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„Nur zusammen können wir das schaffen!”

Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass die Fantastischen Vier wahre Aushängeschilder deutscher Popkultur sind. Seit über 30 Jahren räumen die schwäbischen HipHop-Lokalmatadore einen Preis nach dem anderen ab, erobern mit ihren Platten die Charts


 

top: Die Fantastischen Vier sind 2019 30 Jahre alt geworden. Thomas D, wie haben Sie diese drei Jahrzehnte erlebt?

Thomas D: Sehr intensiv! Ich kann mich beispielsweise noch gut an unsere Anfangszeiten erinnern, als die Leute bei unseren Auftritten oftmals mit offenen Mündern vor uns standen und sich gefragt haben: Was machen diese vier Typen da eigentlich? (lacht). Aber gleichzeitig wussten die, dass es geil war, was da auf der Bühne geschah. Und wir wussten das auch, denn ein Wunsch hatte sich erfüllt: Wir waren auf dem Weg, Popstars zu werden.

top: Und wie hat sich dieser erfüllte Wunsch angefühlt?

Thomas D: Irgendwie ganz seltsam. Weil diese Sache mit „Die da?!?“ und dem ganzen Wahnsinn drumherum überhaupt nicht toll war. Wir wollten ernsthafte Popstars sein und waren aber eigentlich nur die vier lustigen bunten Jungs aus Stuttgart, zu denen alle nur „die da“ gesagt haben. Und ich glaube, erst mit dem Album „Lauschgift“ haben wir uns dann diese gewünschte Ernsthaftigkeit erarbeitet.

top: Eine Ernsthaftigkeit, die bis heute anhält. Allerdings gibt es in Deutschland aktuell wenige Bands, die so alt sind, wie die Fantastischen Vier – vor allem in der ursprünglichen Besetzung. Wie haben Sie und ihre Bandkollegen das geschafft?

Thomas D: Diese Frage haben wir uns auch schon oft gestellt, aber letztendlich keine wirkliche Antwort gefunden. Ich persönlich glaube das liegt daran, dass wir keine klassische Band im eigentlichen Sinne sind. Bei uns gibt es keinen Bandleader oder Gitarristen der die Melodien schreibt, keinen Sänger, der die Texte beisteuert und keine anderen, die einfach nur dabei sind. Die Fantastischen Vier sind vielmehr eine Einheit und wir haben immer versucht gemeinsam unsere Kreativität zu nutzen und die Musik zu machen, die wir alle Vier machen wollten. Wir haben immer wert darauf gelegt uns weiter zu entwickeln und kein „Die da?!? 2.0“ abzuliefern. Bis heute, zum aktuellen Album „Captain Fantastic“, sind wir nicht wirklich zufrieden mit uns. Vielleicht mal eine kurze Zeit lang, aber hauptsächlich finden wir uns und das, was mir machen, ganz okay. Aber eigentlich gäbe es da immer noch Luft nach oben. Das alles könnte ein Teil des Erfolgsgeheimnisses der Fantastischen Vier sein – vielleicht hatten wir aber auch einfach nur wahnsinniges Glück. Wer weiß das schon?

top: Wenn man die Band über all die Jahre verfolgt und live auf der Bühne gesehen hat, dann bekommt man das Gefühl, die Fantastischen Vier haben sich bis heute kaum verändert. Sie wirken immer noch wie die vier netten Jungs aus Stuttgart. Ist das wirklich so?

Thomas D: Ja, auf jeden Fall. Das ist wohl etwas typisch Schwäbisches. Als Schwabe abzuheben ist sehr schwer, da dieser Menschenschlag doch immer sehr geerdet ist. Es gibt ja dieses schöne Sprichwort: Nicht gemotzt ist genug gelobt! Und ich denke, genau das macht uns aus: Bodenständigkeit, Selbstkritik und niemals die Realität aus den Augen verlieren. Bei uns war es, gerade in den Anfangszeiten oft so, dass wenn einer dachte, er könnte abheben und den Mega-Popstar raushängen lassen, die anderen drei ihn ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben. Ganz wichtig war es für uns immer im Hinterkopf zu behalten, dass wir zwar ein Leben als Popstars führen, aber trotzdem nicht besser oder schlechter sind als alle anderen Menschen auf diesem Planeten.

top: Eine sehr sympathische und geerdete Einstellung. Welches Ereignis aus den 30 Jahren Bandgeschichte ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?

Thomas D: Es gibt einige Erlebnisse, die erst im Nachhinein zu Meilensteinen wurden. Ich denke da beispielsweise an eines unserer ersten Konzerte im Schwimmbadclub Heidelberg. Da haben 300 Leute reingepasst, es standen aber damals 1500 vor der Tür und uns wurde an diesem Tag irgendwie bewusst, dass das mit den Fantastischen Vier wirklich etwas Großes werden kann. Dann waren da noch die beiden Unplugged-Konzerte in der Balver Höhle im Heimspiel auf dem Cannstatter Wasen vor 60.000 Leuten, welches uns wohl immer unvergesslich bleiben wird.

top: Machen wir nochmal einen Schritt zurück, an den Anfang Ihrer Karriere. Da wollten Sie, nach eigenen Aussagen, in die Charts kommen und Stars werden. Wie denken Sie heute über dieses „Star sein“?

Thomas D: Wir wollten Popstars werden, das stimmt. Aber Popstar war damals noch ein ehrbarer Beruf, das musste man sich erarbeiten und konnte diesen Titel nicht in irgendeiner Casting-Show gewinnen, indem man die Songs anderer Künstler nachgesungen hat. Ein Star war damals noch jemand, der es mit etwas Eigenem an die Spitze geschafft hat.

top: Sie haben vorhin erzählt, dass die Fantastischen Vier eigentlich immer noch die netten Jungs aus dem Schwabenland sind. Mittlerweile wohnen aber alle Bandmitglieder, außer Andreas Rieke, nicht mehr in Baden-Württemberg. Welche Beziehungen und Verbindungen gibt es bei Ihnen persönlich heute noch zur Region Stuttgart?

Thomas D: Ich persönlich bin ja ein Landei und komme aus Richtung Ditzingen und Gerlingen, wo meine Mutter heute noch wohnt. Dann bin ich irgendwann nach Stuttgart gezogen und dort gab es die ersten Partyerfahrungen mit Michi Beck, der uns damals übrigens total verdorben hat, wofür ich ihm heute noch dankbar bin. (lacht) Es waren tolle Zeiten, ohne Frage. Aber ich wollte irgendwann einfach weg, mal was anderes sehen. Ja, und heute gucke ich mir die Schwaben an und denke mir oft, dass wir mit Freundlichkeit wirklich nicht gesegnet sind. Aber dafür sind wir ehrlich, fleißig und gerade heraus mit dem, was wir denken und fühlen. Wir „bruddeln“ zwar gerne mal, haben aber das Herz am rechten Fleck.

 

Bühnenspektakel mit den Fanta 4

 

 

top: Kommen wir nun mal zu der Sache, die momentan die ganze Welt beschäftig und in Atem hält: Die Corona-Krise. Wie erleben Sie die momentane Situation?

Thomas D: Privat sind meine Familie und ich davon kaum betroffen. Wir wohnen ja in der Eifel, also sozusagen am Arsch der Welt. Hier kommt eh kaum jemand von außerhalb vorbei und deswegen hat sich in diesem „Sackgassendorf“ nicht wirklich viel verändert. Beruflich ist das natürlich eine Katastrophe, da wir alle unsere Konzerte der geplanten Open-Air-Jubiläums-Tour nicht spielen können – leider auch die beiden Termine in Stuttgart nicht. Stadien lassen sich nicht so einfach umbuchen, wie Konzerthallen. Und wenn man mal so hört, was Politiker und Virologen sagen, dann sieht es aktuell so als, als seien vor Frühjahr 2021 keine Stadien-Konzerte mehr möglich. Allerdings muss ich sagen, dass mir persönlich das eigene berufliche Schicksal der Band eher zweitrangig ist, denn es steht so viel anderes auf dem Spiel: Zig Menschenleben und Existenzen sind durch Corona gefährdet – da möchte ich eigentlich nur ungern jammern. Wichtig ist jetzt in erster Linie, dass wir alle zusammen aufeinander aufpassen. Unser Manager Bär war ja einer der ersten, der sich mit dem Virus infiziert hat. Und wenn ich so höre, wie es ihm ergangen ist, bekomme ich schon irgendwie Angst, dass sich meine Familie und ich damit infizieren könnten.

top: Welche Auswirkungen haben Ihrer Meinung nach die Lockdowns für unser Land und speziell für die ganzen Künstler, Musiker und Selbstständigen?

Thomas D: Darüber möchte ich eigentlich gar nicht nachdenken. Bei den Musikern ist es leider so, dass viele nicht den finanziellen Background besitzen, den wir als Band haben. Vor allem die kleineren Bands und Musiker wird es natürlich besonders schlimm treffen und in ein finanzielles Dilemma stürzen. Ich selber bin vor kurzem einer Organisation beigetreten, in der Künstler anderen Künstlern helfen, weil ich nicht nur rumsitzen und große Töne spucken, sondern aktiv andere unterstützen möchte. Und natürlich wird es auch Clubs, Gastronomiebetriebe und Bars verdammt hart treffen. Wie hart, ist glaube ich noch gar nicht abzusehen. Bei der großen Industrie bin ich etwas skeptisch, was die finanziellen Schäden betrifft. Natürlich gibt es Verluste, wenn die Bänder stillstehen, aber eigentlich sollten da doch Rücklagen vorhanden sein, um das alles irgendwie auffangen zu können. Ich denke aber auch, dass unsere Regierung in die Pflicht genommen werden muss, die Menschen zu unterstützen. Zum Glück haben wir in Deutschland ein gut funktionierendes Sozialsystem, was mir persönlich etwas Beruhigung verschafft. Vielleicht führt das alles ja auch dazu, dass sich unsere Welt zum Guten verändert, dass die Menschen positiver denken und dass das soziale Miteinander gestärkt wird. Eines ist auf jeden Fall sicher: Wir können das nur gemeinsam durchstehen!

top: Wie wird es nach Corona weiter gehen? Findet das Leben in seine normalen Bahnen zurück oder wird es nie mehr so werden wie früher?

Thomas D: Ich bin mir wirklich unschlüssig darüber, ob es nach Corona das normale Leben wieder geben wird. Wie soll so ein Virus plötzlich verschwinden? Das ist einer der Fragen, die ich mir sehr häufig stelle. Eigentlich möchte ich gerne daran glauben, dass nach der Pandemie alles wieder so weiter geht, wie davor, aber ich befürchte, dass das nicht so sein wird – ohne jetzt allzu pessimistisch zu wirken.

top: Wie haben Sie als Vater von zwei Kindern die Home-Schooling-Zeit erlebt?

Thomas D: Also für meinen Sohn waren diese Zwangsferien das Beste, was ihm passieren konnte, denn er ist total aufgeblüht. Dafür hatten natürlich dann meine Frau und ich das Theater, was sonst die Lehrer in den Schulen hatten lacht). Und auch meine Tochter war sehr entspannt, was das alles angeht. Sie lernt sehr gut selbstständig und hat das alles sehr easy durchgezogen. Was das betrifft, kann ich mich echt nicht beschweren.

top: Was sind in dieser schwierigen Zeit Ihre Wünsche für die Zukunft?

Thomas D: Ich wünsche mir, dass wir wieder erkennen, dass wir alle eine Welt sind und dass es uns eigentlich nur gemeinsam gelingen kann, alles zum Guten zu bringen. Diese Trennung zwischen „Ich“ und „Du“ muss aufhören und in ein „Wir“ umgewandelt werden, denn nur dann gibt es eine positive Zukunft für uns und die kommenden Generationen auf dieser Welt!

 


 

Zur Person:

Geboren wurde Thomas Dürr am 30. Dezember 1968 in Stuttgart. Die Grundschule besuchte er in Ditzingen und Gerlingen. Nach seinem Realschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum Friseur. Im Jahr 1989 stieß er zusammen mit Michi Beck zur Gruppe „Terminal Team“ von Michael B. Schmidt und Andreas Rieke, woraus die Fantastischen Vier wurden. Unter diesem Namen traten die Musiker erstmals am 7. Juli 1989 auf einer selbstgezimmerten Bühne aus Europaletten in einem ehemaligen Kindergarten in Stuttgart-Wangen auf. Den ersten Charterfolg hatte das Quartett dann im Jahr 1992 mit dem Titel „Die da!?!“, mit dem sie bundesweite Aufmerksamkeit erregten und der Popularisierung des deutschen HipHop maßgeblich den Weg bereiteten. Bis heute haben die Fantastischen Vier zahlreiche Gold- und Platinplatten für ihre Musik bekommen. Thomas D ist auch als Solo-Künstler sehr erfolgreich und lebt zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einer Land-kommune in der Eifel.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart