Kultur

Voller Hoffnung in die neue Spielzeit

Das Denken über Grenzen hinaus ist auf vielen Ebenen ein beherrschendes Thema der Saison 2021/22 von Staatsoper, Ballett und Schauspiel.


Weißt Du wie das wird?“ Dieses als vieldeutige Frage formulierte Motto der Staatsoper Stuttgart steht sinnbildlich über der Spielzeit letztlich aller drei Sparten der Württembergischen Staatstheater. Denn angesichts von Corona, Inzidenzen und Impfquoten kann es keine sicheren Vorhersagen für die nächsten Monate geben. Dessen ungeachtet präsentiert sich das neue Programm von Staatsoper, Ballett und Schauspiel überaus ambitioniert – quasi als Zeichen des Aufbruchs in hoffentlich bessere (kulturelle) Zeiten.

Auftakt zum „Ring“ und weitere Neuproduktionen

Die Staatsoper Stuttgart wird in den kommenden beiden Spielzeiten Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ komplett mit jeweils unterschiedlichen Regisseurinnen und Regisseuren aufführen. Die musikalische Leitung der gesamten Tetralogie übernimmt Generalmusikdirektor Cornelius Meister. „Wir freuen auf diese vermeintlich allumfassende und doch so fragmentierte Erzählung, die wir in Stuttgarter Tradition aus dem multiperspektivischen Blickwinkel des 21. Jahrhunderts betrachten wollen“, so Opernintendant Viktor Schoner. Den Auftakt markiert im November die Premiere von „Das Rheingold“ in der Regie von Stephan Kimmig. Zahlreiche Ensemblemitglieder feiern hier ihr Rollendebüt: Goran Jurić als Wotan, Rachael Wilson als Fricka, Stine
Marie Fischer als Erda sowie Matthias Klink als Loge. Der britische Bariton Leigh Melrose gastiert als Alberich. Im April 2022 folgt „Die Walküre“, jeder Aufzug konzeptionell betreut von einem
anderen Team: Hotel Modern, Urs Schönebaum und Ulla von Brandenburg zeichnen hier jeweils verantwortlich. Okka von der Damerau steht vor ihrem Rollendebüt als Brünnhilde, Brian Mulligan verkörpert ihren Vater Wotan.
Anfang November feiern Franziska Kronforth und Julia Lwowski – beide Teil des Kollektivs Hauen und Stechen – mit Paul Dessaus und Bertolt Brechts „Die Verurteilung des Lukullus“ Premiere. Bernhard Kontarsky dirigiert, Gerhard Siegel ist als Lukullus zu erleben. Die Neuproduktion war bereits für die vergangene Spielzeit geplant. Eine weitere bisher nicht präsentierte Neuproduktion ist „Juditha triumphans“ in der Regie von Silvia Costa. Im Januar 2022 kommt Antonio Vivaldis Oratorium in lateinischer Sprache mit Rachael Wilson (Debüt als Juditha), Stine Marie Fischer (Debüt als Holofernes) und Diana Haller (Vagaus) zur Aufführung.
Im Februar kehrt Regisseur Axel Ranisch an die Staatsoper Stuttgart zurück und inszeniert Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“. Die neue Generalmusikdirektorin des Michailowski-Theaters St. Petersburg Alevtina Ioffe dirigiert die Produktion, die unter anderem mit Josefin Feiler/Esther Dierkes (Gretel) und Ida Ränzlöv/Diana Haller (Hänsel) in den Titelpartien vorwiegend aus dem Ensemble besetzt ist. Als Hexe gastiert die Mezzosopranistin Rosie Aldridge.

Le nozze di Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart Foto: Martin Sigmund

Sein Operndebüt feiert der Theaterregisseur Bastian Kraft im Juni nächsten Jahres mit „Rusalka“ von Antonín Dvořák unter der musikalischen Leitung von Oksana Lyniv. Die Titelpartie übernimmt Ensemblemitglied Esther Dierkes. Als letzte Premiere der Saison bringen Regisseur Marco Štorman und Dirigent André de Ridder im Juli 2022 Robert Schumanns Szenen aus Goethes „Faust“ szenisch auf eine Spielstätte außerhalb des Opernhauses. Die Ensemblemitglieder Jarrett Ott (Faust), Josefin Feiler (Gretchen), Stine Marie Fischer (Mephistopheles) und Kai Kluge (Ariel) übernehmen die Gesangspartien. Neben dem Staatsorchester und Staatsopernchor ist außerdem der Kinderchor der Staatsoper zu hören.
Zum Repertoire der Staatsoper gehören in der neuen Spielzeit unter anderem „Tosca“ in der Regie von Willy Decker, „Madama Butterfly“ mit Elizabeth Caballero in der Hauptrolle, „Die Fledermaus“ unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister sowie „Don Giovanni“ mit Johannes Kammler in der Titelpartie und unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot. Darüber hinaus öffnet sich das Opernhaus erneut für verschiedene Musikstile und Genres und lädt zum Beispiel Max Herre & WebWeb sowie den Rapper und Sänger Maeckes ein. Cornelius Meister wird zudem ab dem 3. Oktober eine Aufführungsserie eines konzertanten Rosenkavaliers von Richard Strauss dirigieren.

Spannende Ballettabende und Jubiläumsgala der John Cranko Schule

Voller Freude blickt auch das Stuttgarter Ballett auf die neue Saison, in der es nun gilt, die drei gut vorbereiteten Ballettabende „Höhepunkte“, „Beethoven-Ballette“ und New/Works“, die bislang nur selten vor einem Live-Publikum getanzt werden konnten, den Zuschauerinnen und Zuschauern aus Stuttgart und der Region zu präsentieren. Außerdem darf sich das Publikum auf die Rückkehr vier großer Handlungsballette freuen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: „Onegin“ (Choreographie: John Cranko), ein herzzerreißendes Meisterwerk über unerwiderte Liebe;
„Mayerling“ (Choreographie: Sir Kenneth MacMillan), ein düsteres Historiendrama über menschliche und politische Abgründe; „Dornröschen“ (Choreographie: Marcia Haydée), ein strahlendes Märchenballett für die ganze Familie; und „Der Widerspenstigen Zähmung“ (Choreographie: John Cranko), eine spritzige Komödie über eine starke Frau und ihren draufgängerischen Gegenspieler.

Ballettabend Beethoven-Ballette
Foto: Stuttgarter Ballett

Wie immer kommt aber auch das Neue nicht zu kurz. Ballettintendant Tamas Detrich bietet mit dem Ballettabend „Creations VII-X“ erneut Choreographinnen und Choreographen aus den eigenen Reihen Raum für ihren Schaffensdrang mit vier Uraufführungen. Der Ballettabend „Pure Bliss“ – unter anderem mit dem Stück „Bliss“ zum legendären „Köln-Konzert“ des Jazzpianisten Keith Jarrett – widmet sich ganz dem schwedischen Chorgeographen Johan Inger, der für das Stuttgarter Ballett eine Uraufführung sowie eine Erstaufführung beisteuert.
Beliebte Veranstaltungen wie „Blick hinter die Kulissen“ (1. bis 6. Februar 2022), „Noverre: Junge Choreographen“ (23. und 24. April 2022) sowie „Ballett im Park“ (16. und 17. Juli 2022) mit „Mayerling“ und einer Aufführung der John Cranko Schule sollen die Spielzeit abrunden. Stichwort John Cranko Schule: Am 1. Dezember steigt im Opernhaus die Jubiläumsgala zum 50-jährigen Bestehen der traditionsreichen Institution.

Klimawandel & Nachhaltigkeit, Handeln & Heldinnen, internationale Perspektiven

Im Schauspielhaus steht die neue Spielzeit unter dem Motto „Worauf warten wir endlich“. Wie Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski bei der Präsentation des Programms erläuterte, werde nahezu täglich auf den Bühnen der Öffentlichkeit gestritten, wie ökologische Zielsetzungen mit ökonomischen Interessen vereinbart werden können. Es gebe zwar keinen Königsweg zur Lösung der planetaren ökologischen Krise. Dennoch bleibe die Frage, warum die vorhandenen wissenschaftlichen Studien und Konzepte nicht zügig umgesetzt werden. „Das Theater ist der Ort, an dem sich eine Gesellschaft selbst reflektiert“, so Kosminski. Indem es mit seiner Strahlkraft den Pragmatismus der Realpolitik überschreite, schaffe es neue Möglichkeitsräume, die über das Gegebene hinausgehen, und stelle sich den drängenden Themen der Zeit. Themen wie der Demontage von Demokratie, dem Rechtspopulismus, der Zunahme von sozialer Ungleichheit und vor allem der Klimakrise. „So finden die tiefgreifenden Konflikte, die mit dem Umbau zu einer grüneren und gerechteren Welt einhergehen, in den neuen Stücken, internationalen Koproduktionen und partizipativen Projekten unseres Spielplans ihren Widerhall.“
Insgesamt 13 Neuproduktionen, darunter sieben Ur- und Erstaufführungen von Andres Veiel, Thomas Köck, Simon Stephens, Enis Maci, Anne Weber, Gianina Cărbunariu und Paulus Hochgatterer plant das Schauspiel Stuttgart für die Spielzeit 2021/22. Zudem gibt es sieben Koproduktionen – unter anderem mit Milo Rau und dem NTGent, dem Cultura UNAM y Teatro
UNAM Mexiko & Théâtre National du Luxembourg, den Münchner Kammerspielen sowie dem Citizen.KANE.Kollektiv & Théâtre du Point du Jour, Lyon. Fortgesetzt wird außerdem „Echt Schmidt“, die Show-Reihe von und mit Harald Schmidt. Weiter im Repertoire sind 20 Produktionen, darunter „Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit“, „Un/true“, „Leuchtfeuer“ und
„Don Juan“, die erst kurz vor der Sommerpause 2021 Premiere feierten. Eröffnet wird die neue Saison am 24. September 2021 mit Burkhard C. Kosminskis Uraufführung von „Ökozid“ von Andres Veiel und Jutta Doberstein im Schauspielhaus.
In der Spielzeit 2021/22 werden außerdem einige neue Regiehandschriften am Schauspiel Stuttgart zu erleben sein. Der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek, die rumänische Regisseurin
Gianina Cărbunariu, der österreichische Autor Thomas Köck und der österreichische Puppenspieler Nikolaus Habjan arbeiten erstmals in Stuttgart. Die Britin Rebecca Frecknall wird zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum inszenieren, Franz-Xaver Mayr und Corinna von Rad stellen sich ebenfalls dem Stuttgarter Publikum vor. Die Schauspielerinnen und Schauspieler Martin Bruchmann, Amina Merai und Robert Rožić verlassen auf eigenen Wunsch das Ensemble und werden sich künftig neuen Projekten zuwenden. Sie bleiben dem Schauspiel Stuttgart aber weiterhin als Gäste erhalten.

Schauspielhaus
Foto: Björn Klein

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart