Wirtschaft

Niemand will Geisterstädte

Corona, Digitalisierung, Verödung der Innenstädte: Der Einzelhandel steht bundesweit vor großen Herausforderungen. Und die können nur im Schulterschluss mit der Politik gemeistert werden. Im Gespräch mit top magazin erläutert Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg, welche Maßnahmen jetzt höchste Priorität haben sollten.


Zur Person

Sabine Hagmann, geboren 1964 in Sigmaringen, studierte an der Universität Tübingen Rechtswissenschaften und BWL (bis zum Vordiplom), ausbildungsbegleitend war sie im Einzelhandel, am Fraunhofer-Institut sowie an der Universität Tübingen tätig. Von 1994 bis 1999 arbeitete Sabine Hagmann als Justitiarin beim Einzelhandelsverband Württemberg, anschließend war sie hier bis 2001 Geschäftsführerin, danach stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Gesamtverbandes Baden-Württemberg. Seit 2002 hat sie ihre heutige Funktion als Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg (HBW) inne. Arbeitsschwerpunkte: Lobbyarbeit; Erarbeitung, Koordination und Umsetzung von Veranstaltungen, Kampagnen und Dienstleistungen des Verbands; zentrale Ansprechpartnerin für Einzelhändler, Politik und Medien bei allen Anliegen, die den Einzelhandel betreffen. Daneben arbeitet sie in der Stuttgarter Kanzlei Neuner-Jehle als Fachanwältin für Arbeitsrecht.

 

top: Frau Hagmann, nach dem Lockdown ist der Einzelhandel in eine wahre Schockstarre verfallen. Mittlerweile gibt es erfreulicherweise zahlreiche Lockerungen. Wie präsentiert sich denn jetzt die Lage im Sommer aus Sicht des Verbandes?

Hagmann: Wir stecken immer noch mitten in der Krise, auch wenn sich die Stimmung beim Handel und vor allem bei unseren Kunden sehr gebessert hat. Insbesondere braucht aber der Modeeinzelhandel noch gewaltige zusätzliche Kaufimpulse, die auch staatlicherseits unterstützt werden müssen. Beispielsweise benötigen wir wieder Veranstaltungen und Feste. Wer nicht ausgeht, hat auch nicht so sehr den Anlass, neue Mode einzukaufen. Dringend erforderlich sind außerdem bürokratische Erleichterungen, damit die coronabedingten Schwierigkeiten aus eigener Kraft gemeinsam mit den Kunden überwunden werden können. Je weniger Menschen zum Einkaufen in die Stadt kommen, desto schwieriger wird es für den Einzelhandel. Insbesondere der Modeeinzelhandel in den Innenstädten, der besonders gebeutelt ist, benötigt darüber hinaus finanzielle Unterstützung, damit er sich zukunftsfähig aufstellen kann. Insofern freuen wir uns sehr, dass Wirtschaftsministerin Dr. Hoffmeister-Kraut diese Forderung aufgenommen hat und mit einen Fördertopf die Modebranche unterstützen will.

top: Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass sich die von Ihnen angesprochenen bürokratischen Erleichterungen umsetzen lassen?

Hagmann: Es gibt leider immer noch zu viele Lippenbekenntnisse, insbesondere auch von der Bundespolitik. Die größten Belastungen sind bekannt. Statt Gesetze abzubauen, werden aber noch mehr beschlossen. Gerade in schwierigen Zeiten ist dies nicht akzeptabel. So stehen einige Gesetzesänderungen an. Die könnte man nach hinten verschieben, um dem Handel mehr Luft zu lassen. Als Beispiele nenne ich nur das Plastiktütenverbot oder die Verkürzung der Aufbewahrungsfristen für Unterlagen. Was die Aufrüstung der Kassensysteme anbelangt, hat sich Gott sei Dank das Finanzministerium in Baden-Württemberg gegen den Bund gestellt und eine Fristverlängerung von sechs Monaten gewährt. Eine wertvolle Unterstützung.

top: Ist die Maskenpflicht immer noch ein Hemmnis?

Hagmann: Da gibt es je nach Branche unterschiedliche Betrachtungsweisen. Zugleich hängt es stark davon ab, wie lange ich mich wo aufhalte und was ich einkaufen möchte. Hierauf müsste man staatlicherseits noch stärker eingehen. Der Handel setzt die Vorschriften in Sachen Maskenpflicht zu 100 Prozent um. Für uns steht der Schutz der Kunden und Mitarbeiter im Vordergrund und wir wollen einen erneuten Lockdown unbedingt vermeiden. Insofern fordern wir Solidarität ein. Aber die Zielkonflikte sind groß und es ist nicht Sache des Handels, sie zu lösen. Für bedenklich halte ich in diesem Zusammenhang das teilweise aggressive Verhalten von und gegenüber Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen müssen oder es aus sonstigen Gründen unzumutbar ist. Ein echtes Problem haben wir zudem bei den Mitarbeitern. Wenn zum Beispiel das Verkaufspersonal oft stundenlang eine Maske tragen muss, beeinträchtigt dies enorm deren körperliches Wohlbefinden. Leider wird dieses Thema bundesweit unterschiedlich behandelt. Eine einheitliche Handhabe halte ich für wünschenswert.

top: Welche Anreize könnten geschaffen werden, damit die Menschen wieder verstärkt zum Einkaufen in die Städte kommen?

Hagmann: Wie eingangs schon erwähnt, brauchen wir unbedingt wieder Veranstaltungen jeglicher Art. Dringend hätten wir befristet auch anlasslose verkaufsoffene Sonntage benötigt. Dagegen haben sich die Gewerkschaften verdi und der DGB aus grundsätzlichen Bedenken massiv gewehrt, zum Schaden der Händler und deren Mitarbeiter. Selbstverständlich benötigen wir auch durchdachte Verkehrs-, Sicherheits- und Sauberkeitskonzepte. Da hapert es vielerorts – nicht nur in Stuttgart. Insgesamt muss es wieder mehr wertgeschätzt werden, dass es den Einzelhandel vor Ort gibt. Nur hier wird beraten, nur hier kann man die Ware anfassen. Das ist durch nichts zu ersetzen. Vor Ort sieht man außerdem vielleicht auch Produkte, die man noch gar nicht in Erwägung gezogen hat und kauft sie einfach. Das bedingt selbstverständlich, dass die Beratung durch die jeweiligen Fachkräfte stimmt und eine ansprechende Einkaufsatmosphäre herrscht.

top: Hat die Politik aus Ihrer Sicht auf Corona insgesamt richtig reagiert?

Hagmann: Ja, insgesamt können wir sehr zufrieden sein. Nach Anfangsschwierigkeiten – es gab schließlich keine Blaupause für die Krise – war der Weg durch Corona im Land von Zuhören, Vernunft und beherzten Entscheidungen geprägt. Die Landesregierung hat uns gut durch die Krise manövriert und meiner Meinung nach auch einen positiven Einfluss auf die Entscheidungen im Bund gehabt. Allerdings haben uns beim Verband die meist jeweils abends eingegangenen neuen Verordnungen, die dann am nächsten Morgen umgesetzt sein mussten, schon alle Nerven gekostet. Anfangs sind die Verordnungen zu allem Überfluss auch immer noch komplizierter geworden. Das hat sich mit der Zeit aber glücklicherweise gebessert.

 

„Eine weitere Verödung muss mit allen Mitteln verhindert werden.“

 

top: Welche Branchen haben denn besonders unter Corona gelitten, welche sind mit einem blauen Auge davongekommen?

Hagmann: Die sogenannten systemrelevanten Unternehmen, die auch während des Lockdowns die ganze Zeit geöffnet hatten, konnten sich über gute Umsätze freuen. Schnell aufgeholt haben der Fahrradhandel, mittlerweile grundsätzlich aber auch die Branchen Glas-Porzellan-Keramik, Möbel, Betten und Garten. Im Textil- und Schuh-, Parfümerie- und Juwelierhandel sieht es dagegen nach wie vor recht düster aus. Es fehlen die Anlässe und Veranstaltungen, darüber hinaus arbeiten viele Menschen im Homeoffice, es wird also deutlich weniger in neue Mode und persönliche Ausstattung investiert.

top: War der Einzelhandel vor Ort in der Krise kreativ genug?

Hagmann: Auf jeden Fall, trotz widriger Bedingungen haben die Händlerinnen und Händler großen Ideenreichtum bewiesen. Ich erinnere hier nur an die Warenbereitstellung für Kunden vor den Geschäften zu vereinbarten Zeiten, an den schnellen Aufbau von Onlineshops und die Händlerkooperationen. Außerdem haben erfreulich viele Kunden auch große Treue gezeigt. Wohlwissend, dass es Lebensqualität bedeutet, vor Ort in der eigenen Stadt so vielseitig einkaufen zu können.

top: Wirtschaftsexperten und Kreditversicherer warnen dennoch vor einer hohen Insolvenzwelle im Herbst. Teilen Sie diese Befürchtung?

Hagmann: Da kommt mit Sicherheit einiges auf uns zu, zumal die Betriebe ja die Möglichkeit haben, die Insolvenzantragspflicht bis zum Jahresende hinauszuschieben. Ich freue mich daher sehr, dass das Land insbesondere für den Modehandel noch etwas tun will. Denn diese Geschäfte sind ein wichtiger Anker für Innenstädte. Niemand will Geister- oder Zombie-Städte. Und das droht, wenn sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten. Wir haben so viele schöne Innenstädte mit inhabergeführten Geschäften – und die gilt es zu bewahren. Eine weitere Verödung muss mit allen Mitteln verhindert werden. Dazu gehört, dass auch die Immobilienbesitzer Abstriche bei den Mieten machen. Seitens des Handelsverbandes Deutschland fordern wir die Einrichtung eines Innenstadtfonds, um die Stadtzentren zu unterstützen. Die Mittel in Höhe von 500 Millionen Euro sollten genutzt werden, um die aktuelle Lage der Innenstädte zu analysieren und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um den Niedergang vieler Zentren aufzuhalten.

top: Welche Lehren sollte der Handel aus Corona für die Zukunft ziehen?

Hagmann: Der Handel muss sich auf solche Situationen noch besser vorbereiten, zumal derartige Krisen ja unter Umständen noch öfter eintreten können. Außerdem muss die Digitalisierung im Handel weiter voranschreiten, die Prozesse müssen so schlank, günstig und krisenfest wie möglich gestaltet werden. Unbedingt notwendig ist auch eine noch bessere Vernetzung der Händler mit Kollegen und Stakeholdern. Das kann jeder unabhängig von der Größe seines Unternehmens oder Betriebs schaffen. Denn in den von mir genannten Punkten liegt viel Einsparpotenzial.

top: Steht dabei der Handelsverband mit Beratungsleistungen zur Seite?

Hagmann: Ja, wir haben in den letzten Wochen schon sehr viele Corona-Beratungen durchgeführt und bieten auch für die Zukunft, übrigens teilweise mit Förderung durch das Land, eine breite Palette professioneller Hilfe an. Regelmäßig bieten wir außerdem Schulungen, Seminare und Workshops an – inzwischen verstärkt digital. Vor allem die Web-Beratung werden wir in Zukunft noch weiter ausbauen.

 

„Stuttgart hat in vielerlei Hinsicht so viel Potenzial. Das muss noch besser genutzt werden.“

 

top: Gibt es auch konkrete Initiativen des Handelsverbandes für die Städte?

Hagmann: Ja, mehrere. Ein ganz aktuelles Beispiel hierfür ist die Kampagne „Nicht nur klicken, sondern auch anfassen. Dahinter verbirgt sich eine bundesweite Initiative der Handelsverbände in Deutschland zur Stärkung des lokalen Handels. Durch eine Werbekampagne und Gewinnspiel-Aktionen über die Website www.anfassbargut.com sowie via Social Media wollen wir Endkunden die Vorteile des stationären Handels stärker ins Bewusstsein rufen. Zudem berichtet die Kampagne über aktuelle Themen im Handel und stellt maßgeschneiderte Lösungen für alltägliche Probleme vor allem auch in Bezug auf die Digitalisierung vor.

top: Am 8. November wählt Stuttgart ein neues Stadtoberhaupt. Welche Wünsche haben Sie an den/die zukünftige/n Oberbürgermeister/in?

Hagmann: Ich wünsche mir zunächst einmal ein handelsaffineres Stadtoberhaupt. Zugleich hoffe ich, dass es dem/der nächsten Oberbürgermeister/in gelingt, das Image von Stuttgart nachhaltig positiv zu verändern und die Stadt noch moderner zu machen. In diesen Punkten hat Stuttgart noch große Möglichkeiten. Wir sind gerne bereit, unseren Beitrag zu einer attraktiveren Innenstadt zu leisten. Die Stadt muss den Rahmen setzen, damit alle Akteure – Handel, Gastronomie und Kultur – in ihrem jeweiligen Metier, aber auch gemeinsam das Beste in und für Stuttgart leisten können. Stuttgart hat in vielerlei Hinsicht so viel Potenzial. Das muss noch besser genutzt werden.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart