Kultur

Meine Alben sind die Soundtracks zu den Live-Shows

Als im Jahr 1993 die erste Platte von René Baumann alias DJ Bobo erschien, waren sich viele Menschen sicher, dass es sich um eine musikalische Eintagsfliege handeln würde. Doch weit gefehlt: Seit damals hat der sympathische Schweizer Millionen Platten verkauft.


 

DJ Bobo in Action

top: Herr Baumann, Sie sind seit Jahren bekannt für Ihre atemberaubenden Liveshows. Ihre neue, mit der Sie im Sommer nach Stuttgart kommen, heißt
„KaleidoLuna“. Was genau erwartet die Zuschauer?

Bobo: Auf jeden Fall ein großes Spektakel, wie immer. Wir fliegen mit einem Raumschiff in die Halle und werden auf einer musikalischen Reise verschiedene Welten besuchen. Dazu gibt es natürlich auch wieder eine Menge verschiedene Kostüme und heiße Tanzeinlagen. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten.

top: Bei Ihnen spricht man zuerst von der neuen Show, als von der neuen CD. Eigentlich ist das doch eher ungewöhnlich …

Bobo: In der Tat. Aber ich bin froh, dass es so ist, denn dadurch bin ich unabhängig von den musikalischen Trends, die es da draußen gibt. Wenn man sich so lange, wie ich, in dieser Branche bewegt, kann man diese Trends gar nicht mitgehen. Da kommt jedes Jahr so viel Neues dazu, da würde ich ständig hinterher hetzen. Ich mache ja eigentlich Dance-Music und die ist für sich alleine genommen schon sehr schnelllebig. Wir haben deshalb in all den Jahren die Alben zu den Soundtracks der jeweiligen Tour gemacht. Das hat eben den Vorteil, dass mein Team und ich nicht mehr nur an musikalischen Maßstäben gemessen werden, sondern dass wir uns eher in der Sparte der Live-Shows, wie zum Beispiel Cirque du Soleil, angesiedelt haben.

top: Langsam wird es für Sie aber eng mit den Themen für Ihre Shows, oder nicht? Sie hatten bereits unter anderem Vampire, Piraten, Zirkus, Clowns, Zeitreisen … Was soll da noch kommen?

Bobo: Da kann noch eine Menge kommen, denn das Thema Fantasy ist quasi unerschöpflich. Auf dieser Spielwiese können wir uns noch einige Jahre austoben. Ich würde das mit der Filmbranche vergleichen: Den Leuten in Hollywood fällt ja auch immer etwas Neues ein, aber irgendwann wiederholen sich die Dinge eben. Das ist ganz normal. Und wenn alle Stricke reißen, dann macht man einfach einen zweiten Teil. Was ja nicht automatisch heißt, dass der dann schlechter ist.

top: Was ist zuerst da: die Ideen für die neue Platte, oder werden die Songs zum Konzept der neuen Show geschrieben?

Bobo: Die Idee und das Konzept für die Show sind zuerst da und danach werden die Songs geschrieben. Man könnte also wirklich sagen, dass meine ganzen CDs der letzten Jahre Konzeptalben waren.

top: Aber sind Konzeptalben bei der aktuellen schlechten Situation auf dem Musikmarkt nicht eher kontraproduktiv?

Bobo: Das ist so, ja. Aber ich verkaufe eh kaum noch Platten, weil die Branche sowieso am Boden ist. Warum sollte ich das mit den Konzeptalben also nicht machen? In der Schweiz würden wir sagen: Man soll keine tote Sau durchs Dorf jagen (lacht). Wenn meine Platten und meine Shows eine konzeptionelle Einheit bilden, bringt mir das musikalisch und finanziell gesehen mehr, als wenn beides losgelöst von einander existiert. Denn ich verkaufe heutzutage ungefähr nur noch ein Drittel der Platten, als vor 15 oder 20 Jahren. Dagegen ist das Konzertgeschäft angestiegen. Die Leute gehen heutzutage lieber auf Livekonzerte, als sich CDs zu kaufen. Insofern habe ich genau den richtigen Weg für mich und mein Team gefunden. Zwar gibt es durch Streaming und Downloads noch zusätzliche Einnahmen. Diese sind aber nicht wirklich ein Gewinn, sondern kompensieren eher das, was durch die zurückgegangenen CD-Verkäufe entsteht. Deshalb ist es heutzutage auch so, dass junge Musiker gar nicht mehr das verdienen können, was wir früher verdient haben.

top: Wie lang ist denn dieser Weg von der ersten Idee, bis zur fertigen Show?

Bobo: Ungefähr eineinhalb bis zwei Jahre dauert das schon. Wir proben insgesamt auch nur zwei Wochen am Stück, weil das sonst alles zu teuer wäre.

top: Ein ziemlich kurzer Zeitraum …

Bobo: Ja, aber anders geht es nicht. Wir proben auf der komplett aufgebauten Bühne, wie sie später dann auch auf den Konzerten steht. Wenn die einmal aufgebaut ist, dann zahlt man ja nur, und hat keine Einnahmen dagegen. Da sind ins- DJ Bobo in Action gesamt über 100 Menschen beteiligt, das kostet jeden Tag eine Unmenge an Geld. Die einzelnen Abteilungen wie Tanz und Choreografie proben im Voraus schon für sich. Kurz vor Tourbeginn kommen dann alle zusammen.

top: Ist das große Show-Spektakel auch ein Grund, warum Sie sich über all die Jahre so gut im Musikgeschäft halten konnten? Denn die meisten Acts aus der
Eurodance-Ära verschwanden ja relativ schnell wieder in der Versenkung …

Bobo: Es wäre den anderen Acts gegenüber ungerecht, wenn man das so pauschal behaupten würde. Aber ein kleiner Funken Wahrheit steckt da wohl schon darin. Denn der Eurodance war eine musikalische Welle und jede dieser Wellen geht irgendwann wieder nach unten oder verschwindet sogar ganz. Als wir damals gesehen haben, dass dieses Genre noch ungefähr ein oder zwei Jahre Bestand haben würde, haben wir beschlossen, dass wir raus müssen aus den Diskotheken, rein in die großen Hallen und uns neuerfinden. Es war also eine geplante Weiterentwicklung. Ob so etwas heutzutage auch noch funktionieren würde, kann ich allerdings nicht sagen.

top: Heutzutage ist Eurodance ja fast schon ein Schimpfwort!

Bobo: Das würde ich so nicht unterstreichen. Ich würde es als Kult bezeichnen. Die Vergangenheit wird von den Menschen doch immer glorifiziert und das hat meist den gleichen Effekt: Zuerst ist etwas geil, dann ist es scheiße und dann wieder geil. Denn jeder musikalische Trend ist ein Stück Zeitgeist. Mir ist aber durchaus bewusst, dass all diese Musiker, die aus dem Eurodance kommen, immer in diese Trash-Ecke gestellt werden, weil viele Menschen das nicht als Kunst, sondern eben als Zeitgeistphänomen betrachten.

top: Haben es Musiker heutzutage schwerer, sich zu etablieren?

Bobo: Ja, die jungen Musiker auf jeden Fall. Damals konnte man noch Fehler machen und Dinge ausprobieren. Heute muss man gleich auf Anhieb zu hundert Prozent funktionieren, hat keine Zeit mehr zu lernen oder zu wachsen. Wenn man in der heutigen Zeit nicht gleich mit dem ersten Song einen Hit hat, dann ist man weg vom Fenster.

top: Woran liegt das?

Bobo: Daran sind wir alle schuld. Alles ist schnelllebiger geworden, die Gesellschaft verzeiht Fehler nicht mehr so, wie damals. Ich habe am Anfang meiner  Karriere mit Sicherheit auch ein oder zwei Songs veröffentlicht, die – im Nachhinein gesehen – die falschen waren. Aber damals hat man über so was noch hinweg gesehen. Heute lässt man dich fallen, wenn so was passiert, weil einfach die Loyalität fehlt.

top: Welche Tipps würden Sie jungen Musikern geben?

Bobo: Einfach immer weiter den eigenen Weg zu gehen, auch wenn er steinig ist. Sein Ziel darf man niemals aus den Augen verlieren, trotz aller Widerstände, die einem begegnen. Misserfolge sollte man stets hinnehmen, denn aus ihnen kann man lernen

 

DJ Bobo zusammen mit top magazin Redakteur Boris Mönnich

 

top: Sie haben gerade den Anfang Ihrer Karriere angesprochen: Das war in den 1990er Jahren. Was vermissen Sie aus dieser Zeit?

Bobo: Am meisten vermisse ich die Leichtigkeit von damals. Wie gerade schon gesagt, wurde im Lauf der Jahre alles schneller. Ich konnte damals gewisse Dinge noch spontan entscheiden. Das wäre heute undenkbar, da ist jede noch so kleine Entscheidung ungeheuer wichtig und kann ohne Ende wirtschaftliche Folgen mit sich ziehen. Damals hatte ich noch keine 120 Mitarbeiter, die darauf angewiesen sind, dass ich da vorne sauber und ordentlich meinen Job mache. Wir waren damals fünf oder sechs Verrückte, die einen Traum hatten und das machen wollten, was ihnen Spaß gebracht hat – nämlich Musik!

top: Und heute ist der Spaß weg?

Bobo: Nein, so war das nicht gemeint. Die Liebe zur Musik und zum Musikmachen ist noch genauso vorhanden, wie am Anfang meiner Karriere.

top: Die hat damals mit einem geklauten Song begonnen: „Somebody’s watching me“ von Rockwell wurde bei Ihnen zu „Somebody dance with me“. Hätte es aber auch ohne diese geklaute Starthilfe mit der großen Karriere geklappt?

Bobo: Kann ich mir nicht vorstellen. Ich wäre heute mit Sicherheit immer noch ein kleiner DJ, der glücklich seine Platten in irgendwelchen Diskotheken auflegen würde (lacht). Ich musste damals auch fast sämtliche Einnahmen an dem Song an Rockwell abdrücken. Das Paradoxe an der ganzen Sache ist ja, dass Rockwell mit meiner Cover-Version viel mehr verdient hat, als mit seiner eigenen. Ich habe ihm quasi ein zweites Mal zum Erfolg verholfen.

top: Welchen Teil des Erfolgs machen Glück und Talent, wie viel harte Arbeit aus?

Bobo: 80 Prozent harte Arbeit und 20 Prozent Glück und Talent. Aber das gilt nicht nur für die Musikbranche. Ich denke, beim Sport ist das beispielsweise genauso.

top: Kann man Erfolg eigentlich langfristig planen?

Bobo: Man sollte es zumindest versuchen und nicht nur von einem Moment zum anderen leben. Man braucht eine Vision, um zu wissen, wohin man will. Ich würde sogar sagen, der Hauptplan sollte diese Vision sein.

 

Zur Person:

Geboren wurde DJ Bobo als Peter René Baumann am 5. Januar 1968 in Kölliken, im Schweizer Kanton Aargau. Er wuchs in Luzern auf und absolvierte dort eine Bäcker und Konditorlehre. Bereits zu dieser Zeit stand er als DJ in verschiedenen Clubs an den Plattentellern und wurde nach einem Sieg bei einem DJ-Wettbewerb in der Szene bekannt. 1993 hatte er mit der Single „Somebody dance with me“ den ersten Hit seiner Karriere.
Bist heute hat DJ Bobo zirka 20 Millionen CDs verkauft. Seine Songs erreichten mehrmals die oberen Positionen der Charts und wurden insgesamt mit 150 Gold-, 29 Platin- und zwei Diamantauszeichnungen veredelt. DJ Bobo ist verheiratet und lebt mit seiner Frau Nancy und zwei Kindern am  Vierwaldstättersee in der Schweiz.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart