten: Gesundheit ist out! Schon seit der Kindheit hören wir das Unwort „gesund“ immer genau dann, wenn es uns nicht schmeckt, wenn wir vernünftig sein und wir uns anstrengen sollen. „Iss deinen Brokkoli, sitz grade und zieh deine Jacke an.“ Im Erwachsenenalter wird das Thema Gesundheit meist mit Erkrankungen, Anstrengung und Verzicht assoziiert. Das Leben zu genießen – á la Sex, Drugs and Rock’n’Roll – scheint deutlich spannender. Das suggerieren auch die Medien. In der Bier-Werbung schraubt ein Mann an seinem Motorrad. Eine Familie sitzt gemeinsam am Tisch und genießt zusammen mit Opa eine Tiefkühlpizza. Bilder von Superhelden zieren süße Getränke für Kinder. Wie es scheint, haben die Marketing-Verantwortlichen sehr gut verstanden, was wir uns wünschen. Zum Beispiel beim Spiel mit dem Faktor Männlichkeit. Da wirkt ein Burger in der Hand um Längen attraktiver als ein kleiner Teller Salat. Und zum Fußball gehört Bier
nun mal dazu.

 

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Ungeduld ist ungesund

Kommen wir zum Thema Diät. Hier lassen sich Menschen immer wieder von dem Versprechen „maximaler Gewichtsverlust in kürzester Zeit“ verleiten. Doch der Wunsch, seinen Körper möglichst schnell zu optimieren, ist meistens der Grund für ein ungesundes Verhalten. Auch grundsätzlich ist der allgemeine Effizienzdrang in Sachen Gesundheit absolut kontraproduktiv. Effizienz im Alltag bedeutet häufig, dass wir uns genau für die ungesunden Verhaltensweisen entscheiden: wenig schlafen, keine Pausen, Fahrstuhl fahren, unterwegs und auf die Schnelle essen, sich keine Zeit zum Kochen nehmen. Einfach, weil es in diesem Moment unkomplizierter und schneller scheint. Dies gilt vor allem dann, wenn man ungeduldig ist. Wer also gesünder leben möchte, der muss seine eigene Ungeduld, seinen Perfektionismus und seinen Effizienzgedanken hinterfragen. Denn ohne Geduld, ohne Gelassenheit und ohne Pausen ist wohlfühlen, genießen und gesund sein schwierig.

 

Essen ist emotional

Gesunde, ausgewogene Ernährung und nachhaltige Verhaltensänderung attraktiv zu gestalten, ist gar nicht so einfach. Natürlich ist es sehr verlockend, zu fasten, Diäten zu machen, Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen, sich durch ein Zehn-Wochen-Programm zu kämpfen und den Erfolg einer Veränderung in Gewichtsverlust pro Zeit zu messen. Der Jojo-Effekt ist hier jedoch vorprogrammiert, sobald wir zu unseren Gewohnheiten zurückkehren. Für die Veränderung von Gewohnheiten braucht es Geduld, es braucht nachhaltige Ansätze und funktionierende Alternativen. Denn Gewohnheiten haben eine ganz klare Funktion, die sich nicht einfach ignorieren lässt. Sie geben uns ein Gefühl von Ruhe, Sicherheit und Kontrolle. Genau aus diesem Grund kommen schlechte Gewohnheiten besonders dann zum Vorschein, wenn es uns nicht so gut geht: Wir greifen wieder zur Zigarette, trinken einen über den Durst oder verkriechen uns mit einer Tafel Schokolade auf der Couch. Jeder Mensch hat seine eigenen Strategien, mit denen er sich vor unangenehmen Gefühlen schützt oder sich vom Stress ablenkt. Daher ist es bei einer Ernährungsberatung längst nicht damit getan, ein paar gute Tipps bereitzuhalten oder Fachwissen aus dem Studium preiszugeben. Wenn es primär um Verhaltensänderung geht, sind psychologische Zusammenhänge deutlich relevanter. Bei Übergewicht lässt sich fast immer ein Zusammenhang zwischen dem ungünstigen Essverhalten und der persönlichen Stressbelastung erkennen. Auch Appetitlosigkeit hat sehr häufig mit Stress zu tun. Kritisch wird es dann, wenn ein Verhalten in extremer Form und mit hoher Regelmäßigkeit praktiziert wird. Im Vergleich zu Gewohnheiten sind Süchte weitaus problematischer, erfüllen jedoch genau denselben Zweck.

 

Das liebe Feierabendbiertop-magazin-bonn_du-isst-wie-du-bist-6

Wann eine Gewohnheit zur Sucht wird, ist zum Teil schwer zu beurteilen. Ein Beispiel: das scheinbar unschuldige Feierabendbier. Was viele nicht wahrhaben wollen: Etwa 84.000 kcal pro Jahr führen sich die Deutschen durchschnittlich über den Alkoholkonsum zu. Das entspricht einer Energiemenge von etwa zwölf Kilogramm Körperfett. Zahlen, die erahnen lassen, dass das Thema Alkohol wesentlich relevanter ist als vieles, was wir in den einschlägigen Diät-Ratgebern lesen. Aber wer möchte schon hören, dass er zu viel Alkohol trinkt?!

 

Wie, wieviel und warum

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass wir Menschen aufhören zu essen, sobald wir satt sind. Allerdings ist dies absolut nicht der Fall. Emotionales Essen oder auch Stressessen sind häufig der Grund dafür, dass wir zu schnell, unbewusst und regelmäßig über unser Sättigungsgefühl hinaus essen. Dabei nehmen wir unseren Körper und unser Sättigungsgefühl mitunter gar nicht wahr. Wenn wir dann auch noch unter Zeitdruck das Essen in uns hineinschaufeln, lässt sich bis zum eintretenden Sättigungsgefühl wesentlich mehr Energie zuführen als der Körper eigentlich braucht. Bauchschmerzen sind hier vorprogrammiert.

 

Genuss ist ein Muss

Wer kennt das nicht: Wenn wir uns schlecht fühlen, haben wir in der Regel keine Lust, uns selbst etwas Gutes zu tun. Fühlen wir uns wohl, haben wir hingegen Spaß daran, vor die Türe zu gehen, uns zu bewegen, gute Lebensmittel genussvoll zuzubereiten und auch bewusst zu essen. Andersherum fördert Genuss auch unser Wohlbefinden. Allerdings genießen wir unser Essen häufig nicht richtig. Das lässt sich speziell bei übergewichtigen sowie untergewichtigen Menschen beobachten. Sowohl beim emotionalen Essen als auch beim strikten Verzicht fällt Genuss meist schwer. Dabei ist genussvolles Essen nicht selten der Schlüssel zum Normalgewicht. Mit Genuss zu essen, bedeutet langsam zu essen und sich selbst dabei zu spüren. Es bedeutet achtsam dafür zu sein, wann wir satt sind. Es bedeutet, sich nicht durch Fernsehen, Smartphone oder die Arbeit ablenken zu lassen, sondern bewusst zu genießen und zu bemerken, wann unsere Nahrungsaufnahme mitunter nichts mehr mit Genuss zu tun hat. Das erste Stück Schokolade ist Genuss pur und demnach absolut gesund. Das letzte Stück hat allerdings nur noch selten mit Genuss zu tun.

 


Das erste Stück Schokolade ist Genuss pur und demnach absolut gesund. Das letzte Stück hat allerdings nur noch selten mit Genuss zu tun.


 

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zum Autor

Frédéric Letzner ist erfahrener Trainer und zertifizierter Ernährungsberater/-therapeut. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Hintergründe unseres Gesundheits- und Ernährungsverhaltens zu erkunden und diese in anschaulichen, amüsanten und ehrlich-provokanten Vorträgen oder Seminaren im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung zu thematisieren.

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Artikel von www.top-magazin.de/bonn