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Nachwuchsleistungszentrum des VfB Stuttgart

Der VfB steht für eine nachhaltig erfolgreiche Jugendarbeit. Aktuell sind mehr als 100 Spieler, die mehr als drei Jahre und länger in den Nachwuchsteams des Vereins ausgebildet wurden, in den höchsten Profiligen Europas aktiv - darunter Spieler wie Sami Khedira, Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Bernd Leno, Timo Werner, Sebastian Rudy, Serge Gnabry oder Timo Baumgartl. Mit zehn A-Junioren- und sieben B-Junioren Meisterschaften ist der VfB Stuttgart deutscher Rekordmeister. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, unternimmt der Verein große Anstrengungen. Die Förderung der Profis von morgen umfasst drei Bereiche, die gleich gewichtet und optimal miteinander verzahnt sind: die sportliche Ausbildung, die schulisch/berufliche Ausbildung sowie die Ausbildung der Persönlichkeit. Was sich genau dahinter verbirgt und welche Herausforderungen die Zukunft mit sich bringt, darüber sprachen wir mit Thomas Krücken, seit August 2019 Direktor des Nachwuchsleistungszentrums des VfB Stuttgart. Der 43-jährige Fußballlehrer war zuvor als Junioren-Cheftrainer für den 1. FSV Mainz 05 tätig, in früheren Jahren arbeitete der gebürtige Neusser ebenfalls im Nachwuchsbereich unter anderem für die TSG Hoffenheim, Manchester City, Hertha BSC und den 1. FC Köln.


top: Herr Krücken, wie sind Sie im Nachwuchsleistungszentrum durch die Corona-Krise gekommen? Ein normales Training war in den letzten Monaten ja kaum möglich.

Thomas Krücken

Krücken: Wir haben die Zeit so optimal wie möglich genutzt, um unsere Inhalte in den einzelnen Fachbereichen zielorientiert weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt unseres Tuns steht die Ausbildung zukünftiger Bundesligaspieler. Dies stellt bei uns quasi das Zentrum und damit das „Why“ des Golden Circle mit seinen drei von innen nach außen wirkenden konzentrischen Kreisen dar. Hiervon ausgehend haben wir uns in den letzten Monaten intensiv damit beschäftigt, wie („How“) wir dieses Ziel erreichen wollen und was („What“) wir dafür tun müssen. Zu diesem Zweck haben wir unter anderem fachübergreifend ein Multisportiv-Konzept erarbeitet und in den Trainingsplan integriert sowie verstärkt fußballspezifische Inhalte auf den Fachbereich Athletik übertragen. Wir haben uns zum Beispiel die Frage gestellt, was im Kraftraum vor sich gehen muss, damit im Spiel der bestmögliche Transfer eines effizienten Gegenpressings gelingt. Darüber hinaus haben wir uns mit dem Sportpsychologen Prof. Dr. Oliver Höner von der Universität Tübingen Gedanken darüber gemacht, wie wir unseren Ansatz der von meinem Amtsvorgänger Thomas Hitzlsperger implementierten Spielerzentrierung noch besser in den einzelnen Fachbereichen umsetzen können.

top: Multisportiv-Konzept bedeutet was genau?

Krücken: Wir wollen wegkommen von einer zu frühen Spezialisierung der Kinder und hin zu einer breiten motorischen Ausbildung. Prof. Dr. Arne Güllich von der TU Kaiserslautern hat in mehreren Studien nachgewiesen, dass international erfolgreiche Spitzensportler in jungen Jahren meistens verschiedene Sportarten ausprobiert haben, um auf diese Weise vielfältige motorische Erfahrungen zu sammeln und die Sportart zu finden, die am besten zu ihnen passt. Kernsportart bleibt bei uns selbstverständlich der Fußball, bis zur U13 sind bei uns aber auch Sportarten wie Basketball, Judo und Turnen fix im Ausbildungsplan verankert. Außerdem teilen wir die Gruppen nicht strikt nach dem kalendarischen Alter, sondern nach dem biologischen Alter der Kinder ein, damit sie im Training die für ihre Weiterentwicklung optimalen Inhalte bekommen. Mit unserem Multisportiv-Konzept wollen wir speziell die jüngeren Kinder auf unterschiedlichste Art und Weise wieder mehr in Bewegung bringen. Darin sehe ich im Übrigen auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung des VfB Stuttgart als größtem Sportverein in Baden-Württemberg.

„Als VfB besitzen wir nach wie vor eine große Strahlkraft, aber die Konkurrenz ist sehr viel größer geworden.“

top: Wie generieren Sie denn junge Talente?

Krücken: Grundsätzlich sind wir in diesem Punkt lokal, regional, national und international unterwegs. Lokal bedeutet direkt in und um Stuttgart herum, regional in einem Umkreis von circa 120 Kilometern. Unsere DNA war es schon immer, die motorisch Hochbegabten in der Region frühzeitig zu identifizieren, sie über unser Netzwerk an sogenannten Satellitenvereinen und Kooperationspartnern – MTV Stuttgart, SG Sonnenhof Großaspach, Sportclub Pfullendorf, VfB Friedrichshafen, VfR Heilbronn, FSV Hollenbach, SV Kickers Pforzheim, FC Eislingen und Schwabensport Talentakademie – emotional an den VfB zu binden und einmal in der Woche ein Training anzubieten. Über diese Kooperationsvereine wollen wir den Nachwuchstalenten möglichst kurze Wege bieten. Für die Betreuung und Trainingsdurchführung bei den Partnervereinen sind hauptamtlich Torsten Haubrich und Kai Oswald verantwortlich. Dazu kommen zwölf Scouts, die in ihrer Region sehr gut vernetzt sind, regelmäßig Tipps bekommen und Talente sichten. In Süddeutschland sind für uns dann noch drei weitere Scouts tätig, die Bayern, Hessen und die Pfalz abdecken. In Norddeutschland sind wir aktuell noch nicht so gut aufgestellt, die Sichtung dortiger Talente läuft hier ebenso wie im Ausland über unser Netzwerk. Ab der U17 kann man mittlerweile auch gezielt auf Spielerdaten wie Sprintmeter, Zweikampf- oder Trefferquote zurückgreifen und sich per Video einen ersten persönlichen Eindruck verschaffen.

top: Hat der VfB den Vorrang, wenn Talente sich einen Verein aussuchen?

Krücken: Vor 15 Jahren war der Weg zum VfB für Talente aus der Region fast schon vorgezeichnet. Mittlerweile buhlen aber auch noch viele weitere Clubs, die ihrerseits ebenfalls einen guten Job in der Nachwuchsarbeit machen, um die Gunst junger Spieler. Als VfB besitzen wir nach wie vor eine große Strahlkraft, aber die Konkurrenz ist sehr viel größer geworden. Umso wichtiger ist es, inhaltlich zu überzeugen. Was uns von anderen Clubs abhebt, ist sicherlich unser vollumfänglich auf den Spieler fokussiertes Konzept. Je nach Altersklasse entfallen bei uns circa 50 Prozent der Trainingszeit auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung eines Spielers.

top: In welchem Maße wurde aus Ihrer Sicht der Nachwuchsfußball durch Corona zurückgeworfen?

Krücken: Angesichts der Tatsache, dass wir über Monate nicht trainieren konnten, hat die Pandemie sicherlich ihre Spuren hinterlassen. Deshalb liegt es jetzt an uns, durch kluge Inhalte und die optimale Nutzung der uns zur Verfügung stehenden Trainingsumfänge mögliche Defizite aufzufangen. Für den Jahrgang 2002 könnte es allerdings schwieriger werden, in den Profibereich zu wechseln, da die A-Jugend-Spieler in den vergangenen Monaten kaum die Möglichkeit hatten, sich interessierten Vereinen zu präsentieren.

„Bei uns in Deutschland haben die Kinder in den Vereinen jahrelang auf viel zu großen Feldern mit viel zu wenig Zweikämpfen, Ballkontakten und Torabschlüssen Fußball gespielt.“

top: Wie viele Talente schaffen den Sprung zu den Profis?

Krücken: Pro Jahrgang im Durchschnitt ein Spieler. Deswegen hat bei uns auch die schulische Ausbildung einen hohen Stellenwert. Circa 70 VfB-Jugendspieler besuchen aktuell eine der drei vom DFB ausgezeichneten Eliteschulen des Fußballs – Cotta-Schule, Linden-Realschule und Wirtemberg-Gymnasium – sowie die VfB-Partnerschule Kolping-Akademie in Fellbach und erhalten dort einen optimal auf die Trainingsanforderungen abgestimmten Unterricht. Zudem stehen an jedem Werktag bis zu sieben Lehrer im Teilzeitinternat zur Verfügung, um die Schüler intensiv zu betreuen und sie so optimal wie möglich auf die Zeit nach dem Fußball vorzubereiten.

top: Wo steht in Deutschland in Sachen Nachwuchsfußball?

Krücken: Wenn man es nur mal an den Ergebnissen der Jugendnationalmannschaft festmacht, ist leider schon seit Jahren eine negative Tendenz zu beobachten. Gegen Top-Nationen gewinnt unsere Jugendnationalmannschaft aktuell nur wenige Spiele. In der Spitze wie auch in der Breite fehlt es uns in Deutschland an Top-Talenten. Belgien zum Beispiel ist in diesem Punkt viel erfolgreicher. Der Schlüssel hierzu liegt im Kinderfußball. So hat etwa der RSC Anderlecht schon vor zehn Jahren die Nachwuchsarbeit mutig weiterentwickelt und die Kinder nicht nur Fußball spielen lassen, sondern auch andere Sportarten in das Training integriert. In den Niederlanden wurde das Konzept dann unter anderem von Ajax Amsterdam übernommen. Bei uns in Deutschland haben die Kinder in den Vereinen jahrelang auf viel zu großen Feldern mit viel zu wenig Zweikämpfen, Ballkontakten und Torabschlüssen Fußball gespielt. Das gilt fürs Training wie auch für den Wettkampf. Als ich vor 18 Jahren Trainer der U11 bei Manchester City war, sind wir zum Beispiel mit drei Mannschaften zum FC Liverpool gefahren und haben dort auf viel kleineren Spielfeldern „Twin Games“ sieben gegen sieben gespielt. Die Spielzeit war in drei Drittel unterteilt, im ersten Drittel war die eine Mannschaft in Unterzahl, im zweiten Drittel die andere Mannschaft, im letzten Drittel spielte man in Gleichzahl. So mussten immer wieder neue Spielsituationen gemeistert und hierfür Lösungen erarbeitet werden.

top: Hätte der DFB als Dachverband hier nicht schon viel früher entsprechende Zeichen setzen müssen?

Krücken: Ich denke, da müssen wir uns in den Vereinen schon an die eigene Nase packen und hinterfragen, wie wir uns weiterentwickeln können. Die Vereine selbst müssen hier noch viel mutiger sein.

top: Mit dem „Projekt Zukunft“ möchte der DFB den Nachwuchsfußball reformieren und die Zahl der deutschen Talente wieder steigern. Wie bewerten Sie das Projekt?

Krücken: Die Inhalte sind meines Erachtens grundsätzlich sehr zielführend. Das gilt für die Idee der Implementierung von Trainerentwicklern ebenso wie für die Auseinandersetzung mit Wettkampfsystemen und die bessere Verzahnung der Förderstrukturen. Das Stützpunktsystem muss angepasst und verstärkt in die Ballungsräume gebracht werden, damit die Kinder kürzere Fahrwege und so mehr Spielzeiten haben. Die entscheidende Frage wird sein, wie lange es dauert, bis das Projekt in die Umsetzung kommt. Entscheidend kommt es aber auch hier auf die Vereine vor Ort an. Insofern sehe ich uns beim VfB mit der Weiterentwicklung unseres Konzepts auf einem sehr guten Weg.

top: Gibt es denn aktuell ein herausragendes Talent beim VfB?

Krücken: Wir sind immer sehr defensiv, was die Nennung von Namen anbelangt. Aber wir haben eine Vielzahl spannender Talente in unseren Reihen, die – sofern sie unser Konzept annehmen und hart an sich arbeiten – durchaus das Potenzial besitzen, später mal den Sprung zu den Profis zu schaffen.

Jugendinternat, Teilzeitinternat und VfB Campus

Im Januar 2007 eröffnete in der obersten Etage des Carl Benz Center eine weitere zukunftsweisende Einrichtung des VfB Stuttgart. Das VfB Jugendinternat beheimatet in direkter Nachbarschaft der Mercedes-Benz Arena bis zu 22 Jugendspieler aus den Reihen der 150 Talente. Die optimale Förderung der Nachwuchsfußballer beinhaltet eine Rundumbetreuung. Unter der Leitung von Oliver Otto sorgen drei Sozialpädagogen, ein Koch, eine Hauswirtschafterin und acht Lehrer für ein auf die Entwicklung der Bewohner als Sportler, Schüler und Mensch zugeschnittenes Umfeld. Für die Jungen selbst gelten im Übrigen auch klare Regeln in Verhalten und Mitarbeit.

Nach Schule, Training und gemeinsamen Essen können sich die jungen Sportler entweder in ihre 18 Quadratmeter große Zimmer zurückziehen oder im Gemeinschaftsraum die Zeit an Tischkicker oder Tischtennisplatte vertreiben. Das Highlight des Hauses ist zweifellos Stuttgarts höchst gelegener Kunstrasenplatz mit Flutlicht auf dem Dach des Carl Benz Centers. So kann bis in die Abendstunden beim Spiel und Fußballtennis der ein oder andere Trick einstudiert und die Technik verbessert werden.

Auf Grund des starken Ausbaus der Schulkooperation in den vergangenen Jahren hat der VfB zusätzliche Unterkunftsmöglichkeiten angemietet. So stehen weitere Wohnplätze im Internat des Olympiastützpunkts Stuttgart zur Verfügung. Für manche Spieler ist die familiäre Geborgenheit jedoch besonders wichtig. Gasteltern stellen deshalb eine weitere, wichtige Wohnform in Bezug auf die optimale Betreuung der Talente dar. Der VfB arbeitet mit diversen Familien zusammen, die in der näheren Umgebung zum Clubgelände wohnen und VfB Spieler in ihren Familienalltag integrieren.

Um zu gewährleisten, dass alle Jugendspieler bestmöglich versorgt werden, rief der Verein im Sommer 2009 das VfB Teilzeitinternat ins Leben. In den Räumlichkeiten am VfB Clubzentrum halten sich die Jugendlichen am Nachmittag auf, um Hausaufgaben zu erledigen und sich auf Klassenarbeiten vorzubereiten. Außerdem können sich die Spieler in der „Chill-out-Lounge“ ausruhen, Musik hören, essen und trinken oder in dem speziell dafür eingerichteten Ruheraum schlafen. Im Schuljahr 2017/2018 hat der VfB zudem gemeinsam mit dem Kolping-Bildungswerk den VfB Campus ins Leben gerufen. Hier werden die Jugendspieler drei Mal wöchentlich in den Räumlichkeiten am VfB Clubzentrum und in der Mercedes-Benz Arena von Lehrern der Kolping-Akademie in Fellbach unterrichtet.

Neuzugänge im Trainerbereich des VfB Nachwuchsleistungszentrums

 

 

Tim Kirk

Seit 1. Juli unterstützt Tim Kirk als neuer Ausbildungsleiter für den Grundlagenbereich die Trainer des VfB von der U10 bis zur U13. Der 42-jährige gebürtige Brite war in den vergangenen vier Jahren als U12- und U13-Trainer bei Borussia Dortmund beschäftigt. Insgesamt bringt Tim Kirk über 20 Jahre Berufserfahrung im Altersbereich U9 bis U14 mit. Für die Premier League arbeitete der frühere Sport- und Englischlehrer in einem Team, das 2011 den Elite Player Performance Plan für den Jugendfußball in England und Wales entworfen und umgesetzt hat.

Nate Weiss

Ebenfalls zum 1. Juli verstärkt Nate Weiss das Nachwuchsleistungszentrum. Der US-Amerikaner übernimmt hier die Individualisierung und Techniktraining im Jugendbereich. Nate Weiss verfügt sowohl im Jugend- als auch im Profibereich über Erfahrung. 2013 kam er nach Deutschland, verdiente sein Geld mit Fußball, machte seine Trainerscheine und sammelte als Co- und Cheftrainer Erfahrungen. So war er von Sommer 2016 an im Nachwuchsleistungszentrum bei der SpVgg Greuther Fürth tätig und war seit Oktober 2017 beim 1. FC Nürnberg als Individualtrainer für die Profis und die Nachwuchsspieler zuständig. Auf Honorarbasis arbeitet der 34-Jährige zudem für den DFB.

 

Amdom Ghebru

Für das Scouting im Nachwuchsleistungszentrum ist schließlich ab 1. Juli Amdom Ghebru verantwortlich. Der 32-jährige Deutsch-Äthiopier war in den vergangenen drei Jahren im Scouting des Premier-League-Clubs Wolverhampton Wanderers tätig und zuvor beim DFB beschäftigt. Amdom Ghebru soll die Strukturen und Prozesse im Scouting weiterentwickeln und dabei seine gesammelten Erfahrungen aus der Premier League mit einbringen.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart