Gesundheit & Schönheit

Der Wald ruft!

„Ich freue mich, dass es wieder wärmer ist. Jetzt gehe ich jeden Tag in den Wald. Dort komme ich zur Ruhe, er tut mir gut.“ Was diese alte Dame für sich schon lange entdeckt hat, ist nun als wissenschaftlich unterfütterter, neuester Trend aus Japan auch zu uns gelangt. Die Rede ist von „Waldbaden“ oder wie es auf Japanisch heißt: Shinrin Yoku. Dass der Wald ein Lebensspender ist, dass er für unser gesamtes ökologisches Gleichgewicht, für das Leben von Mensch und Tier seit tausenden von Jahren von existenzieller Relevanz ist, wissen wir nicht erst seit den Jahren, in denen der saure Regen zur großen Gefahr für unseren Forst wurde. Und nun ist eine neue Sensibilität für den Wald entstanden, eine neue Beziehung zu den großen und kleinen Bäumen, die scheinbar so still und unauff ällig dastehen und doch eine äußerst aktive Rolle in unserem Ökosystem spielen und darüber hinaus kurative Wirkung auf unsere Psyche, unseren Körper und Geist ausüben können.


 

 

Schon immer hatten die Menschen eine tiefe Beziehung zum Lebensraum Wald. Viele Jahrhunderte lang wurde er zwar mehr als bedrohliche und finstere Landschaft, als Ort von wilden Tieren und allerlei Gefahren, Heimat von Dämonen, Fabelwesen und Räubern wahrgenommen und eher gemieden und nur ungern betreten. Doch seit ihn die Künstler der deutschen Romantik, einer Zeit, in der die Städte zu wachsen begannen, zu einem Sehnsuchtsort stilisierten, sind die Deutschen mit ihrem Wald versöhnt. Dichter, Musiker und Maler verehrten ihn gleichermaßen und setzten ihm in ihren Kunstwerken ein bleibendes, positiv besetztes Denkmal.
Doch auch wenn der Wald lange ein Ort war, der Furcht einflößte: Zu allen Zeiten wurde der Baum in seiner vielfältigen Existenz und seiner Nutzbarmachung vom Menschen geliebt und gepflegt. Sind es beim Obstbaum die Früchte und beim Nadelbaum beispielsweise der Tannenhonig, so bot und bietet bis heute jeglicher Baum Schutz vor Wind und Regen, behütet uns vor starker Sonneneinstrahlung, produziert wertvollen Sauerstoff, sorgt mit seiner Verdunstung für Kühlung der Umgebung und Befeuchtung der Luft. Und auch ein gefällter Baum wird seit Jahrtausenden vom Menschen zum Bau von Behausungen, kleinen und großen Gebäuden, im Schiffs- und Brückenbau sowie zur Herstellung von Werkzeugen und Möbelstücken, Musikinstrumenten und Sportgeräten und schließlich auch zum Erzeugen von Wärme und Feuer verwertet. Letzteres umschließt seit Menschengedenken etwa auch den Beruf des Köhlers, der Holzkohle herstellt. Die Köhlerei, eine der ältesten Handwerkstechniken der Menschheit, wurde übrigens im Dezember 2014 in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen.

 


Der Stuttgarter Wald in Zahlen

Waldfläche in Stuttgart: ca. 5.000 Hektar
Eigentum der Stadt Stuttgart: ca. 2.700 Hektar
(54 Prozent der gesamten Waldfläche) Eigentum des Landes Baden-Württemberg: ca. 2.000 Hektar (40 Prozent der gesamten Waldfläche)
Eigentum der Stadt Esslingen: ca. 260 Hektar
Eigentum der Bundesrepublik Deutschland: ca. 37 Hektar
Eigentum in Privatbesitz: ca. 150 Hektar

Baumartenverteilung:

Holzvorrat im Staats- und Stadtwald Stuttgart: ca. 1,3 Millionen Kubikmeter (Vorratsfestmeter), entspricht 295 Kubikmeter pro Hektar
Mögliche Holzernte: 35.000 Kubikmeter pro Jahr, entspricht fünf LKW-Ladungen am Tag
Waldfläche in Natur- und Landschaftsschutzgebieten: über 1.100 Hektar
Teil des europäischen Schutzgebietssystems „Natura 2000“: circa 30 Prozent der Waldfläche
Waldbiotope: über 280 Hektar
Schonwälder: 50 Hektar


Quelle: www.stuttgart.de/item/show/509209

 

 

Deutscher Wald in Zahlen

Der Wald in Deutschland bedeckt aktuell eine Fläche von 11,4 Millionen Hektar. Das ist knapp ein Drittel der Gesamtfläche des Landes. Deutschland zählt damit innerhalb der Europäischen Union zu den waldreichsten Ländern. Die prozentual zur Landesfläche größten Waldanteil (jeweils gut 40 Prozent) besitzen die Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz, dicht gefolgt vom Saarland (40 Prozent), Baden-Württemberg (38 Prozent) und Bayern sowie Brandenburg und Berlin ( jeweils 37 Prozent). Rund 2 Millionen Waldbesitzer bewirtschaften die deutschen Wälder, denn knapp 50 Prozent sind in Privatbesitz. 29 Prozent sind im Besitz der Bundesländer, 19 Prozent gehören Städte und Gemeinden, die restlichen drei Prozent sind sogenannter Treuhandwald, der zu DDR-Zeiten enteignet und nun rückübertragen wird. Es wachsen derzeit rund 90 Milliarden Bäume mit einem Holzvorrat von insgesamt 3,7 Milliarden Festmeter.

 

Wirtschaft und Ökologie

Neben dem Interesse an einer ertragreichen Waldwirtschaft, die schon früh verlangte, dass man die Nachhaltigkeit ganz besonders im Blick hat – schließlich rechnet man beim nachwachsenden Rohstoff Baum ja mindestens in Jahrzehnten –, haben sich international in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende Zahl an Wissenschaftlern unter ganz unterschiedlichen Perspektiven mit dem Wald beschäftigt. Wie viel Erstaunliches und Wunderbares da entdeckt wurde, und wie viele Entdeckungen immer noch Rätsel aufgeben, hat jüngst der deutsche Förster Peter Wohlleben in „Das geheime Leben der Bäume“ zusammengetragen. Das Buch ist weit mehr als eine Liebeserklärung an den Wald, vielmehr gelingt Wohlleben eine großartige Einsicht in das Universum Wald, ohne das die Menschheit nicht existieren könnte. Dabei bleibt er selbstverständlich nicht vor den Bäumen stehen. Er blickt in die luftigen Höhen der Wipfel, verfolgt die Pfade und Beziehungen der Bäume unter dem Boden, im Reich ihrer Wurzeln, erklärt Kreisläufe und die wunderbaren Verbindungen, die Bäume zu anderen (Mikro-)Organismen, zu großen und kleinen Tieren eingehen und welch gigantische Strukturen da ganz ohne menschliches Zutun die Natur beherrschen und gestalten, und uns eine unersetzbare Lebensgrundlage bereiten.

Jenseits von Erkenntnissen wie denen, dass Monokulturen auch in der Forstwirtschaft nur bedingt nützlich sind oder der Tatsache, dass unbewirtschaftete Waldregionen sich zu wertvollen „Urwäldern“ entwickeln sollen, haben grundlegende Forschungen beispielsweise aufgedeckt, dass ein Landstrich, der mehr als 600 Kilometer vom Meer entfernt ist nur dann genügend Feuchtigkeit, Niederschläge und damit Wasser generiert, wenn er an eine durchgängige, an der Küste beginnende Bewaldung angeschlossen ist. Sobald die Küstenwälder abgeholzt werden, kommt dieser Prozess zum Erliegen. Mitteleuropa liegt innerhalb des 600-Kilometer-Streifens. Allerdings zeichnet sich beispielsweise in Brasilien aufgrund der massiven Abholzung – im vergangenen Jahr waren es 7.900 Quadratkilometer Regenwald (= eine Million Fußballfelder) – eine zunehmende Trockenheit im Amazonasgebiet ab.

In direktem Zusammenhang mit den unterschiedlichen Funktionen, die der Wald für den Wasserhaushalt übernimmt, als Wasserspeicher in der Pflanze sowie im Boden und auch als Schutz vor Austrocknung, steht eine Vielzahl an Aufgaben, die der Wald als Partner für Fauna, Mikroorganismen und Flora übernimmt. Umwerfend, weil für uns Menschen mit bloßem Auge unsichtbar, ist die gigantische Dimension an Kleinstlebewesen in diesem Lebenskreislauf, wie der bereits erwähnte Förster Peter Wohlleben in seinem Buch ausführt: „In einer Handvoll Wald erde stecken mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt. Ein Teelöff el voll enthält allein über einen Kilometer Pilzfäden.“

 

Was steht im Wald?

Im deutschen Wald wachsen über 90 verschiedene Baum- und Straucharten, wobei die Buche mit 16 Prozent und die Eiche mit 11 Prozent die häufi gsten Laubbäume sind und die Fichte mit 26 Prozent und die Kiefer mit 23 Prozent die häufi gsten Nadelbäume. Da fast alle Bäume forstwirtschaftlich genutzt werden, gibt es kaum noch Bäume, die ihre natürliche Altersgrenze erreichen. Die liegt bei einer Eiche bei mindestens 800 Jahren und bei einer Tanne bei 600 Jahren, wobei die Wissenschaft mittlerweile auch noch höhere Lebensalter ansetzt. Ein einhundert Jahre alter Baum befi ndet sich also im jugendlichen Alter und selbst vermeintlich stattliche Tannenbäume, die wir für Weihnachten ins Haus holen, sind eigentlich Baumbabys. Die Bäume erreichen eine Höhe von 50 Metern und mehr. Die heimischen Laubbäume werden allerdings zumeist nur rund 40 Meter hoch.

Mittlerweile ist in Deutschland fast die Hälfte aller Wälder als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen und knapp 40 Prozent der Wälder sind Naturparks. Das fördert massiv den Erhalt der Vielfalt an Pflanzen und Tieren: Der Wald ist Lebensraum für 1.200 Pflanzenarten (darunter die erwähnten über 90 Baum- und Straucharten) und für tausende von Tieren, darunter in der Mehrzahl Insekten. Dabei spielen auch die toten Bäume, das sogenannte Totholz eine wichtige Rolle. Für rund ein Fünftel aller Tier- und Pflanzenarten ist das Totholz – umgestürzte Bäume und abgestorbene Stämme – Lebensraum, rund 6000 bisher bekannte Spezies sind darauf angewiesen. Letztlich wird durch die Entfernung von Tot holz wertvoller Lebensraum zerstört und nützliches Nährstoff recycling unterbunden.

 

Wald und Holz in unserer Sprache

Astrein: Kommt aus der Forstwirtschaft. War ein Holz ohne Astlöcher und deshalb besonders wertvoll. Heute bedeutet es, dass etwas besonders toll ist.
Hanebüchen: Nennt man eine Handlung, die unglaublich, skandalös und empörend ist. Kommt aus dem Mittelhochdeutschen hagenbüechin = aus Hagebuchenholz
(Hainbuche) bestehend, das hart und schwer zu bearbeiten ist und oft ein sehr knorriges Aussehen hat.
Auf Holz klopfen: Damit zeigt man an, dass alles gut ging oder einem ein Unglück erspart geblieben ist. Ursprünglich war dies das Vorrecht des Matrosen, der damit die Qualität der Schiff smasten prüfen durfte, bevor er anheuerte. Auch die Bergleute konnten durch Klopfen auf die hölzernen Bergwerkstollenstützen prüfen, ob sie noch etwas taugten. Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen: Man sieht etwas Naheliegendes oder Off ensichtliches nicht. Der deutsche Dichter Christoph Martin Wieland (1733 – 1813) hat zur Verbreitung dieser Redewendung beigetragen, indem er in Anlehnung an antike Vorbilder in seinen Werken diesen Satz immer wieder einbaute.

Sich auf dem Holzweg befi nden: Bedeutet heute im übertragenen Sinne in eine Sackgasse laufen. Im Ursprung wurden die zum Abtransport der Holzernte mit Pferden in den Wald geschlagenen Trampelpfade „Holzweg“ genannt, die durchaus mitten im Wald, nämlich an dem Ort, wo das Holz geerntet worden war, endeten.
Zittern wie Espenlaub: Das sagt man, wenn jemand vor Angst oder Kälte zittert. Dabei hat man das in der Natur bei der Espe abgeschaut, einem Weidengewächs mit langem Blattstil, das schon bei leichtem Wind sich charakteristisch bewegt.

 

Der Wald als perfekter Klimaschützer

Neben der unbestritten höheren Qualität, die ein Baum als Schattenspender im Ranking weit über jedes Sonnensegel setzt – ein großer belaubter Baum verdunstet pro Tag 200 bis 300 Liter Wasser –, zeichnen sich die Bäume als besonders eff ektive CO2-Staubsauger aus. Ein ausgewachsener Laubbaum, sei es eine Buche, eine Eiche oder eine Kastanie bindet pro Jahr etwa 100 Kilogramm Staub. Der deutsche Wald speichert jährlich insgesamt rund 2,6 Milliarden Tonnen Kohlenstoff und nimmt damit eine aktive Rolle beim Thema Klimaschutz ein. Dabei produziert er auch noch jede Menge Sauerstoff . Ein ausgewachsener Baum bringt es auf bis zu 13 Kilogramm pro Tag, das ist aufs Jahr gerechnet die Menge an Atemluft, die 11 Menschen im Jahr brauchen. Inzwischen liegt der Trend in der Waldbewirtschaftung in Deutschland eindeutig auf der Nachhaltigkeit, also auf dem Zuwachs am Bestand oder anders formuliert: Es wachsen jährlich rund 110 Millionen Kubikmeter Holz, während nur 64 Millionen Kubikmeter geerntet werden.

Schattenspender und Luftverbesserer beziehungsweise Klimaschützer – das sind noch lange nicht alle Eigenschaften des Waldes, von denen der Mensch profi tiert. Der Wald schützt vor der Bodenaustrocknung und ist aktiver Wasserspeicher, da er alle Niederschläge, die er nicht für seinen Haushalt braucht vor einer raschen Verdunstung schützt, im Boden speichert und in immer tiefere Schichten bis zum Grundwasser dringen lässt. Der Waldboden wirkt wie eine Art biologischer Filter und fördert so die Trinkwasserqualität. Außerdem beugen Wälder aufgrund ihrer hohen Aufnahmemöglichkeit etwa bei Starkregen und Schmelzwasser auch der Hochwasserbildung vor. Und schließlich schützt der Wald den Boden, also die Humusschicht, vor Erosion. Das heutige Griechenland, das einst bewaldet war, führt deutlich vor Augen, was Kahlschlag diesbezüglich dauerhaft für Folgen haben kann. In den Bergen kommt dem Wald überdies eine wertvolle Rolle im Lawinenschutz zu.

 

Wald – heilsam für den Menschen

Der Wald „tut mir gut“, sagt die alte Dame. Und darin liegt schon die ganze Weisheit dessen, was nun als neuer Trend in unserem reizüberfluteten und durchorganisierten, optimierungssüchtigen und perfektionswütigen Alltag rasch eine große Anhängerschar fi ndet. Dabei sind es ganz verschiedene Faktoren, die diesen Trend beflügeln. Zum einen ist dies sicherlich die stetig wachsende Bereitschaft, sich grundsätzlich mit ökologischen Themen auseinanderzusetzen. Das fördert zugleich das Bewusstsein für die hohe grundlegende Bedeutung des Lebensraumes Wald. Dies bestätigen auch Forschungen rund um das Thema Wald, Klima, Mensch, etwa zu medizinischen und psychologischen Wirkmechanismen. Dass sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse überdies noch kurativ, also heilend, beziehungsweise positiv heilsam für jeden einzelnen Menschen auf unspektakuläre Weise und ohne großen Aufwand betreiben zu müssen, nebenwirkungsfrei anwenden lassen, erleichtert die Akzeptanz der Erkenntnisse und eine Umsetzung daraus abgeleiteter Handlungsempfehlungen. Darüber hinaus zeigt sich darin aber auch, dass ein großes Bedürfnis nach niederschwelligen, heilsamen und natürlichen Angeboten existiert.

Ganz unbestritten: Natur tut gut – sofern sie nicht in zerstörerischem Ausmaß wie Vulkanausbruch, Tsunami oder Lawinen aktiv wird. Doch dem Ökosystem und Lebensraum Wald kommt in unseren Breitengraden schon eine besondere Wertigkeit zu. Schließt sich ein Waldgebiet direkt an Stadtgebiete an oder befi ndet sich im unmittelbaren Umkreis, so wie das etwa auch für Stuttgart der Fall ist, dann profi tieren davon sehr viele Menschen mittelbar wie unmittelbar. Denn allein der Einfluss auf das Klima, etwa die erhöhte Luftzirkulation, die durch den Ausgleich der Temperatur unterschiede zwischen Waldflächen und Stadtgebiet erfolgt, bringt selbst dem Städter, der sich nicht ins Grün begibt, eine verbesserte Luft. Darüber hinaus erhöhen Bäume und Waldflächen auch durch ihre Funktion als Lärmfi lter die Lebensqualität. Direkt positiv auf Heilungsprozesse wirkt zudem die Aussicht ins Grüne, und sei es nur auf ein großflächiges Landschafts foto. Dies ergaben Studien schwedischer Forscher schon in den 1980er-Jahren, die in Krankenhäusern – auf normalen Stationen und auf Intensivstationen – gemacht wurden. Sie hatten zum Ergebnis, dass Patienten mit Blick ins Grüne früher entlassen werden konnten, weniger Schmerzmittel brauchten und sich schneller erholten als Vergleichspatienten, die nichts aus der Natur zu sehen bekamen oder nur abstrakte Malerei.

 

Und was passiert nun, wenn man in den Wald geht?

Der japanische Waldforscher Qing Li hat jüngst recht spektakuläre Arbeiten über die Botenstoff e der Bäume und ihre Wirkung auf den Menschen publiziert. Darin beschreibt er, wie wir Menschen bei einem Aufenthalt im Wald den „Duftcocktail“ der Bäume, also die ganze Mischung derjenigen Stoffe, die die Bäume zur Kommunikation untereinander und zur Abwehr von für sie schädlichen Insekten abgeben, einatmen und über unsere Haut in unseren Körper aufnehmen. Besagte Duftstoffe enthalten unter anderem auch sogenannte Terpene, die wiederum einen positiven Einfluss auf unser Immunsystem haben. Am stärksten ist deren Heilwirkung bei einem Waldspaziergang im Nebel oder Regen. Die überraschende Quintessenz von Lis Untersuchungen lautet, dass nach nur einem Tag im Wald die Zahl der natürlichen Killerzellen im Blut für eine Dauer von bis zu sieben Tagen erhöht ist. Gleichzeitig wird der Blutdruck gesenkt und die Ausschüttung von Stresshormonen reduziert.

Andere Wissenschaftler sind vorsichtiger und geben aus ihren Forschungen heraus zu bedenken, dass es schwer ist, psychologische und pharmakologische Eff ekte in Studien gänzlich auseinanderzuhalten. So beschreibt etwa der Geruchs- und Geschmacksforscher Professor Hanns Hatt von der Universität Bochum „Duftmuster“, die bei uns Menschen ebenso als Auslöser wirken können wie ein Duft selbst, und die dafür sorgen, dass in uns gute Gefühle und schöne Erinnerungen aufkommen. In dieser sogenannten Konditionierung sieht auch die renommierte Münchner Professorin für Medizinische Klimatologie Angela Schuh einen der grundlegenden Mechanismen, die bei einem Aufenthalt im Wald gesundheitsfördernden wirken.

 


20 Jahre Pan-Europäisches Forst-Zertifi zierungssystem (PEFC)
In der unabhängigen 1999 gegründeten paneuropäischen Gemeinschaft sind über 16 Millionen Waldbesitzer organisiert, die sich für nachhaltige Waldbewirtschaftung zertifi ziert haben. Auch Unternehmen der holzverarbeitenden Industrie zeichnen ihre mit Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft hergestellten Produkte mit dem PEFC-Siegel aus: O ffi ce-Papiere, Holzprodukte in Baumärkten, Hygienepapiere, Holzspielzeug oder Verpackungen. Mittlerweile haben sich hierzulande über 200.000 Waldbesitzer der Zertifi zierung angeschlossen. Damit ist auf mehr als zwei Dritteln der deutschen Waldfläche durch unabhängige Kontrollinstitute nachgewiesen, dass diese nach ökologischen, ökonomischen und sozialen Kriterien nachhaltig bewirtschaftet wird. Überdies gibt es ein PEFC-Er holungswaldzertifi kat, das Waldgebiete auszeichnet, die außer der den Standards entsprechenden nachhaltigen Bewirtschaf-tung auch vielfältige Entspannungsmöglichkeiten etwa durch eine gute Infrastruktur (Bänke, Sporteinrichtungen usw.) im Wald und eine gute Verkehrsanbindung bieten. Zertifizierte PEFC-Erholungswälder gibt es rund um die Burg Hohenzollern, in den Städten Rastatt, Heidelberg, Augsburg, Weissenburg, Drübeck, Wernigerode und Paderborn, außedem der Limes-Erholungswald Butzbach. Das ursprünglich euro-päische System der PEFC ist heute eine globale Organisation mit Sitz in Genf (Council International), der PEFC Deutschland e.V. hat seinen Sitz in Stuttgart.


 

Der Wald ruft!

Ob es nun mehr die psychologischen Momente sind, die uns positiv stimmen und zur Stressreduktion führen, oder welche real existierenden Stoffe und ökologischen Gegebenheiten den Wald zum idealen neuen alten Naherholungsgebiet erheben: Der Wald ruft! Und das von Qing Li entwickelte „Waldbaden“ – wörtlich übersetzt: „Baden in Waldluft“ – ist denn auch zu allererst eine Achtsamkeitsübung, die den Menschen zu einer Interaktion mit der Natur führt. Im Wald ist vieles anders als außerhalb: Hier umfängt einen ein besonderes Licht, das je nach Jahreszeit und Dichte der Bäume mal mehr, mal weniger gedämpft ist. Das Ohr vernimmt mal das zarte Säuseln, mal lautes Rauschen des Laubwerks, das Knacken der Bäume, das Klopfen des Spechtes und das Singen der Vögel in den frühen Morgenstunden und am Abend.

Es sind eine Vielzahl von Eindrücken und Wahrnehmungen, denen wir im Wald begegnen und deren positive, heilsame Einflussnahme auf unseren Körper zuzulassen wir lernen können. Der Wald lädt ein und hält Angebote für all unsere Sinne bereit. Diese Wahrnehmungsfähigkeit neu zu trainieren, sich selbst und seine Umgebung wieder zu spüren – anders, neu, intensiver –, wird beim „Waldbaden“ geübt. Die so erfolgende Stimulation des Körpers wie des Geistes führt zur spürbaren Erholung, zur Entschleunigung, bringt Ruhe und fördert den Stressabbau, sorgt langfristig für guten Schlaf und somit rundum zu einer Stärkung des Immunsystems.
Mittlerweile gibt es immer mehr Anbieter von „Waldbaden“, seien es Ärzte für Naturheilkunde oder explizit Ausgebildete zum Waldbaden, die über Institutionen oder Vereine Teilnehmer zum Gang in den Wald einladen. In Stuttgart hat das „Haus des Waldes“ nun das „Waldbaden“ neu in sein Angebot aufgenommen. Der erste Termin war überraschend schnell ausgebucht. Beim rund zweieinhalbstündigen Aufenthalt im Wald wird niemand überfordert. Im Gegenteil, „Naturreize wirken faszinierend“, so die Freiburger Profes sorin für Psychologie Anja Göritz. Diese Stimulation werde immer als positive erlebt. Und Professor Li leitet an: „Schau dir die Farben der Bäume an, atme tief ein, hör die Blätter rauschen. Wenn du müde bist, darfst du dich ausruhen, wo und wann du willst. Wenn du durstig bist, darfst du etwas trinken, wo und wann du willst. Dreckige Hände machen dich gesund. Waldgänge klären deine Gedanken.“ Und ganz verkürzt – so besagt es ein Sprichwort: „Suchst du des Waldes heilige Ruh´? Mach die Augen auf und das Mundwerk zu!“

 

Text: Gabriela Rothmund

 


 

Eine Einladung zum Waldbaden

Ohne Festlegung von Wegverlauf, Zeit und Ziel gemütlich im Wald spazieren gehen, dabei immer wieder innehalten.
Nach Möglichkeit alle Sinne der Reihe nach anregen. Alle Eindrücke vorbehaltlos und wertfrei auf sich wirken lassen..
Das Waldbaden kann mit Meditationsübungen, mit Yoga, Tai Chi oder Qi Gong, mit sanften Bewegungen aller Art und auch mit Atemübungen verbunden werden.

Für die Augen: Zur Entspannung in die Ferne, ins Grüne schauen, jedoch auch neugierig und off en Ausschau halten nach „Neuem“ und mitunter innehalten in Ruhe etwas betrachten.

Für das Fühlen: Mit den Händen begreifen (Rinde, Blätter, Moos, Wasser, Boden), an Bäume anlehnen, sie umarmen, barfuß gehen oder ein Fußbad nehmen, sich auf den Boden legen oder setzen.

Für das Riechen: Mit der Nase auf Entdeckungstour gehen. Das klappt oftmals leichter, wenn man andere Sinneswahrnehmungen reduziert und beispielsweise die Augen schließt. Je nach Wetter und Jahreszeit breiten die Pfl anzen und der Waldboden ganz unterschiedliche Düfte aus.

Für das Hören: Das Fehlen der vielen Hintergrundgeräusche im Alltag lässt unser Gehör ausruhen und sensibilisieren für die natürliche und entspannend auf uns wirkende „Musik“, die in einem Wald gespielt wird.

Für das Schmecken: Der Wald bietet auch für Menschen Essbares: Kräuter, Beeren, Pilze. Doch Vorsicht: Man sollte nur genießen und probieren, was man eindeutig bestimmen kann.

 


 

Erlebnis mit allen Sinnen

Das von Förstern, Biologen und vielen weiteren Wissenschaftlern betreute und belebte Haus des Waldes im Königsträßle 74 in Stuttgart-Degerloch ist in 30 Jahren zu einer unverzichtbaren und sehr vielseitigen Einrichtung geworden. Die zum Jubiläum entstandene neue Ausstellung „StadtWaldWelt“ ist nur eines von vielen Angeboten, die das Haus des Waldes für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bereithält. Das umfangreiche Programm ist auf der Homepage abrufb ar. Vieles fi ndet natürlich im Freien beziehungsweise im Wald statt. In unmittelbarer Nähe führt der 1,3 Kilometer lange barrierefreie Walderlebnisweg SINNESWANDEL mitten hinein in den Wald und ermöglicht ein tiefes Erleben mit allen Sinnen.

Weitere Infos: www.hausdeswaldes.de

 

 

 


Quellen:
AGDW-Die Waldeigentümer, Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände e.V. (www.waldeigentuemer.de)
PEFC Deutschland, Programm für die Anerkennung von Waldzertifi zierungssystemen (www.pefc.de)
FSC Deutschland, Forest Stewardship Council, Verein für verantwortungsvolle Waldwirtschaft e.V. (www.fsc-deutschland.de)
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (www.sdw.de)

www.nationalpark-schwarzwald.de

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart