Kultur

Alles dreht sich, alles bewegt sich.

Karussell heißt die neue Show im GOP Varieté-Theater Bonn – eine skurrile Mischung aus Kunst und Klamauk, Musik und Muskeln, Spagat und Spaghetti. Wir durften die Künstler bei ihren Proben begleiten und einen Blick hinter die Kulissen werfen.


Spot aus, Licht an: Als am Sonntagabend der letzte Vorhang fällt, herrscht hinter der Bühne eine euphorische Abschiedsstimmung. Drei Monate lang haben die Artisten der GOP Show Talents das Bonner Publikum begeistert, sind zu einem ein gespielten Team zusammengewachsen, vielleicht sogar zu einer großen Familie. Nun heißt es Koffer packen und weiter ziehen. Zur gleichen Zeit im GOP Bremen genießt eine zweite Künstler-Crew ihren verdienten Dernière Applaus – freudestrahlend, außer Atem und mit verein zelten Schweißperlen auf der Stirn. Das schreit nach einer Verschnaufpause. Von wegen! Schon morgen früh werden die Artisten mit Sack und Pack aufbrechen. Nach Bonn. Vor der Karussell-Premiere am Donnerstag bleibt nicht mehr viel Zeit zum Proben…

»Mal trashig, mal kunstvoll«

Was für Außenstehende wie ein ambitionierter Zeitplan wirkt, scheint die Künstler nur wenig zu beunruhigen. Immerhin standen sie mit der Show bereits unzählige Male auf der Bühne. Nun gilt es jedoch, das Programm auf die neue Location an zupassen. Im Bonner GOP zwingt zum Beispiel eine eher geringe Deckenhöhe das Artisten-Team zu mehr Konzentration. Plötzlich ist bei Nummern auf dem Schleuderbrett, dem Russischen Barren oder am Vertikalseil nicht mehr so viel Platz nach oben. „Ein Umstand, der dem ursprünglich nicht als Theater geplanten Bestandsbau geschuldet ist“, sagt Julia Feirer, Direktorin des Bonner GOP.

 

Fliegender Wechsel

Auch für sie sind die Tage des fliegenden Wechsels besonders aufregend. „Ein Zu stand zwischen hello und goodbye, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, erklärt sie ihre gemischten Gefühle. Alle zwei Monate erfindet sich das GOP neu. Eine Herausforderung, nicht nur für die reisenden Artisten, sondern auch das feste GOP Team: zum Beispiel die Techniker, die sich erst einmal mit den Anforderungen der neuen Show vertraut machen müssen. Mehrere Licht- und Tonproben sorgen dafür, dass die Musik im passen den Moment einsetzt und dass der Spot die Aufmerksamkeit des Publikums an die richtige Stelle lenkt.

Willkommen in Bonn

Im Künstlerhaus stapeln sich zu diesem Zeitpunkt bereits die Koffer. Hier ähneln die Abläufe denen eines Hotels: Am Morgen nach der letzten Show steht pünktlich das GOP-Housekeeping vor der Tür. Dann heißt es erst einmal: putzen, Betten beziehen und frische Handtücher rauslegen. Ein All-inclusive Service, der den Ab- und Anreisenden das unstete Leben an immer neuen Orten erleichtern soll. „Die Artisten stammen meist aus dem Ausland und kennen sich in Bonn überhaupt nicht aus , sagt Direktionsassistentin Kristin Sigl, die sich als Künstlerbetreuerin um die kleinen und großen Belange ihrer Gäste kümmert. Sie organisiert Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr, unterstützt bei Behördengängen oder besorgt fehlende Requisiten.

Eine Geschichte wie ein Kaleidoskop

Ihre „Arbeitsgeräte“ bringen die Artisten in der Regel selber mit – darunter Seile, Ke gel oder auch ein riesiges Rad namens Cyr. Deutlich weniger Platz im Transporter be nötigt das reduzierte Bühnenbild: ein Kassenhäuschen, ein paar alte Karussellpferde, mehr braucht es nicht. Wenn die Artisten zu Beginn der Show mit Zahnbürste und mitunter etwas zu kurz geratenen Bademänteln auf die Bühne stolpern wird klar: Wir haben es hier mit einer reisenden Künstlergruppe zu tun, einer Art Wohngemeinschaft unterschiedlichster Charaktere, die viel Zeit miteinander verbringen. Vielleicht auf einem Jahrmarkt – der Name Karussell legt es nahe. Vielleicht aber auch nicht. Immerhin ist das Karussell nicht wirklich ein Karussell, sondern ein Hund. „Das Stück ist losgelöst von Ort und Zeit“, sagt Regisseurin Sabine Rieck. Auch eine zusammenhängen de Geschichte, die sich durch das Programm zieht, gibt es eigentlich nicht. „Wir wollen immer neue Bilder, neue Begegnungen, neue Atmosphären schaffen.“ Das Ergebnis: Eine Geschichte wie ein Kaleidoskop. Maltrashig, mal kunstvoll.

»Zwischen all dem bunten Durcheinander bekommen die spektakulären, akrobatischen Nummern mit Kinnladerunterklapp-Garantie eine völlig neue Dimension.«

Wenn Klamauk auf Können trifft

Zwischen all dem bunten Durcheinander bekommen die spektakulären, akrobatischen Nummern mit Kinnlade-runter klapp Garantie eine völlig neue Dimension. „Die Fallhöhe zwischen Klamauk und Können ist bei Karussell besonders hoch, beschreibt Sabine Rieckden Charme der Produktion, die kreativ mit Stereotypen, Understatement und dem Unperfekten spielt. Artisten wie aus dem Bilderbuch stehen hier nicht auf der Bühne, sondern eine sympathisch-verrückte Truppe individueller Charaktertypen.

Improvisation erwünscht

Mit ihrem Auftritt auf der Bonner GOP-Bühne schließt sich für die Karussell-Crew ein Kreis. Schließlich haben sie ihr Programm dann in jedem der aktuell sieben GOP Theater präsentiert. Das Publikum in der Bundesstadt bekommt aller dings eine ganz andere Show zu sehen als die Gäste der Premiere, die vor etwa zwei Jahren in München stattfand. „Wir unterstützen es, dass die Künstler ihre Darbietungen eigenständig weiterentwickeln. Solange sie das Grundkonzept nicht zu sehr verfälschen, sagt Sabine Rieck, die den Artisten einen außergewöhnlichen Spieltrieb attestiert.

Hundenase auf, Zunge raus

Ursprünglich basiert die Inszenierung auf einer Produktion des kanadischen „Vague de Cirque. Allerdings wurde sie, in gewohnter GOP-Manier, für die deutschen Bühnen völlig neu interpretiert. Ein Bei spiel: Der Hund namens Karussell – heute einer der roten Fäden der Show – entwickelte sich relativ spontan beim Proben. Gabriel Drouin war neu zum Cast gestoßen. Seiner sonst perfekten Nummer fehlte noch das letzte Quäntchen Kreativität. So entstand die Idee, ihn nicht als Mensch, sondern als Vierbeiner auf die Bühne zu schicken. Hundenase auf, Zunge raus – fertig war das Kostüm. Wunderbar reduziert und herrlich skurril, wie der Rest des Programms.

Lachen und Staunen

Neben Karussell dem Hund dient auch ein ziemlich exzentrischer Clown als Bindeglied zwischen den Nummern. Der Mann hinter dem schrillen Auftritt ist Philippe Trépanier, ein energiegeladenes Berufskind, das sich besonders gerne in Spielzeugläden rumtreibt. Hier findet er Inspiration, vor allem in Form origineller Requisiten. Seine etwas andere Diabolonummer steht beispielhaft für die Vielschichtigkeit der Show – eine Komposition aus Komik, Ironie und artistischer Höchstleistung. So mag es das GOP am liebsten. „Zwei Grundelemente ziehen sich durch jede Produktion, sagt Julia Feirer. „Es gibt immer etwas zum Lachen und immer et was zum Staunen.

Artikel von www.top-magazin.de/bonn