Kultur

„Der SWR ist eine starke Marke mit ausgeprägtem Profil“

Innovative Formatentwicklungen exklusiv für die ARD Mediathek und Social Media, kritische und unabhängige Recherchen sowie die Menschen im Südwesten und ihre Geschichten: Der SWR hat sich unter seinem neuen Intendanten Prof. Dr. Kai Gniffke eine Menge vor


Zur Person

Kai Gniffke wurde am 20. November 1960 in Frankfurt am Main geboren. Das Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und des Öffentlichen Rechts schloss er 1992 mit der Promotion zum Dr. phil. ab. Als Reporter und Schlussredakteur arbeitete er bei den Fernsehnachrichten des SWF in Mainz und ab 1995 als Landespolitischer Korrespondent. 1999 übernahm er die Leitung der Redaktion ARD-aktuell beim SWR in Rheinland-Pfalz. Von 2003 bis 2005 war er Zweiter Chefredakteur ARD-aktuell. Von 2006 bis 2019 verantwortete er als Erster Chefredakteur ARD-aktuell unter anderem die Tagesschau, die Tagesthemen und tagesschau.de. Die Hochschule Mittweida bestellte Kai Gniffke 2019 zum Honorarprofessor für „Journalismus in der digitalen Transformation“. Seit September 2019 ist er Intendant des Südwestrundfunks. 2007 erhielt Kai Gniffke den Grimme Online Award für seine Autorenschaft im Tagesschau-Blog. 2018 vertrat er die ARD in der „High Level Expert Group on Fake News“ der EU-Kommission.

 


 

top: Herr Prof. Gniffke, über viele Jahre Chefredakteur, nun Intendant: Ist Ihnen dieser Wechsel schwergefallen?

Gniffke: Überhaupt nicht. Denn zugegebenermaßen war ich auch als Chefredakteur von ARD-aktuell in Hamburg nur zu fünf Prozent Redakteur und zu 95 Prozent Chef eines Mittelständlers mit 300 Mitarbeitern. Meine tägliche Arbeit drehte sich weniger um die Programmgestaltung, als vielmehr darum, strategische Entscheidungen in Sachen Budget und Personal zu treffen. Das hat sich nun als Intendant um den Faktor 10 vergrößert. Aber der grundsätzliche Unterschied zu vorher ist nicht so fundamental. Meine jetzige Tätigkeit ist zwar noch weiter weg vom Programm, aber es wäre Koketterie, wenn ich sagen würde, dass ich darunter leide. Ich habe eine wunderbare Aufgabe mit vielen neuen Facetten. So bin ich nun auch mitverantwortlich für ein wunderbares Orchester, das seit der 2016 erfolgten Fusion des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg sowie des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart zum SWR-Symphonieorchester meines Erachtens an Qualität noch mal deutlich zugelegt hat – erst recht unter seinem charismatischen Chefdirigenten Teodor Currentzis.

top: War es schon immer Ihr Traum, Intendant zu sein?

Gniffke: Nein, diesen Matchplan gab es nie, die Dinge haben sich einfach so ergeben. Ich habe in bestimmten Augenblicken das Glück gehabt, dass sich Menschen um mich gekümmert oder mir Angebote gemacht haben. Ich wäre auch noch in Hamburg geblieben und ein glücklicher Mensch gewesen. Aber Stuttgart macht mich noch glücklicher.

top: Wie haben Sie sich denn in Stuttgart eingelebt?

Gniffke: Sehr gut. Ich kannte die Stadt schon aus früheren Zeiten, in denen ich ab und an hier war. Zeit für größere Erkundungen hatte ich aber nie. Als meine Frau und ich dann vor etwa fünf Jahren Freunde in Schwäbisch Gmünd besuchten, haben wir uns auch explizit zwei Tage nur für Stuttgart reserviert. Unser Eindruck war: Die Stadt ist weit besser als ihr Ruf. Wir haben damals aber überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, jemals hier zu leben. Als im vergangenen Jahr feststand, dass wir nach Stuttgart ziehen, wurden wir von unserem Umfeld in Hamburg ziemlich bedauert. Wir waren dann erst mal baff, welche Mietpreise für Immobilien hier aufgerufen werden. Dagegen ist Hamburg ein Kindergarten. Dessen ungeachtet sind wir schnell mit dieser Stadt warm geworden. Ein bisschen mehr Wasser dürfte zwar sein, dafür kann Stuttgart mit vielen anderen Pfunden wuchern. Allein schon die tollen Ausblicke! Die vielen internationalen Einflüsse, die ausgeprägte Kulturlandschaft und die unterschiedlichsten Mentalitäten der Menschen mischen sich in diesem Kessel zu einem ungemein spannenden Gebräu.

top: Nun hat die Corona-Pandemie ziemlich viel in Wirtschaft und Gesellschaft verändert. Welche Auswirkungen hatte Covid-19 auf die Arbeit beim SWR?

Gniffke: Wir mussten tatsächlich in vielen Bereichen umdenken. Insgesamt haben wir es aber geschafft, unter außergewöhnlichen Bedingungen das Programm nahezu vollständig aufrechtzuerhalten. Das ging nur, weil wir wirklich einen gigantischen Digitalisierungsschub bekommen haben. Damit meine ich nicht nur Online-Meetings, sondern auch die Art der Mediennutzung. In diesem Zusammenhang haben wir vor allem auch gesehen, dass die Menschen viel stärker dazu bereit waren, für digitale Angebote auch etwas zu bezahlen. Für das eine oder andere Medienhaus ist dies sicherlich eine gute Nachricht. Wir jedenfalls haben für uns die Lehre daraus gezogen, unsere Anstrengungen auf dem Weg hin zu einem digitalen Medienhaus nochmals zu forcieren, um dem Nutzungsverhalten der Menschen noch besser gerecht zu werden.

top: Wegen Corona konnte der SWR wie viele andere Anstalten der ARD keine Filme produzieren. Wird es in nächster Zeit im Fernsehen nur noch Wiederholungen zu sehen geben?

Gniffke: Wiederholungen werden erst mal nicht zu vermeiden sein, da keine Frischware ins Haus gekommen ist, um es etwas salopp zu formulieren. Erfreulicherweise konnten wir im Mai wieder mit neuen Produktionen beginnen, aber das ist sehr aufwendig und nimmt mehr Zeit in Anspruch als früher. Bei unseren Daily-Soaps wie „Rote Rosen“ oder „Sturm der Liebe“ wird es wochenlang Folgen geben, in denen die Menschen sich nicht näher als 1,50 Meter kommen, Kussszenen sind tabu. Das wird sich aber mit Sicherheit bald wieder ändern. Wir hatten auch eine Serie geplant, in der es um Mordfälle in einer Senioreneinrichtung geht. Die haben wir erst mal nicht gestartet.

 

„Die Journalistinnen und Journalisten im SWR machen einen guten Job.“

 

top: Der SWR möchte laut Ihren Aussagen das „journalistisch beste Medienunternehmen im Südwesten“ sein: Konnte der Sender diesem Anspruch in der Corona-Krise schon gerecht werden?

Gniffke: Zunächst einmal verstehe ich das von mir ausgegebene Ziel als Signal nach innen. Klar wollen wir als Sender erfolgreich sein und eine breite Nutzung erfahren. Uns geht es dabei aber nicht in erster Linie um Quote, sondern hauptsächlich um exzellente journalistische Qualität. Hierfür gibt es auch ein paar objektive Kriterien. Etwa die Frage, wie oft man zitiert wurde. Oder wie oft es gelungen ist, Debatten anzustoßen. Wenn ich mir das Feedback und die Zustimmung unseres Publikums so anschaue, kann ich sagen: Ja, die Journalistinnen und Journalisten im SWR machen einen guten Job.

top: Wofür steht der SWR heute in der bundesdeutschen Senderlandschaft?

Gniffke: Für eine umfangreiche regionale Berichterstattung, aber auch für eine sehr renommierte Auslandsberichterstattung, für herausragende und von den Zuschauern wie von den Kritikern geschätzte Fernsehspiele sowie für klassische Dokumentarfilme. Der SWR ist eine starke Marke mit ausgeprägtem Profil. Insbesondere auch im Radio ist der SWR eine Bank. Mit SWR3 haben wir nach wie vor die bundesweit erfolgreichste Welle. Da liegen wir weit vor den meisten anderen öffentlichrechtlichen Anstalten. Unter strategischen Gesichtspunkten freut es mich vor allem auch, dass wir es mit dem SWR geschafft haben, in der ARD die zentralen Zukunftsfelder zu besetzen. Der SWR hat die Verantwortung für die großen digitalen Plattformen: die ARD Mediathek und die ARD Audiothek. Außerdem hat der SWR, maßgeblich betrieben durch meinen Vorgänger Peter Boudgoust, das Angebot „funk“ aufgebaut. Mit „funk“, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, sind wir mitten in der Lebenswirklichkeit junger Menschen. Und das mit Themen, die sie interessieren und dort, wo sie sich aufhalten – im Netz. Daran sieht man: Wir versuchen nicht krampfhaft, irgendwie das Bestehende zu konservieren, sondern wir schauen in die Zukunft. Da sich das Mediennutzungsverhalten aber noch viel schneller ändert, als wir es je gedacht haben, dürfen wir uns mit dem Erreichten nicht zufriedengeben. Wenn es uns als Sender nicht gelingt, noch schneller und innovativer zu werden, dann beherrschen irgendwann ausländische Konzerne in Deutschland die Mediennutzung. Wir als SWR wollen Unternehmen wie Spotify, Netflix oder Amazon Paroli bieten und ihnen zeigen, wo der Hammer hängt.

top: Stehen jüngere Zielgruppen beim SWR also zukünftig verstärkt im Fokus?

Gniffke: Wir haben den Auftrag, eine gesamte Gesellschaft mit Informationen, Bildung und Unterhaltung zu versorgen. Das gelingt uns bei der Altersgruppe 50 plus außergewöhnlich gut. Bei den unter 50-Jährigen und hier vor allem auch in der Altersgruppe zwischen 20 und 30 ist dagegen noch Luft nach oben. Da müssen wir jetzt Vollgas geben und unsere Innovationskraft stärken, um neue Produkte schneller an den Start zu bekommen. Unter anderem deswegen bauen wir in Baden-Baden ein Innovationszentrum auf, an dem junge Kreative an neuen Formaten arbeiten sollen.

top: Welche sind denn Ihre Lieblingssendungen im Radio und Fernsehen?

Gniffke: Ich schaue im Moment mit meiner Frau zusammen gerade mit großem Vergnügen die in der ARD Mediathek verfügbare Serie „Call my Agent“. Außerdem höre ich gerne den Podcast SWR2 Wissen. In knapp 30 Minuten bekommt man hier täglich Interessantes aus Forschung und Weltgeschehen, Geschichte und Bildung serviert. Ansonsten liebe ich, das gestehe ich ganz offen, die Klassiker „Sportschau“ und „Tatort“.

 

„Wir als SWR wollen Unternehmen wie Spotify, Netflix oder Amazon Paroli bieten und ihnen zeigen, wo der Hammer hängt.“

 

top: Ihr Vertrag als Intendant läuft bis Ende 2025. Wofür soll die Ära Gniffke dann stehen?

Gniffke: Für Innovation und guten Journalismus. Als Medienhaus wollen wir dabei auch dem vielfältigen und spannenden Diskurs hier in Stuttgart rund um Themen wie Feinstaub oder Stuttgart 21 Raum geben.

top: Im November findet in Stuttgart die nächste Oberbürgermeisterwahl statt. Was wünschen Sie sich vom neuen Stadtoberhaupt?

Gniffke: Grundsätzlich haben wir als SWR keine Wünsche anzumelden. Ein neues Konzerthaus wäre aber schon eine wichtige Bereicherung für die Stadt. Ansonsten hoffe ich auch weiterhin auf eine freundlich zugewandte Koexistenz. Wir werden sicherlich mit jeder oder jedem neuen OB gut auskommen – zumal man im Rathaus sehr wohl weiß, was man an uns unter anderem auch im Hinblick auf die so vielfältige Kulturszene hat.

 

Karin Endress und Matthias Gaul im Gespräch mit Kai Gniffke und Unternehmenssprecher Wolfgang Utz (v.li.)
Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart