Menschen

Raus aus dem Beziehungschaos

Die Corona-Pandemie war und ist für Paare ein Stresstest: Das zeigen unter anderem die im Oktober und November 2020 erhobenen Daten einer bevölkerungsrepräsentativen ElitePartner-Studie. Etwa jedes fünfte Paar streitet mehr – und einige stehen kurz vor der Trennung. Zugleich machen die Ergebnisse aber auch deutlich, dass Corona für viele Paare die Liebe gestärkt hat. Ein großer Teil der Liierten führte in der Krise bessere und tiefgründigere Gespräche, viele entdeckten neue Hobbys und Rituale, hatten mehr Sex oder verlobten sich sogar. Gerade junge Paare sind in der Krise zusammengezogen. Das A und O für eine glückliche Beziehung ist seit jeher eine funktionierende und regelmäßig gepflegte Kommunikation. Doch das ist für viele Paare gar nicht so einfach. Worauf es dabei ankommt, darüber sprach top magazin mit der Trainerin und Familientherapeutin Nicole Stange, die zusammen mit ihrem Ehemann Herbert Feuersänger in Berlin ein Coaching-Institut leitet.


top: Frau Stange, die Corona-Krise stellt viele Paare auf die Probe. Die Doppelbelastung von Arbeit und Kinderbetreuung führt vermehrt zu Stress. Diverse Studien zeigen, dass die Scheidungsrate durch die Pandemie deutlich steigen könnte. Wie sind denn Ihre Erfahrungen aus Ihrer Coaching-Praxis?

Stange: In den letzten Monaten haben mir in der Tat viele Menschen erzählt, dass ihre Beziehung während der Corona-Pandemie schwieriger geworden ist und es mehr Streit gab. Die Paare, die zuvor schon eine gute Beziehungskultur gepflegt haben und respektvoll miteinander umgegangen sind, haben dies auch in der Pandemie gut hinbekommen. Problematisch wurde es vor allem bei Paaren und Familien, die aufgrund der räumlichen Gegebenheiten eng aufeinandersitzen mussten. Wenn möglich, sollte man sich in Haus oder Wohnung einen Rückzugsort beziehungsweise Freiräume schaffen und es vor allem auch akzeptieren sowie respektieren, dass die Partnerin oder der Partner sich mal zurückzieht. Man muss nicht immer alles zusammen machen. Wichtig ist aber auch, mit der Partnerin oder dem Partner beziehungsweise als Familie bestimmte Highlights am Tag wie gemeinsame Essen oder Freizeitaktivitäten zu setzen.

„Thematisiert wird leider viel zu oft nur das Negative und viel zu selten das Positive. Daran gilt es zu arbeiten.“

top: Einer der Knackpunkte dürfte die mangelhafte Kommunikation zwischen Mann und Frau sein. Wo liegen denn in diesem Punkt die wesentlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Stange: Ein Grundproblem sehe ich vor allem darin, dass häufig zu wenig gesagt wird, was man tatsächlich will. Entweder aus falscher Rücksichtnahme oder weil man annimmt, der Partner müsse doch wissen, was ich will. Das Problem ist also weniger die Kommunikation als vielmehr die Nicht-Kommunikation. Dazu kommt, dass jedes Paar so seine Verhaltensmuster hat. Die Frau sagt also zum Beispiel etwas, was der Mann eventuell nicht so gut findet. Er sagt aber nichts, um sich der Diskussion nicht stellen zu müssen. Die Frau merkt nun, dass der Mann die Ohren zuklappt und wird möglicherweise ein bisschen lauter, worauf der Mann aber noch weniger Bock hat. Dann gerät man schnell in eine Eskalationsschleife hinein. In Pandemie-Zeiten hat dies leider oft auch zu vermehrter häuslicher Gewalt geführt, weil es aufgrund der auferlegten Beschränkungen keine Möglichkeit gab, seinen Frust anderweitig abzulassen oder beim Sport oder beim Treffen mit Freunden neue Energie zu tanken. Grundsätzlich besteht die Kunst darin, das Gespür für den richtigen Moment zu entwickeln und sich gegebenenfalls einfach mal zurückzunehmen und bei anderer Gelegenheit das Gespräch zu suchen.

top: Aufmerksamkeit ist also das Gebot der Stunde.

Stange: So kann man das sagen. Zugleich hat gute Kommunikation sehr viel mit der inneren Haltung zu tun. Wenn man entspannt ist und es einem gut geht, redet man auch ganz anders. In diesem Zusammenhang spielt die Selbstfürsorge eine wichtige Rolle. Eine erfolgreiche Paarbeziehung zeichnet sich dadurch aus, dass man voneinander weiß, was der andere braucht und einem dies dann auch gegönnt wird. Denn wenn man permanent bedürftig ist, steigt die Unzufriedenheit immer weiter an. Es ist deshalb von entscheidender Bedeutung, sich immer auch um sich selbst zu kümmern. Während der Corona-Pandemie war dies selbstverständlich eine immense Herausforderung, was dann zu den bekannten Problemen bei vielen Paaren und Familien geführt hat. Hilfreich kann es auch sein, sich am Abend bewusst Dinge aufzuschreiben, für die man dankbar ist oder für die man sich selbst anerkennt. Außerdem sollten sich Paare und Familien quasi als gegenseitige Anerkennung mitteilen, was der oder die andere(n) gut gemacht haben. Thematisiert wird leider viel zu oft nur das Negative und viel zu selten das Positive. Daran gilt es zu arbeiten. Der Fokus muss verstärkter auf die Dinge gerichtet werden, die funktioniert haben.

top: Gibt es in der zwischenmenschlichen Kommunikation ein Richtig und ein Falsch?

Stange: Ich würde eher unterteilen zwischen „funktioniert“ und „funktioniert nicht“. In der Kommunikation geht es nicht nur um das Reden an sich. Vielmehr braucht man auch die nötige Wachheit, um zu spüren, ob es der richtige Moment für ein Gespräch ist. Andernfalls dürfte es schwierig sein, zu seinem Gegenüber eine „gute“ Verbindung aufzubauen. Was auf jeden Fall nicht funktioniert, ist Nicht-Kommunikation. Denn dann gehe ich raus aus der Verbindung. Ein „no go“ sind außerdem Anschuldigungen und Vorwürfe. Der bekannte US-amerikanische Beziehungs- und Kommunikationsforscher John Gottman, nach dem ich auch sehr gern arbeite, spricht von vier „apokalyptischen Reitern“ der Paarbeziehung: destruktive Kritik, Abwehrhaltung, Verachtung und Rückzug. In seinem „Love Lab“ hat Gottman spannende Studien gemacht – unter anderem mit frisch verheirateten Paaren. Der „Einstein der Liebe“, wie der Psychologe auch genannt wird, hat zum Beispiel ihren Kommunikationsstil beobachtet, Körperhaltungen dokumentiert und körperliche Reaktionen gemessen. Anhand der Ergebnisse konnte er mit bis zu 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit voraussagen, ob sich das jeweilige Paar innerhalb der nächsten sechs Jahre trennen wird.

top: Ihr Buch heißt „Wie man mit Männern spricht“. Hätte es nicht auch „Wie man mit Frauen spricht“ heißen können? Oder sind Männer nicht sensibel genug für ein solches Thema?

Stange: Ich habe das Buch nach einem von mir angebotenen, seit bald 20 Jahren sehr erfolgreich laufenden Training benannt. Wir haben schon diverse Versuche gestartet, dieses Training für Männer anzubieten – es hat aber noch nie so richtig funktioniert. Dessen ungeachtet habe ich zahlreiche Männer im Einzelcoaching, die mich ganz viel fragen und auch viel wissen wollen. Viele männliche Kunden haben mir auch schon gesagt, das Buch müsse heißen: „Wie man miteinander spricht“. Denn was in dem Buch drinsteht, gilt natürlich für beide Geschlechter. Dennoch wendet sich das Buch in erster Linie an Frauen, weil sie es in der Regel sind, die das Soziale und Familiäre im Blick haben.

top: Wenn die Frau also nicht aktiv wird, passiert nichts?

Stange: Das wäre vielleicht etwas zu hart ausgedrückt. Aber ich stelle bei meinen Coachings durchaus fest, dass in einer Beziehung oftmals die Frauen die Kommunikation vorantreiben wollen, weil sie einfach mehr besprechen möchten. Eine(r) muss schließlich den Anfang machen.

„Ein Coaching dient immer auch dazu, sich im geschützten Rahmen und in vertrauensvoller Atmosphäre kompromisslos austauschen zu können und ein Feedback zu bekommen.“

top: Wie spricht man denn nun ganz konkret mit Männern?

Stange: Wichtig ist schon mal, dass bei allem Ernst und aller Ernsthaftigkeit der Humor und die Leichtigkeit nicht verloren gehen. In der Kommunikation mit dem Mann sollte eine Frau außerdem darauf achten, nicht unbedingt auf Prinzipien herumzureiten, sondern sich auf das wirklich Wichtige zu beschränken. Und sie sollte immer hinterfragen, ob sie ein Anliegen so kommuniziert, dass es ihr Gegenüber auch tatsächlich versteht. Von großer Bedeutung sind darüber hinaus eine anerkennende Haltung und ein wohlwollenderer Blick auf alles. Hierfür muss der innere Scheinwerfer tatsächlich auch auf das gerichtet sein, was positiv läuft. Niemand ist schließlich perfekt.

top: Leichtigkeit erfordert aber auch ein hohes Maß an Selbstdisziplin.

Stange: Unbedingt – und das fällt mitunter nicht leicht. Aber Disziplin ist wichtig, damit in einer Krisensituation nicht alles gegen die Wand fährt. Selbstdisziplin ist dabei nicht nur eine Übungssache, sondern vielmehr eine bewusst getroffene Entscheidung. Man hat es immer selbst in der Hand, ob man am jeweiligen Gegenüber seine schlechte Laune auslässt oder für das Gespräch vielleicht einen besseren Moment sucht.

top: Kann Ihr Buch dabei helfen, sich in solchen Momenten situationsgerechter zu verhalten?

Stange: Ich denke, mein Buch gibt einem viele gute Tipps an die Hand. Es soll dazu anregen, sein eigenes Verhalten in der Kommunikation zu überdenken und hilft mit einfachen Übungen, eigene Fehlverhaltensmuster zu erkennen und sein zukünftiges Handeln neu auszurichten.

top: Kann das Buch ein Coaching ersetzen?

Stange: Das kommt auf den Einzelfall an. Grundsätzlich kann man in einem persönlichen Coaching aber sehr viel intensiver auf die individuellen Verhältnisse eingehen und zum Beispiel in Rollenspielen die Augen für die jeweiligen Stärken und Schwächen in der Kommunikation öffnen. Meiner Ansicht nach sind Coachings deswegen auch nicht erst angebracht, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Zu uns kommen viele, die mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin schon gut unterwegs sind, die Beziehung aber noch weiter verbessern wollen. Ein Coaching dient immer auch dazu, sich im geschützten Rahmen und in vertrauensvoller Atmosphäre kompromisslos austauschen zu können und ein Feedback zu bekommen, um Missverständnisse in der Beziehung und in der Kommunikation zukünftig möglichst zu vermeiden. Davon lassen sich auch immer mehr Männer überzeugen – erst recht dann, wenn sie beim Coaching schnell merken, dass ich nicht als Schiedsrichterin agiere. Ich verstehe mich vielmehr als Moderatorin. Es geht mir in einem Coaching deswegen auch nie um Konfrontation, sondern stets um ein konstruktives Miteinander.

 

Zur Person

Nicole Stange studierte Sozialpädagogik, Soziologie und Psychologie und ist seit 2003 freiberuflicher Coach und Trainerin. Sie absolvierte Ausbildungen unter anderem in Systemischer Therapie und Gestalttherapie, Psychodrama und Familientherapie und ließ sich parallel zum internationalen Business- und Personalcoach fortbilden. Ebenfalls seit 2003 trainierte sie bis heute weit über 1.000 Frauen in ihrem äußerst erfolgreichen Kommunikationsseminar „Wie man mit Männern spricht“, dessen Inhalte sich sowohl auf privater als auch beruflicher Ebene umsetzen lassen. Zusammen mit Herbert Feuersänger ist Nicole Stange geschäftsführende Gesellschafterin von „my future Highperformance Coaching“.

Ich will

Von Jorge Bucay*

Ich will, dass Du mir zuhörst, ohne über mich zu urteilen.

Ich will, dass Du Deine Meinung sagst, ohne mir Ratschläge zu erteilen.

Ich will, dass Du mir vertraust, ohne etwas zu erwarten. 

Ich will, dass Du mir hilfst, ohne für mich zu entscheiden. 

Ich will, dass Du für mich sorgst, ohne mich zu erdrücken. 

Ich will, dass Du mich siehst, ohne Dich in mir zu sehen. 

Ich will, dass Du mich umarmst, ohne mir den Atem zu rauben. 

Ich will, dass Du mir Mut machst, ohne mich zu bedrängen. 

Ich will, dass Du mich hältst, ohne mich festzuhalten. 

Ich will, dass Du mich beschützt, aufrichtig. 

Ich will, dass Du dich näherst, doch nicht als Eindringling. 

Ich will, dass Du all das kennst, was Dir an mir missfällt. 

Dass Du es akzeptierst, versuch es nicht zu ändern.

Ich will, dass Du weißt … dass Du heute auf mich zählen kannst …

Bedingungslos.
*Jorge Bucay, 1949 in Buenos Aires geboren, ist ein argentinischer Autor, Psychiater und Gestalttherapeut. Mit „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ gelang ihm der internationale Durchbruch als Autor. Bucays Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und haben sich weltweit über zehn Millionen Mal verkauft.

 

10 Tipps von Nicole Stange für eine glückliche Beziehung

  • Reden ist Gold.
  • Schweigen Sie nur, wenn die Emotionen hochkochen – dann warten Sie ab, bis sich die Gemüter beruhigt haben.
  • Humor: Miteinander und über sich selbst lachen können.
  • Leichtigkeit: Always look on the bright side of love. Richten Sie Ihren Fokus immer wieder auf die liebenswerten Seiten und Stärken Ihres Partner/Ihrer Partnerin.
  • Offenheit: Sagen Sie, was Sie wollen und sich wünschen – Gedankenlesen ist nicht so weit verbreitet.
  • Großherzigkeit: Sich selbst und dem anderen gegenüber großzügig sein sowie sich selbst und dem anderen Wünsche erfüllen.
  • Akzeptanz: Nobody is perfect. Ich bin okay und Du bist okay.
  • Anerkennung: Den anderen und das, was er/sie tut sehen und benennen. Nichts ist selbstverständlich und eine Anerkennung oder ein „Danke“ kosten uns nur Aufmerksamkeit.
  • Selbstfürsorge: Die eigenen Akkus regelmäßig aufladen, dann lebt sich jede Beziehung viel vergnügter.
  • Disziplin: Dran bleiben und anwenden, was man „eigentlich“ doch alles weiß.

 

Nicole Stange, Coachin & Autorin, und das Waldhotel laden zu einem inspirierenden & intensiven Kommunikationstraining ein!

Es erwarten Sie außerdem:

  • 1 Ladies-Dinner
  • 1 Übernachtung mit Frühstück (wichtig, auch wenn man in Stuttgart wohnt um Ablenkungen zu vermeiden)
  • Köstliche Verpflegung während der zwei Tage

Die Teilnehmerzahl ist auf 12 Personen begrenzt.

„So richtig klappt es nicht in der Beziehung oder im Business? Glück und Zufriedenheit sind bei Ihnen nicht an der Tagesordnung? Höchste Zeit, etwas zu ändern. Nein, nicht Ihren Partner, Kollegen oder Chef! Ändern Sie etwas an sich selbst:

  • An Ihrem Selbstwertgefühl – das macht Sie stark, in einem gesunden Sinne unabhängig, und es hilft Ihnen, aktiv für Ihre Bedürfnisse einzustehen.
  • An Ihrer inneren Haltung – dann sehen Sie wieder all das an Ihrem Gegenüber, was Sie mögen, was Sie schätzen oder lieben.
  • An Ihrer Kommunikation – dann äußern Sie klar und direkt, voller Anerkennung und mit Humor, was Sie wollen. Und Sie werden es bekommen.“

Preis: € 995,00 (inklusive MwSt.)

Termine: 15. und 16 Oktober 2021

Anmeldung: www.wie-man-mit-männern-spricht.de

Buchtipp: „Wie man mit Männern spricht“

Ihr Mann versteht Sie nicht? Das liegt vermutlich daran, dass Männer und Frauen bekanntlich unterschiedliche Sprachen sprechen. Erfreulicherweise erforscht Kommunikationsexpertin Nicole Stange seit über 15 Jahren, wie sich Frauen Männern gegenüber so ausdrücken können, dass die Botschaft auch unmissverständlich ankommt. Dabei geht es nicht nur um eine präzise, klare und direkte Ausdrucksweise, sondern auch um eine Liebe, Respekt und Achtsamkeit fördernde innere Haltung. Dazu gehören Gelassenheit, eine Prise Humor, Neugierde sowie auch ausreichend Selbstwert und Selbstfürsorge. Der Ratgeber steckt voller Anregungen und Tipps, Fragen und Antworten, die zum Reflektieren, Umdenken und neu Handeln einladen. Mit den fünf Instrumenten Leichtigkeit, Anerkennung, Klarheit, Neugier und Disziplin bekommt die Leserin die richtigen Werkzeuge an die Hand. Denn zu lernen, wie man am besten mit Männern spricht, ist eine äußerst lohnende Kunst, die Frauen und Männer wieder glücklich machen kann – füreinander statt gegeneinander, klar, fair und auf Augenhöhe.

Gräfe & Unzer Verlag, 160 Seiten, 14,99 €

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart