Kultur

Jetzt oder Nie

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Sammlung LBBW und der langjährigen Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart werden noch bis zum 20. Februar 2022 herausragende Werke aus der Sammlung LBBW in einer großen Ausstellung präsentiert. Erstmals ist dabei das gesamte Spektrum der Sammlung LBBW zu sehen – von der Kunst der Klassischen Moderne bis hin zu zeitgenössischen Positionen.


Otto Dix, Bildnis der Tänzerin Anita Berber, 1925 Öl und Tempera auf Sperrholz, 120 x 65 cm Sammlung LBBW im Kunstmuseum Stuttgart 

 

Seit vielen Jahren ist die Landesbank Baden-Württemberg ein wichtiger Kooperationspartner an der Seite des Kunstmuseums Stuttgart. Etliche Projekte wären in der Vergangenheit ohne ihre
großzügige Unterstützung nicht realisierbar gewesen. Seit einem halben Jahrhundert pflegt die LBBW eine umfangreiche Kunstsammlung, zu deren rundem Jubiläum ausgewählte Exponate aktuell im Kubus des Kunstmuseums Stuttgart zu sehen sind. Ausstellungskurator ist Lutz Casper, Leiter der Sammlung LBBW.

Die Anfänge der mittlerweile rund 3.000 Werke umfassenden Sammlung LBBW reichen weit zurück. Seit den 1920er-Jahren wurden vereinzelt Kunstwerke von Vorgängerinstituten erworben, doch erst 1971 beschloss der Vorstand der damaligen Städtischen Spar- und Girokasse Stuttgart, zukünftige Ankäufe im Rahmen eines Sammlungskonzepts kontinuierlich zu tätigen. Es war der offizielle Beginn einer Sammlung, die heute ein breites Spektrum der deutschen und internationalen Kunst von der klassischen Moderne bis in die Gegenwart umfasst. Interessanter Nebenaspekt: Etwa 80 Prozent der Werke hängen nach Angaben von Lutz Casper in den Büros der LBBW, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben dabei die Möglichkeit, immer wieder auch ein neues Gemälde für ihre Arbeitsumgebung auszuwählen.

Cindy Sherman
Untitled, 1982
C-Print, 50,8 x 40,6 cm Sammlung LBBW

Besonders hervorzuheben ist das Engagement, das die LBBW der Dix-Sammlung im Kunstmuseum Stuttgart zukommen lässt. Begonnen hat dieses Engagement 1972 mit der Unterstützung beim Ankauf des „Großstadt“-Triptychons. 1988 erwarb die LBBW als Miteigentümerin und Leihgeberin zusammen mit der Stadt Stuttgart das Werk „Grabenkrieg“ (1932). Damit gelangte das letzte noch verfügbare der insgesamt vier großen Kriegsbilder im Schaffen von Otto Dix in öffentlichen Besitz. 2006 konnte die LBBW mit dem Erwerb des „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ (1925) einen Abzug dieses bedeutenden Werks aus der Stuttgarter Sammlung verhindern. Es bildet heute eines von vielen Höhenpunkten im „Otto-Dix-Raum der Landesbank Baden-Württemberg“ im
Kunstmuseum Stuttgart.

Einblicke in 100 Jahre Zeitgeschichte Chronologisch gegliedert, folgt die Ausstellung zunächst dem künstlerischen Blick auf die Vorkriegszeit, die Weimarer Republik und das Dritte Reich. Weiterhin im Fokus stehen die Geschehnisse und Debatten um die Spaltung und Wiedervereinigung Deutschlands, der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung, die 68er-Bewegung und der terroristische Widerstand gegen den Staat seitens der RAF. Jüngere Kunstwerke reflektieren aktuelle Fragestellungen, darunter Migrationsbewegungen und den Transfer kultureller Codes, die fortschreitende Digitalisierung und Ökonomisierung der Arbeitswelt sowie die manipulative Macht von Bildern. Gezeigt werden unter anderem Werke von Nevin Aladag, Georg Baselitz, Willi Baumeister, Otto Dix, Anselm Kiefer, Josephine Meckseper, A. R. Penck, Elizabeth Peyton, Neo Rauch, Martha Rosler, Thomas Ruff, Cindy Sherman, Wolfgang Tillmans, Rosemarie Trockel und Anna Witt.

Elizabeth Peyton
Craig hooded, 1997
Öl auf Leinwand, 44 x 36 cm Sammlung LBBW
©

„Wir als Bank bekennen uns zur Kunst als einer wertvollen Facette unserer Unternehmenskultur, die wir bewahren und fördern wollen. Deshalb liegt es uns am Herzen, sie einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, erklärt Thorsten Schönenberger, LBBW-Vorstand und Vorsitzender des Sammlungskuratoriums der LBBW. „Für die Künstlerinnen und Künstler sind das gerade relativ schwere Zeiten. Wir sehen Kunst nicht als Luxus, sondern als etwas Sinnstiftendes für die ganze Gesellschaft. Für uns ist es zugleich ein wichtiges Statement in Richtung Kunst und Kultur.“ Zur Ausstellung ist ein kostenfreies Begleitheft erschienen, das ausführlich die einzelnen künstlerischen Positionen der Ausstellung beleuchtet. Außerdem ein Mediaguide, der die Geschichten hinter der Kunst erlebbar macht und die historischen Kontexte erläutert. Darüber hinaus hat die Sammlung LBBW eine Aufarbeitung ihres über 3.000 Werke umfassenden Bestands in drei Bänden mit rund 700 Abbildungen herausgegeben.

3 Fragen an…

Foto: Gerald Ulmann

Dr. Ulrike Groos, Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart

„Eine der wichtigsten Unternehmenssammlungen in Deutschland“

top: Was macht aus Ihrer Sicht die neue Ausstellung so besonders?

Groos: Das Spektrum der Ausstellung ist groß, so dass sicherlich für jede:n etwas dabei ist – von der Kunst der Klassischen Moderne bis hin zu zeitgenössischen Positionen. Darunter Werke von
Franz Ackermann, Shannon Bool, Reinhold Nägele, Willi Baumeister, Nadira Husain, Anselm Kiefer, Tim Berresheim, Wolfgang Tillmans, Otto Dix, Martha Rosler und Renée Green, die mir besonders gut gefällt – und, und, und. Dass die Ausstellung alle Menschen ansprechen und einladen möchte, wird außerdem darin deutlich, dass die LBBW uns neben dem Eröffnungswochenende auch noch am letzten Wochenende der Laufzeit im Februar freien Eintritt finanziert.

top: Wie bedeutsam ist die Kunstsammlung der LBBW für das Kunstmuseum Stuttgart?

Groos: Die Sammlung LBBW weist in ihrer Ausrichtung zahlreiche Parallelen und Berührungspunkte zur Sammlung des Kunstmuseums auf. Deshalb werden uns regelmäßig Werke aus der
Sammlung LBBW als Leihgabe temporär für unsere Ausstellungen oder dauerhaft zur Verfügung gestellt, um Lücken in unserer Sammlungspräsentation zu schließen. Insofern ist sie für uns sehr bedeutsam. Das „Bildnis der Tänzerin Anita Berber“ von Otto Dix, das wie nur wenige andere Werke für die Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart steht, ist eine Dauerleihgabe der LBBW.

top: Welchen Stellenwert messen Sie der Sammlung der LBBW in der Kunstwelt bei?

Groos: Die Sammlung der LBBW ist eine der wichtigsten Unternehmenssammlungen in Deutschland. Die Bank hat bereits früh Werke jener Künstlerinnen und Künstler angekauft, die schon bald Welterfolge feiern sollten. Dass beim Auswahlprozess immer die Qualität eines Werks im Vordergrund steht, merkt man jetzt beim Durchgang durch die Ausstellung sofort. Das zeigen zum Beispiel die Arbeiten von Gerhard Richter, Martha Rosler, Tracey Emin und Rosemarie Trockel.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart