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Wir müssen schauen, dass wir wieder mit sportlichen Leistungen überzeugen

Für jeden Sponsor und Fan des VfB war der Abstieg eine Riesenenttäuschung. Der Wiederaufstieg ist daher fast schon Pflicht. Der hierfür zur Verfügung stehende Kader macht durchaus Mut, allerdings muss der Verein auch noch in Sachen Präsidium und Beirat einige Hausaufgaben erledigen. Über die anstehenden Herausforderungen sprachen wir mit Thomas Hitzlsperger, seit Februar 2019 Vorstand Sport der VfB Stuttgart 1893 AG.


 

top: Herr Hitzlsperger, der VfB hat turbulente Zeiten hinter sich – allen voran die denkwürdige Mitgliederversammlung. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Hitzlsperger: Wie viele andere, die mit dabei waren, werde ich diesen Tag so schnell nicht vergessen. Ich hätte ich einen solchen Ausgang nie erwartet. Es war klar, dass es kontroverse Diskussionen geben würde. Dafür ist eine Mitgliederversammlung ja auch da. Die technische Panne hat dem Ganzen aber dann ein negatives i-Tüpfelchen verpasst, mit dem in dieser Form niemand gerechnet hat und wofür es leider auch keine schnelle Lösung gab. Das war sehr enttäuschend für alle Beteiligten.

 

top: War der Rücktritt von Wolfgang Dietrich der logische Schritt oder hätten Sie sich gewünscht, dass er weitermacht?

Hitzlsperger: Die Heftigkeit der Reaktionen nicht nur auf der Mitgliederversammlung hat wohl dazu geführt, dass Wolfgang Dietrich seine Situation intensiv überdacht hat. Er wusste, dass wir ihn stets nach Kräften unterstützt haben. Aber nach diesem Tag war für ihn offensichtlich der Punkt erreicht, an dem für ihn ganz persönlich die Fortsetzung seiner Präsidentschaft nicht mehr in Frage kam.

 

top: Dessen ungeachtet waren die verbalen Angriffe auf seine Person im Vorfeld deutlich unter der Gürtellinie. Haben manche sogenannten Fans das richtige Maß verloren?

Hitzlsperger: Meiner Ansicht nach wurden teilweise Grenzen überschritten. Man wünscht niemandem, so heftig angegriffen zu werden. Ich habe hautnah miterlebt, wie sehr es Wolfgang mitgenommen hatte und das wäre jedem anderen auch so ergangen.

 

top: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Medien?

Hitzlsperger: So pauschal lässt sich das nicht sagen, weil es „die“ Medien ja gar nicht gibt. Ob Print, Social Media oder Fernsehen: Jeder hat seinen Blickwinkel. Wir wollen auch aus diesen Erfahrungen lernen und hoffen, dass über den VfB wieder positiv berichtet wird.

 

top: Die nächste Mitgliederversammlung ist für Dezember angesetzt. Welche Lehren zieht der Verein aus dem Desaster im Juli?

Hitzlsperger: Das Geschehene wird gründlich aufgearbeitet, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert. Schließlich stehen wichtige Wahlen auf dem Plan – ob für das Präsidentenamt, das Präsidium oder den Vereinsbeirat. Darüber hinaus ist es uns wichtig, durch überzeugende sportliche Leistungen wieder ein stabiles Vertrauensverhältnis zu unseren Mitgliedern und Fans aufzubauen. Da sehe ich uns auf einem sehr guten Weg.

 

top: Als Vorstandsvorsitzender der VfB AG ist Jürgen Klinsmann im Gespräch. Würden Sie das grundsätzlich begrüßen?

Hitzlsperger: Die Entscheidung über die Besetzung der Position des Vorstandsvorsitzenden ist alleine Sache des Aufsichtsrats. Bevor hier eine Entscheidung getroffen wurde, ist es aus meiner Sicht wenig hilfreich, sich an Spekulationen zu beteiligen. Die Bedeutung der Besetzung ist jedenfalls von großer Wichtigkeit für den VfB.

 

top: Mit Ihrer Funktion als Sportvorstand würde sich das mögliche Amt von Jürgen Klinsmann nicht in die Quere kommen?

Hitzlsperger: Auch dies muss der Aufsichtsrat beantworten und entscheiden. Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die Abläufe im Sportbereich passen und dass wir eine gute Saison spielen und darüber hinaus langfristig erfolgreich sind.

 

top: Der Auftakt in die neue Saison war sportlich durchaus vielversprechend. Sind Sie mit den bislang getätigten Einkäufen zufrieden?

Hitzlsperger: Ich bin sehr zufrieden damit, wie der Umbau des Kaders vonstattengegangen ist. Sven Mislintat leistet hier als Sportdirektor mit seiner langjährigen Erfahrung und seinen exzellenten Kontakten eine großartige Arbeit. Wir konnten durch Spielerverkäufe viel Geld einnehmen und mussten für die neuen Spieler vergleichsweise wenig Geld ausgeben. Unser Kader ist nun so besetzt, dass wir optimistisch nach vorne blicken können.

 

top: Die Saison ist noch lang, das Ziel aber ist klar: der Wiederaufstieg. Haben Sie Angst, dass es nicht gelingen könnte?

Hitzlsperger: Wir haben keine Angst aber wir wissen, dass der Aufstieg eine große Herausforderung ist. Die Erwartungshaltung ist enorm, unsere Aufgabe ist es nun, mit der Favoritenrolle verantwortungsvoll umzugehen. Wenn wir mit dem Druck klarkommen und fokussiert arbeiten, dann bin ich optimistisch, dass wir unser Ziel auch erreichen.

 

top: Mitfavoriten für den Aufstieg sind aus Ihrer Sicht welche Clubs?

Hitzlsperger: Auf dem Papier sicherlich der HSV, Hannover, Nürnberg. Aus der Vergangenheit wissen wir aber, dass immer wieder auch Clubs oben stehen, die man zunächst nicht auf der Rechnung hatte. Mein Fokus ist aber natürlich auf den VfB gerichtet. Wir wollen möglichst als Meister oder als Zweitplatzierter direkt aufsteigen.

 

top: Und wenn die Relegation droht?

Hitzlsperger: Dann wäre das besser als Platz 4.

 

top: Im DFB-Pokal ist die erste Runde überstanden, am 29. Oktober geht es in Runde zwei in Hamburg gegen den HSV. Welches Ergebnis prognostizieren Sie?

Hitzlsperger: Ein Ergebnis wie in Rostock würde mir schon reichen. Das heißt: Wir gewinnen 1:0. Schön wäre es, wenn uns dieses Ergebnis auch im Ligaspiel beim HSV am Wochenende zuvor gelänge.

 

 

„Wir arbeiten hart daran, die Nachwuchstalente und vor allem auch die Topspieler davon zu überzeugen, dass der VfB für sie möglichst lange die richtige Adresse ist.“

 

top: Eine Frage über den VfB hinaus: Wie sehen Sie als Sportvorstand die Entwicklungen auf dem internationalen Transfermarkt? Macht das viele Geld nicht die Spieler und den Fußball kaputt?

Hitzlsperger: In der Tat ist im Fußball sehr viel Geld im Spiel. In den letzten fünf Jahren hat sich diesbezüglich nochmals eine Menge getan, weil immer mehr Geld im Fußball investiert wird. Dieses Geld ist dann im Umlauf – und sorgt für steigende Ablösesummen und Spielergehälter. Auf der anderen Seite stehen Fans, die sich fragen, wie sie sich angesichts der regelmäßig steigenden Preise noch ihr Ticket leisten können. Auch der VfB ist ein Teil diese Systems. Wir versuchen, seriös zu wirtschaften und sportlich erfolgreich zu sein und dabei die Interessen aller Beteiligten zu berücksichtigen.

 

top: Ist die Verbundenheit der Spieler zu einem Verein noch so gegeben, wie man es aus früheren Zeiten einmal kannte?

Hitzlsperger: In der Tat sind die Spieler heute sehr viel früher bereit, den Verein zu wechseln. Auch für Nachwuchstalente aus der Region ist der VfB teilweise leider nur ein Sprungbrett zu einem noch größeren Verein. Wir arbeiten hart daran, die Nachwuchstalente und vor allem auch die Topspieler davon zu überzeugen, dass der VfB für sie möglichst lange die richtige Adresse ist.

 

„Wichtig ist, dass eventuelle Diskussionen nicht öffentlich ausgetragen werden, sondern intern stattfinden.“

 

top: Stichwort Nachwuchs. Der VfB war über viele Jahre für seine hervorragende Jugendarbeit bekannt. Wie ist der aktuelle Stand?

Hitzlsperger: Es liegt mir sehr am Herzen, wieder an diese Tradition anzuknüpfen. Wir haben und zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren die Durchlässigkeit zu erhöhen. Soll heißen: Spieler aus dem Nachwuchsbereich sollen zum Beispiel regelmäßig bei den Profis mittrainieren. Natürlich müssen die Jungs deutlich zeigen, dass sie hierfür gut genug sind. Aber dann sollen sie auch ihre Chance bekommen. Auf die nächsten Jahre gesehen wollen wir wieder mehr selbst ausgebildete Spieler bei uns im Profikader haben.

 

top: Wie sieht denn Ihr Tag als Sportvorstand aus?

Hitzlsperger: Ich versuche, viele Trainingseinheiten anzuschauen und mich mit dem Trainer-Team wie auch mit dem einen oder anderen Spieler sowie den Betreuern auszutauschen. Über den Tag verteilt finden außerdem viele Sitzungen statt, in denen zum Beispiel die Kaderplanung besprochen wird und man den vergangenen Spieltag analysiert. Natürlich spielt auch der Austausch mit den Mitarbeitern eine wichtige Rolle. Ich möchte für die Menschen, für die ich verantwortlich bin, ansprechbar sein und sie bei ihren Aufgaben und den zu treffenden Entscheidungen begleiten.

 

top: Kommt man sich als Sportvorstand auch mal mit dem Cheftrainer in die Quere?

Hitzlsperger: So hart würde ich das nicht formulieren, aber selbstverständlich sieht man als Sportvorstand ein Spiel mit anderen Augen. Wir sprechen nach jeder Partie miteinander und diskutieren. Aber natürlich immer im Sinne des Mannschafterfolgs.

 

top: Wenn Ihre Ära als Sportvorstand beim VfB eines Tages endet, soll sie wofür stehen?

Hitzlsperger: Für Stabilität und einen erfolgreichen VfB, der eine verlässliche Größe und ein Verein ist, mit dem sich die Menschen identifizieren. Und zwar deshalb, weil der Verein eine klare Richtung eingeschlagen hat, die sie gerne unterstützen.

 

 

 

 


 

Zur Person

Thomas Hitzlsperger ist seit 12. Februar 2019 Vorstand Sport der VfB Stuttgart 1893 AG. Zuvor gehörte er vom 3. Dezember 2017 bis Februar 2019 ehrenamtlich dem Präsidium des VfB Stuttgart 1893 e. V. an und leitete bis März 2019 als Direktor das Nachwuchsleistungszentrum des VfB. Bereits im Alter von sieben Jahren begann Thomas Hitzlsperger seine außerordentlich erfolgreiche Karriere als Fußballprofi. Über die Jugend des FC Bayern München führte sein Weg in die Premiere League zu Aston Villa, bevor er 2005 zum Club aus Cannstatt wechselte. Bis 2010 war er ein prägender Bestandteil des VfB. In 125 Bundesligaeinsätzen erzielte der Mittelfeldakteur 20 Tore. Im Jahr 2007 krönte er seine Zeit beim VfB mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft, sein Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft gegen Energie Cottbus bleibt unvergessen. 2013 beendete er seine Spielerkarriere nach weiteren Stationen in Italien, England und Deutschland. Beinahe nahtlos knüpfte seine Tätigkeit als Fußballexperte im Fernsehen an, die er bis heute für die ARD ausübt. 2016 kehrte er als Koordinator des Vorstands in den Verein zurück. Geboren ist Thomas Hitzlsperger am 5. April 1982 in München, heute lebt er in Stuttgart.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart