Freizeit

Ulrike Möltgens: „Hey, das ist kein Chaos!“

Ulrike Möltgens Kinderbücher sind das Resultat von Struktur und Phantasie, von Disziplin und Neugierde


Montag, Punkt 8.30 Uhr in der Elberfelder Nordstadt.

Ulrike Möltgen ist bereits morgens schon ganz präsent, öffnet die Tür zu ihrer rund 120 Quadratmeter großen Altbauwohnung, und lässt von dem Klischeedenken, Kreative würden bis mittags in den Federn liegen, nichts übrig. Und dann noch das: „Ich habe extra aufgeräumt“, sagt sie lächelnd und führt mich durch die Diele direkt ins Wohnzimmer. Der Holzboden knarzt, Maja begleitet uns Lauf Schritt und Tritt. Noch bellt sie mich ein wenig argwöhnisch an. Später wird sie sich von mir ausdauernd den Nacken kraulen lassen. „Die alte Dame nimmt ihre Aufgabe halt sehr ernst“, versucht Ulrike Möltgen zu erklären. Doch beschützt werden muss Ulrike Möltgen nun wirklich nicht, schließlich wirkt sie sehr taff, und vor allem organisiert. Ihr Tag beginnt früh. „Der Wecker klingelt um 6.15 Uhr“, und ihr zwölf Jahre alter Sohn gebe ihr viel Struktur, sagt sie. Zweimal in der Woche unterrichtet sie die 12. Klasse „Künstlerischer Abschluss“ in der Waldorfschule in Barmen und auch an der Uni hat sie bereits doziert. Struktur und Disziplin sind feste Bestandteile in ihrem Leben. Ohne diese, da ist sie sich sicher, wäre sie beruflich sicher nicht so weit gekommen. Auch wenn es beim Namen „Möltgen“ nicht sofort klingelt, so kennen doch Millionen Kinder mindestens eine ihrer Schöpfungen – den Mondbären.

Die Figur des Mondbären hat Ulrike Möltgen gemeinsam mit dem 2009 gestorbenen Kinderbuchautor Rolf Fänger entwickelt. Mittlerweile gibt es das Werk sogar in Südkorea…

Die Figur des Mondbären hat Ulrike Möltgen gemeinsam mit dem 2009 gestorbenen Kinderbuchautor Rolf Fänger entwickelt. Mittlerweile gibt es das Werk sogar in Südkorea…

Der tapsige und vielleicht etwas naive Bär begleitet Ulrike Möltgen bereits seit 20 Jahren. Und spätestens mit der gleichnamigen Zeichentrickserie hat der Mondbär Generationen von Kindern und Eltern erobert, nicht im Sturm, sondern ganz leise und bedächtig. Mit dieser universellen Sprache hat es der Mondbär sogar bis nach Südkorea geschafft. Ein paar Ausgaben finden sich im Wohnzimmerregal – immer noch in Folie eingeschweißt. „Sieht das doof aus?“, fragt sie und beantwortet die Frage gleich umgehend: „Ja, das sieht doof aus“, und reißt auch schon die Folie auf.

 

„Was in Schubladen liegt, ist quasi nicht da.“ Ulrike Möltgen

 

Manchmal robbt sie auf allen Vieren über den Boden, mischt Farben, probiert Scherenschnitte aus, legt Tücher übereinander oder flechtet Puppenhaare zu einem Zopf zusammen.

Manchmal robbt sie auf allen Vieren über den Boden, mischt Farben, probiert Scherenschnitte aus, legt Tücher übereinander oder flechtet Puppenhaare zu einem Zopf zusammen.

Ulrike Möltgen hat in Wuppertal Kommunikationsdesign studiert, bei Wolf Erlbruch ihr Diplom gemacht. Große Fußstapfen, vor denen sich die junge Illustratorin nun wirklich nicht fürchtet. Im Gegenteil, sie schätzt den Rat ihres ehemaligen Lehrers, der heute auch Freund und Mentor ist. Der Kontakt ist immer noch sehr eng, sagt sie. Aber künstlerisch geht Ulrike Möltgen eigene Wege, und das schon von Beginn an. Allerdings war der Start in den Beruf anfangs von einem Kompromiss geprägt: Kunst und Kommerz unter einen Hut zu bringen. Daher war der Mondbär, direkt zu Beginn ihrer beruflichen Karriere, ein ausgemachter, sprich finanzieller Glücksfall. Heute macht Ulrike Möltgen keine Kompromisse mehr. Alltagsgeschichten oder gar Feuerwehr- oder Polizeibücher für Kinder kommen ihr nicht aufs Papier. „Wenn es mich nicht reizt, dann mache ich es nicht“, sagt sie, die mit offenen Augen durchs Leben gehen und neugierig auf Neues bleiben will. „Ich will immer neue Felder erkunden, und wenn ich mir vertraue, dann bin ich auf dem richtigen Weg, habe ich herausgefunden.“ Die neuen Felder beschreitet sie meistens in ihrem Arbeitszimmer.

 

„Mit freier Kunst hat das wirklich nichts zu tun.“ Ulrike Möltgen

 

Und das sieht dann auch so aus, wie man sich das Arbeitszimmer einer Künstlerin vorstellt: kreatives Chaos. „Hey, das ist kein Chaos“, widerspricht Ulrike Möltgen bestimmt, aber mit einem gewinnenden Lächeln. „Hier hängt und steht alles an seinem Platz“, und zeigt dabei wie selbstverständlich an die Wand. „Alles muss für mich hier sichtbar sein, so wie diese Tücher oder die Pappe hier. Wenn das alles in Schubladen liegt, dann ist es, als ob es nicht da wäre.“ Wenn sie an einem Projekt arbeitet, dann immer nach dem gleichen Schema: „Anfangs schaffe ich nicht mehr als zwei oder drei Stunden am Tag. Dann muss ich erst einmal was Neues ausprobieren. Ich komme mir dann oft vor wie eine Schnecke ohne Haus – ganz schutzlos.“ Wenn sie ihren Weg dann gefunden hat, dann ist sie aber auch kaum zu bremsen. Konsequent fleißig, ohne Kompromisse, arbeitet sie dann bis zu 14 Stunden am Tag. Dann kommt es auch schon mal vor, dass das Arbeitsmaterial sich auch im Wohnzimmer ausbreitet. Schreibtischarbeit ist dabei nicht ihr Ding. Auf allen Vieren robbt sie über den Boden, sucht Farben zusammen, mischt diese neu ab, probiert Scherenschnitte aus, legt Tücher übereinander oder flicht Puppenhaare zu einem Zopf zusammen. „Ich hab schon die Knie und das Kreuz eines Fliesenlegers“, scherzt sie und spannt wie zum Beweis ihren Bizeps an.

 

 

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Spätestens jetzt wird klar, diese Frau passt in keine Schublade. „Ich sehe mich selbst auch nicht als Künstlerin. Schon gar nicht zu Beginn meiner Arbeit. Mittlerweile sehe ich mich im Bereich der künstlerischen Illustratoren. Aber mit Freier Kunst hat das wirklich nichts zu tun“, präzisiert Ulrike Möltgen.

Als „künstlerischen Illustratorin“ hat sie bereits über 60 Bücher bebildert – die unzähligen Plakate, Bilderrätsel für Illustrierte, Postkartenmotive et cetera nicht eingerechnet. An Inspiration für weitere Projekte mangelt es ihr nicht. Wenn sie nicht schon um 6.15 Uhr kreativ ist, scherzt sie, dann nimmt sie sich etwas Zeit, sitzt, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, in ihrem Bett und schaut aus dem Fenster. „Einfach dort auf die Äste und Blätter des Baums“, erklärt sie und zeigt auf die andere Straßenseite. „Oder in den Himmel, wenn die Kondensstreifen eines Flugzeugs den Himmel teilen.“ Wenn selbst das nicht hilft, dann sorgt spätestens die Inspirationswand im Schlafzimmer, ein Sammelsurium an Bildern und Sprüchen, Restplakaten und kleinen Zetteln, für einen nicht enden wollenden Ideenfluss. Bereits im Herbst erscheinen vier neue Bücher mit ihren Illustrationen. Darunter auch Bücher in renommierten Häusern, wie etwa im Hanser Verlag oder bei Insel-Suhrkamp. Aktuell ist sie für ihr Buch „Wolfsbrot“ in der Kategorie „Die besten 7 – Bücher für junge Leser“ im Deutschlandfunk ausgezeichnet worden. Qualität ist Ulrike Möltgen sehr wichtig. Vielleicht überlässt sie daher das Geschäftliche lieber ihrer Agentin und konzentriert sich selbst auf das Künstlerische. „Dann bekommt man auch nicht mit, wenn es mal eine Absage gibt“, erklärt sie augenzwinkernd…

Artikel von www.top-magazin.de/wuppertal