Lebensart

Nachhaltig bauen

Weltweit ist das Thema Nachhaltigkeit eines der wichtigsten Leitbilder für die Zukunft. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit ihren 17 „Sustainable Development Goals“. Vor dem Hintergrund des Klimawandels sowie der knapper werdenden Ressourcen und der entstehenden Umweltwirkungen spielt nachhaltiges Handeln vor allem auch rund um den Hausbau und die Sanierung eine wichtige Rolle.


Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist populär und wird heute für vieles verwendet, was mit Nachhaltigkeit wenig zu tun hat. Auch auf dem Bausektor werben zum Beispiel immer mehr Schlüsselfertiganbieter mit dem Attribut “nachhaltig”. Bei vielen dieser Angebote beschränkt sich die „Nachhaltigkeit“ allerdings auf die Konzeption als „Energiesparhaus“ und die Verwendung von nachwachsenden Rohstoffen, gibt der Verband Privater Bauherren (VPB) zu bedenken. Doch Nachhaltigkeit lässt sich nicht allein auf die Auswahl von Baustoffen und Energieträgern reduzieren. Wichtig ist immer auch die Betrachtung des sozialen Umfeldes.

Das Plusenergiehaus am Waldrand etwa ist in der Regel alles andere als nachhaltig, denn wer weit außerhalb baut, der muss nach Ansicht des VPB nicht nur alle Baustoffe über weite Strecken transportieren, sondern er muss in der Regel sein Leben lang mit dem Auto zwischen Heim, Arbeit und Stadt pendeln. Was er an Energie beim Heizen spart, das und viel mehr verbraucht er auf seinen Wegen. Das Plusenergiehaus im Grünen kann damit unter Umständen auch das Gegenteil eines nachhaltigen Hauses sein.

Hausbau vom Ende her denken

Am Anfang nachhaltigen Planens steht immer die Frage, ob ein Neubau überhaupt sinnvoll ist oder nicht. Wird sie bejaht, folgen die Überlegungen, wie und wo ein nachhaltiges Haus geplant werden sollte. Die Planung ist der entscheidende Punkt. Dazu können und müssen die Bauherren im Vorfeld selbst viel recherchieren und entscheiden. Etwa, wenn es um Material und Haustechnik geht. Sie müssen energieeffizient sein, klimaneutral, schadstoff- und barrierefrei. Beim Bauprozess selbst spielen Transportwege und Herstellungsverfahren eine zentrale Rolle: Muss zum Beispiel ein Keller mit Maschinenkraft in Fels getrieben werden, dann kostet das unnötig Energie, Zeit und Geld. Auch ein wasserdichter Betonkeller verbraucht beim Bau viel Energie und ist später nur aufwändig zu recyceln. Nachhaltiger wäre bei problematischen Böden folglich der Verzicht auf einen Keller.

Wer den Lebenszyklus eines Hauses über 50 Jahre projektiert, der muss dabei auch an die Instandhaltung und den Betrieb des Hauses denken. Nicht nur Strom wird immer teurer, auch Wasser und Abwasser steigen vor allem in strukturschwachen Gebieten im Preis. Wer Regenwasser nutzt oder Waschwasser für die Toilettenspülung wiederverwendet, der kann hier einiges sparen und umweltfreundlich wirtschaften. Vorausgesetzt natürlich, die Systeme sind von Beginn an geplant und ins Haus integriert.

Wer nachhaltig baut, der denkt vom Ende her. Er stellt sich das Gebäude als eine Art Zwischenlager für Baustoffe vor, die später wieder für etwas anderes verwendet werden können. Das wirklich nachhaltige Haus, so der VPB, lässt sich nämlich zum Schluss wieder komplett in seine sortenreinen Bestandteile zerlegen und in den natürlichen Kreislauf integrieren. Mit den heute üblichen Verbundbaustoffen funktioniert das nicht. Bauherren müssen also genau prüfen, was sich hinter den Angeboten „nachhaltiger“ Häuser tatsächlich verbirgt. Dabei hilft neben firmen- und produktneutraler Beratung beim unabhängigen Sachverständigen unter anderem auch der VPB-Leitfaden „Nachhaltig bauen – für die Zukunft planen“, der auf der Homepage des Verbandes bestellt werden kann.

Immobilien sind für mehr als ein Drittel des Energieverbrauchs in Deutschland verantwortlich – davon stammt 64 Prozent von Wohngebäuden.

Was ökologische Baustoffe können

„Wer beim Hausbau so klimaneutral wie möglich bauen will, darf also nicht nur das Material isoliert betrachten, sondern muss den gesamten Kreislauf von Produktion bis Abbau einbeziehen“, betont auch Thomas Billmann von der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Holz zum Beispiel gilt derzeit als wichtiger Baustoff der Zukunft, hat hervorragende Dämmeigenschaften, ist vielseitig einsetzbar und zählt zu den nachwachsenden Rohstoffen. Außerdem bindet Holz CO2. Wie nachhaltig Holz als natürlicher Baustoff ist, hängt auch davon ab, aus welchem Land und Anbau das Holz stammt und wie es verarbeitet wurde.

Lehm sorgt für ein angenehmes Raumklima, bindet Schadstoffe und ist als ökologischer Baustoff vollständig wiederverwertbar. Nachteil: Die Trockenzeit von Lehm nach dem Verbauen beträgt bis zu zwei Wochen. In dieser Zeit müssen Lehmbauten komplett vor Niederschlägen geschützt werden. Kork kann für Dach, Decken und Wände in Form von Korkdämmplatten verwendet werden sowie als Füllmaterial für Deckenhohlräume. Der Vorteil: Kork muss nicht zusätzlich behandelt werden und schützt damit auch die Gesundheit der Bewohner. Nachteil: Das Material ist aus deutscher Sicht kein heimischer Rohstoff und hat dadurch lange Transportwege.

Gerade im Bereich der Dämmung gibt es inzwischen viele ökologische Alternativen zu den klassischen Polystyrolplatten, die sich bereits heute als großes Entsorgungsproblem entpuppen: Hanf, Schafwolle, Flachs und Stroh sind umweltfreundliche Alternativen. Und: Sie sind fast unbegrenzt verfügbar und haben einen geringen Energieaufwand bei der Herstellung. So benötigen Flachsfaserplatten bei der Herstellung 15-mal weniger Energie als konventionelle Dämmplatten. Sie kosten allerdings auch deutlich mehr.

Doch wie können Bauherren den Überblick über die möglichen Alternativen behalten? „Es gibt zahlreiche Ökosiegel, die sehr unterschiedlich strenge Richt­­linien vorgeben“, weiß Billmann. Das Umweltsiegel „Blauer Engel“ ist eines der ältesten und bekanntesten Umweltsiegel. Weitere seriöse Siegel sind Eco Institut, IBU und Nature Plus. Die Materialkosten dieser zertifizierten Baustoffe liegen immer noch über den Kosten für konventionelles Baumaterial. „Rund ein Fünftel mehr an Material- und Verarbeitungskosten müssen Bauherren einplanen. Ein Teil dieser Mehrkosten kann aber durch staatliche Förderprogramme wieder eingespart werden“, so der Schwäbisch Hall-Experte.

In Wohngebäuden ist die Raumwärme der größte Faktor beim Energieverbrauch, anschließend folgen Warmwasser, Beleuchtung und Klimakälte.

Wissen von Stuttgart in die Welt tragen

Direkt erlebbar wird nachhaltiges Bauen und seine positiven Effekte in den Räumlichkeiten der 2007 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) e.V. in Stuttgart. Über seine rund 1.300 Mitgliedsorganisationen bildet der Verein die gesamte Wertschöpfungskette in der Bau- und Immobilienwirtschaft ab: Architekten, Ingenieure, Fachplaner und Berater sind ebenso dabei wie Projektentwickler, Projektsteuerer, Investoren, Bauunternehmer und Gebäudedienstleister. Dazu Kommunen und Verbände genauso wie Bauproduktehersteller und Unternehmen aus anderen Branchen, deren Kerngeschäft zwar nicht im Bausektor ist, die aber bei ihren eigenen Immobilien die Ideen des nachhaltigen Bauens vorantreiben. Die Bandbreite reicht dabei vom 1-Personen-Büro bis zum Weltkonzern.

Als „Living Showroom“ konzipiert, kommen jährlich zahlrei­che Besucher in die Geschäftsstelle im Stuttgarter Caleido. Ebenfalls hier finden zahlreiche Veranstaltungen des DGNB-Netzwerks statt, bei denen an den wichtigs­ten Zukunftsthemen im Bauen gearbeitet wird. Insbesondere mit ihrer Fort- und Weiterbildungsplattform verwirklicht die DGNB das zentrale Ziel, Fachwissen rund um das nachhaltige Bauen in die Breite zu tragen. Die Seminare richten sich neben Studierenden und Akteuren der Baubranche ganz bewusst auch an branchenfer­nere Interessierte, die sich auf nachhaltiges Bauen spezialisieren wollen. Und auch für Unternehmen gibt es mit Intensiv-Workshops und Inhouse-Schulungen For­mate, die individuell auf die Bedürfnisse der Teilnehmer abgestimmt sind. Viele dieser Angebote finden in einem der großen Schulungsräume der Ge­schäftsstelle Stuttgart statt. Allerdings reichen die Aktivitäten und Wirkungskreise weit darüber hinaus. So wurden bereits in rund 40 Ländern Experten ausgebildet.

Zudem ist die Non-Profit-Organisation mit großem Abstand Marktführer unter den Zertifizierungsanbietern in Deutschland und hat in mehr als 20 Ländern Gebäude oder Standorte zertifiziert. Je nach Gebäudetyp fließen bis zu 40 Nachhaltigkeitskriterien in die Bewertung mit ein, die von unabhängigen Expertengremien kontinuierlich weiterentwickelt werden. Je nach Erfüllungsgrad dieser Kriterien werden Zertifikate in Platin, Gold, Silber oder Bronze vergeben. „Mit dem DGNB-System soll aber mehr erreicht werden, als nur den Status Quo abzubilden“, sagt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB. „Es soll einen Anstoß geben, nachhaltiges Bauen und Handeln langfristig als Lebensstil zu etablieren.“

10 Hauptkriterien für nachhaltiges Bauen

Das baden-württembergische Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft hat einen Kriterienkatalog entwickelt, der ganz konkret auf die Steigerung der ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Gebäudequalitäten abzielt. Im Mittelpunkt steht der Gebäudenutzer, dessen Lebens- und Arbeitsbedingungen funktionsgerecht, gesundheitsverträglich und behaglich sein sollen. Folgende Kriterien stehen dabei im Mittelpunkt:
• Qualität der Projektvorbereitung
• Ressourcenschonung nicht erneuerbare Energie
• Thermische und akustische Behaglichkeit in Innenräumen
• Qualität der Innenraumluft
• Reinigungs- und Instandhaltungsfreundlichkeit
• Umweltwirkungen im Lebenszyklus – Ökobilanzierung
• Gebäudebezogene Kosten im Lebenszyklus
• Nachhaltige Ressourcenverwendung bei Holz- und Betonbauteilen
• Gesundheits- und umweltverträgliche Baustoffe
• Qualität der Bauausführung
Die Nachhaltigkeitskriterien konzentrieren sich auf die Reduzierung des Energie- und Ressourcenverbrauchs, die Reduzierung der über den gesamten Lebenszyklus summierten Gebäudekosten, die Verwendung von gesundheits- und umweltverträglichen Baustoffen und die Schaffung behaglicher Nutzungsbedingungen. Darüber hinaus wird mit den Kriterien beschrieben, wie Planung und Bauausführung diese Qualitäten sichern können.
In der Broschüre „N!BBW – Nachhaltiges Bauen Baden-Württemberg“ finden sich alle 10 Kriterien mit einer kurzen inhaltlichen Beschreibung sowie weiterführende Informationen zu den ersten Schritten im Hinblick auf die Anwendung des N!BBW-Planungswerkzeugs. In vier Interviews werden Anwenderinnen und Anwender zusammen mit Ihren Projekten vorgestellt.
Die Broschüre steht als Download auf der Homepage

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart