Kultur

„Theater bedeutet für mich die intensive Auseinandersetzung mit der Stadt“

Burkhard C. Kosminski ist neben Tamas Detrich (Ballett) und Viktor Schoner (Oper) der dritte „Neue“ in der Intendantenriege der Württembergischen Staatstheater Stuttgart. Erklärter Anspruch des Schauspielintendanten ist es, das Publikum mit einem facettenreichen Spielplan zu bewegen, herauszufordern und zu unterhalten. Im Gespräch mit top magazin erläutert der 57-jährige Theatermacher sein Konzept.


Zur Person

Burkhard C. Kosminski wurde 1961 in Schwenningen geboren und studierte Schauspiel und Regie am Lee Strasberg Theatre Institute und am William Esper Studio in New York. Als Regisseur arbeitete er unter anderem an der Berliner Schaubühne, am Schauspiel Frankfurt und am Staatsschauspiel Dresden. Von 2001 bis 2006 war Burkhard C. Kosminski leitender Regisseur und Mitglied der künstlerischen Leitung am Düsseldorfer Schauspielhaus. Im Anschluss wechselte er als Schauspieldirektor ans Nationaltheater Mannheim und war ab 2013 Intendant des Schauspiels. In Mannheim war er zudem künstlerischer Leiter der Internationalen Schillertage und 2014 gemeinsam mit Matthias Lilienthal Festivalintendant von Theater der Welt. Seit der Spielzeit 2018/19 ist Burkhard C. Kosminski Intendant des Schauspiel Stuttgart.

 


 

top: Herr Kosminski, als gebürtiger Schwabe und nicht weit von Stuttgart aufgewachsen, haben Sie das hiesige Schauspielhaus in jungen Jahren unter der Intendanz von Claus Peymann kennen und lieben gelernt. Jetzt sind Sie selbst Intendant des Hauses. Macht Sie das stolz?

Kosminski: Ja, das muss ich offen zugeben. Es ist für mich großartig, an den Ort zurückzukommen, wo letztlich mein Ursprung liegt und meine Sozialisierung gerade auch in Sachen Theater stattgefunden hat. Mit der Übernahme der Intendanz hat sich für mich ein Kreis geschlossen, Stuttgart war für mich angesichts der großen Theatertradition immer ein Traumziel. Dazu kommt, dass auch meine Mutter und mein Bruder ganz in der Nähe wohnen. Es passt also perfekt. Die ersten Wochen hier am Haus waren sehr vielversprechend, auch die Zusammenarbeit mit den Intendantenkollegen ist sehr bereichernd.

top: Am Nationaltheater Mannheim waren Sie sehr erfolgreich und vom Publikum verehrt. Warum der Wechsel nach Stuttgart, obwohl Ihr Vertrag in Mannheim erst 2016 bis 2022 verlängert wurde?

Kosminski: Zunächst einmal finde ich es richtig, sich als Intendant längerfristig an ein Haus zu binden, um auch etwas entwickeln und sich auf eine Stadt einlassen zu können. Zehn bis 15 Jahre erachte ich dabei als guten Zeitraum. In Mannheim hatte ich zwölf sehr schöne Jahre – nicht zuletzt wegen der konstant steigenden Zuschauerzahlen und des treuen Publikums. Die Anfrage aus Stuttgart war zunächst lose, aber gereizt hat es mich sofort. Deswegen habe ich auch nicht lange überlegen müssen. Die Aussicht auf Stuttgart hat mich in meiner verbleibenden Zeit in Mannheim sehr beflügelt.

top: Was werden Sie in Stuttgart anders machen als Ihr Vorgänger Armin Petras?

Orestie

Kosminski: Ich bin ehrlich gesagt kein Freund solcher Vergleiche, jede Künstlerpersönlichkeit hat ihren ganz eigenen Blick auf das jeweilige Tun. Im Zentrum steht für mich ein Schauspielertheater mit einem starken und unverwechselbaren Ensemble. Die Regie in Stuttgart wird in den nächsten Jahren sehr international ausgeprägt sein, die Regisseurinnen und Regisseure kommen aus über zehn Ländern. Theater bedeutet für mich außerdem immer auch die intensive Auseinandersetzung mit der Stadt und die Widerspiegelung der Gegenwart. Wem gehört die Stadt? Welche Weichen müssen wir für die Zukunft stellen? Das sind zwei von vielen brennenden Fragen. Und die wollen wir mit Autoren beantworten, die Stücke mit relevanten Themen für Stuttgart entwickeln. Zugleich werden wir einen verstärkt europäischen Blick auf die Stadt werfen. Stuttgart ist für mich in vielerlei Hinsicht eine internationale Stadt, zugleich aber auch die am meisten unterschätzte Großstadt.

 

„Stuttgart hat ein sehr gebildetes Publikum, das schon viel gesehen hat und die Bereitschaft mitbringt, sich auf Neues einzulassen.“

 

top: Wie Ihr Intendantenkollege Viktor Schoner stellen Sie Ihre erste Spielzeit in Stuttgart unter die Leitlinie vieler Fragen. Haben Sie sich im Vorfeld abgestimmt oder ist das reiner Zufall?

Kosminski: Das ist wirklich reiner Zufall. Offensichtlich haben wir beide denselben Anspruch: Es ist uns wichtig, mit dem Publikum eine gute Kommunikation und den konstruktiven Dialog zu pflegen. Grundlage eines solchen Austauschs sind entsprechende Fragestellungen. Leitmotiv ist für mich dabei die sehr spielerische Formulierung „Warum denn nicht war um“ quasi als Frage ohne Frage und Frage hinter der Frage. Denn schon die Art und Weise, wie man diese Frage stellt, verändert das Denken und die Vorgänge im Kopf. Der eingangs erwähnte Dialog mit dem Publikum erfolgt übrigens auf vielfältige Weise. Ich habe zum Beispiel schon im Vorfeld der neuen Spielzeit Hausbesuche gemacht, bei denen ich interessierten Besucherinnen und Besuchern unseres Hauses exklusiv einen Einblick in das neue Programm gegeben habe. Außerdem kann sich das Publikum auf unserer Webseite für eine Premierenkritik bewerben. Da rüber hinaus werden wir unter anderem nach der Devise „Auf ein Glas mit …“ viele neue Formate für einen konstruktiven Austausch entwickeln.

top: Eine weitere Herzensangelegenheit von Ihnen ist das Literatur- und Autorentheater. Das Regietheater spielt keine Rolle mehr?

Kosminski: Das kann man so nicht sagen, es muss auf jeden Fall auch weiterhin beide Formen geben. Aber wenn man einen Klassiker auf die Bühne bringt, muss man sich stets gut überlegen, wie am besten die Übertragung in die Jetztzeit erfolgt, damit er auch heute noch relevant ist. Die Regisseure der Klassiker unserer aktuellen Spielzeit gehen mit den unterschiedlichsten Sichtweisen an die Stücke heran. So nähert sich beispielsweise Oliver Frljić, der als gebürtiger Bosnier in den Jugoslawienkriegen groß geworden ist, dem Stück „Romeo und Julia“ von Shakespeare unter dem Stichwort „Versöhnung“. Wir werden keinem Stück künstlich eine gewollte Botschaft überstülpen. Eine wichtige Aufgabe eines modernen Theaterbetriebs wie dem Schauspiel Stuttgart sehe ich vor allem auch darin, Autoren zu fördern. Ich finde es ungemein spannend, internationale Autoren mit neuen Stücken zu beauftragen, deren Themen uns im Hier und Heute betreffen. Stuttgart hat meines Erachtens ein sehr gebildetes Publikum, das schon viel gesehen hat und die Bereitschaft mitbringt, sich auf Neues einzulassen. Mein Traum ist es, dass Texte, die wir hier für Stuttgart entwickeln, auch andernorts in der Republik auf die Bühne kommen.

top: Gemeinsam mit dem Nowy Teatre in Warschau und dem Zagreb Youth Theatre sowie dem Nationaltheater Athen als assoziiertem Partner hat das Schauspiel Stuttgart ein gemeinsames europäisches Ensemble gegründet. Was hat es damit auf sich?

Vögel

Kosminski: Das Europa Ensemble ist ein einzigartiges Projekt, das es einer heterogenen Gruppe von europäischen Künstlerinnen und Künstlern ermöglicht, zwei Jahre lang in wechselnden Ländern gemeinsam Erfahrungen zu sammeln, sich auszutauschen, durch die unterschiedlichen Produktions- und Sichtweisen gegenseitig zu inspirieren und an einer gemeinsamen Theatersprache zu arbeiten. Mit seiner von Diversität und Vielsprachigkeit geprägten Theaterästhetik stellt das Europa Ensemble für die tradierten Strukturen der Stadt- und Staatstheater eine Herausforderung dar und birgt gleichzeitig enormes Innovationspotential für zukünftige Arbeitsmodelle in sich. Thematischer Schwerpunkt der Produktionen wird die Frage sein, wie Europa neu gedacht werden kann und welche gesellschaftspolitischen Utopien das europäische Projekt stärken könnten: Lässt sich zum Beispiel der Demokratiemüdigkeit zahlreicher westlicher Gesellschaften künstlerisch begegnen? Oder wie lässt sich das in die Krise geratene europäische Projekt wieder beflügeln? Die künstlerische Leitung des Europa Ensembles liegt in den Händen des bereits erwähnten Regisseurs und Autors Oliver Frljić, der für seinen kritischen Blick auf gesellschaftliche Zustände und eine provokante Bildsprache bekannt ist.

 

„Auch in Krisensituationen sollte man den Trainer nicht gleich wechseln, sondern versuchen, Durststrecken gemeinsam zu meistern.“

 

top: Ihr Vertrag läuft fünf Jahre. Welche Ziele wollen Sie bis dahin in Stuttgart erreicht haben?

Kosminski: Ich möchte dem Schauspiel Stuttgart ein unverwechselbares Profil verleihen. Das Publikum soll sehr genau wissen, was es hier zu sehen bekommt. Theater ist für mich der Ort des Austauschs. Ich sehe das Staatstheater auch durch seine Lage neben dem Landtag als prädestiniertes Forum für gesellschaftlichen und politischen Diskurs.

top: Konnten Sie die Stadt neben dem Theaterbetrieb schon näher kennenlernen?

Kosminski: Ob ich beim VfB im Stadion sitze, ins Leuze zum Baden gehe, auf der Karlshöhe ein Bier trinke oder meine Kinder auf den Spielplatz begleite: Ich bin querbeet in der Stadt unterwegs und finde es einzigartig, wie toll sich Stuttgart seit meiner Jugendzeit verändert und weiter entwickelt hat. Das gilt insbesondere auch für das riesige Kulturangebot.

top: VfB-Fan sind Sie demnach auch?

Kosminski: Ich bin eigentlich Bayern-Fan, dessen ungeachtet schlägt mein Herz schon seit meiner Kindheit auch für den VfB. Mit meinem Patenonkel war ich oft im Stadion.

top: Und wie schafft die Mannschaft wieder den Sprung weg vom Tabellenende?

Kosminski: Indem ich sie trainiere. Aber Spaß beiseite. Wie in der Kunst ist es meiner Ansicht nach auch im Profifußball wichtig, sich auf eine bestimmte Spielweise festzulegen und hierfür dann den Trainer zu suchen, der am besten passt. Und: Auch in Krisensituationen sollte man den Trainer nicht gleich wechseln, sondern versuchen, Durststrecken gemeinsam zu meistern. Ich sehe darin eine wichtige Basis für Erfolg.

 


 

„Probegrube“ von Tobias Rehberger

Wem gehört die Stadt? Wem gehört das Rosensteinquartier, das durch Stuttgart 21 frei werdende Areal nördlich des Hauptbahnhofs? Mitte der 90er-Jahre gab es die erste Ausschreibung über die Entwicklung des Rosensteinareals. Viele weitere folgten, viele Entwürfe liegen vor, eine neue Wettbewerbsrunde ist eingeleitet. Kurzum: Das Thema Stadtentwicklung ist bestimmend für Stuttgart, allzu häufi g muss in den letzten Jahren jedoch die Vision der Pragmatik weichen. Der Künstler Tobias Rehberger und sein Studio entwickeln nun für das Schauspiel Stuttgart ein Projekt über das utopische Potenzial der mit Stuttgart 21 zusammenhängenden Stadtentwicklung. In der Form eines Amphitheaters wird Rehberger unter dem Titel „Probegrube“ ein Modell des Rosensteinquartiers vor das Schauspielhaus in den Oberen Schlossgarten bauen und als Denkraum der Stadtgesellschaft zur Verfügung stellen. Die Installation wird im Frühjahr 2019 für ein paar Wochen begehbar sein. Tobias Rehberger ist einer der renommiertesten deutschen Künstler, 2009 gewann er den Goldenen Löwen der 33. Kunstbiennale in Venedig. Die „Probegrube“ ist – wie alle Werke des gebürtigen Esslingers – eine Arbeit an der Schnittstelle von Bildender Kunst, Architektur und Theater.

Artikel von www.top-magazin.de/stuttgart