Menschen

“Der Profifußball muss aufpassen, dass er sich nicht noch mehr von den Fans entfernt”

Nach einem erneuten Jahr in der 2. Bundesliga ist der VfB durch seinen Aufstieg wieder dort angekommen, wo er nach Meinung seiner Fans und Sponsoren grundsätzlich hingehört. Die Planungen für die neue Erstligasaison sind abgeschlossen, das Spiel kann beginnen. Wie der Traditionsverein hierauf coronabedingt vorbereitet ist und auf welchen „Baustellen“ der VfB sonst noch agiert, darüber sprachen wir mit dem Präsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden Claus Vogt.


 

top: Herr Vogt, mit Ach und Krach geschaffter Wiederaufstieg, Corona, hohe Verluste, in Teilen unzufriedene Fans: Haben Sie es inzwischen bereut, das Amt des VfB-Präsidenten übernommen zu haben oder liegt in diesen ganzen Herausforderungen für Sie gerade der Reiz Ihrer Aufgabe?

Vogt: Nein, ich habe keinen einzigen Tag bereut. Das nicht vorhersehbare Coronavirus hat zwar vieles durcheinandergewirbelt, ein Arbeiten unter den gewohnten Bedingungen war kaum möglich. Aber wir haben versucht, das Beste aus dieser Situation zu machen. Und ich denke, das ist uns ganz gut gelungen. Was den Aufstieg anbelangt, erinnere ich an ein Sprichwort, das besagt: Die Tabelle lügt nicht. Nach 34 Spieltagen, die am Ende unter ganz besonderen Umständen stattgefunden haben, sind wir Zweiter geworden und insofern verdient wieder in der ersten Liga. Jedem, der damit nicht zufrieden ist, empfehle ich dringend, mal beim Hamburger SV oder in Hannover anzurufen. Die würden sicherlich gerne mit uns tauschen. Ich gebe zu, dass die Spielweise der Mannschaft nicht immer überzeugt hat. Aber die 2. Liga ist kein Wunschkonzert. Die Mannschaft hat jedenfalls immer alles versucht – und war schlussendlich auch erfolgreich.

top: War das Präsidentenamt beim VfB für Sie schon immer der große Traum?

Vogt: Ich bin seit langer Zeit VfB-Fan, aber an dieses Amt habe ich eigentlich nie einen Gedanken verschwendet. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich für eine Kandidatur entschieden und offensichtlich ist es mir gelungen, die Mitglieder zu überzeugen. Dies versuche ich nun jeden Tag zu bestätigen und die Interessen unserer Mitglieder gut zu vertreten.

 

 

Zur Person:

Im August 1969 in Nürtingen am Neckar geboren, studierte Claus Vogt Maschinenbau und Umweltschutztechnik und war anschließend viele Jahre bei der Robert Bosch GmbH, im Haniel Konzern und der Metro Group tätig. 2010 gründete er das eigene Facility-Management-Unternehmen Intesia Group Holding GmbH in Böblingen (www.intesia.com) mit Landesgesellschaften in Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich. Seit vielen Jahren analysiert, optimiert und steuert die Intesia Group die Immobilienbewirtschaftung für internationale Kunden in vielen Ländern Europas. 2017 initiierte Claus Vogt außerdem die Gründung des FC PlayFair! (www. fcplayfair.org), eines Vereins, der sich für Fan-, Vereins- und Verbandsinteressen im deutschen Fußball einsetzt. Beim VfB war Claus Vogt seit 2016 im Mitgliederausschuss für Vereins-Entwicklung engagiert. Seit dem 15. Dezember 2019 ist er Präsident des VfB Stuttgart 1893 e.V. und Aufsichtsratsvorsitzender der VfB Stuttgart 1893 AG. Der verheiratete Vater dreier Kinder lebt in Glashütte bei Waldenbuch, seine Familie ist seit vier Generationen eng mit dem VfB verbunden.

 

top: Sie haben sich auch nicht von der Art und Weise, wie man mit Ihrem Vorgänger Wolfgang Dietrich umgegangen ist, abschrecken lassen?

Vogt: Keineswegs. Ich habe das Präsidentenamt bei meinem Herzensverein übernommen und versuche, mich bestmöglich für den VfB einzusetzen. Klar kann der Druck groß sein, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Dann sehen sich zunächst die Mannschaft, der Trainer, der Sportdirektor und der Vorstand entsprechender Kritik ausgesetzt. Irgendwann gerät dann auch der Präsident in die Kritik, obwohl er sich ins operative Geschäft nicht einmischt. Aber das ist normal, damit muss man umgehen können. Ich wünsche mir, dass man später mal sagt: Als Claus Vogt Präsident war, stand der VfB im Mittelpunkt. Ich fände es schön, wenn es uns gelänge, dass die Mitglieder und Fans des VfB unabhängig vom sportlichen Erfolg stolz auf unseren Verein sind. Stolz darauf, wie der VfB sich in der Stadt, in der Region und in der Gesellschaft verhält und agiert.

top: Mischen Sie sich ins Tagesgeschäft etwa von Sportdirektor und Trainer ein?

Vogt: Nein. Für das operative Geschäft ist ausschließlich der Vorstand verantwortlich. Selbstverständlich tauschen wir uns regelmäßig über wichtige Fragen aus und ich stelle meine Sicht der Dinge dar. Aber entscheiden müssen am Ende die Verant-wortlichen im Vorstand.

 

„Ich fände es schön, wenn es uns gelänge, dass die Mitglieder und Fans des VfB unabhängig vom sportlichen Erfolg stolz auf diesen Verein sind.“

 

top: Wie zufrieden sind Sie mit der Kaderplanung für die neue Saison?

Vogt: Ich denke, wir sind für die neuen Herausforderungen in der 1. Bundesliga gut gewappnet. Dass Torhüter Gregor Kobel auch künftig das Trikot des VfB mit der Nummer 1 tragen wird und wir uns mit der TSG Hoffenheim auf seinen Transfer verständigen konnten, freut mich sehr. Gregor hat seine Qualitäten in der vergangenen Saison eindrucksvoll bewiesen und einen großen Anteil zum Wiederaufstieg geleistet. Einen großen Mehrwert für die Mannschaft sehe ich auch in der Verpflichtung des Defensivspezialisten Waldemar Anton. Ich denke, wir haben einen konkurrenzfähigen Kader.

top: Wie geht es mit dem Umbau der Haupttribüne weiter?

Vogt: Trotz Corona bleibt es beim ursprünglichen Zeitplan. Da der Umbau bis zur Fußball-Europameisterschaft im Juni/Juli 2024 beendet sein muss, wird mit den ersten notwendigen Interimsmaßnahmen im September 2021 begonnen. Die eigentlichen Arbeiten an der Haupttribüne finden dann zwischen Sommer 2022 und Januar 2024 statt. Somit steht dann die Tribüne zur Rückrunde der Spielzeit 2023/2024 wieder komplett zur Verfügung. Vorgesehen sind zwei Maßnahmen: Zum einen wird der weitgehend aus dem Jahr 1974 stammende untere Bereich der Haupttribüne erneuert. Dazu gehören die Mixed-Zone, die Technik- und Umkleideräume, der Mannschaftsbusparkplatz, das Flutlicht, sowie die Medien- und Sicherheitsbereiche. Zum anderen wird der Businessbereich auf der Haupttribüne optimiert und um einige Plätze erweitert. Die gesamtem Umbau-kosten betragen 69,5 Millionen Euro. Dass der Gemeinderat der Stadt Stuttgart aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie nachträglich den Beschluss gefasst hat, bis zu 22,55 Millionen Euro als Zwischenfinanzierung zur Verfügung zu stellen, ist gerade in diesen Zeiten nicht hoch genug wertzuschätzen. Ich bin mir sicher, dass unser Stadion mit der neuen Haupttribüne ein Aushängeschild im deutschen Fußball sein werden.

 

Karin Endress und Matthias Gaul im Gespräch mit Claus Vogt

 

 

top: Stichwort Corona: In der Öffentlichkeit wundern sich viele, dass Profiklubs mit dreistelligen Millionenumsätzen schon nach so kurzer Zeit ohne Einnahmen zu kollabieren drohen. Ist das finanzielle Eis tatsächlich so dünn?

Vogt: Derartige Einnahmeausfälle kann kein Unternehmen problemlos kompensieren. Ich erinnere abseits vom Fußball nur an die Lufthansa als eines von vielen Beispielen, die im Januar ein kerngesundes Unternehmen war und im April eine Milliardenhilfe benötigt. Deswegen haben wir auch schon früh den staatlichen Kredit beantragt. Schließlich sind wir ein Wirtschaftsunternehmen mit 250 Angestellten, davon gerade mal 30 Profis. Wir müssen die Überlebensfähigkeit des VfB für alle Mitarbeiter sichern und uns darum bemühen, dass ihr Arbeitsplatz sicher ist und sie ihren finanziellen Verpflichtungen wie Familie, Kinder oder Haus auch weiterhin nachkommen können.

top: Die vielfach geäußerte Kritik, dass der VfB die Corona-Hilfe beantragt hat, können Sie also nicht nachvollziehen?

Vogt: Ich kann verstehen, dass man dies in Teilen der Bevölkerung kritisch sieht. Aber wie gesagt: Der VfB Stuttgart erfüllt als Unternehmen alle Voraussetzungen für diese staatliche Hilfe und besteht nicht nur aus 30 Profifußballern, sondern auch aus 220 weiteren, ganz „normalen“ Mitarbeitern. Und im Übrigen ist die Corona-Hilfe ja keine Schenkung, sondern ein Kredit, der selbstverständlich verzinst zurückgezahlt wird.

top: Themenwechsel: Als Gründer des „FC PlayFair!“ (www.fcplayfair.org) gelten Sie als Kritiker der Entwicklungen im Profifußball. Haben Sie die Hoffnung, dass Corona zu einem Umdenken in der Branche führt oder geht es weiter wie gehabt?

Vogt: Grundsätzlich habe ich als Unternehmer und Familienvater selbstverständlich nichts gegen das Geldverdienen. Aber der FC PlayFair! kritisiert die Überkommerzialisierung des Profifußballs. Ich hoffe tatsächlich, dass es durch Corona ein Umdenken gibt und die Entscheidungsträger erkennen, welche gesellschaftliche Kraft und welche Vorbildfunktion der Fußball hat. Es geht hier um weit mehr als um Sieg oder Niederlage. Der Profifußball muss aufpassen, dass er sich nicht noch mehr von den Fans entfernt. Ich befürchte aber, dass in „normalen“ Zeiten relativ schnell wieder „business as usual“ einkehrt. Die Kritik des FC PlayFair! ist dabei nicht neu. Vielmehr haben wir sie schon 2017 im Rahmen unserer Situationsanalyse zum Profifußball geäußert (https://www.fcplay-fair.org/studie/). Die Ergebnisse dieses wis-senschaftlichen For-schungsprojekts, das vom Deutschen Insti-tut für Sportmarke-ting an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen in Kooperation mit dem FC PlayFair! und dem kicker Sportmagazin durchgeführt wurde, basieren auf der Befragung von 17.330 Fans von Vereinen der 1. und 2. Fußballbundesliga. Wir haben die Studie seinerzeit im Sportausschuss des Deutschen Bundestags ebenso wie bei der DFL und dem DFB vorgestellt. Hätte man die Ergebnisse schon damals ernst genommen, wäre das eine oder andere Problem, das wir heute haben, unter Umständen schon vom Tisch.

 

„Wir müssen die Überlebens fähigkeit des VfB für alle Mitarbeiter sichern.“

 

top: Tragen die Berater eine Mitschuld an der Situation?

Vogt: Per se kann man es den Beratern nicht vorwerfen, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Geld verdienen wollen. Aber vielleicht müsste man das System an sich überdenken. Schön wäre es zum Beispiel, wenn die Berater von den Spielern und nicht von den Vereinen bezahlt werden müssten, weil die Spieler dann einen anderen Bezug zu den hierfür fließenden Beträgen hätten.

 

 

top: Volle Stadien wird man so schnell wohl erst mal nicht mehr sehen. In der Hinrunde wird es nur Tagestickets geben, Dauerkartenbesitzer hätten ein Vorkaufsrecht. Was ist für den sehr wahrscheinlichen Fall geplant, dass mehr Dauerkarten- besitzer ein Tagesticket beantragen als Zuschauer ins Stuttgarter Stadion dürfen?

Vogt: Wir führen momentan Gespräche mit den zuständigen Ämtern und Behörden, mit der Politik und natürlich mit der DFL und dem DFB, um das bestmögliche Konzept für die Mercedes-Benz Arena entwickeln zu können. Das ist ein komplexer Prozess, in den natürlich auch genau solche Fragestellungen miteinfließen. Bitte haben Sie aber Verständnis dafür, dass wir all das erst öffentlich machen, wenn alles sattelfest ist.

top: Und wie ist der Plan für den Logen- und Business-Seats-Bereich?

Vogt: Hier gilt das Gleiche. Die Business Bereiche sind Teil unseres Konzeptes und auch hier werden wir Lösungen herbeiführen, die für unsere Business-Gäste ein Heimspielerlebnis bei gleichzeitig bestmöglichen Infektionsschutz möglich machen.

top: Die Zielvorgabe für die neue Saison dürfte auf jeden Fall der Klassenerhalt sein. Sind etwaige Zweifel aus Ihrer Sicht angebracht?
Vogt: Grundsätzlich freuen wir uns auf die erste Liga und darauf, wieder in großen Stadien gegen namhafte Mannschaften zu spielen. Es wird sicherlich eine schwere Saison und ich wünsche mir, dass wir mit einem Abstieg so wenig wie möglich zu tun haben werden. Sollte uns das gelingen – und das am besten so früh wie möglich –, wird es sicherlich ein kleines Fest geben.

top: Ihre Amtszeit läuft vorerst bis zur nächsten Mitgliederversammlung. Die war für den 11. Oktober 2020 geplant, musste coronabedingt aber verschoben werden. Gibt es schon einen neuen Termin?

Vogt: Leider noch nicht, tendenziell gehen wir davon aus, dass die Versammlung aber erst im nächsten Jahr stattfinden kann.

top: Sie werden, wann auch immer sie stattfindet, aber auf jeden Fall wieder antreten?

Vogt: Selbstverständlich, Stand heute habe ich das fest vor.

 

Der FC PlayFair! in Kürze

„Wir brauchen keine Besserwisser, sondern Bessermacher!“: Dieser Leitspruch führte 2017 angesichts der zunehmenden Kommerzialisierung im Profifußball zur Forderung eines gesetzlich verpflichtenden Fanvertreters für die Profivereine, der die Fan-Interessen beachten, wahren und notfalls auch durchsetzen sollte. Die Forderung stieß innerhalb kürzester Zeit auf großen Zuspruch von zehntausenden Fans, die sich dem gemeinsamen Willen nach einem fairen Fußball anschließen wollten. Der daraufhin von Claus Vogt und dem Sportökonom André Bühler gegründete FC PlayFair! Verein für Integrität im Profifußball e.V. macht auf Probleme im Fußball aufmerksam und versucht, Fans, Vereine und Funktionäre an einen Tisch zu bringen. Mit seinen bundesweiten Mitgliedern aus unterschiedlichsten Bereichen und Vereinen fördert der Verein von wissenschaftlichen Studien über Umfragen zu fußballspezifischen Themen bis hin zu Workshops und Fußballcamps aktiv die gesellschaftliche, integrative und soziale Kraft des Fußballs. Erster Vorsitzender des FC PlayFair! mit Sitz in Berlin ist Jörn Kleinschmidt. Der Vereinsbeirat besteht neben Claus Vogt aus dem Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir, dem langjährigen schweizerischen Fußballschiedsrichter Urs Meier sowie Markus Hörwick, der mehr als 30 Jahre lang für die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit des FC Bayern München verantwortlich war.

Weitere Infos: www.fcplayfair.org

 

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart