Menschen

Kinder brauchen Regeln, Routinen, Austausch und gemeinsames Miteinander

Corona führt seit Monaten zu Ausnahmezuständen an den Schulen in Deutschland. Präsenzunterricht findet nur bedingt oder gar nicht statt, in Sachen Digitalisierung besteht vor allem an den staatlichen Einrichtungen noch sehr viel Nachholbedarf. Doch wie ist eigentlich die Lage bei den privaten Bildungsträgern? Unterhalten haben wir uns dazu mit Dr. Klaus Vogt, Vorstand des Kolping-Bildungswerks Württemberg.


 

Dr. Klaus Vogt

top: Herr Dr. Vogt, wie ist das Kolping-Bildungswerk Württemberg bislang durch die Corona-Krise gekommen?

Vogt: Bis jetzt sehr ordentlich. Dafür gebührt unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern großer Dank, denn sie haben Außerordentliches geleistet.

top: Die Corona-Pandemie hat die Versäumnisse und Schwachstellen vieler staatlicher Schulen in Sachen Digitalisierung gnadenlos offengelegt. Waren die verschiedenen Einrichtungen des Kolping- Bildungswerks Württemberg auf ein solches Szenario besser vorbereitet?

Vogt: Wir haben frühzeitig, lange vor der Pandemie die infrastrukturellen Weichen gestellt, um flächendeckend funktionierendes Fernlernen anbieten zu können. Die Entscheidungen staatlicher Schulen kann und will ich nicht kommentieren.

top: Welche Lernplattformen benutzen Sie?

Vogt: In den Einrichtungen des Kolping Bildungswerks nutzen wir vor allem MS Teams und Zoom als Videodienste sowie die Schulsoftware Edupage.

top: Welche Maßnahmen wurden in Ihren Einrichtungen konkret ergriffen?

Vogt: Es klingt banal, aber zunächst einmal haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie auch unsere Schülerinnen und Schüler einen unkomplizierten Zugriff auf die bestehenden Systeme und alle verfügen über die erforderliche Hardware. Dann wurde flächendeckend, digital und dezentral ein Erfahrungsaustausch zum Thema Fernlernen und Fernunterricht organisiert. Daraus haben wir Standards entwickelt, so dass mittlerweile alle unsere über 160 Schulen nach dem gleichen Digitalprinzip organisiert sind, was zum Beispiel die Ablage von Dokumenten oder die Nutzung von Inhalten anbelangt. Mittlerweile haben wir auch ein Weiterbildungskonzept zertifizieren lassen, mit dem wir unsere Lehrerinnen und Lehrer systematisch schulen können.

top: Was hätte die Politik besser machen müssen?

Vogt: Die Probleme sind grundsätzlicher Art. Die infrastrukturellen Voraussetzungen müssen stimmen, da reden wir von Internetanbindung, Leitungsgeschwindigkeit und ausreichend vorhandenen Endgeräten. Hier hat die Pandemie schonungslos aufgezeigt, dass wir nicht gut aufgestellt sind.

top: Wie bewerten Sie das durch Corona möglicherweise entstandene Bildungsdefizit der Schülerinnen und Schüler?

Vogt: Die Wissensdefizite mögen schwer wiegen – sie können aber unter Umständen aufgeholt werden. Mehr Sorgen machen mir die Defizite in der sozialen Interaktion, denn die kann man nicht nacharbeiten. Kinder brauchen für ihre Entwicklung Regeln und Routinen, Austausch und gemeinsames Miteinander. Kurzum: die Verlässlichkeit eines funktionierenden Schulalltags – der plötzlich nicht mehr da war!

top: Wie könnte sich das auf die späteren Berufschancen auswirken?

Vogt: Im Allgemeinen wirken sich Defizite eher negativ aus. Konkrete Prognosen sind hier aber schwierig. Grundsätzlich bin ich ein optimistischer Mensch und hoffe, dass es nicht so schlimm wird, wie manche „Experten“ befürchten.

top: Welche Konsequenzen sind damit für die Unternehmen und die Universitäten verbunden?

Vogt: Das wird sich zeigen. Einerseits müssen wir, wie gesagt, negative Auswirkungen der gemachten Bildungsdefizite annehmen. Andererseits werden in der Extremsituation einer Pandemie auch ganz neue Fertigkeiten erlernt. Im besten Fall gleichen sich beide Extreme aus.

top: Wie sehen Sie – wann immer es auch sein mag – die Zeit nach Corona an den Schulen? Wird es Unterricht „wie früher“ wieder geben oder werden andere Lernformen dauerhaft Einzug halten?

Vogt: Die Erfahrungen aus der Pandemie sollten weiter genutzt werden. Jetzt haben wir doch eine Situation, in der Techniken und Instrumente im Schulalltag Einzug halten, die in der Berufswelt schon länger etabliert waren. Präsenz ist hoffentlich bald wieder der Normalfall – aber Zusammenarbeit kann in bestimmten Situationen auch zukünftig digital stattfinden. Wenn es gelingt, die Effizienz, die durch Digitalisierung entstanden ist, in den Schulalltag einzubringen, dann können wir einiges mitnehmen.

 


 

Mehr als Wissen

Das Kolping-Bildungswerk Württemberg zählt zu den bedeutendsten Bildungsträgern in Süddeutschland. An 40 Standorten in 25 Städten werden jährlich rund 15.000 Teilnehmer*innen beschult. In über 120 staatlich anerkannten Schulen führt die Einrichtung seine Schüler*innen zum Abschluss und bietet jährlich rund 2.500 neuen Schüler*innen einen Schulplatz. Für die verschiedenen Bildungsangebote werden insgesamt über 1.500 Mitarbeiter*innen beschäftigt.

Die 1871 gegründete Institution ist Teil des Kolping-Netzwerks, das Kolping-Bildungsunternehmen an über 180 Standorten in ganz Deutschland aktiv miteinander verbindet. Als privater Bildungsträger bietet das Kolping-Bildungswerk Württemberg regional Alternativen zu staatlichen Kitas, Schulen und Hochschulen sowie Angebote der beruflichen Weiterbildung und Arbeitsmarktdienstleistungen. Die Arbeit basiert auf den Kolping-Werten und einer eigenen, sehr menschlichen Unternehmensphilosophie: Bildung soll für jeden erreichbar sein.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart