Kultur

“Mein Job macht mir immer noch wahnsinnig viel Spaß”

Im August 2004 hat Sebastian Weingarten die Intendanz des Renitenztheaters in Stuttgart übernommen. Seit bald zehn Jahren hat das Haus seinen Sitz in der Büchsenstraße, 2021 feiert die traditionsreiche Kabarettbühne ihren 60. Geburtstag. top magazin sprach mit dem sympathischen Theatermacher unter anderem über seine Bilanz, seine Pläne und den Wandel, den das politische Kabarett in den letzten Jahren erfahren hat.


 

top: Herr Weingarten, die aktuelle Hausproduktion „Wohin mit Stuttgart?“ hat beim Publikum voll eingeschlagen. Sind Sie schon an den Planungen für ein neues Stück im kommenden Jahr?

Weingarten: Ja, aber der Titel steht noch nicht fest. Der Autor wird auf jeden Fall wieder Thilo Seibel heißen, die Regie führt erneut Hans Holzbecher, einer der erfolgreichsten Kabarettregisseure Deutschlands. Bei unserer Hausproduktion handelt es sich um eine Auftragsarbeit, die sich vom Nummernkabarett löst und eine durchgehende Geschichte erzählt. Das Konzept steht und wird thematisch auch mit dem 60-jährigen Bestehen des Renitenztheaters zu tun haben. Unser Publikum darf sich wieder auf ein kabarettistisches Theaterstück freuen, das übers ganze Jahr verteilt gespielt wird. Mir ist es wichtig, dass neben den Gastkünstlern auch unser eigenes Ensemble ganzjährig im Fokus steht.

top: 2020 sind Sie mit dem Haus zehn Jahre am neuen Standort in der Büchsenstraße. Haben sich alle Ihre Erwartungen erfüllt?

Weingarten: Unsere Erwartungen haben sich mehr als erfüllt! Wir waren ja 2009 erst mal überrascht, als uns unser damaliger Vermieter in der Eberhardstraße fragte, ob wir uns vorstellen könnten auszuziehen, weil er einen Investor für das Areal gefunden hatte, der es abreißen wollte. Schließlich hatten wir einen langfristigen Vertrag. Ich habe in dem Umzug aber auch sofort eine Chance für unser Haus gesehen und dank der ideellen Unterstützung der Stadt Stuttgart bei der Standortfindung hat sich dann alles relativ schnell gefügt – und das mitten in der Finanzkrise. Durch die Zusammenarbeit zwischen der Berliner Polis Immobilien AG als Eigentümerin des Gebäudes in der Büchsenstraße und uns, ist es gelungen, das Projekt ohne öffentliche Zuschüsse zu realisieren. Ich werte das bis heute als schönen Beleg für ein fruchtbares Miteinander von Kultur und Wirtschaft. Wir haben jetzt größere und komfortablere Räumlichkeiten mit nun über 100 Plätzen mehr als in der Eberhardstraße. Dadurch konnten wir andere Künstler und neue Veranstaltungsreihen realisieren. Wir konnten die Bühnentechnik auf den neuesten Stand einrichten. Ebenfalls konnte der gesamte Verwaltungs- und Servicebereich des Theaters professionalisiert werden. Die Zuschauerzahlen sind stetig gewachsen mit heute rund 50.000 Besuchern im Jahr. Das Publikum schätzt unser neues Ambiente mit dem angrenzenden Restaurant „La Commedia“ und unseren engagierten Spielplan. Kurzum: Der Umzug war für uns wie ein Sechser im Lotto.

 

Özcan Cosar und Sebastian Weingarten

 

top: Wie finanziert sich das Renitenztheater?

Weingarten: Knapp 70 Prozent unseres Etats spielen wir durch den Ticketverkauf ein. Das gibt es so nicht oft bei einer privaten Bühne in Deutschland. Die Subventionen von Stadt und Land belaufen sich auf jährlich rund 600.000 Euro. Wir stehen also vergleichsweise gut da, dessen ungeachtet sind wir für unsere verschiedenen Projekte aber auf Sponsoren angewiesen. Das müssen nicht immer die großen Beträge sein, wir freuen uns über jede Art von finanzieller Unterstützung. Ich fände es jedenfalls schön, wenn wir noch viele weitere Förderer und Sponsoren für unsere künstlerische Arbeit gewinnen könnten.

top: Hat das Fernsehen die Kabarettszene sehr beeinflusst?

Weingarten: Auf jeden Fall, schließlich ist das Kabarett im Fernsehen überaus präsent. Ich würde aber lieber sagen, dass die Kabarettszene das Fernsehen beeinflusst hat. Erfreulicherweise gibt es eine stattliche Zahl an politischen Kabarettisten mit erfolgreichen Satiresendungen im Fernsehen. Zahlreiche dieser Künstler wie zum Beispiel Mathias Richling, Claus von Wagner, Max Uthoff, Christian Ehring, Christoph Sieber oder Tobias Mann haben hier im Renitenztheater ihre Bühnenprogramme gezeigt. Anfangs sind sie bei uns teilweise vor gerade mal 30 oder 40 Zuschauern aufgetreten, jetzt spielen sie vor ausverkauften Häusern. Weil die Elite des Kabaretts mittlerweile aber sogar ganze Hallen oder Arenen füllt, ist es schwieriger geworden, sie für kleinere Bühnen zu gewinnen. Deswegen weichen wir im Rahmen unserer Reihe „Renitenz außer Haus“ ab und an auf größere Locations wie die Liederhalle oder das Theaterhaus aus. Das politische Kabarett erfreut sich jedenfalls großen Interesses. Ob im TV oder auf der Bühne: Es existiert eine höchst lebendige Szene und Themen für die Kabarettistinnen und Kabarettisten gibt es zur Genüge. Bedenklich finde ich allerdings, dass man inzwischen schon wieder aufpassen muss, was man als Kabarettist auf der Bühne sagt, um nicht gleich einem Shitstorm ausgesetzt zu sein.

 

Emil, Sebastian Weingarten und Gerhard Woyda (†) (v.li.)

 

top: Was muss ein gutes politisches Kabarett Ihrer Ansicht nach heute leisten?

Weingarten: Die Bühne ist immer ein Live-Act, da braucht man eine starke Bühnenpräsenz, man muss sehr wachsam sein, schlagfertig sein, auf das Publikum reagieren. Es gibt keine Wiederholungen. Ein guter Kabarettist, der intelligente Texte schreibt und eine Haltung vertritt, bekommt das sicherlich auch im Fernsehen hin. Klar sitzt da auch ein Publikum, aber es wird letztlich für die Kamera gespielt. Auf der Bühne hat man andere künstlerische Freiheiten als im Fernsehen.

top: Schauen Sie sich im Fernsehen auch Sendungen wie „Die Anstalt“ oder die „heute show“ an?

Weingarten: In der Regel nur aus beruflichen Gründen. Ich bevorzuge grund sätzlich die Künstler live auf der Bühne zu erleben. Aber zum Beispiel „Die Anstalt“ oder die „heute show“ sind eigenständige Satireformate, die fürs Fenrnsehen hervorragend konzeptioniert wurden. Ich bin regelmäßig als Zuschauer in den Studios bei unterschiedlichen Aufzeichnungen. Ich war erst kürzlich wieder bei der „Spätschicht“ und der „Richling-Show“ des SWR.

top: Wie sieht denn die Altersstruktur im Renitenztheater aus?

Weingarten: Im Schnitt ab Mitte 40 aufwärts. Das passt auch zu unserem Angebotsschwerpunkt Kabarett, das vom Gros unserer Zuschauer nachgefragt wird. Durch die Comedy können wir inzwischen aber auch deutlich jüngere Leute ins Renitenztheater locken. Das ist eine schöne Entwicklung, denn schließlich wird die Comedy am zweitstärksten von unserem Publikum frequentiert. Mit unserer Reihe „Froggy Night“ mit Thomas Fröschle bieten wir immer vielversprechenden neuen und jungen Comedians ein Forum, wie erst kürzlich Tutty Tran. Seine kommende Soloshow im Renitenz ist schon seit Monaten ausverkauft!

top: Ab 24. April sind Sie für mehrere Wochen erstmals im Alten Schau spielhaus auf der Bühne zu sehen: als Dottore Lombardi in Carlo Goldonis Stück „Der Diener zweier Herren“. Wie kam es dazu?

Weingarten: Ich bin mit Axel Preuß, dem Intendanten der Schauspielbühnen gut befreundet. Er hat mir besagte Rolle angeboten und als gelernter Schauspieler wollte ich diese Heraus forderung unbedingt annehmen. Es wird auf jeden Fall spannend für mich sein und ich freue mich darauf, auch wieder als Schauspieler wahrgenommen zu werden.

 

Mathias Richling und Sebastian Weingarten

 

top: Ihr Vertrag im Renitenztheater läuft bis 2023. Gibt es schon Pläne für die Zeit danach?

Weingarten: Ich muss mich bis zum Sommer 2021 entscheiden, ob ich im Renitenztheater weitermache. Konkret kann ich dazu noch nichts sagen. Ich hänge aber sicherlich nicht erst dann den Intendantenjob an den Nagel, wenn die Leute sagen: „Jetzt wird’s aber Zeit.“ Tatsache ist: Der Job beschäftigt einen 24 Stunden am Tag. Aber er macht mir immer noch wahnsinnig viel Spaß.

Die Fragen stellten Matthias Gaul und Karin Endress

 


 

Zur Person

Sebastian Weingarten, 1957 in Hennef geboren, studierte drei Jahre lang an der Fachhochschule für Kommunalverwaltung in Köln, bevor er ab 1978 eine Schauspiel ausbildung in Stuttgart begann, die er 1982 mit der Bühnenreife prüfung abschloss. Ab diesem Zeitpunkt trat der Schauspieler und Kabarettist regelmäßig in Stuttgart unter anderem in der Tribüne und im Renitenztheater auf. Von 1987 bis 1989 hielt sich der Schwimm- und Reitfan zu Studienaufenthalten in New York auf. Danach wirkte er als freier Schauspieler an Theatern in Berlin, Stuttgart, Bonn, Wien und Klagenfurt.
Ab 1994 war er stellvertretender Leiter des Renitenztheaters, am 1. August 2004 übernahm er dessen Intendanz.

 

 


 

Programm-Highlights der nächsten Wochen

Wohin mit Stuttgart?
Ein astronomischpolitisches Kabarettprogramm, das vor einem fiktiven Kometeneinschlag in Stuttgart existenzielle Fragen behandelt. In Zeiten des zunehmenden Einflusses von „Rechtspopulisten“, wie die Rassisten heute genannt werden, schlägt das politische Kabarett im Renitenz- Theater zurück – und zwar mit den brutalen Mitteln des Boulevard-Theaters, verkleidet als Katastrophen-Blockbuster im Mikrokosmos, mit einer ergreifenden Geschichte und dem packendem Schauspiel des stimmgewaltigen Hausensembles.
Termine: 9. und 10. Mai, 19. und 20. Juni sowie 9. und 10. Juli.

Froggy Night
In der Froggy Night lädt Comedian und Zauberweltmeister Thomas Fröschle seine Lieblingsstars und -helden ein und bringt einen prominenten Gast zum Reden, Staunen und Zaubern. Dazwischen zeigen Comedians, Kabarettisten und Artisten ihre besten Acts. Der Gastgeber selbst steuert Lieder und Stand-up-Comedy bei. An Fröschles Seite: der Journalist und Musiker Mathias Schwardt.
Termin: 2. April.

Die Gäste des Abends: der Ex-Fußball-Profi Hansi Müller, der Sensations-Magier Wolfgang Moser, der Kunst-Junkie Jakob Schwertfeger und der österreichische Kabarettist Christoph Fritz

 

Deutsch-Türkische Kabarettwoche
Gezeigt wird das Beste, was die deutschtürkische Kabarett- und Comedy-Szene zu bieten hat. Veranstaltet vom Renitenz- theater gemeinsam mit dem Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart hat sich das Festival, das jährlich vor Ostern stattfi ndet, als Erfolgsmodell und Vorbild für andere deutsch-türkische Kabarett- und Comedyveranstaltungen etabliert.
Termin: 3. bis 12. April

 

The Robeat Award: Stuttgarts Beatbox Battle
Seit 2012 bringen Deutschlands Ausnahme-Beatboxer Robeat, das Renitenztheater und die Künstler- und Eventagentur Jamvision mit dem Robeat Award Beatbox-Kunst in Stuttgart auf die Bühne. 20 Talente, inzwischen nicht nur Newcomer, sondern auch etablierte Beatboxer aus der gesamten Republik, der Schweiz und Österreich beweisen in mehreren Battle-Runden, was in ihnen steckt und mischen mit knackigen Beats die Kleinkunst-Szene auf. Die Sieger werden noch am selben Abend von der Jury unter Vorsitz von Robeat ermittelt.
Termin: 23. Mai

 

 

Lebensfreude all’italiana: 10 Jahre La Commedia

Luigi Aracri und Piero Cuna

 

So lange, wie sich das Renitenztheater in der Büchsenstraße 26 befindet, verwöhnt hier auch das „La Commedia“ seine Gäste. Auf 700 Quadratmetern schlagen Luigi Aracri und Piero Cuna dabei gleich drei Fliegen mit einer Klappe. Denn neben einer typisch italienischen Pizza-Bar mit Raucherbereich gehören zu der Location auch eine Cocktailbar mit Lounge und ein Ristorante. Panini, Tramezzini und weitere Snacks kann man im „La Commedia“ ebenso genießen wie Espresso oder Latte, insbesondere aber auch eine gehobene Küche mit leckeren Fisch- und Fleischgerichten sowie Pasta und Dolce. Neben Lieb habern gepfl egter italienischer Gastronomie und dem Theater-publikum soll speziell auch das gesamte Umfeld des Hospitalviertels mit Büros und Schulen angesprochen werden. Zu diesem Zweck gibt es unter der Woche auch einen attraktiven Mittagstisch. Eine echte kulinarische Bereicherung.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart