Menschen

Raus aus der Komfortzone

Im September 2020 startete Jonas Deichmann in München zu seinem bisher größten Abenteuer, einer Triathlon- Weltumrundung. Als der gebürtige Stuttgarter am 30. November 2021 nach 430 Tagen nach München zurückkehrte, hatte er ohne externe Unterstützung die Distanz von 120 Ironman absolviert: 450 Kilometer Schwimmen entlang der kroatischen Küste, 21.000 Kilometer auf dem Rad und 5.060 Kilometer Laufen quer durch Mexiko. top magazin sprach mit dem 35-Jährigen über seinen Kraftakt.


top: Herr Deichmann, wie kamen Sie zum Triathlon?

Deichmann: Ich habe verschiedene Fahrradweltrekorde aufgestellt und alle Kontinente mit dem Rad durchquert. Irgendwann stellte sich dann die Frage nach neuen Herausforderungen. Ich wollte etwas machen, was mich aus der Komfortzone herausbringt. Warum also kein Triathlon? Ich bin ein guter Radfahrer und ein guter Läufer, beim Schwimmen gehe ich nicht unter. Einmal um die Welt war schon immer ein Kindheitstraum von mir. Nachdem sich nach intensiven Recherchen herausstellte, dass dies schwimmend, radfahrend und zu Fuß gehend grundsätzlich funktionieren sollte, stand mein neues Projekt fest. Der längste Triathlon eines Menschen war bis dahin die Umrundung von Großbritannien.

top: Nach welchen Kriterien haben Sie die Route gewählt?

Deichmann: Ich wollte mich am Ironman und dem Verhältnis der drei Disziplinen zueinander orientieren. Somit waren die Distanzen vorgegeben. Beim Laufen stand im Vordergrund, einen Kontinent wie die USA zu durchqueren. Aufgrund von Visabeschränkungen musste ich dann allerdings auf Mexiko ausweichen. Beim Schwimmen habe ich Kroatien gewählt. Dort gibt es viele vorgelagerte Inseln, somit ist die Gefahr geringer, ins offene Meer abzutreiben. Die Radstrecke habe ich dann irgendwie dazwischen reingebaut.

top: Wie hoch war der Materialverbrauch?

Deichmann: Beim Schwimmen zwei Neopren-Anzüge, beim Radfahren acht Paar Reifen und vier Ketten, beim Laufen elf Paar Schuhe.

top: Sie hatten alles dabei?

Deichmann: Ich war ohne Begleitteam unterwegs, sondern habe alles hinter mir hergezogen, was ich jeweils brauchte. Manche Materialien habe ich auch an einen bestimmten Ort vorausgeschickt. Ich musste also beim Schwimmen nicht schon die Schuhe mitschleppen.

top: Was reizt Sie an einer solchen Tour?

Deichmann: Ich definiere mich eher als Abenteurer und weniger als Extremsportler. Mir geht es also nicht um schneller, höher oder weiter, sondern um Erlebnisse und Erfahrungen. Diese sind intensiver, wenn man etwas macht, was vorher noch niemand gemacht hat.

„Einsam fühle ich mich eher in der Großstadt- Anonymität.“

top: Die Frage, ob die Strecke eventuell zu lang sein könnte, hat sich nie gestellt?

Deichmann: Warum hätte die Strecke zu lang sein sollen? Es ging ja nicht ums Tempo, ich war nicht schnell unterwegs. Entscheidend war vielmehr die Lust und damit die Motivation, jeden Tag aufs Neue zu starten. Und das ist am Ende neben der Kondition vor allem eine Kopfsache.

top: Wie lang waren Sie an den einzelnen Tagen unterwegs?

Deichmann: Das hing von der jeweiligen Disziplin ab. Beim Schwimmen gab es wegen der Strömungen und des Wellengangs nur wenige Tage, an denen ich komplett von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang im Wasser war. Im Schnitt dürften es sechs bis acht Stunden gewesen sein. Beim Radfahren waren es acht bis neun Stunden, beim Laufen sechs Stunden.

top: Wie ernährt man sich unterwegs?

Deichmann: Letztlich von allem, was ich an Tankstellen, in Restaurants oder in Supermärkten unterwegs finden konnte. Hauptsache so viel wie möglich.

top: Einsamkeit war kein Problem für Sie?

Deichmann: Ich hatte einen Live-Tracker dabei. Die Leute wussten immer, wo ich bin. Alle zwei Tage habe ich mit meinem Vater telefoniert, der das Management im Hintergrund für mich verantwortet. Da ja auch ein Dokumentarfilm über das Projekt gedreht wurde, hatte ich etappenweise auch Kontakt zum Film-Team. Insgesamt war ich 85 Prozent der Zeit komplett alleine. Ich bin aber sehr gerne allein draußen in der Wildnis. Einsam fühle ich mich dort aber nicht, sondern eher in der Großstadt-Anonymität.

top: Was denkt man auf einer solchen Tour den lieben langen Tag?

Deichmann: Wenn man im Flow ist, denkt man meistens gar nichts mehr. Beim Laufen höre ich gerne Musik. Oft habe ich über meine nächsten Abenteuer nachgedacht und im Kopf mögliche Projekte geplant. Nicht selten stand außerdem die Frage im Raum, woher ich nun den nächsten Schokoriegel bekommen könnte.

top: Bekommt man einen anderen Blick auf die Gesellschaft?

Deichmann: Unbedingt. Man trifft bei einem Triathlon um die Welt viele nette und herzliche Menschen. Das gibt viel Kraft. Trotz aller Konflikte und Probleme muss man sich immer wieder aufs Neue bewusst werden, dass das Leben irgendwie weitergeht. Man darf sich nicht von negativen Ereignissen herunterziehen lassen, sondern sollte sich noch viel stärker auf das konzentrieren, was man persönlich beeinflussen kann.

top: Welche waren die schönsten Momente?

Deichmann: Ein echtes Highlight war Mexiko. Ich bin dort als Unbekannter gestartet, bis mir dann eine Straßenhündin gefolgt ist. Als deutscher „Forrest Gump“ erlangte ich nationale Berühmtheit. Über die gesamte Strecke in Mexiko sind tausende von Menschen mitgelaufen. Ich bekam sogar mal eine Polizeieskorte. Beeindruckend waren auch landschaftliche Erlebnisse wie das Durchlaufen des letzten langen Wüstenabschnitts in Baja California Sur oder das Zelten auf dem Baikalsee.

„Maultaschen und Käsespätzle habe ich schon auch vermisst.“

top: Und die unschönsten Momente?

Deichmann: Ich bin beim Schwimmen mal bei einer Querung in die völlige Dunkelheit geraten und war noch drei Kilometer von der Küste entfernt. Da hatte ich echte Angstgefühle. Der viele Straßenverkehr um mich herum war mitunter sehr gefährlich. Und 2.000 Kilometer immer nur geradeaus durch die sibirische Tiefebene zu radeln, ist auf Dauer sehr monoton.

top: Wie haben Sie sich vorbereitet?

Deichmann: Meine Grundausdauer ist sehr gut. Ich habe im Vorfeld viel Sport gemacht, aber eigentlich ohne festen Trainingsplan. Ich bin viel geschwommen, als Vorbereitung aufs Laufen mit Anhänger habe ich mir zwei Autoreifen besorgt, um damit im Schlepptau über die Berge zu rennen. Darüber hinaus war ich auch mal mit dem Hometrainer in der Kältekammer der Deutschen Bahn – bei minus 24 Grad und einem simulierten Schneesturm.

top: Haben Sie unterwegs etwas vermisst?

Deichmann: Familie und Freunde vermisst man immer. Ich bin allerdings ein Minimalist und kann auf vieles verzichten. Was mir gefehlt hat, war eine Mini-Espressomaschine. Ich trinke am Morgen gerne guten Kaffee, in vielen Straßencafés und Restaurants auf der Strecke gab es nur Instantkaffee. Maultaschen und Käsespätzle habe ich als Schwabe natürlich schon auch vermisst.

top: Wie finanziert man eine solche Tour?

Deichmann: Ich lebe hauptsächlich von Sponsoren und Vorträgen bei Firmen zum Thema Motivation. Über mein Buch, das zum Spiegel-Beststeller avanciert ist, und den Film verdient man auch etwas. Ich komme gut über die Runden.

top: Eine Rückkehr ins Büro ist undenkbar?

Deichmann: Ja, denn ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Ich bin jetzt 35 Jahre alt und kein klassischer Leistungssportler, bei dem die Karriere mit 40 vorbei ist. Expeditionen kann ich auch noch in 20 oder 30 Jahren unternehmen. Ich muss ja schließlich keine Geschwindigkeitsrekorde brechen. Wichtig ist, sich immer wieder neu zu finden und neu zu definieren.

„Es lohnt sich immer, den ersten Schritt zu wagen.“

top: Wie war die Ankunft in München?

Deichmann: Der Moment des Ankommens ist für mich nicht wie für einen Profisportler, der eine Etappe gewinnt oder ein Tor schießt. Es war schön, Freunde und Familie zu treffen und gutes Essen zu genießen. Relativ schnell hat für mich dann auch ein Talk-Show-Marathon begonnen. Insgesamt habe ich aber schnell nach vorne geschaut, um nicht – wie so manche Langzeitreisende – in ein Loch zu geraten. Ich brauche immer etwas, worauf ich mich freuen kann.

top: Ein Weißbier gab’s in München aber schon.

Deichmann: Nicht nur eines.

top: Welche Botschaft verbinden Sie mit einer solchen Tour?

Deichmann: Ich möchte mit allen meinen Projekten zeigen, dass man mehr erreichen kann, als man sich eigentlich vorstellt. Das Schwierigste im Leben ist es, an die Startlinie zu kommen. Viele Menschen haben Träume und Idee, die wenigsten versuchen aber, sie zu realisieren. Es lohnt sich aber immer, den ersten Schritt zu wagen.

top: Die nächsten Projekte stehen schon fest?

Deichmann: Ja, für kommenden Herbst und das Frühjahr 2023 sind zwei kleinere Touren geplant. Ab Ende 2023 geht es dann in irgendeiner Form wieder um die Welt. Dazu möchte ich jetzt aber noch nichts sagen.

 

ZUR PERSON:

Jonas Deichmann, geboren 1987 in Stuttgart, ist Abenteurer, Athlet und Vortragsredner. Nach dem Bachelor of Science in Business & Economics/International Business an der Universität Jönköping in Schweden und dem Master in Business & Development an der Copenhagen Business School in Dänemark arbeitete er bis 2018 als Sales-Manager bei einer schwedischen IT-Firma. Dann änderte er sein Leben radikal und widmet sich seitdem ausschließlich Langstrecken-Rekorden. Er fuhr zum Beispiel mit dem Fahrrad in 64 Tagen von Portugal nach Wladiwostok, 2019 schaffte er es in 72 Tagen vom Nordkap bis zum Kap der Guten Hoffnung. Sein jüngster Coup war ein Triathlon um die Welt in 430 Tagen. Unter dem Titel „Das Limit bin nur ich“ ist hierzu in der Polyglott-Edition des Verlags Gräfe & Unzer ein Buch erschienen (256 Seiten, 18,99 Euro). Unter dem gleichnamigen Titel kam im Mai 2022 zudem ein Film in die deutschen Kinos.

 

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart