Wirtschaft

Jeder in der Stadt ist nur ein Akteur von vielen

Die vor 20 Jahren gegründete City-Initiative Stuttgart e.V. (CIS) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Stuttgarter Innenstadt noch attraktiver zu machen beziehungsweise die Aufenthaltsqualität und Leistungsfähigkeit der Stuttgarter City zu erhalten und weiter zu verbessern. Hierzu gehören die unterschiedlichsten Maßnahmen, um die Schwabenmetropole als Einkaufs- und Erlebnisstadt zu positionieren. Welche das sind, darüber sprachen wir mit dem neuen Citymanager Sven Hahn.


Sven Hahn

 

top: Herr Hahn, Sie haben seit 2008 als Journalist gearbeitet, jetzt sind Sie Stuttgarts Citymanager. Wie kam es zu diesem Jobwechsel?

 

Hahn: Die CIS hätte es sich sicherlich einfacher machen können, wenn sie jemanden mit der erwartbaren Vita für diese Aufgabe gewählt hätte. Auf der anderen Seite hat es sich die CIS zum Ziel gesetzt, im politischen Bereich stärker wahrgenommen zu werden. Ich habe durch meine bisherige Tätigkeit gute Einblicke darin bekommen, wie die Stadt funktioniert, wer politisch welche Interessen verfolgt und wie die Themen Stadtentwicklung, Wohnen, Immobilien und Einzelhandel zusammenhängen. Das dürfte dann für meine Person ausschlaggebend gewesen sein. Die bisherigen Reaktionen von außen auf diese Entscheidung waren jedenfalls sehr positiv.

 

top: Schauen Sie als Citymanager weiterhin so kritisch auf die Stadt, wie Sie das als Journalist getan haben?

 

Hahn: Als Journalist hatte ich immer die Chance, meine Meinung zu einem Thema auf der Basis meiner Recherchen hierzu loszuwerden, ohne dass dann auch eine Umsetzung etwaiger Forderungen erforderlich gewesen wäre. Wenn man nun in der Verantwortung für bestimmte Neuentwicklungen steht, ist dies eine ganz neue Herausforderung. Aber den kritischen Blick möchte ich mir erhalten.

 

„Als CIS müssen wir die richtigen Anlässe dafür schaffen, dass die Menschen in die Stadt kommen.“

 

top: Wie würden Sie denn die Veränderungen der letzten Jahre bewerten?

 

Hahn: Zu der Zeit, als hier Einkaufszentren wie Milaneo oder Gerber gebaut wurden, ist von Investorenseite ein Großteil des Geldes in Handelsimmobilien geflossen. Mittlerweile geht der Trend immer mehr hin zu Logistikimmobilien. Dazu kommt der immer stärker werdende Online-Handel. All dies hat massive Auswirkungen auf das Stadtbild. In diesem Punkt stehen wir meiner Meinung nach erst am Anfang einer noch viel rasanteren Entwicklung.

 

top: Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgängerin Bettina Fuchs?

Hahn: Zunächst einmal werde ich bei der CIS keine Zöpfe abschneiden, die ich nicht kenne. Ich schaue mir erst einmal sehr genau an, welche Maßnahmen bisher im Sinne unserer Mitglieder und der Stadtbelebung effizient waren und welche eher weniger. Als CIS müssen wir auf jeden Fall die richtigen Anlässe dafür schaffen, dass die Menschen in die Stadt kommen und positive Eindrücke haben. Wenn die Leute da sind, beginnt der Job der Händler. Und der besteht darin, aus Passanten Kunden zu machen. Der Fokus der CIS liegt aber selbstverständlich nicht nur auf dem Handel. Wir sind auch das Sprachrohr von Gastronomie, Banken, Versicherungen, Kultur und Dienstleistungen in unserer Stadt. Die müssen wir mit all unseren Maßnahmen im Blick haben und ihre Interessen gegenüber dem Gemeinderat, der Stadtverwaltung und der Landespolitik vertreten.

 

 

„Geht es der Innenstadt gut, geht es auch dem Handel gut.“

 

 

top: Können Sie schon ein paar konkrete Maßnahmen benennen?

 

Hahn: Mir ist es wichtig, den Netzwerkgedanken noch stärker im Bewusstsein der CIS und ihrer Mitglieder zu verankern. Damit die Innenstadt lebendig bleibt, müssen alle Akteure an einem Strang ziehen, denn letztlich sind sie alle voneinander abhängig und sitzen im gleichen Boot. Jeder in der Stadt ist nur ein Akteur von vielen. Darüber hinaus wollen wir mit unseren Veranstaltungsformaten nicht nur 1A-Lagen wie die Königstraße und den Schlossplatz bespielen, sondern verstärkt auch die verschiedenen Innenstadtquartiere einbeziehen. Da gibt es in der Tat noch einiges zu tun.

 

 

top: Wie sehr schaden leidige Themen wie Dieselfahrverbote, Feinstaubalarm, Verkehrschaos und Dauerbaustellen den Händlern in der Stadt?

 

Hahn: Selbstverständlich fördert all dies nicht den Umsatz. Aber ich habe überhaupt keine Lust, diese Diskussion auf Basis von Wahrnehmungen, Einzelbeobachtungen, gefühlten Wahrheiten oder Ideologien zu führen. Grundlage dieser Diskussion können nur die realen Zahlen sein. Und was die Frequenz anbelangt, sieht es in der Innenstadt insgesamt nicht so schlecht aus, wie es immer wieder behauptet wird. Tatsache ist: In keiner anderen Großstadt in Deutschland gab es in den letzten Jahren in Bezug auf die Einzelhandelsflächen einen so großen Zuwachs wie in Stuttgart. Ich denke, es sind nicht weniger Menschen in der Stadt unterwegs, sondern sie verteilen sich einfach anders. Zugleich ballt sich in Stuttgart der Einzelhandel im Stadtzentrum. Das heißt verkürzt: Geht es der Innenstadt gut, geht es auch dem Handel gut. Insofern muss gesichert sein, dass die Innenstadt auch weiterhin gut erreichbar ist. Und dafür gilt es, an vielen Stellhebeln zu drehen.

 

Sven Hahn bei seiner Rede im Rathaus zum 20. Geburtstag der CIS

 

 


 

Zur Person

Sven Hahn hat in Stuttgart und den USA Amerikanistik und Germanistik studiert. Bis zum Ende seines Studiums gehörte er über viele Jahre zu den besten Leichtathleten Deutschlands, in den Disziplinen Kugelstoßen und Diskuswerfen war Hahn Teil der Nationalmannschaft. Nach dem Magisterabschluss im Jahr 2008 hat er seine berufliche Laufbahn als Journalist bei den Stuttgarter Nachrichten begonnen. Seit 2012 hat Sven Hahn dann für die Stuttgarter Zeitung intensiv über die Themen Stadtentwicklung, Wohnen, Immobilien und Einzelhandel berichtet. Von 2016 an war er als Titelautor erneut für die Stuttgarter Nachrichten tätig. Seit April 2019 leitet Sven Hahn die City-Initiative Stuttgart (CIS).

 


 

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart