Kultur

Wenn die Kunst einen kalt ließe, wäre etwas faul

Mit Richard Wagners „Lohengrin“ hat Stuttgarts neuer Generalmusikdirektor Cornelius Meister an der Staatsoper einen exzellenten Start hingelegt. Der gebürtige Hannoveraner und Wahl- Stuttgarter kam zeitgleich mit dem Intendanten Viktor Schoner ans Haus – gemeinsam wollen sie an bestehende Traditionen anknüpfen, zugleich aber auch viel Neues wagen. top magazin sprach mit dem 39-Jährigen über seine Bilanz nach den ersten Monaten in der neuen Position.


 

top: Herr Meister, Sie haben Ende Januar mit Mozarts „Don Giovanni“ Ihr Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera gegeben. Wie kam es dazu?

Meister: Bereits bevor ich gefragt worden bin, ob ich hier als GMD nach Stuttgart kommen möchte, hatte ich eine Vereinbarung mit der Metropolitan Opera in New York getroffen – und zwar dahingehend, in den nächsten Jahren jeweils über einen Zeitraum von einigen Wochen zusammenzuarbeiten. Mozarts „Don Giovanni“ war der Anfang, in der nächsten Spielzeit wird es Mozarts „Figaro“ sein. Ob Metropolitan Oper, Mailänder Scala oder Wiener Staatsoper, wo ich auch immer wieder zu Gast bin: Als Dirigent bereichern mich solche Engagements ungemein. Aus Stuttgarter Sicht ist es für uns Musiker darüber hinaus ganz wichtig, andernorts Erfahrungen zu sammeln, um dann mit umso größerer Freude wieder hierher zurückzukommen. Denn wir können wirklich stolz sein auf das, was hier an der Staatsoper Stuttgart mit dem Staatsorchester realisiert wird. Auch in New York weiß man sehr wohl, was hier in Stuttgart passiert – ich wurde oft auf die spannenden Produktionen am Haus angesprochen.

top: Die Reaktionen der Musikkritiker auf „Don Giovanni“ waren sehr unterschiedlich – insbesondere auch, was die Tempogestaltung anbelangte. Muss man in New York grundsätzlich anders musizieren als zum Beispiel in Stuttgart?

Meister: Zunächst einmal setzt sich das Publikum in New York ganz anders zusammen als hier bei uns. Wir haben in Stuttgart ein sehr aufgeschlossenes und sehr erfahrenes Publikum. Neben vielen Opernliebhabern aus der Stadt oder der Region, die regelmäßig die Aufführungen besuchen und emotional sehr eng mit dem Opernhaus verbunden sind, reisen auch viele Menschen von außerhalb an, weil sie es schätzen, dass sie hier Musiktheater zu sehen und zu hören bekommen, wie es andernorts häufig nicht der Fall ist. Die Frage nach dem „Anders Musizieren“ hängt aber auch stark mit der Architektur der beiden Opernhäuser zusammen: Man darf nicht vergessen, dass die Metropolitan Opera 4.000 Sitzplätze hat. Das ist akustisch ein ganz anderer Raum als die Stuttgarter Oper mit ihren rund 1.400 Sitzplätzen. So gern ich an der New Yorker „Met“ Mozart dirigiere: Ich freue mich schon sehr auf unsere ab Mai laufenden Aufführungen von Mozarts „Così fan tutte“ – die Intimität dieser Oper wird in unserem Opernhaus bestens zur Geltung kommen.

top: Wie gehen Sie grundsätzlich mit Musikkritiken um?

Meister: Ich bin immer sehr interessiert an einem Austausch über die unterschiedlichsten Ansichten und Meinungen über Kunst. Denn wenn Kunst einen kalt ließe, wäre etwas faul. Wenn Foto: Marco Borggreve sie einen dagegen bewegt und darüber – auch durchaus kontrovers – gesprochen und geschrieben wird, dann bereichert sie eine Gesellschaft in ihrem Diskurs, der weit über die Kunst hinausgeht. Das ist von unschätzbarem Wert.

top: Sie sind jetzt ungefähr ein halbes Jahr als GMD im Amt. Wie fällt Ihre bisherige Bilanz aus?

Meister: Sehr positiv. Ich habe schon im Vorfeld gespürt, dass ich hier mit offenen Armen empfangen werde. Das war schon mal eine ausgezeichnete Basis für meine Arbeit hier in Stuttgart. Mit einem vielfältigen Programm sind wir in die Spielzeit 2018/2019 gestartet. Das ist unter anderem auch der großen Wandlungsfähigkeit des Staatsorchesters zu verdanken. Darüber hinaus spürt man einfach in jeder Ecke die große Tradition dieses Hauses. Diese Tradition wollen Viktor Schoner und ich fortsetzen und mit neuen Impulsen versehen. Unser Anspruch ist es, dass unser Publikum noch lange von den Abenden zehrt, die es bei uns verbracht hat. Die Aufführungen sollen nicht bloß ein Genuss sein, der nach zwei oder drei Stunden endet, sondern lange nachwirken.

top: Dass Sie nach Stuttgart gekommen sind, hat stark mit dem neuen Intendanten Viktor Schoner zu tun. Musste er Sie lange bitten oder war die Herausforderung so verlockend, dass Sie gar nicht Nein sagen konnten?

Meister: Was Viktor Schoner und mich eint, ist unter anderem die Tatsache, dass wir wichtige Dinge nicht leichtfertig entscheiden, sondern uns intensiv damit beschäftigen. Bevor Viktor Schoner mich gefragt hat, war er sich mit dem Staatsorchester schon über das Profil des künftigen Generalmusikdirektors einig. Es ist schon ein sehr schönes Gefühl, an einem Haus anzufangen, das mich mit offenen Armen empfängt. In vielen gemeinsamen Gesprächen haben wir uns darüber ausgetauscht, in welche Richtung wir programmatisch gehen wollen. Uns war klar, dass wir uns nicht auf den Meriten ausruhen wollen, die das Haus zu Recht für sich verbuchen kann. In diesen Gesprächen habe ich deutlich den Hunger und das Fieber nach mehr herausgehört. Die Übereinstimmung in diesem Punkt war so groß, dass für mich klar war: Hier möchte ich gerne arbeiten. Hinzu kommt, dass meine Familie und ich in Stuttgart sehr glücklich sind. Wir sind ganz bewusst Stuttgarter geworden und leben gerne hier.

top: Wie hat man sich Ihre Zusammenarbeit mit Viktor Schoner vorzustellen? Tauschen Sie sich regelmäßig aus?

Meister: Ja, jeden Morgen. Bevor der Arbeitstag so richtig losgeht, haben wir unseren ersten Zweiertermin – meistens persönlich; wenn einer von uns beiden unterwegs sein sollte, auch mal telefonisch. Ohne eine fixe Tagesordnung abhaken zu müssen, sprechen wir über alles Mögliche – unter anderem über die jeweilige Aufführung am Vorabend und wie wir sie persönlich empfunden haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser intensive Austausch sich positiv auf die Stimmung im ganzen Haus auswirkt. Und die Stimmung hier spiegelt das wider.

top: Wie würden Sie sich denn selbst als Dirigent charakterisieren?

Meister: Ich bin schon sehr früh zur Musik gekommen, habe Klavier, Cello sowie Horn gelernt und dann im Alter von 17 Jahren mit dem Dirigieren begonnen. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, ein sehr breites Repertoire zu erarbeiten. Viele große Werke habe ich zum ersten Mal aufgeführt, als ich noch unbekannt war, mir Fehler erlauben durfte und mit einer gesunden Naivität an sie herangehen konnte. Das gibt mir heute einerseits eine gewisse Sicherheit, andererseits bin ich neugierig, das eine oder andere auch mal auszuprobieren und mit einer vielleicht eher ungewöhnlichen Regiehandschrift aufzuführen. Ich denke, diese Offenheit kommt vielen meiner Interpretationen zugute. Dabei liegen mir neben Mozart, Beethoven, Wagner oder Puccini vor allem auch die Werke des 20. und 21. Jahrhunderts besonders am Herzen.

top: Wo holen Sie sich die Inspiration für Ihre Interpretationen? Im Tagesgeschäft mit seinen strikten Probenplänen bleibt für Inspiration sicher wenig Zeit.

Meister: Ich lese gerade die Toscanini-Biografie von Harvey Sachs, die leider noch nicht auf Deutsch erschienen ist. Toscanini ist in den Sommermonaten immer sehr gerne zum Wandern in die Alpen gegangen. Auch für mich ist die Natur eine wichtige Inspirationsquelle – ob Berge, schöne Landschaften oder Wasser. Das gibt mir viel Kraft und führt mir zugleich immer wieder vor Augen, wie klein der Mensch doch ist.

top: Ihr Anspruch ist es, auch verstärkt junge Menschen für die Musik respektivedie Oper zu gewinnen. Was tun Sie hierfür?

Meister: Stuttgart ist in diesem Punkt schon sehr gut aufgestellt. Die Junge Oper gibt es seit 22 Jahren und ist meines Wissens die erste Institution ihrer Art in Deutschland. Mit dem JOiN hat sie seit dieser Spielzeit im Nord am Löwentor sogar ihre eigene Spielstätte bezogen. Auch das Staatsorchester hat sich auf die Fahnen geschrieben, für alle Generationen gleichermaßen da zu sein. Ein Beispiel sind unsere Kinder-Workshops bei ausgewählten Sinfoniekonzerten  sonntags in der Liederhalle. Während die Erwachsenen den ersten Teil des Konzerts genießen, erleben Kinder zwischen 5 und 10 Jahren eine spielerische und musikalische Einführung zum zweiten Teil des Konzerts, bei dem sie dann persönlich und sehr aufmerksam mit dabei sind. Im Gegensatz zu manchen Erwachsenen hustet da kein einziges Kind.

 

Cornelius Meister im Gespräch mit top magazin Redakteur Matthias Gaul

 

 


 

Zur Person

Cornelius Meister, 1980 in Hamburg geboren, studierte Klavier und Dirigieren in Hannover bei Konrad Meister, Martin Brauß und Eiji Ōue sowie am  Mozarteum Salzburg bei Dennis Russell Davies, Jorge Rotter und Karl Kamper. Von 2005 bis 2012 war er Generalmusikdirektor des Theaters und  Philharmonischen Orchesters der Stadt Heidelberg und von 2010 bis 2018 Chefdirigent sowie Künstlerischer Leiter des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien. Cornelius Meister ist seit dieser Saison Generalmusikdirektor der Staatsoper und des Staatsorchesters Stuttgart. Darüber hinaus dirigiert er seit 2012 an der Wiener Staatsoper, seit 2014 am Royal Opera House Covent Garden London, seit 2015 am Teatro alla Scala Mailand und seit 2019 an der Metropolitan Opera in New York. In seinen Konzerten führt Cornelius Meister nicht nur das Kernrepertoire auf (unter anderem sämtliche Beethoven-, Schumann-, Brahms-, Bruckner-, Tschaikowsky-, Mahler- und Sibelius-Symphonien), sondern auch selten gespielte Werke und zahlreiche Uraufführungen.

Als Pianist trat Cornelius Meister in Europa und den USA auf und leitete vom Flügel aus Klavierkonzerte von Grieg, Liszt, Gershwin, Beethoven und Mendelssohn. Bereits 2007 wurde er für das „Beste deutsche Konzertprogramm“ und seither mehrfach für seine Education-Projekte ausgezeichnet. Zu den Preisen, die ihm 2018 verliehen wurden, zählen der OPUS Klassik als „Dirigent des Jahres“, der International Classical Music Award in der Kategorie  „Symphonische Einspielung“ für die Gesamtaufnahme der Symphonien von Bohuslav Martinů sowie der Diapason d’Or und der Preis der Deutschen  Schallplattenkritik für die DVD „Jules Massenet: Werther“ (Oper Zürich).

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart