Wirtschaft

„Das Messegeschäft wird nicht aussterben“

Die Corona-Pandemie hat auch die hiesige Messe schwer ins Mark getroffen. Konnten in den letzten Jahren immer wieder neue Umsatzrekorde verbucht werden, war auf einmal Stillstand angesagt. Wie das Unternehmen mit der Krise umgeht und sich auf die Zukunft vorbereitet hat, erläutert Stefan Lohnert, seit 1. Februar 2020 als Nachfolger von Ulrich Kromer von Baerle gemeinsam mit Roland Bleinroth Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart GmbH, im Gespräch mit top magazin.


Die beiden Geschäftsführer der Landesmesse Stuttgart GmbH: Stefan Lohnert (li.) und Roland Bleinroth (Foto: Messe Stuttgart)

 

top: Herr Lohnert, Sie sind mit Rekordzahlen im Rücken in Ihr neues Amt gestartet und wurden von Corona kalt erwischt. Wie ist Ihre Gemütslage mittlerweile?

Lohnert: Meine Gemütslage hat sich einigermaßen stabilisiert, der Mensch gewöhnt sich ja schließlich an nahezu alles. Aber die letzten Wochen und Monate waren schon sehr hart. Wir sind mit der CMT, der Intergastra sowie der Dach + Holz exzellent ins Jahr 2020 gestartet und hatten eigentlich vor, das stärkste Messejahr aller Zeiten zu absolvieren. Die Kalender waren voll, so voll wie noch nie. Der Konzernumsatz hätte Ende des Jahres rund 200 Millionen Euro betragen können. Doch das ist nun alles Makulatur. Corona hat bei uns zu einer langen Zeit der großen Orientierungs-, ja Bewusstlosigkeit geführt. Jeden Tag gab es neue Informationen und Spekulationen, wir mussten immer wieder aufs Neue planen. Das war schon zermürbend.

top: Wie hat Ihre Tätigkeit während der letzten Monate ausgesehen? Messen und sonstige Veranstaltungen gab es ja nicht.

Lohnert: Als Metapher könnte man sagen: Ich habe mich eigentlich als Rennradfahrer beworben, musste mich aber als Fallschirmspringer betätigen. In den ersten Wochen ging es insbesondere erst mal darum, vor dem Hintergrund der bestehenden Verträge viele Fragen juristischer Natur zu beantworten. Die Logimat war ja zum Zeitpunkt des Lockdowns fast aufgebaut, wir mussten mit 1.400 Ausstellern in die Rückabwicklung gehen – ob Standbau, Energie, Beleuchtung, Medienpauschale und vieles mehr. Die Außenwahrnehmung, wir hätten nichts mehr zu tun, war also völlig unzutreffend. Auf die Zeit des Mobile Office mit vielen Telefon- und Videokonferenzen waren wir erfreulicherweise durch unseren hohen Digitalisierungsgrad und unsere Investitionen in die entsprechende Software sehr gut vorbereitet.

top: Seit 1. September 2020 dürfen in Baden-Württemberg auch wieder Messen mit mehr als 500 Personen durchgeführt werden. Wie lässt es sich unter diesen Umständen sinnvoll planen?

 


Zur Person:
Stefan Lohnert, 1964 geboren in Stuttgart, ist studierter Musiker und hat einen Abschluss als Magister Artium im Kultur- und Veranstaltungsmanagement. Zu seinen ersten beruflichen Stationen gehörten die Leitung des Kulturamtes der Gemeinde Tamm sowie die Geschäftsführungen der Tourismus GmbH Bad Saulgau und des CongressCentrums Böblingen. Ab 2006 leitete er als Mitglied der Geschäftsleitung der Messe Stuttgart das ICS Internationales Congresscenter Stuttgart und verantwortete die Gastveranstaltungen der Landesmesse Stuttgart GmbH (LMS). Zum 1. Februar 2020 trat er die Nachfolge von Ulrich Kromer von Baerle als Geschäftsführer der LMS an.


 

„Bis zum Jahresende lässt sich leider nicht mehr viel kompensieren.“

 

Lohnert: An die „gewohnten“ Besucherzahlen werden wir wohl über einen wahrscheinlich längeren Zeitraum nicht mehr rankommen. Für die Einhaltung der Abstandsregelungen von 1,5 Metern gilt jetzt eine Mindestfläche von sieben Quadratmetern pro Besucherin oder Besucher bezogen auf die jeweils zugängliche Ausstellungsfläche. Jede unserer zwölf Hallen hat eine Fläche von 10.000 Quadratmetern. Das macht also pro Halle etwas mehr als 1.400 Besucher. Selbstverständlich haben wir die Möglichkeit, Vormittags- und Nachmittagstickets zu verkaufen. Aber etwa im Falle der CMT können wir von 300.000 Besuchern erst mal nur träumen.

top: Lassen sich die Umsatzausfälle für die Messe Stuttgart beziffern?

Lohnert: Was das Jahr 2020 anbelangt, konnten wir in den ersten beiden Monaten rund 50 Millionen Euro Umsatz machen, dann über Monate keinen Cent mehr „einspielen“. Bis zum Jahresende lässt sich da leider nicht mehr viel kompensieren.

top: Da dürfte es Sie umso mehr wurmen, dass sich der Verband der Automobilindustrie VDA als Standort für die grundlegend neu konzipierte Internationale Automobil-Ausstellung IAA nicht für Stuttgart, sondern für München entschieden hat.

Lohnert: Ich bedauere die Entscheidung des Verbands gegen den Standort Stuttgart und dessen Schlüsselindustrien, ohne deren Arbeit es das Automobil ja gar nicht geben würde. Aber wir schauen nach vorne. Die Messe Stuttgart wird auch künftig das Thema Mobilität in all seinen Ausprägungen weiterentwickeln und umfassend präsentieren. Dessen ungeachtet war die Bewerbung ein sehr beachtlicher Erfolg. Das sage ich explizit auch im Hinblick auf den sehr guten Dialog zwischen Messe, Stadt Stuttgart und Regierungspräsidium. Dadurch kam unter anderem deutlich ans Tageslicht, wie reif der Automobilstandort Stuttgart schon für das neue Konzept der IAA ist. Der VDA hat ja vorgesehen, auch die Innenstadt in die Ausstellung zu integrieren und öffentliche Plätze wie zum Beispiel den Schlossplatz als prominenten „Instagrammable Place“ zu bespielen. Aber da der Schlossplatz dem Land gehört und nicht der Stadt, hätten wir sehr viele Gespräche führen müssen, um die erforderliche Fläche für die Dauer von zehn Tagen zur Verfügung zu stellen. Eine Alternative hätte der Wasen sein können, aber dieser Platz ist einfach zu weit weg von der Innenstadt.

top: Hat vielleicht auch das autofeindliche Image von Stuttgart bei der Entscheidung des VDA eine Rolle gespielt?

Lohnert: Uns ist zweifelsohne die Vokabel „Stauhauptstadt“ auf die Füße gefallen. Ebenso die Diskussionen um die Fahrverbote. Aber auf der anderen Seite muss man auch sagen, dass München mit dem Olympiastadion einen Trumpf in der Hand hat, der sehr schwer wiegt.

top: Wie verteilen sich denn unabhängig von Corona die Aufgaben zwischen Ihnen und Geschäftsführer Roland Bleinroth?

Lohnert: Im Zuge des Ausscheidens von Ulrich Kromer von Baerle haben wir die Bereiche neu aufgeteilt. Roland Bleinroth ist unter anderem weiterhin zuständig fürs Auslandsgeschäft und die B2C-Messen, in seiner Verantwortung liegen außerdem die Bereiche Industrie & Technologie, Finanzen und Kommunikation. Meine Domänen sind unter anderem Wirtschaft & Bildung, Services, Protokoll, Gastveranstaltungen und Personal.

top: Welche Zukunft hat ganz allgemein das Messegeschäft, das ja insbesondere auf persönliche Begegnungen und das direkte Gespräch und bislang weniger auf digitale Konzepte setzt?

Lohnert: Sicher ist für mich vor allem eines: Diese Disziplin wird nicht aussterben, sondern in variierter Form wieder aus der Asche emporsteigen. Viele suchen ihr Heil momentan in digitalen Formaten, aber am Ende ist das meines Erachtens nicht zielführend. Klar kann man sich in Form von Telefon- oder Videokonferenzen mal kurz austauschen. Aber was hierbei völlig fehlt, ist das Momentum des Persönlichen und des Zufälligen am Rande, wenn zum Beispiel die Aussteller oder wir als Messe Gäste etwa in den VIP-Bereich einladen. Diese Form des Networking ist für erfolgreiche Geschäfte unverzichtbar. Ein Kollege von mir hat mal gesagt: „Die Menschen lieben Lagerfeuer.“ Dieser Satz bringt wunderbar zum Ausdruck, worauf es im Messegeschäft ganz besonders ankommt: auf das Miteinander.

top: Dessen ungeachtet hat die Messe Stuttgart ihr digitales Geschäft für ihre Kunden ausgebaut, und zwar in Form von Studio-Lösungen für den Echtzeit-Austausch im Internet. Was hat es damit auf sich?

Lohnert: Wie schon betont, werden Live-Veranstaltungen wie Messen, Kongresse und Events weiterhin von Bedeutung sein. Durch die insgesamt zunehmende Digitalisierung müssen solche Veranstaltungen allerdings um weitere digitale Formate ergänzt werden. Die virtuelle Realität bleibt auch nach der Corona-Krise wichtig. Auf unsere Aussteller und Veranstalter warten auf dem Messegelände in einem ersten Schritt drei voll ausgestattete Streaming-Studios für unterschiedlich große Teilnehmerkreise und verschiedene Anlässe. Ganz gleich, ob sie einen Live-Stream oder eine Aufzeichnung planen, eine Podiumsdiskussion, ein digitales Seminar oder eine Produktpräsentation. Wir bieten ihnen für jedes Format den perfekten Rahmen und stehen von der Planung bis zur Übertragung beratend zur Seite. Dank modernster Technik lassen sich zudem alle Studios um ein Interaktionstool ergänzen. So können die Kunden sofort auf Fragen der Teilnehmer eingehen, Umfragen und Live-Chats erstellen oder sich einfach fachlich austauschen. Für ein problemloses Networking, losgelöst vom allgemeinen Messebetrieb, ist also gesorgt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass dieses Angebot insbesondere beim Mittelstand auf große Resonanz stößt.

top: Am 8. November ist in Stuttgart Oberbürgermeister-Wahl. Was wünschen Sie sich vom neuen Stadtoberhaupt?

Lohnert: Dass sie oder er sich dafür einsetzt, wofür die Stadt steht und mehr Mut im Hinblick auf die Durchsetzung von Zukunftsprojekten zeigt. Stuttgart ist für mich die heimliche Kulturhauptstadt Deutschlands und ein verbriefter Automobilstandort. Insofern kann ich überhaupt nicht verstehen, warum man der Formel E eine Absage erteilt hat. Die ganze Welt setzt auf E-Mobilität und dann redet man in Stuttgart eine solche Veranstaltung, die meiner Meinung nach für das Image Stuttgarts eine große Chance gewesen wäre, der maßen nieder. Das finde ich sehr schade.

 

Karin Endress und Matthias Gaul im Gespräch mit Stefan Lohnert
Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart