Kultur

Die Solistin Ervis Gega-Dodi

Die Geschichte der Solistin Ervis Gega-Dodi beweist: Manchmal werden wunder wahr


Das Interview mit Ervis Gega-Dodi

Wir schreiben das Jahr 1990. Die Freiheitsbewegung hat die kommunistische Utopie in Europa beendet. Mit Ausnahme eines Landes: Albanien verharrt in ideologischer Starrheit. Desillusioniert versuchen wenige hundert Menschen dem Würgegriff des Systems zu entkommen: Sie suchen Schutz in westlichen Botschaften der Hauptstadt Tirana. Unter ihnen ein  16-jähriges Mädchen, das mit ihrer Familie in die Deutsche Botschaft geflüchtet war. Wenige Tage später darf sie dank deutschem und internationalem Druck das Land verlassen. Im Gepäck nicht viel mehr als eine Geige und die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Heute, 25 Jahre später, ist Ervis Gega-Dodi eine international mehrfach ausgezeichnete Geigensolistin. Sie konzertiert in allen großen Konzertsälen Deutschlands, lehrt als Musikprofessorin und ist Erste Konzertmeisterin der Klassischen Philharmonie Bonn. Vor allem aber ist sie unheimlich dankbar, dass ihr Ausnahme-Talent und manch schicksalhafte Begegnung ihr immer wieder neue Türen öffneten.

Top: Ihre Familie wurde in Albanien politisch verfolgt. Was bedeutet das für ein Kind?

Ervis Gega-Dodi: Lange habe ich von unserer Lage nichts gewusst. Selbst als mein Großvater plötzlich inhaftiert wurde, war ich noch zu klein, um alle Zusammenhänge zu verstehen. Meine Familie zählte über Generationen zu den einflussreichsten Familien Albaniens. Offenbar zu einflussreich und auch zu liberal für den Geschmack des damaligen kommunistischen Regimes. Am eigenen Leib habe ich das erstmals gespürt, als ich mit sechs Jahren für eine renommierte albanische Musikschule vorspielen durfte – und trotz Bescheinigung einer herausragenden Leistung nicht aufgenommen wurde.
Top: Das hat Sie aber nicht vom Geigenspielen abgehalten!

Ervis Gega-Dodi: Das hätten meine Eltern, beide ambitionierte Musikprofessoren, nicht zugelassen. Zum einen hätten sie es nie akzeptiert, dass ich mein Talent vergeude. Zum anderen erhofften sie sich durch aufsehenerregende Leistungen, ein besseres Leben für mich und meine Familie. Also habe ich meine Kindheit zum größten Teil damit verbracht, bis zu acht Stunden am Tag Geige zu üben. Das war nicht immer schön. Manchmal habe ich meine Geige sogar gehasst. Heute mag ich sie gar nicht mehr aus der Hand legen. Finde ich tagsüber nicht ausreichend Zeit zum Spielen, übe ich halt nachts. Meinen Mann und meinen Sohn stört das zum Glück nicht.
Top: Ihre Karriere verdanken Sie vor allem Ihrem Können, aber auch der ein oder anderen schicksalhaften Begebenheit.

Ervis Gega-Dodi: Für mich waren es Wunder. Alles fing mit unserer Flucht in die Deutsche Botschaft in Tirana an. In einer Nacht- und Nebelaktion hatten meine Eltern, mein Bruder, mein Onkel und ich ein paar Habseligkeiten gepackt und waren in Richtung Hauptstadt aufgebrochen. Durch die Umstände unserer Flucht ging leider nicht nur die Lieblingsgeige meines Vaters, sondern auch mein Vorname verloren. Als man unsere Daten im Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Ingelheim bei Mainz aufnahm, wurde mein Vorname in den deutschen Amtsformularen falsch eingetragen: aus Eivis wurde Ervis. Die Geige ist später wieder aufgetaucht. Mein neuer Name ist geblieben.


»Durch die Umstände unserer Flucht ging nicht nur die Lieblingsgeige meines Vaters, sondern auch mein Vorname verloren.« Ervis Gega-Dodi


Top: Wie ging es dann für Sie weiter?

Ervis Gega-Dodi: In unseren ersten Tagen in Ingelheim kam in unsere Unterkunft zufällig ein Team des ZDF – um über unsere Flucht zu berichten. Dabei filmten sie mich beim Üben und luden mich dann sofort ins ZDF-Mittagsmagazin ein. Zu meiner Überraschung und Freude hat mich das ZDF-Team von damals kürzlich wieder kontaktiert, um meine Erfolgsgeschichte nachzuzeichnen. Der Beitrag wird sehr bald in ZDF-Wiso zu sehen sein.
Wir fanden wunderbare Freunde in Ingelheim, und einer von ihnen brachte mich zu dem berühmten Geigenprofessor Yfrah Neaman. Ich durfte ihm vorspielen, und er wollte mich dann gar nicht wieder gehen lassen. So hat er alles in Bewegung gesetzt, damit ich, trotz noch fehlender deutscher Staatsbürgerschaft, seine Studentin am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz werden durfte. Das alles geschah innerhalb nur weniger Wochen – ein kleines Wunder.
Top: Auch die Geschichte der älteren Dame, die Ihre Sponsorin wurde, ist wahrlich „wunderbar“.

Ervis Gega-Dodi: In der Tat. Einer sehr noblen Dame aus Ingelheim verdanke ich unendlich viel. Sie hörte mich direkt nach meiner Ankunft spielen. Am Ende meines Konzerts drückte sie mir einen frankierten und adressierten Briefumschlag in die Hand. Leider habe ich damals gar nicht verstanden, was sie mir sagen wollte und daher den Briefumschlag nicht aufbewahrt. Als ich ein Jahr später den ersten Preis in einem internationalen Violine-Wettbewerb in Mainz gewann und anschließend von Prof. Neaman eingeladen wurde, mein Studium in seiner Solisten-Klasse in London fortzusetzen, kam sie erneut auf mich zu. Es stellte sich heraus, dass sie mich unterstützen wollte und mir den Briefumschlag gegeben hatte, damit ich Kontakt zu ihr aufnehmen konnte. Von da an schickte sie mir regelmäßig Blankoschecks nach London, damit ich mein Studium finanzieren konnte.
Top: Was hat Sie dann nach Bonn verschlagen?

Ervis Gega-Dodi: Die Liebe zu meinem Mann, Auron Dodi. Er ist Redakteur bei der Deutschen Welle. Außerdem scheint mir die schöne Stadt Bonn auch geographisch für meine Konzertreisen sehr gut gelegen. In Bonn bin ich auch Herrn Prof. Heribert Beissel begegnet, der mich damit letztlich von London zu seiner Klassischen Philharmonie holte. Herr Prof. Beissel ist ein großartiger Musiker und eine großartige Persönlichkeit. Es war auch mein Glück, ihn getroffen zu haben. Besonders, weil er mich persönlich für meine Solo-Karriere entscheidend unterstützt hat.


»Prof. Heribert Beissel und ich sind ein perfektes Team, er als Dirigent, ich an der ersten Geige.« Ervis Gega-Dodi


Top: Was zeichnet Ihre musikalische Arbeit in Bonn aus?

Ervis Gega-Dodi: Unser Orchester ist bewusst nicht nur an klassische Musik gebunden. Im Repertoire finden sich sowohl Werke der Romantik als auch der Moderne. Prof. Beissel und ich sind ein perfektes Team, er als Dirigent, ich an der ersten Geige. Seit Jahren spielen wir mit unserem Orchester vor ausverkauftem Haus, in großen Konzertsälen in ganz Deutschland.
Top: Nun spielen Sie nicht nur die erste Geige bei der Klassischen Philharmonie Bonn, sondern bilden auch Nachwuchskünstler aus.

Ervis Gega-Dodi: Ein Schwerpunkt meiner Arbeit im Orchester bildet die Orchesterakademie. Dabei werden immer auch hochbegabte junge Leute mit dem Musizieren auf großen Konzertpodien vertraut gemacht. Das bereitet mir besondere Freude.
Seit einigen Jahren lehre ich auch als Professorin an der Musikhochschule Mainz und leite die Klasse meines früheren Lehrers Yfrah Neaman am Mainzer Konservatorium.
Top: Was kommt als nächstes?

Ervis Gega-Dodi: Noch in diesem Jahr werde ich als Solistin mit dem Bach-Doppelkonzert für Violine und Oboe im Rahmen unserer großen Orchester-Tournee in ganz Deutschland auftreten. Ein weiteres Highlight ist auch mein Neujahrs-Konzert als Solistin auf Schloss Engers. Ich habe eine wunderbare Beziehung zu meinen Studentinnen und Studenten, zu den Musikern, zum Publikum. Meine Träume sind Wirklichkeit geworden. Ich bin gespannt und freue mich auf das, was noch kommt.

 

Artikel von www.top-magazin.de/bonn