Kultur

Wir spielen in der Champions League der Ballettschulen

Nach rund fünf Jahren Bau- und über 20 Jahren Planungszeit ist Ende September die neue John Cranko Schule feierlich eingeweiht worden. Grundlage für den 60 Millionen Euro teuren Bau, der sich über mehrere Geschosse am Hang zwischen Werastraße und Urbansplatz staffelt, ist der Entwurf des Münchner Architekturbüros Burger Rudacs. Er war 2011 als Siegerentwurf aus dem Planungswettbewerb hervorgegangen. Auf rund 6.100 Quadratmetern Nutzungsfläche, die sich über zehn Geschosse verteilen, haben die Ballettschule, die Staatliche Ballettakademie der Württembergischen Staatstheater sowie das Stuttgarter Ballett maßgeschneiderte Räumlichkeiten erhalten, um unter anderem in acht mit deckenhohen Spiegeln versehenen Ballettsälen zu trainieren und zu proben. Dazu kommen Räume für Physiotherapie, Verwaltung, Lehrerinnen und Lehrer sowie die Compagnie, außerdem eine Bibliothek und eine Kantine. Insgesamt ist die neue John Cranko Schule für die Ausbildung von rund 150 Schülerinnen und Schüler konzipiert – 80 von ihnen können im schuleigenen Internat wohnen. Im Gespräch mit top magazin erläutern Tadeusz Matacz, Direktor der John Cranko Schule, und Ballettintendant Tamas Detrich, was der Neubau und die Einrichtung an sich für ihre Arbeit bedeuten.


Zur Person

Tamas Detrich, 1959 in New York geboren, erhielt seinen Ballettunterricht unter anderem an der John Cranko Schule in Stuttgart. 1977 wurde er Mitglied des Stuttgarter Balletts. Am Ende der Spielzeit 2001/02 verabschiedete sich Tamas Detrich von der Bühne, ab der Spielzeit 2002/03 wirkte er ausschließlich als Ballettmeister. Im Juli 2015 wurde Tamas Detrich vom Verwaltungsrat der Staatstheater Stuttgart einstimmig zum Nachfolger Reid Andersons gewählt. Sein neues Amt trat er mit Beginn der Spielzeit 2018/19 an.

Tadeusz Matacz, 1957 in Warschau geboren, absolvierte seine Ballettausbildung an der Staatlichen Ballettschule in Warschau. Von 1979 bis 1984 war er Erster Solotänzer am Großen Theater Warschau, anschließend bis 1992 Solotänzer am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Von 1992 bis 1998 war er Trainingsleiter, Ballettmeister und Choreograph am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, von 1997 bis 1998 außerdem Gast-Trainingsleiter beim Stuttgarter Ballett. Seit 1. Januar 1999 ist Tadeusz Matacz Direktor der John Cranko Schule.

 

Die John Cranko Schule mit ihren weitläufigen Fluren schmiegt sich terrassenförmig an den Hang.

 

top: Der Neubau der John Cranko Schule war eine schwierige, sich über viele Jahre hinziehende Geburt. Haben Sie zwischendrin auch mal daran gezweifelt, dass das Projekt Realität werden könnte?

Matacz: Zweifel hatte ich eigentlich nie, es gab aber nach den vielen Sitzungen immer wieder Momente, in denen unsere Euphorie gebremst wurde. Am politischen Willen, die Schule zu bauen, wurde nie gerüttelt. Mitunter zermürbend waren eher die vielen Diskussionen über den Standort, die Größe und die Kosten.

Detrich: Aus heutiger Sicht waren für die Realisierung der Schule die Spende der „Bausteine-Stifter“ vom Förderverein der Staatstheater Stuttgart in Höhe von rund einer Million Euro und die Beteiligung von Porsche mit zehn Millionen Euro ganz wichtige Impulse. Danach gab es letztlich kein Zurück mehr.

top: Wie stark waren Sie über die Jahre in die Planung der Schule involviert?

Matacz: Es waren in der Tat sehr intensive und lehrreiche Jahre, zumal es in Deutschland auch keine Vorbilder im Hinblick auf den Bedarf einer Ballettschule in dieser Größenordnung gab. Es ist das erste Gebäude seiner Art, noch nie wurde in Deutschland eine staatliche Ballettschule von Grund auf errichtet. Für mich war wichtig, dass der Neubau unserem Ruf als eine der weltweit führenden Ballettschulen gerecht wird. So gesehen hätte ich bei den räumlichen Planungen – quasi als Verhandlungsmasse für die Politik – noch viel größer denken sollen. Das wäre mit den von der Politik geforderten „Optimierungsmaßnahmen“ aber nicht unbedingt vereinbar gewesen. Uns fehlen nun schon ein paar Räumlichkeiten – unter anderem auch deswegen, weil die Haustechnik deutlich mehr Platz eingenommen hat als ursprünglich vorgesehen. Doch das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Insgesamt sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden, zumal auch die Lage der Schule unweit des Opernhauses besser kaum sein könnte.

Detrich: „Learning by doing“ hieß in der Tat die Devise bei der Realisierung dieses Projekts. Seitens der Compagnie war uns unter anderem der Bau einer Probebühne für unsere Tänzerinnen und Tänzer ein ganz zentrales Anliegen. Wir sind froh, dass uns diese Bühne nun zur Verfügung steht. Sie bildet exakt die Maße der Bühne des Opernhauses ab, in den Saal passen knapp 200 Zuschauer.

top: Wie ist die Reaktion der Schülerinnen und Schüler?

Matacz: Die sind allesamt restlos begeistert. Das neue Haus bedeutet gegenüber der alten John Cranko Schule einen Quantensprung.

Detrich: Für mich ist auch die Nähe zum Opernhaus ein wahres Geschenk. Die Schülerinnen und Schüler haben ihren Traum, einmal Mitglied der Compagnie zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes stets vor Augen.

Schüler aus den Klassen 2 – 4 im Stück „Viva Vivaldi“

 

Gabriel Figueredo machte 2019 seinen Abschluss an der John Cranko Schule und wurde danach Mitglied des Stuttgarter Balletts. Der gebürtige Brasilianer zählt zu den jungen Spitzen- talenten der Compagnie.

top: Welchen Stellenwert genießt die Schule im internationalen Vergleich?

Matacz: Unsere Schule spielt seit ihrer Gründung im Jahr 1971 in der Champions League der Ballettschulen, um einen Vergleich mit dem Fußball zu bringen. Für junge Menschen, die eine Karriere als Tänzerin oder Tänzer anstreben, sind wir mit unserer Staatlichen Ballettakademie nach wie vor eine der weltweit gefragtesten Adressen. Das Besondere an unserer Schule ist auch die Tatsache, dass wir uns voll und ganz auf die Qualität konzentrieren und bei der Ausbildung des Nachwuchses die erforderliche Zeit lassen können. Doch die Konkurrenz schläft nicht, um Talente buhlen auch noch weitere sehr gute Schulen etwa in Paris, London, St. Petersburg, Moskau oder New York, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

top: Wie kommen Sie denn an die Talente heran?

Matacz: Hauptsächlich auf Festivals und Wettbewerben, da picken wir uns dann die Besten heraus. Manche bewerben sich auch persönlich oder schicken ein Video.

top: Welche Kriterien sind ausschlaggebend für die Aufnahme in die Akademie?

Matacz: Voraussetzungen sind ein hoher Standard in klassischer Technik und der Abschluss einer allgemeinbildenden Schule. Entscheidend sind insbesondere Leichtigkeit und Koordination im Bewegungsablauf sowie ein hohes Maß an Musikalität. Das „Instrument“ des Tänzers ist sein Körper, und der muss noch formbar sein. Wir legen auf unserer Schule die Grundlagen dafür, dass der Körper dann zur rechten Zeit zur Blüte kommt. Darüber hinaus bringen wir unseren Schülern bei, dass im Corps de Ballet nicht Ego, sondern Demut gefragt ist. Man muss lernen, sich als Teil des Ganzen zu sehen.

top: Woher kommen die meisten Schülerinnen und Schüler?

Matacz: In den letzten Jahren gehören neben Deutschland vor allem Italien, Japan, die USA und Australien zu den Schwerpunkten. Insgesamt haben wir Schülerinnen und Schüler aus 26 Nationen.

top: Wie viele Absolventen schaffen den Sprung auf die Bühne?

 

Die Reid Anderson Probebühne

 

Detrich: In den letzten Jahren sind viele der Schülerinnen und Schüler in die Compagnie des Stuttgarter Balletts oder in andere renommierte Compagnien übernommen worden. Darüber hinaus wirken sie schon während ihrer Ausbildung bei zahlreichen Vorstellungen des Stuttgarter Balletts und der Oper Stuttgart mit. Der Neubau ist daher in seiner Bedeutung für unsere Institution gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Verzahnung von Schule und Compagnie ist quasi wie in einer Familie sehr eng. Mittlerweile sind rund zwei Drittel der Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts Absolventen der Schule, die für uns Gegenwart und Zukunft zugleich repräsentiert. Ich verfolge deshalb sehr genau die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler und bin bei jeder Prüfung mit dabei, um für die Zukunft unserer Compagnie frühzeitig planen zu können. Schließlich ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Verträge sehr limitiert.

top: Im Rahmen der feierlichen Einweihung der neuen Schule hat der ehemalige Ballettintendant Reid Anderson die zusammen mit Dieter Gräfe, dem Erben John Crankos, erfolgte Gründung der John Cranko Stiftung bekannt gegeben. Welche Bedeutung hat diese Stiftung für die Compagnie und die Schule?

Detrich: Die Stiftung ist ein wunderbares Zeichen, der Kreis von Crankos Zeit bis heute und weit in die Zukunft hinein schließt sich.
Matacz: Eine solche Stiftung ist in der Ballettwelt einzigartig. Sie unterstreicht die Einmaligkeit von John Cranko als Mensch wie auch als Choreograph und ist ein unglaublich wertvoller Beitrag, um sein Werk zu erhalten und zu fördern.

 

Die Fragen stellten Matthias Gaul und Karin Endress

 


 

Zielgerichtete Ausbildung in mehreren Etappen

Als John Cranko 1961 nach Stuttgart kam, führte er die hiesige Ballettcompagnie innerhalb kurzer Zeit zu Weltruhm. Mit dem gebürtigen Südafrikaner begann die Blütezeit des Stuttgarter Balletts, damit verbunden sind große Namen wie Marcia Haydée, Egon Madsen, Richard Cragun, Birgit Keil, Susanne Hanke und andere mehr. Doch Crankos ganz großes Anliegen war seit jeher auch die bestmögliche Ausbildung des Nachwuchses – und so hatte er die Idee, in Stuttgart eine Schule für junge Tänzerinnen und Tänzer ins Leben zu rufen, die in engem Kontakt mit der Ballettcompagnie ausgebildet werden sollten. Zehn Jahre nach der Gründung des Stuttgarter Balletts war diese Idee Wirklichkeit geworden: Die 1974 nach ihrem Gründer benannte Schule als erste staatliche Ballettschule Westdeutschlands feierte am 1. Dezember 1971 ihre offizielle Einweihung.

Die John Cranko Schule besteht aus zwei Teilen: der Ballett- schule der Staatstheater Stuttgart und der Staatlichen Ballettakademie/Berufsfachschule. Finanzielle Träger sind das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart. Das Schuljahr entspricht dem der öffentlichen Schulen. Eine Aufnahme ist in jedem Stadium der Ausbildung möglich, Voraussetzung dafür ist eine bestandene Aufnahmeprüfung. Diese findet jeweils im Frühjahr für das kommende Schuljahr statt und besteht aus einem dem Alter des Bewerbers entsprechenden Training. Die Ballettschule selbst gliedert sich in eine Vorschule für Kinder im Alter zwischen sieben und neun Jahren sowie in eine Grundausbildung der Klassen 1 bis 6 für Kinder beziehungsweise Jugendliche im Alter von zehn bis 16 Jahren. In der Vorschule stehen hauptsächlich die Förderung der musikalischen und rhythmischen Begabung sowie der Aufbau der physischen Möglichkeiten im Vordergrund, in der Grundausbildung dann klassische Technik und Repertoire. Der Unterricht findet jeweils nachmittags statt, so dass die Schüler vormittags die öffentlichen Schulen besuchen können.

Aushängeschild par excellence ist selbstverständlich die Staatliche Ballettakademie/Berufsfachschule. Aufgenommen werden hier Schüler bis zu einem Alter von 18 Jahren, die Ausbildungszeit beträgt zwei Jahre. Der Unterricht ist ganztägig und umfasst die Fächer klassische Technik, Variationen, Repertoire, Pas de deux, Charaktertanz/Spanischer Tanz, Zeitgenössisch, Improvisation, Spitzentanz, Deutsch, Englisch, Sozialkunde, Tanzgeschichte, Musikgeschichte und -theorie, Ballettkunde (Anatomie und Tanztheorie) und Schminken. Am Ende der Unterstufe findet eine Theorieprüfung, am Ende der Oberstufe eine praktische Abschlussprüfung statt. Nach bestandener Abschlussprüfung verlassen die Schüler die Ballettakademie dann als staatlich geprüfte klassische Tänzer.

Zur Ballettschule gehört ein Internat mit 80 Plätzen, in das auswärtige Schüler ab zehn Jahren aufgenommen werden können. Die Internatsschüler werden von Erziehern betreut und besuchen nahe gelegene öffentliche Schulen.

 

 

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart