Kultur

Wieland Backes

Fast 28 lange Jahre lang präsentierte Wieland Backes jeden Freitag im SWRFernsehen das Nachtcafé und sprach mit über 5000 Gästen im Ludwigsburger Schloss Favorite. Für die Presse war er „der ungekrönte König des Niveautalks“ und „der Joker unter den deutschen Talkshowmoderatoren“. Im Jahr 2014 verabschiedete er sich dann nach 706 Sendungen von dem legendären TV-Format, befindet sich seit 2019 im wohlverdienten Ruhestand und hat im Oktober dieses Jahrs seine Autobiografie veröffentlich. top magazin sprach mit Wieland Backes über seine Kindheit in der Wirtschaftswunderzeit, seine TV-Karriere und über seine Erkrankung an Morbus Parkinson.


Man muss täglich vom Leben Gebrauch machen

top: Herr Backes, Ihre Autobiografie ist vor kurzem erschienen und trägt den Titel „Ich war ein schüchternes Kind vom Lande“ … was Ihnen anscheinend nur die wenigsten glauben!

Backes: (lacht) Ja, das stimmt! Irgendwie ist das seit der Veröffentlichung des Buches der Klassiker in Interviews. Aber ich kann Ihnen versichern, ich war wirklich ein schüchternes Kind, das hat sich aber relativ früh gelegt. Sehen Sie, ich war ein Flüchtlingskind und war auch ein Außenseiter in dem Dorf im Rems-Murr-Kreis, wo wir damals lebten. Mein Vater war Schulleiter, das war
auch etwas, was einem als Sohn nicht gerade die Herzen zufliegen ließ. Und so war ich damals jemand, der sehr zurückhaltend war und eher den Kontakt zu älteren Menschen gesucht hat. Ich erinnere mich da an einen Rentner in der Nachbarschaft, der mir oft Geschichten aus dem Krieg und vieles über die Welt erzählt hat. Ich war damals also eher ein introvertierter junger Mensch
und in unserem Dorf mit Sicherheit in der Hackordnung nicht ganz oben.

top: Sie waren nicht nur ein Flüchtlingskind, sondern auch das jüngste von sechs Geschwistern, sind in Österreich geboren und im Rems-Murr-Kreis aufgewachsen. Wie verliefen Ihre Kindheit und Jugend?

Backes: Also, erstmal war ich ein Kind der Not und eigentlich auch nicht geplant. Aber ich war trotzdem ein Wunschkind auf den zweiten Blick. In der Schwangerschaft meiner Mutter, die damals schon 40 war, gab es einige Komplikationen, sie hat sich aber trotzdem gemeinsam mit meinem Vater und dem behandelnden Arzt dazu entschieden, das Kind auszutragen. Darum also ein Wunschkind auf den zweiten Blick. Und ich war auch von Anfang an ein sehr geliebtes Kind, obwohl es damals wenig zu essen gab, geschweige denn irgendeine Art von Luxus, sondern unsere Familie litt richtig Not. Sie müssen sich vorstellen, mit sechs Buben durch den Krieg und insbesondere durch die Nachkriegszeit zu kommen, war alles andere als leicht. Die Familie ist nach der Flucht aus dem Banat zuerst in Österreich und dann in Baden-Württemberg gelandet, ohne jegliches Hab und Gut. Meine Eltern haben dann hier im Schuldienst so allmählich fußgefasst und später auch vom Wirtschaftswunder profitiert. Ich als jüngstes Kind hatte durch diese Zeit ebenfalls viele Vorteile im Vergleich zu meinen älteren Brüdern, denn bei uns gab es dann irgendwann einmal wieder echten Bohnenkaffee und ab 1955 sogar einen Fernseher, was ein Zeichen für den kommenden Aufschwung war. Und so ging es für mich ökonomisch permanent bergauf.

Wieland Backes mit Ulrich Wickert

top: Wir machen jetzt mal einen großen Sprung in Ihrem Lebenslauf nach vorn eins Jahr 1978. Da haben Sie zum Doktor der  Naturwissenschaften promoviert, waren aber zu dieser Zeit schon fünf Jahre freier Mitarbeiter beim damaligen SDR in Stuttgart. Wie kam es dazu?

Backes: Meine Eltern hatten die Erwartungshaltung, dass der jüngste Sohn wirklich etwas Anständiges studiert. Meine älteren Brüder haben damals sehr unter dem Krieg gelitten, hatten deshalb keine guten Schulausbildungen und hatten deswegen durch verschiedene Berufswege, die nicht immer funktioniert haben, viel Unruhe in die Familie gebracht. Darum waren meine Eltern auch sehr froh, als ich dann angefangen habe, Naturwissenschaften zu studieren – und ich war auch wirklich interessiert daran. Aber je länger und je mehr ich studiert habe, hat sich eine andere Leidenschaft in mir gerührt, der ich aber keinen realistischen Hintergrund zugebilligt habe. Und das waren, obwohl oder gerade, weil ich schüchtern war, gestalterische Bereiche wie Theater, Bühne und Film. Ich habe dann 1973 meinem Doktorvater vorgeschlagen, zu meiner bevorstehenden Doktorarbeit als Anlage einen Film zu produzieren, was mir dann überraschender Weise auch gestattet wurde. Mir war aber klar, dass ich diesen Film nicht einfach so machen konnte, sondern dass ich das professionell lernen musste. Und so habe ich mich um einen Praktikumsplatz beim
damaligen SDR bemüht und bin dann auch genommen wurden. Durch die Tatsache, dass ich als Schüler und Student schon ein paar Mal mit dem Medium Film experimentiert hatte, war meine Fachkenntnis des Mediums teilweise größer als die mancher, die beim Sender gearbeitet haben. Ich bekam dann dort schnell Aufmerksamkeit, wollte aber eigentlich nur meine Doktorarbeit
schreiben. Das war keine leichte Zeit, weil ich immer hin und her gerissen war, zwischen Studium und meiner Tätigkeit als freier Mitarbeiter beim SDR. Letztendlich habe ich meine Doktorarbeit aber erfolgreich hinter mich gebracht. Danach stand dann einer Zukunft beim Sender nichts mehr im Weg.

… Uschi Glas

top: Sie galten damals beim SDR als „unbequem“. Wie hat sich das gezeigt?

Backes: Ja, wissen Sie, ich war neugierig, ungeduldig und wollte das Medium Fernsehen für mich erobern. Das Geldverdienen war gar nicht so wichtig, mich haben vielmehr die mannigfaltigen Möglichkeiten gereizt: Man hat eine Idee unter der Dusche, macht am nächsten Tag einen kleinen Film daraus, das Ganze läuft dann über den Bildschirm und findet Interesse. Das hat mich fasziniert! Außerdem war der Sender damals sehr politisch geprägt – politisch im konservativen Sinne. Ich war weder Mitglied einer Partei noch politisch aktiv, hatte aber ein gewisses politisches Grundgefühl. Und mir hat es damals sehr missfallen, dass der SDR auf dieser konservativen Spur war und das alles andere, was es da noch gab, überhaupt keinen Platz fand.

… Lothar Späth

top: Und trotzdem leiteten Sie von 1981 bis 1986 die Abendschau und gründeten im Jahr 1987 die Redaktion Unterhaltende  Information, aus der dann das Nachtcafé hervorging. So richtig glaubte damals aber niemand an den Erfolg der Sendung!

Backes: Das stimmt. Wie Sie eben sagten, habe ich fünf Jahre lang die Abendschau geleitet, aber irgendwann hatte sich diese Tätigkeit für mich erschöpft. Ich wollte jetzt etwas anderes machen: Eine neue Redaktion für unterhaltende Information gründen und als Flaggschiff eine Talkshow an den Start bringen. Der damalige Direktor und ich hatten allerdings nicht das beste Verhältnis
zueinander, trotzdem stimmte er wider Erwarten zu, als ich ihm den Vorschlag unterbreitete. Er hat diesem Unternehmen aber kein langes Leben vorhergesagt, sondern – und davon bin ich bis heute felsenfest überzeugt – eigentlich gehofft, ich würde damit scheitern und sich die Sache dann von selbst erledigen würde. Aber es kam anders. Ich musste mit einem Team von drei oder vier Leuten in eine gemietete Wohnung in der Neckarstraße umziehen, wir hatten keine Sekretärin und noch nicht mal den Status einer Redaktion. Aber trotzdem haben wir es geschafft, am 14. Februar 1987 das erste Nachtcafé zu senden – allerdings war das für uns damals eher ein Drama. Die Sendung sollte um 23.30 Uhr ausgestrahlt werden, verschob sich aber immer wieder, da  davor eine Karnevalsübertragung lief. Letztendlich begann das erste Nachtcafé dann um vier Minuten vor Mitternacht. Ich dachte mir damals: Das war’s! Wer schaut denn da noch zu? Aber irgendwie blieben die Zuschauer nach der Karnevalsübertragung am Bildschirm hängen. Und so hatte die erste Sendung doch recht handfeste Einschaltquoten, obwohl sie fast bis 1.30 Uhr ging. Das war ein Wunder für mich! Wir hatten auch sofort positive Resonanzen, sowohl von den Zuschauern als auch von der Presse. Und so kann man sagen, dass das Nachtcafé, das ungeliebte
Kind des Senders, gleich von Beginn an sehr erfolgreich und nie umstritten war.

… Günther Oettinger

top: Ein Aspekt dieses Erfolges war mit Sicherheit auch die Location, in der das Nachtcafé über all die Jahre aufgezeichnet wurde: Das Schloss Favorite in Ludwigsburg. Warum dort und warum nicht im TV-Studio?

Backes: Ja, sehen Sie, es gab für uns einfach kein Studio. Man sagte, wir müssten uns selbst darum kümmern. Deswegen bin ich mit meiner damaligen Regisseurin auf Tour durch die Region gegangen und blieb irgendwie am Schloss Favorite mit seinem besonderen Charme hängen. Und obwohl es damals einige Schwierigkeiten gab, was beispielsweise den Platz für die Kameras und das Licht betraf, fiel die Wahl letztendlich darauf.

top: Fast 28 Jahre lang haben Sie dann von dort aus das Nachtcafé moderiert. Nach 706 Folgen mit über 5000 Gästen lief am 12. Dezember 2014 unter dem Titel „Happy End“ die letzte von Ihnen moderierte Sendung. War es für Sie ein Happy End oder blicken Sie heute wehmütig auf diese Zeit zurück?

Backes: Nein. Ich blicke auf die Nachtcafé- Zeit überhaupt nicht wehmütig zurück – sondern voller Zufriedenheit und Dankbarkeit. Ich sehe es als Geschenk, dass ich diese Sendung moderieren durfte, obwohl es stets ein hartes Stück Arbeit war. Ab der Zeit, als die Sendung wöchentlich über den Sender lief, war es eigentlich eine fröhliche Art der Selbstversklavung (lacht). Es gab oft kein Wochenende und jeder Tag war bis auf das kleinste Detail durchgetaktet. Aber es waren großartige Jahre und ich habe die Entscheidung selbst getroffen, dann letztendlich einen Schlussstrich zu ziehen – was ich bis heute nicht bereue.

top: Kurz nach Ihrem 75. Geburtstag waren Sie am 18. September 2020 bei Ihrem Nachfolger Michael Steinbrecher zu Gast im Nachtcafé. Der Titel der Sendung lautete „Die Wahrheit muss ans Licht“ – und haben Ihre Erkrankung mit Morbus Parkinson öffentlich gemacht. Diese wurde bereits 2013, also noch während Ihrer aktiven Nachtcafé-Zeit, diagnostiziert. Warum haben Sie das so viele Jahre geheim gehalten?

Backes: Ich wollte einfach nicht auf die Krankheit reduziert werden. Wenn man so eine Diagnose bekommt, dann steht man natürlich erstmal unter Schock. Ich war damals auch gar nicht damit vertraut, was Parkinson im Einzelnen genau bedeutet. Die Auswirkungen waren zu der Zeit nicht bis kaum spürbar und so habe ich gemeinsam mit meiner Frau entschieden, die Erkrankung erst einmal nicht öffentlich zu machen, sondern zu lernen, damit umzugehen. Irgendwann waren die Anzeichen der Krankheit aber nicht mehr zu verbergen.

top: Und wie geht es Ihnen aktuell?

Backes: Mir geht es gut. Ich habe derzeit fast keinerlei Beschwerden, mit Ausnahme von ein paar kleineren Einschränkungen. Wenn ich nach diesem Gespräch
mit Ihnen aufstehe, dann bin ich zum Beispiel sehr unbeweglich. Auch mein Gesichtsausdruck ist heute etwas starrer als noch vor ein paar Jahren. Ich habe aber zum Glück nicht diesen typischen
Tremor, also das Zittern, mit dem die Krankheit oft assoziiert wird. Es ist aber eine Muskelverhärtung zu spüren, welche vielfältige Folgen mit sich zieht. Ein paar Sachen sind durch Parkinson etwas unübersichtlich geworden, aber ich stehe mitten im Leben und bin kein Mensch, der mit dieser Krankheit hadert, sondern der versucht, sie zu beherrschen. Und dank eines sehr guten Arztes, einer halben Chemiefabrik an Medikamenten und einer ebenfalls sehr guten privaten Umgebung gelingt mir das auch. Wenn Sie so wollen, könnte man sagen: Ihnen gegenüber sitzt ein glücklicher Mensch!

top: Wie wurde denn die Krankheit damals bei Ihnen festgestellt?

Backes: Das war eigentlich Zufall. Aber dieser Zufall war auch mein Glück. Ich hatte damals nach einer Zahnbehandlung chronische Kopfschmerzen. Diese entstanden wahrscheinlich, weil ich den
Mund so lange offenhalten musste, bis sich Verkrampfungen im Kieferbereich ergaben. Ich habe deswegen verschiedene Ärzte konsultiert, aber die Kopfschmerzen vergingen einfach nicht. Einer
dieser Ärzte, ein Neurologe, machte dann eine sehr gründliche Untersuchung und überwies mich anschließend zu einem Nuklearmediziner, der mich speziell auf Parkinson untersuchte, obwohl die Kopfschmerzen dann wieder verschwanden und damit nichts zu tun hatten. Und dieser Nuklearmediziner hatte mich damals zufällig beim Joggen an den Stuttgarter Bärenseen gesehen und meine Bewegungsabläufe analysiert. Aufgrund meiner damaligen, wohl etwas geduckten Körperhaltung kam ihm der Verdacht, dass da Parkinson im Spiel sein könnte. Zum Glück hat er das so früh erkannt und konnte deshalb die Medikation besser und effektiver einstellen, als wenn es später erkannt worden wäre. Mir selbst ist damals nichts aufgefallen, was ich mit Parkinson in Verbindung gebracht hätte. Im Nachhinein wurde mir aber bewusst, dass es Anzeichen dafür gab: Ich habe schon Jahre vor der Diagnose meinen Geruchssinn verloren, was ein frühes Anzeichen sein kann.

top: Haben Sie Angst vor dem, was noch auf Sie zukommen könnte durch die Krankheit?

Backes: Es gibt aktuell wenig schwache Momente in meinem Leben, in denen ich ängstlich in die Zukunft blicke. Ich habe das Glück, dass ich mit meiner Frau, die die Krankheit ja auch betrifft, eine sehr gute Ebene gefunden habe. Wir beschlossen, dass wir uns nur so weit mit der Situation auseinandersetzen, wie sie sich aktuell darstellt. Man muss täglich vom Leben Gebrauch machen und ich bin ein optimistischer Mensch, der nicht zum traurig sein neigt. Unser Leben ist das einzige, das wir haben und es ist gleichzeitig auch das spannendste, wenn man es richtig nutzt.

Wieland Backes im Gespräch mit top magazin Redakteur Boris Mönnich

Zur Person:

Wieland Backes wurde 1946 im österreichischen Feldbach geboren. Seine Jugend verbrachte er in dem kleinen Dorf Oberbrüden im Rems-Murr-Kreis, studierte Chemie und Geografie in Stuttgart und promovierte im Jahr 1978 zum Doktor der Naturwissenschaften. Bereits 1973 knüpfte er erste berufliche Kontakte zum Fernsehen des damaligen SDR (heute SWR). In rascher Folge wurde er Reporter, Dokumentarfilmer, Leiter der Abendschau und schließlich Moderator. Mit seiner mehrfach ausgezeichneten Talkshow Nachtcafé war er fast 28 Jahre auf Sendung und schrieb damit TV-Geschichte. Darüber hinaus ist Backes Mitbegründer des Stuttgarter Literaturhauses sowie des Instituts für Moderation an der Hochschule für Medien. Seit 2019 ist er im Ruhestand und lebt mit seiner Frau und einer Tochter in Stuttgart.

Das Buch:

In seiner Autobiografie erzählt Wieland Backes humorvoll, authentisch und mit einer Prise Selbstironie seine Lebensgeschichte: Beginnend mit der Suche nach den eigenen Wurzeln beschreibt er den ungewöhnlichen Weg eines „Wunschkindes auf den zweiten Blick“ in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, hin zum leidenschaftlichen Fernsehmacher und Moderator des „Nachtcafés“ bis zur Diagnose Morbus Parkinson. Mit viel Intelligenz und Gesellschaftskritik gibt Wieland Backes Einblicke in sein Leben in einer sich rasch wandelnden Medienwelt.

 

 

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart