Menschen

Stadtpalais – Museum für Stuttgart

Seit Februar 2017 ist Dr. Torben Giese Direktor des StadtPalais – Museum für Stuttgart. Der gebürtige Hesse zeichnet dabei insbesondere für die Neukonzeption des Hauses zu einem Ausstellungs- und Veranstaltungsort für Themen aus Vergangenheit und Gegenwart sowie zu Zukunftsfragen Stuttgarts verantwortlich. top magazin sprach mit dem 43-Jährigen unter anderem über die Positionierung des StadtPalais und die Herausforderungen eines städtischen Museums.


top: Herr Dr. Giese, Sie sind ziemlich genau fünf Jahre im Amt. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Giese: Insgesamt sehr positiv. Vieles von dem, was wir uns gewünscht haben, ist in Erfüllung gegangen. Wir sind ein Haus von gesellschaftlicher Relevanz geworden – ein Museum, das die Menschen mögen und als wichtigen Teil Stuttgarts betrachten, weil es auf einzigartige Weise die Geschichte der Stadt „erzählt“. Dass neben der Politik vor allem auch die Bürgerschaft hinter dem StadtPalais steht, ist für ein Haus wie dieses von zentraler Bedeutung.

top: Sie sind unter anderem mit dem Anspruch angetreten, ein Museum für alle zu sein. Das impliziert ständig neue Themen, da per se nicht jede Ausstellung alle Menschen gleichermaßen interessieren kann. Wie wird man diesem Anspruch gerecht?

Giese: Tatsache ist, dass es zwischen den verschiedenen Altersgruppen oftmals kaum gemeinsame Schnittmengen gibt. Man wird mit einer Ausstellung also, wie Sie bereits angedeutet haben, niemals alle Menschen erreichen. Wir haben es uns deshalb zur Aufgabe gemacht, für unsere Besucherinnen und Besucher immer wieder neue Ausstellungen zu entwickeln, die sie ansprechen. wichtig ist es uns auch, immer wieder neue Zielgruppen zu erreichen und vor allem auch das Interesse der jüngeren Generation zu wecken. Hierfür allein die modernen Medien einzusetzen, ist nicht ausreichend. Interesse für eine Ausstellung weckt man nicht durch technische Innovation. Um jüngere Generationen und neue Zielgruppen zu erreichen, muss man auch deren Geschichte erzählen. Das gelingt uns unter anderem mit dem Thema Hip-Hop meiner Ansicht nach sehr gut: Die kulturelle Bedeutung Stuttgarts als Mutterstadt der deutschsprachigen Rap-Musik machen wir im Rahmen unserer Dauerausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichten“ spannend erlebbar. Auch die Sonderausstellung „Benztown Flyer – Relikte einer Nightlife Ära“ kam sehr gut an.

Das StadtPalais
Foto: argelola

top: In Ihrem Leitbild ist auch von einem Museum die Rede, das integriert. Wie ist das bisher gelungen?

Giese: Wir wollen in der Tat Barrieren abbauen sowie Teilhabe und Empowerment ermöglichen. In diesem Punkt stehen wir erst am Anfang, die Öffnung von Museen ist schließlich ein ständiger Prozess. Mit dem von uns im Juli 2021 realisierten Projekt „Gurlz with Curlz“, um nur ein Beispiel zu nennen, konnten wir aber bereits wichtige Akzente setzen. Die in diesem Rahmen gezeigte zweidimensionale Installation, die sich aus den Afrohaarstrukturen und Porträts verschiedener schwarzer Frauen zusammensetzte und dabei ihre Vielschichtigkeit sichtbar machte, thematisierte auf sehr anschauliche Weise, welchen Mikroaggressionen die Black Community in unserer Gesellschaft mit vermeintlich harmlosen Fragen wie „Darf ich mal Deine Haare anfassen?“ oder „Woher kommst Du ursprünglich?“ ausgesetzt sind.

„Die Öffnung von Museen ist ein ständiger Prozess“

top: Wie fällt denn ganz grundsätzlich Ihre Besucheranalyse aus?

Giese: Unsere stärksten Zielgruppen sind Menschen über 50, Familien mit Kindern und Schulklassen. Der Rest verteilt sich auf die unterschiedlichsten Interessengruppen von Jung bis Alt. Vor Corona sind wir so auf knapp 250.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr gekommen.

top: Ein zentraler Bestandteil in Ihrem Haus ist die von Ihnen bereits angesprochene Dauerausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichten“. Woher kommen die Exponate?

Giese: Hierfür muss man ein wenig in die Geschichte des Hauses eintauchen. Das StadtPalais ist der Erbe dessen, was von der musealen Sammlung des Stuttgarter Stadtarchivs nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg übriggeblieben ist. Diese „Überreste“ – ungefähr 10.000 Exponate – sind die Basis unserer Dauerausstellung, in der wir rund 500 Stücke zeigen. Neben der erwähnten musealen Sammlung des Stadtarchivs haben meine Kolleginnen und Kollegen bereits in den letzten zehn Jahren aktiv neue Exponate gesammelt. Mittlerweile umfasst unsere Sammlung rund 15.000 Stücke, von denen viele auch in den Sonderausstellungen zu sehen sind.

top: Haben Sie ein Lieblingsexponat?

Giese: Ja, das ist der Türgriff des ehemaligen Cafés Jenseitz, das 1983 im Stuttgarter Westen als „schwules Projekt für alle“ seine Türen öffnete und bis 2006 bestand. Besagter Türgriff erinnert in Form und Farbe an den „Rosa Winkel“. Mit diesem Zeichen wurden Personen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern markiert, die aufgrund ihrer Homosexualität verhaftet worden waren. Der Türgriff rekurrierte an dieses Symbol und wurde so quasi zum emanzipierenden Erkennungszeichen. Nach Schließung des Jenseitz wurde der Türgriff von den Nachmietern der Lokalität grau überstrichen, für die heutige Präsentation in unserer Dauerausstellung haben wir die ursprüngliche Farbfassung wieder freigelegt. In diesem Exponat steckt ungemein viel Identität und Authentizität – beides sind Kriterien, auf die wir großen Wert legen.

Der Türgriff des
ehemaligen Cafés Jenseitz …

top: In welchem Maße könnte denn Ihr Haus auch dazu beitragen, das Image Stuttgarts möglicherweise ein wenig aufzupolieren? Stichwort Initiative „#wirsind0711“, die das StadtPalais im vergangenen Jahr initiierte.

Giese: Für uns alle war die unglaubliche Außenwirkung dieser Aktion sehr überraschend. Image ist ohne Zweifel ein wichtiger Standortfaktor. Aber Stuttgart hat überhaupt kein Imageproblem nach außen, ich spüre überall sehr viel Liebe für diese Stadt. Ich sehe eher die Notwendigkeit, nach innen an der Identitätsbildung zu arbeiten, um ein noch stärkeres Wir-Gefühl zu erzeugen. Es wird meiner Meinung nach zu viel gebruddelt über eine Stadt, auf die man sehr stolz sein darf. Und zu dieser Identitätsbildung leisten wir gerne unseren Beitrag, indem wir immer wieder neue Facetten zeigen, die Stuttgart so einzigartig machen. Wir wollen mit unserem Angebot die Auseinandersetzung mit der Stadt fördern und außerdem Lust auf Gestaltung und auf Zukunft machen.

„Wir wollen Lust auf Gestaltung und auf Zukunft machen“

top: Auf welche weiteren Ausstellungen und Veranstaltungen darf man sich in den nächsten Monaten freuen?

Giese: Ende April startet die von mir kuratierte Sonderausstellung „Stuttgart Twenties“. Die 1920er-Jahre sind aktuell sehr angesagt und eine große Chance, auch junge Menschen ins Museum zu locken. Auch diese Geschichte werden wir anders erzählen, indem wir zum Beispiel Innenräume rekonstruieren – unter anderem das Kaufhaus Schocken oder das Büro des Stuttgarter Architekten Ernst Otto Oßwald im Tagblattturm. Die Besucherinnen und Besucher können sich darin frei bewegen und in die Zeit von damals eintauchen. Parallel zu „Stuttgart Twenties“ zeigen wir eine Auswahl aus dem Nachlass des legendären Stuttgarter Industriefotografen Ludwig Windstosser, den die Berliner Kunstbibliothek im Museum für Fotografie bewahrt. Die Ausstellung war schon im Winter 2019/2020 in Berlin zu sehen und stieß dort auf große Resonanz. Wir sind auf die Ausstellung über Freunde unseres Hauses aufmerksam geworden und waren von der Schau sehr begeistert. Für uns war sofort klar, Windstossers Aufnahmen auch in Stuttgart zu zeigen.

top: In welche kulturellen Gefilde tauchen Sie selbst außerhalb des StadtPalais ein?

Giese: Ich gehe gerne in andere Museen der Stadt und schaue mir an, was meine Kolleginnen und Kollegen machen. Das ist für mich eine wichtige Inspirationsquelle. Darüber hinaus bin ich als Kind der elektronischen Musik bekennender Techno-Fan und gehe gerne in Clubs. Coronabedingt ist das aktuell leider nicht möglich. Aber ich hoffe mal auf bessere Zeiten.


Zur Person:

1978 in Hanau geboren, studierte Torben Giese Mittlere und Neuere Geschichte, Germanistik sowie Politologie und promovierte 2007 an der Goethe-Universität Frankfurt. Anschließend arbeitete er am Stadtmuseum Wiesbaden, zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, dann als stellvertretender Direktor. Acht Jahre lang gestaltete er dort die Entwicklung des Museums und betreute eine große Anzahl von Ausstellungen und Publikationen, Marketingaktionen, Tagungen und Projekten die sich mit Stadtgeschichte, der Positionierung des Stadtmuseums im Stadtraum sowie im Bewusstsein der Stadtbevölkerung beschäftigten. Im Februar 2017 erfolgte dann der Wechsel nach Stuttgart als Direktor des am 14. April 2018 eröffneten StadtPalais – Museum für Stuttgart. Seit 2009 ist Torben Giese zudem als Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Goethe-Universität Frankfurt tätig.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart