Kultur

Hochleistungssportwagen in der 30er Zone

Die Coronapandemie hat auch im künstlerischen Betrieb der Württembergischen Staatstheater tiefe Spuren hinterlassen. top magazin sprach mit dem Geschäftsführenden Intendanten Marc-Oliver Hendriks über die aktuelle Situation und die kommenden Monate.


top: Herr Hendriks, im vergangenen Juli haben Sie und Ihre Intendantenkollegen verhalten optimistisch die jeweiligen Pläne für die aktuelle Spielzeit präsentiert. Ab November war dann alles nur noch Makulatur. Wie haben Sie die vergangenen Wochen und Monate erlebt?

Hendriks: Wenn man die Württembergischen Staatstheater mit ihren beiden Häusern als eine große Maschine begreift, dann muss sie natürlich für alle Situationen einsatzfähig sein. So sind wir auch in die Spielzeit gestartet. Wir wussten, dass es eine Corona-Spielzeit ist – unter diesen Prämissen haben wir sie auch geplant und vorsorglich schon mal zweigeteilt. Angesichts dieser Umstände haben wir ein, wie ich finde, durchaus beachtliches Programm auf die Beine gestellt. Ich erinnere nur an den Ballettabend „Response“, die speziell adaptierte „Zauberflöte“ von Mozart, den italienischen Doppelabend mit Mascagnis „Cavalleria rusticana“ sowie Sciarrinos „Luci mie traditrici“ und so manches mehr. Leider wurde uns dann schon Anfang November aufgrund des neuerlichen Lockdowns relativ kurzfristig das Licht ausgeknipst. Die Theater fanden sich neben Prostitutionsbetrieben und anderen Vergnügungsstätten eingereiht in eine lange Liste von Einrichtungen, die umgehend zu schließen waren.

top: Sie hatten ja aber ein ausgereiftes Hygienekonzept erarbeitet.

Hendriks: In der Tat, die Politik hat uns dafür auch ausdrücklich gelobt und mehrfach ihr Bedauern über die Schließung ausgesprochen. Doch das nützte am Ende nichts. Seit 2. November ist bei uns in beiden Häusern der Vorhang geschlossen. Das gab es noch nie.

top: Haben Sie Verständnis für die ergriffenen Maßnahmen?

Hendriks: Wir wissen, dass sich bei uns im Haus bis heute während der Corona-Pandemie niemand angesteckt hat. Das bestärkt uns einmal mehr darin, dass die von uns ergriffenen achtsamen und fürsorglichen Maßnahmen zum Schutz unseres Publikums richtig waren.
Auch von außen wurde das Virus nicht ins Haus getragen. Ich glaube, dass Theater weitaus sicherere Orte sind als die heimische Küche und das Privatleben. Wir haben alle Coronabeschlüsse kompromisslos umgesetzt, hätten uns insgesamt aber schon eine differenziertere Betrachtung gewünscht.

top: Lassen sich die bisherigen Einnahmeausfälle beziffern?

Hendriks: Wir hätten in dieser Spielzeit 16 Millionen Euro einnehmen können. Unser Zähler ist jedoch am 1. November abends nach der Vorstellung zum Stillstand gekommen und verharrt seitdem im sechsstelligen Bereich bei 800.000 Euro. Durch unseren Wirtschaftsplan haben wir die Vorgabe, 13,4 Millionen Euro an Effekten aus der Kurzarbeit zu realisieren. Der Rest ist durch andere Einsparmaßnahmen aufzufangen. Oder man wird auf Rücklagen zurückgreifen müssen. Unser Haushaltsjahr endet immer am 31. August. Das ist unter den gegebenen Umständen fernste Zukunft und kaum prognostizierbar. Unser Status quo lässt sich mit folgendem Bild ganz gut umschreiben: Wir sind als Hochleistungssportwagen auf den Nürburgring getrimmt, fahren momentan aber in der 30er-Zone.

„Wenn es jemals eine Versuchsanordnung für die Notwendigkeit von darstellender Kunst, Oper, Ballett und Theater gegeben haben sollte, dann ist es in aller Brutalität das, was wir jetzt erlebt haben.“

top: Wieviel Seelenarbeit musste in den letzten Wochen und Monaten am Haus geleistet werden?

Hendriks: Sehr viel. Tänzer, Sänger oder Schauspieler zu sein, ist schließlich nicht einfach nur ein Broterwerb, sondern vielmehr eine Berufung und ein Lebensmodell, ja eine Daseinsform. Und in diese Daseinsform ist durch das Bühnenverbot auf die schwerste Art und Weise eingegriffen worden. Künstler haben Energien und Phantasien, die sublimiert werden in Bewegung, Gesang und Sprache. Wenn das ausbleibt, dann fehlt einerseits ein wesentlicher Ausgleichsfaktor für die seelische Balance, andererseits die Interaktion mit dem Publikum. Das ist ein energetisches Verhältnis, aus dem Künstler ihre Kraft generieren können. Auf diese Zwangssituation gab es das gesamte Spektrum an menschlichen Reaktionsweisen. Die Palette reichte von Ängstlichkeit bis hin zu Aggression. Wir haben versucht, mit den Mitarbeitern und den Künstlern regelmäßig in Kontakt zu bleiben und sie so gut wie möglich in positive Energie zu halten. Etwa in der Form, dafür die Bedingungen zu schaffen, dass wenigstens das Ballett wieder trainieren kann. Auch haben wir für Musiker, die zu Hause ihr Instrument wegen der Nachbarn nicht üben können, entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Alles selbstverständlich coronakonform. Wichtig war uns auch, Enttäuschungen im Hinblick auf möglicherweise nicht zu realisierende Öffnungen und Projekte zu vermeiden. Deswegen haben wir schon frühzeitig beschlossen, unsere Häuser auf jeden Fall bis zum 31. März zu schließen.

top: Wie geht es weiter?

Hendriks: Wir hoffen, dass wir bei uns nach Ostern in allen Sparten inklusive dem Staatsorchester wieder Formate anbieten können. Es gibt ein aktuelles Papier des Deutschen Bühnenvereins, in dem auf Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse genau aufgezeigt wird, unter welchen Umständen und mit welchen begleitenden Maßnahmen Publikumsveranstaltungen wieder möglich sind. Der „Gamechanger“ ist im Vergleich zum letzten Jahr die Tatsache, dass nun endlich geimpft werden kann. Und je mehr Menschen geimpft sind, desto differenzierter wird auch über die Rücknahme von Restriktionen diskutiert werden.

top: Halten Sie den Besuch einer Vorstellung der Württembergischen Staatstheater nur mit Impfausweis für möglich?

Hendriks: Das werden wir sicherlich nicht allein entscheiden, da wir ja eine staatliche Einrichtung sind. Bei privaten Veranstaltern von Konzerten und anderen Events gibt es diese Überlegungen jedenfalls.

top: Sie könnten aber nach Ostern auf dem künstlerischen Niveau durchstarten, das man von den drei Sparten gewohnt ist?

Hendriks: Die Formate werden sicherlich erst mal nicht so groß sein, wie man das üblicherweise von uns kennt. Also ein „Lohengrin“ oder ein großes Handlungsballett werden nicht sofort auf dem Programm stehen. Unser Anspruch bei all unseren Formaten ist aber stets höchste Qualität. Deshalb haben wir im März unter Einhaltung von Sicherheits- und Hygienemaßnahmen sowie begleitet durch Teststrategien unsere Probenarbeiten auch wieder hochgefahren. Wie groß das Publikum dann vor Ort sein darf, wird sich noch zeigen. Sicherlich wird es auch weiterhin Streaming-Formate geben.

Ballettabend Response I
Diana Ionescu und Martino Semenzato Foto: Stuttgarter Ballett

top: Damit haben Sie ja gute Erfahrungen gemacht.

Hendriks: Absolut, der Zuspruch war immens – nicht nur regional, sondern national und international. Das zeigt uns, wie sehr wir vermisst werden. Wenn es jemals eine Versuchsanordnung für die Notwendigkeit von darstellender Kunst, Oper, Ballett und Theater gegeben haben sollte, dann ist es in aller Brutalität das, was wir jetzt erlebt haben. Die Coronapandemie hat die Unabdingbarkeit dieser analogen Begegnungsform eindrücklich unter Beweis gestellt und gleichzeitig das Bewusstsein für die Kostbarkeit bestimmter Dinge geschärft, die wir jetzt missen müssen. Der Preis hierfür war allerdings sehr hoch.

„Ich würde mir von manchem Kommunal- und Landespolitiker wünschen, dass komplexe Sachverhalte von ihnen so differenziert diskutiert werden, wie das im Bürgerforum der Fall gewesen ist.“

Cavalleria rusticana/Luci mie Traditrici Eva-Maria Wesbroek, Ida Ränzlöv, Statisterie der Staatsoper und Arnold Rutkowski Foto: Matthias Baus

top: Die Pandemie hat auch massive Auswirkungen auf die Haushalte von Städten und Gemeinden. Könnte sich dadurch die Opernhaussanierung verzögern oder sogar auf der Kippe stehen?

Hendriks: Die Notwendigkeit dieser Sanierung hat sich durch Corona nicht verändert. Der bauliche Zustand ist schließlich genauso kritisch wie vor der Pandemie. Aus unseren Gesprächen mit dem Land wie auch dem neuen Stuttgarter Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper wissen wir, dass sie dieses Thema als sehr dringlich auf der Agenda haben. Die Sanierung des Opernhauses wird mit Sicherheit auch Bestandteil der Koalitionsvereinbarungen für die nächsten fünf Jahre sein. Im Idealfall kann noch vor der Sommerpause oder spätestens im Herbst vom Gemeinderat der Stadt Stuttgart und vom Landtag Baden-Württemberg der notwendige Grundsatzbeschluss zur Sanierung herbeigeführt werden.

top: Im vergangenen Dezember hat das unter Federführung von Staatssekretärin Gisela Erler ins Leben gerufene Bürgerforum zur Sanierung der Württembergischen Staatstheater seinen Abschlussbericht präsentiert. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Hendriks: Zunächst einmal war ich tief beeindruckt davon, mit welcher Akribie sich die ausgewählten Zufallsbürgerinnen und Zufallsbürger in die Thematik eingearbeitet haben. Ich würde mir von manchem Kommunal- und Landespolitiker wünschen, dass komplexe Sachverhalte von ihnen so differenziert diskutiert werden, wie das im Bürgerforum der Fall gewesen ist. Dass sich eine klare Mehrheit für die Variante A ausgesprochen hat, entspricht auch der von uns favorisierten Lösung und bedeutet zugleich eine demokratische Legitimation dieses Projekts. Variante A bedeutet in aller Kürze: Sanierung des Littmann-Baus, Einbau einer Kreuzbühne, Abriss und Neubau des Kulissengebäudes, Ausbau des Standorts „Zuckerfabrik“ sowie ein Interimsstandort bei den Wagenhallen.

top: Könnte an Stelle eines Interimsstandorts nicht auch das ebenfalls angedachte neue Konzerthaus in prominenter Lage eine Option sein?

Hendriks: Auch wenn in beiden Häusern Musik gespielt wird, so haben ein Opernhaus und ein Konzerthaus vollkommen unterschiedliche Anforderungen an die Architektur und die Akustik. Eine Ausweichspielstätte für Oper und Ballett benötigt einen Bühnenturm und Orchestergraben. Ein Konzerthaus benötigt dies nicht. Im Gegenteil würde ein Bühnenturm die Konzertakustik zunichtemachen. Die Stadt hat diese Frage begutachten lassen. Der Gutachter kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass weder für die Oper noch für das Konzerthaus aus einem solchen Mischgebäude eine gute Lösung entstehen würde.

Opernball
Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart, GMD Cornelius Meister und Dundu
Foto: Martin Sigmund

top: Wie könnte der Zeitplan aussehen?

Hendriks: Liegt der Grundsatzbeschluss vor, würde es ungefähr fünf Jahre dauern, bis wir aus dem Opernhaus ausziehen, das Interimsquartier beziehen und der Bauzaun um das Opernhaus herum gelegt wird. Diese Zeit benötigt man für den Architektenwettbewerb und die öffentliche Ausschreibung für die Interimsspielstätte. Für die Sanierung und Erweiterung der Württembergischen Staatstheater am Hauptstandort muss ebenfalls ein Wettbewerb vorbereitet und durchgeführt werden. Der grobe Planungsrahmen sieht vor, dass der Spielbetrieb im dann sanierten Littmann-Bau spätestens 2035 wieder aufgenommen werden kann.

top: Mitte Februar stieg im Opernhaus ein virtueller Opernball. Wird es diesen auch mal wieder in analoger Form geben?

Hendriks: Ich weiß, dass dies in Stuttgart ein wehmütig-nostalgisch behaftetes Thema ist. Für einen solchen Opernball müssten wir das Haus aber fünf bis sieben Tage schließen, um es einzurichten, umzubauen und danach wieder zurückzubauen. Das sind also mindestens fünf Tage, an denen wir nicht spielen können. Damit fehlen uns pro Abend 50.000 bis 70.000 Euro an Einnahmen aus dem regulären Spielbetrieb. Bevor ich eine Kalkulation für einen solchen Opernball ansetze, beginne ich erst einmal bei einem Minus von bis zu 350.000 Euro. Selbst die potentesten Sponsoren konnten wir von dieser Rechnung bislang nicht überzeugen. Ich verstehe zwar die Sehnsucht nach einem Opernball, aber er scheint mir nicht wirklich finanzierbar zu sein.

 

Zur Person

Marc-Oliver Hendriks wurde 1970 in Duisburg geboren. Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Konstanz. Von 1997 bis 1999 arbeitete er im juristischen Vorbereitungsdienst in Berlin – unter anderem als persönlicher Referent des Geschäftsführenden Direktors der Deutschen Oper – und spezialisierte sich im Immaterialgüterrecht. 1999 wurde er Verwaltungsdirektor und stellvertretender Intendant des Theaters Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen. Von 2003 bis 2009 war er Geschäftsführender Direktor der Bayerischen Theaterakademie August Everding im Prinzregententheater. Seit 2004 leitete er zusätzlich den Zentralen Dienst der Bayerischen Staatstheater in München. Seit September 2009 ist der verheiratete Vater von zwei Töchtern Geschäftsführender Intendant der Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Sein aktueller Vertrag läuft bis zum Jahr 2027.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart