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Wirtschaft

Professor Götz Neuneck: „Wir spielen mit dem Feuer“

Professor Götz Neuneck ist „der“ Experte für Nuklearwaffenpolitik und rät dringend zu einer neuen Phase der Abrüstung


 

Physiker, Mathematiker und Friedensforscher: Professor Dr. Götz Neuneck ist ständig auf internationalen Konferenzen, bei denen Wissenschaftler und Politiker nach Wegen suchen, um den festgefahrenen Abrüstungsverhandlungen wieder neuen Schwung zu verleihen. „Das ist dringend notwendig, da die in den Jahren des Kalten Krieges aufgebaute Rüstungskontrollarchitektur aus der Mode kommt“, betont Neuneck, der sein Handwerk bei Carl Friedrich von Weizsäcker am Starnberger „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“ gelernt hat. Der Nato-Doppelbeschluss und die Überrüstung in Europa weckten Ende der 1970er­Jahre seine politischen Interessen. Später lernte er den Architekten der sozial­liberalen Ostpolitik, Egon Bahr, kennen, der ihn an das renommierte Hamburger für Frie­densforschung und Sicherheitspolitik holte. Dort, wo zuletzt Politiker wie John Kerry, Gyula Horn und Michael Gorbatschow zu Gast waren, ist er derzeit Forschungsdirektor.


„Die Rüstungskontrolle ist leider aus der Mode gekommen.“ Professor Götz Neuneck


Fotografische Erinnerungen an den regelmäßigen Gedankenaustausch mit Egon Bahr – und den gelegentlichen mit Helmut Kohl

Fotografische Erinnerungen an den regelmäßigen Gedankenaustausch mit Egon Bahr – und den gelegentlichen mit Helmut Kohl

Neuneck gilt als „der“ Experte für Raketen­ und Nuklearwaffenpolitik, hat in dieser Eigenschaft bereits die Bundesregierung be­raten und an internationalen Abrüstungsver­handlungen teilgenommen. Nach seiner An­sicht gehen aber auch von neuartigen Waffen­systemen wie Drohnen große Gefahren aus, ebenso von den in letzter Zeit viel diskutier­ten „Cyberattacken“. Doch zu Rüstungskon­trolle und Abrüstung gibt es seiner Meinung nach wie vor keine Alternative, „wenn wir nicht weiter mit dem Feuer spielen wollen“. Schließlich ist die weltweite Sicherheitslage angesichts nuklearer Drohkulissen und dem Chaos im mittleren Osten so angespannt wie lange nicht mehr. Wie wird das Jahr 2017? Götz Neuneck ist bei dieser Frage verhalten optimistisch, auch wenn die Drohkulisse, die die Nato und Russland aufbauen sowie die Unwägbarkeiten der künftigen Trump­Admi­nistration die internationale Sicherheit und den Frieden weiter belasten werden.

Der 1954 in Goslar geborene Neuneck, als Kind bereits ins Rheinland verzogen, seit 30 Jahren in Wuppertal und heute in der Elber­felder Südstadt lebend, ist mit einer Lehrerin am St.­Anna­Gymnasium verheiratet. Wo er am liebsten in seiner Wahlheimatstadt ist? „An sich zu Hause, aber sonst in der Stadthalle bei den großartigen Konzerten der Wuppertaler Sinfoniker, im Von-der-Heydt-Museum bei den hervorragenden Wechselausstellungen oder im Sommer im Skulpturenpark Waldfrieden.“ Auch könne man im Tal großartig essen wie beispielsweise bei Scarpati, im Al Howara – oder seit neuestem im 79° in der Luisenstraße. Als eine Fundgrube für Tees und Kräuter mit äußerst kompetenter Beratung empfiehlt er „Marions Tee-Gewürze-Kräuter-Haus“ am Kipdorf.


„Das Tal der Wupper hält offensichtlich zur soliden Arbeit an.“ Professor Götz Neuneck


Professor Götz Neuneck

Professor Götz Neuneck

Neuneck hält auch nicht mit seiner Meinung über den Döppersberg zurück. Er hoffe, „dass das Großprojekt nun bald fertiggestellt wird, der Verkehr endlich wieder gut rollt“ – vor allem die Bundesbahn. „Es ist schade, dass der Bahnhof nicht längst erneuert wurde. Ein Zentrum wie Wuppertal sollte ein Bahnhofsgebäude haben, das der Stadt würdig ist, damit der ein oder die andere mal hier aussteigt und einige tolle Orte kennenlernt.“ Überhaupt: „Elberfeld und Barmen waren ja bedeutende Zentren der Industriellen Revolution, deren historischen Spuren man hier im Tal der Wupper auf Schritt und Tritt begegnet genauso wie den sozialen Fragen der Moderne. Die Schwebebahn ist für jeden Touristen ein Ereignis und bietet nicht nur eine sehr günstige Stadt- und Geschichtsrundreise, sondern auch eine großartige Symbiose von Technik, Natur und Kultur an, die man genießen, hegen und pflegen sollte. Wir hatten noch keinen Gast aus Übersee, der nicht überrascht und fasziniert nach Hause fuhr.“
Wuppertal sei ja auch kulturell kein Niemandsland: „Bei den Schriftstellern fällt mir nicht nur Else Lasker-Schüler und ihr Schauspiel ‚Die Wupper‘ ein, sondern auch der sehr unterschätzte Hanns-Josef Ortheil, der in seinem Roman ‚Schwerenöter‘ von seiner Jugend in Wuppertal berichtet.“ Wuppertal habe großartige Künstler (Pina Bausch, Günter Wand), Wissenschaftler und Ingenieure (Rudolf Carnap, Carl Duisberg, Gerhard Domagk) und Mediziner (Ferdinand Sauerbruch) hervorgebracht. Neunecks Credo: „Das Tal der Wupper hält offensichtlich zur soliden Arbeit, Konzentration und Kontemplation an.“

„Nukleares Horror-Arsenal“

Neuneck plädiert dafür, dass der Nordatlantikpakt und Russland „zu einem strukturierten Dialog zurückfinden und ein wirkungsvolles Krisenmanagement“ aufzustellen, statt gegenseitig Drohungen auszustoßen. Der Friedensforscher erhofft sich mehr öffentlichen Druck der Zivilgesellschaft auf die handelnden Akteure der internationalen Politik. Insgesamt verfügen neun Staaten über Atomsprengköpfe, und zwar die USA und Russland, die zusammen 90 Prozent (15.000 Atomwaffen) dieser Waffengattung besitzen, sowie Frankreich, Großbritannien und die Volksrepublik China. Diese fünf Länder haben den Nichtweiterverbreitungsvertrag von 1970 unterschrieben. Außerhalb des Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen besitzen Indien und Pakistan sowie Israel und Nordkorea nukleare Waffen. Neunecks Warnung ist deutlich: „Solange dieses Horrorarsenal existiert, ist ein katastrophaler Atomkrieg nicht ausgeschlossen.“

Artikel von www.top-magazin.de/wuppertal